Die Walliser Geschichte des 17. Jahrhunderts ist von der überragenden Figur des Briger Handelsmannes und Politikers Kaspar Jodok von Stockalper geprägt. 1609 kam er als Sohn des Zendenrichters Peter Stockalper im Simplonstädtchen zur Welt. In seiner Jugend besuchte er die Jesuitenschule von Brig und Venthöne und absolvierte daraufhin ein Grundstudium in Logik an der Universität Freiburg im Breisgau.
Nach Brig zurückgekehrt erlangte er als Notar und Stammhalter des Hauses Stockalper rasch lokale Bedeutung, die ihn, ausgestattet mit beträchtlichen finanziellen Mitteln, früh in die öffentlichen Ämter brachte. Von den Dreissigerjahren an durchlief er sämtliche Chargen der Burgerschaft, des Zendens und des Landes, in dessen Auftrag er auch zahlreiche diplomatische Missionen ausführte. Auf dem Höhepunkt seiner Macht wurde er 1670 zum Landeshauptmann gewählt, der höchsten weltlichen Würde des Wallis.
Aufs engste mit Stockalpers politischer Laufbahn verbunden war seine fulminante Laufbahn als Handelsmann, Multiunternehmer, Financier und Monopolinhaber mit ausgezeichneten Beziehungen zu den europäischen Adelshäusern und Wirtschaftsmächten. Im Anschluss an den Dreissigjährigen Krieg baute er den Simplonpass zu einer internationalen Verkehrsachse aus, leitete den Personen- und Warentransit zwischen Lyon und Mailand und bewirtschaftete von 1647 an auch das einträgliche Salzmonopol. Damit nicht genug: Bis zu seinem Tod brachte Stockalper ungezählte Immobilien im In- und Ausland und alle Walliser Bergwerke in seine Hand. Auch im Solddienst war Stockalper tätig, den er jedoch ausschliesslich als Geschäft betrieb.
Die Schattenseite dieser Bilderbuchkarriere zeichnete sich dementsprechend düster ab: Spätestens in den Siebzigerjahren war der «grosse Stockalper» den Wallisern zu mächtig geworden. Der Landrat verschwor sich gegen ihn, enthob in 1679 aller Ämter und konfiszierte einen Teil seines Besitzes. Stockalper musste nach Domodossola flüchten und dort sechs Jahre im Exil verharren, ohne jedoch seine Geschäftstätigkeiten ganz aufzugeben. Seine letzten Jahre verbrachte er in Brig, wo er 1691 starb.
Von der Stockalperära zeugen heute noch zahlreiche, über das gesamte Wallis verstreute Bauten. In Brig-Glis selbst entstanden unter der Führung des leidenschaftlichen Baumäzens die Sebastianskapelle (1636-1637), das Schiff und der Portikus der Pfarrkirche von Glis (1642-1659) und die Jesuitenkirche mit dem daran anschliessenden Kollegium (1663-1673 und 1675-1685). Von den 50er Jahren bis zu seinem politischen Sturz liess sich Stockalper an der alten Simplonstrasse den grössten barocken Profanbau der Schweiz errichten. Baumeister des imposanten Palastes waren die Gebrüder Balthasar und Christian Bodmer aus dem piemontesischen Südwalser-Dorf Prismell, die unter Stockalper auch die übrigen bedeutenden Bauten im Zenden Brig realisiert haben.
![]()
In der monumentalen Anlage, die durch eine malerische Arkadenbrücke mit dem väterlichen Stammhaus verbunden ist, vereinigen sich der blockhafte Hauptbau, der elegante Renaissance-Arkadenhof und die drei mittelalterlich anmutenden Türme mit ihren barocken Zwiebelhauben spannungsgeladen in einer klaren, kraftvollen Baustruktur. Verbindendes Zentrum des Komplexes ist der alles überragende Treppenturm.
Der Palast ist nicht nur das Hauptwerk der umfangreichen Bautätigkeit Stockalpers, sondern war auch dominierendes Machtzentrum seines Imperiums und Mittelpunkt eines ausgedehnten Stützpunktsystems, das dem Handelsmann zur territorialen Kontrolle des gesamten Wallis und Teilen des Ossolagebietes diente. Überdies beherrschte ein komplexes Symbolsystem mit der Fixzahl 3 den riesigen stockalperschen Besitz. Der Briger Palast, den der Bauherr «domus et capella trium regum» (Haus und Kapelle der drei Könige) nannte, ist mit seinen drei Türmen das Hauptsymbol dieses barocken Gedankenkosmos.
Seit 1948 befinden sich der Palast und sein ausgedehnter Park im Besitz der Stadtgemeinde Brig-Glis und stehen unter eidgenössischem Denkmalschutz. Von 1955 bis 1961 wurde der Bau umfassend restauriert. Heute beherbergt er einen Grossteil der städtischen Administration, das Bezirksgericht, zwei universitäre Forschungsinstitute, das Stockalpermuseum, eine Kunstgalerie und das Kellertheater.