Bern - Das Berner Münster



Von allen bernischen Kirchen des Mittelalters ist unzweifelhaft das Berner Münster die machtvollste. Weit ragt es mit seiner filigranartigen Spitze über das malerische Dächergewirr der Altstadt hinaus. Zu seinen Füssen zieht die Aare in zahlreichen Windungen durch eine prächtige abwechslungsreiche Landschaft, im Süden durch die Berner Alpen begrenzt.

Dort, wo jetzt das Berner Münster steht, befand sich ursprünglich eine Kapelle, die wahrscheinlich bei der Gründung der Stadt erbaut wurde, denn sie wird schon um 1224 erwähnt. Diese Kapelle wurde später durch die etwas grössere Leutkirche ersetzt. Indessen war auch diese bald zu klein, so dass am 11. März 1421 mit dem Bau des heutigen Münsters begonnen wurde. Das schwierige Werk wurde Matthäus Ensinger anvertraut, aus dessen Familie die Erbauer der Münster von Strasbourg, Ulm und Esslingen stammen. Ensinger errichtete die Strobepfeiler und die Fundamente des Turmes um die Leutkirche herum, ohne dass die Gottesdienste eingestellt werden mussten. Erst nachher wurde die Leutkirche Zug um Zug abgebrochen.

Erhard Küng und Daniel Heinz führten den Bau weiter. Küng befasste sich mit dem Bau des Turms und des Mittelportals; Heinz erstellte die Fielen und Galerien. Auf alten Bildern ragt der Turm als wuchtiger, abgeflachter Koloss über das Dach des Schiffes hinaus. Erst 1893 wurde er durch einen Baumeister aus dem Kulturkreis des Ulmer Münsters, Prof. Beyer, vollendet. Dieser führte den Turm unter meisterhafter Anwendung der Bauregeln und des Baustiles der Spätgotik bis zur Höhe von hundert Metern. Die mit der Zeit notwendigen Erneuerungen der Strebebogen, Pfeiler, Galerien und Fialen, deren vielfältige und einmalige Formen wir heute bewundern, wurden jeweils nach den mittelalterlichen Zeichnungen und Modellen durch die eigens hierfür geschaffene Münsterbauhütte ausgeführt.

Der Bildersturm der Reformation hat auch am Berner Münster seine Spuren hinterlassen.


Zum Glück blieb das meisterhafte Bildwerk des Erhart Küng am mittleren Portal unangetastet, nicht zuletzt deshalb - so erzählen die Chroniker - weil bei dieser Darstellung des Jüngsten Gerichtes auch Höchste und Allerhöchste den Martern der Hölle ausgeliefert werden. Das Jüngste Gericht, das mit der Darstellung der klugen und der törichten Jungfrauen, mit den Aposteln und dem Himmelszelt ein einheitliches Ganzes bildet, unterscheidet sich von den italienischen Auffassungen durch die Intensität der Martern und Peinigungen, denen die Sünder ausgesetzt wurden. Es ist eines der schönsten Bildwerke der Spätgotik. Zwischen 1964 und 1991 wurde das Werk einer Gesamtrestauration unterzogen.

Aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammt das mächtige, das Schiff überspannende Netzgewölbe, das 87 künstlerisch wertvolle Schlusssteine aufweist, die zum Teil die Wappen der ehemals regierenden Berner Familien tragen. Kein geringerer als Niklaus Manuel führte die Malereien im Chorgewölbe aus. Ihm ist auch der Entwurf des Totentanzes zu verdanken. Vor allem aber fesseln die Glasmalereien der teilweise 12 Meter hohen Chorfenster. Mit Ausnahme der beiden zur Rechten des Mittelfensters gelegenen, erst 1868 ausgeführten Fenster mit Szenen aus dem Neuen Testament, fällt ihre Entstehung in die Jahre 1441-1450. Nach aller Tradition stiftete der Rat das Mittefenster das sogenannte Passionsfenster - das einen ungewöhnlichen warmen Ton und weichen Figurenstil aufweist.

Links davon befindet sich das Bibelfenster, eine Stiftung von drei Stubengesellen der Zunft zu Mittellöwen. Das Motiv dieses Fensters ist eine sogenannte Armenbibel, das heisst eine Bilderfolge mit Darstellungen und Prophezeiung aus der Heiligen Schrift. Weiter links befindet sich das Dreikönigsfenster, ein Geschenk der Familie von Ringoltingen. Es ist kunstgeschichtlich besonders interessant, weil es als Hintergrund eine Landschaft zeigt. Das war damals weder in der Schweiz noch in Deutschland üblich.

Das Hostienmühle-Fenster beschliesst den Reigen der Chorscheiben: Vom Strome des Alten Testaments getrieben, zermahlt die Mühle Evangelistenzeichen zur Hostie, die Kirchenväter unter das Volk verteilen.

Das 1523 reich geschnitzte Chorgestühl ist mit echt mittelalterlichen Figuren-Typen aus dem täglichen Leben geschmückt. Es dokumentiert eindrücklich die Verbundenheit der alten Berner mit dem bodenständigen Handwerk. Sogar ein butterstampfendes Milchmädchen wurde der Verewigung für würdig befunden. Der Taufstein stammt aus dem Jahre 1524 und wurde von Meister Albrecht von Nürnberg gemeisselt.

Von den neun Münsterglocken ertönten deren drei - die Burger-, die Silber- und die Feuerglocke - schon bei der Grundsteinlegung des Münsters vom Turm der alten Leutkirche herab. Sie begrüssten am 10000-Rittertag des Jahres 1339 die heimkehrenden Sieger aus der Schlacht von Laupen und haben auch seither jedes historisch bedeutsam Ereignis in Bern mit ihrem Ton begleitet. Die grösste Glocke des Berner Münsters, zugleich die grösste Glocke der Schweiz, wurde 1611 gegossen und wiegt 10500 kg. Um den Hals der Glocke zieht sich ein 4,30 Meter langer, gar köstlicher Bären- und Puttentanz.

Die 1726 gebaute Orgel besitzt 78 Register und besteht aus 5404 Pfeifen. Die kleinste misst 10 cm, die grösste jedoch 10 m. Letztere ist aus Holz, weist einen viereckigen Querschnitt auf und wiegt 750 kg.

Eine besondere Kuriosität ist der grosse, in die Mauer eingelassene eiserne Opferstock. Er besitzt nämlich drei Schlösser. Haben die alten Berner etwa gedacht, ein Raub werde nicht so leicht gemacht, wenn drei verschiedene Personen die Schlüssel verwahren ?

254 steinerne Stufen führen spiralförmig zur ersten Turmgalerie in etwa 50 m Höhe und weitere 90 Stufen zur zweiten, dem Publikum ebenfalls zugänglichen Galerie. Eine prachtvolle Aussicht über die Stadt bis weit in bernische Lande belohnt die Mühe des Aufstieges.