
Seit von einem Land namens Schweiz die Rede sein kann, hat seine Bevölkerungsdichte zugenommen, und es hat sich verändert: Im Laufe der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung hat der Mensch der Landschaft und damit seinem eigenen Lebensraum seinen Stempel aufgedrückt.
Die frühesten Spuren menschlichen Wirkens, die man auf schweizerischem Boden entdeckt hat, stammen aus dem Paläolithikum. Steinwerkzeuge, die in der Höhle von Cotencher im Kanton Neuenburg gefunden wurden, sind allem Anschein nach dem Neandertaler zuzuordnen, diesem ausgestorbenen Seitenzweig des Homo sapiens, der nicht zu unseren direkten Vorfahren gehört.
Verweilen wir auch noch etwas bei den Ackerbauern des Neolithikums (bis 3000 v. Chr.), die einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung der Menschheit verkörpern - hat man ihn doch als neolithische Revolution bezeichnet. Indem der Mensch Land rodete, bepflanzte und dauerhaft besiedelte, schuf er erstmals das, was man mit einem modernen Ausdruck als «Kulturlandschaft» bezeichnet.
Auf schweizerischem Boden wurden an verschiedenen Stellen Zeugnisse dieser Epoche gefunden; anhand von Pfählen konnte man den Grundriß von Hütten und ganzen Siedlungen rekonstruieren. Während der Bronzezeit und in der frühen Eisenzeit gewannen Verkehrsverbindungen an Bedeutung; Saumpfade wurden im Gebirge angelegt, und der Handel entwickelte sich in der La-Tène-Zeit kamen die ersten Münzen in Umlauf (etwa 800 v. Chr.).
Im 1. Jahrhundert v. Chr. verläßt der keltische Stamm der Helvetier Süddeutschland und wandert ins schweizerische Mittelland ein. Von dort wandern die Helvetier in westlicher Richtung weiter, bis sie in Ostfrankreich mit den Römern zusammenstoßen. 58 v. Chr. werden sie von den römischen Truppen unter Julius Cäsar gezwungen, ins Mittelland zurückzukehren.
Seither ist das helvetische Siedlungsgebiet dem Römerreich einverleibt. Und es ist auch die kulturell äußerst fruchtbare Römerzeit, in der das Land seine erste wesentliche Umformung erfährt. Ein Straßennetz überzieht das Land, und Städte entstehen - darunter das prächtige Aventicum (Avenches), die neue Hauptstadt der Helvetier, und Augusta Raurica (Augst).
Blühender landwirtschaftlicher Großgrundbesitz, wie er für das Römerreich typisch ist, drückt dem Land seinen Stempel auf.
Die Wurzeln der Viersprachigkeit
Doch erst als die Romanisierungsphase abgeschlossen ist, erhält die Schweiz mit dem Eindringen germanischer Völkerstämme jene ethnische und sprachliche Gestalt, die sie auch heute noch aufweist.
Im Westen des Landes lassen sich die Burgunder nieder, die schon christianisiert sind; sie passen sich rasch der romanisierten Bevölkerung an und übernehmen sogar das von dieser gesprochene Vulgärlatein. Hier vollzieht sich dasselbe wie in der Südschweiz mit den germanischen Langobarden, deren Landnahme ebenfalls keine Unterbrechung der kulturellen Entwicklung bedeutet
Hingegen sind die in den Raum zwischen Rhein und Aare in größerer Zahl eingewanderten Alemannen noch Heiden. So weit sie bei ihrer Landnahme auch vordringen - ihre Ausbreitung wird durch die Rätoromanen aufgehalten, die sich in großen Teilen der Ostschweiz, Südtirols und Friauls niedergelassen haben, bis sie im Laufe des Mittelalters - soweit es die Schweiz betrifft - auf die Hochtäler Graubündens zurückgedrängt sind, wo sie ein autonomes Leben führen.
Ihrem bewundernswerten Überlebenswillen ist es zu verdanken, daß die rätoromanische Sprache nicht in den benachbarten, «großen» Sprachen aufging, sondern erhalten blieb.
Damit ist die heutige Viersprachigkeit der Schweiz angelegt: Im romanischen bzw. burgundischen Westen vollzieht sich der Übergang vom Vulgärlatein (der direkten Vorform der romanischen Sprachen) zum Frankoprovenzalischen; um das Jahr 900 setzt sich in der heutigen deutschen Schweiz das Alemannische durch, im Süden die lombardischen (italienischen) Dialekte, in Graubünden schließlich das Rätoromanische.
Im Mittelalter erreicht die Landnahme ihren Höhepunkt
Im Mittelalter tragen Adel und Geistlichkeit ganz wesentlich dazu bei, die Kulturlandschaft zu bereichern und umzuformen. Mächtige Burgen, Schlösser und Klöster entstehen, und neue Stadtgründungen folgen einander zwischen dem 9. und dem 14. Jahrhundert.
Die Fresken in der Kapelle des Klosters St. Johann in Müstair (Graubünden) gehören zu den seltenen Zeugnissen der karolingischen Epoche.
Die cluniazensischen Abteien Romainmotier und Payerne (10. Jahrhundert), das Großmünster in Zürich sowie die Münster von Basel und Schaffhausen sind die bedeutendsten romanischen Bauwerke der Schweiz. Die kleine Kirche St. Martin in Zillis (Graubünden) enthält eine ganz besondere Kostbarkeit: die älteste erhaltene, vollständig bemalte Holzdecke von zirka 1160 mit 153 Einzelfeldern, die Szenen aus dem 1. Leben Christi und des hl. Martin schildern.
Später wird dann in der ganzen Schweiz der gotische Stil kirchliche und profane Bauwerke prägen. Hervorragende Beispiele sind die Kathedralen von Lausanne und Genf sowie die Münster von Bern und Basel (letzteres mit seiner gotischen Bausubstanz); andererseits ist die Altstadt von Freiburg ein exzellentes Beispiel eines vollständig erhaltenen gotischen Stadtbildes.
Aber auch sonst wurde die Umwelt in dieser Epoche verändert - der Adel trug entschieden dazu bei, daß die Bevölkerung sich in bisher unbesiedelte Gegenden ausbreitete, so in das obere Emmental, das Tösstal, das Appenzell, einen Teil des Juras und der Alpen. Große Waldflächen wurden im Zuge dieser Landnahme gerodet und das auf solche Weise gewonnene Land urbar gemacht.
Etwa zur gleichen Zeit vollzieht sich die Wanderung der Walser, die das Oberwallis ab 1200 verlassen, um Kolonien auf der Alpensüdseite, im Urserental, am Südfuß des Monte Rosa, in Graubünden und im Vorarlberg zu gründen. Sie nehmen die bis dahin unbesiedelt gebliebenen Hochtäler in Besitz. Somit hat der Siedlungsraum schon im Mittelalter jene Ausdehnung erfahren, den er heute noch einnimmt.
Im 12. Jahrhundert wird der Gotthardpaß gangbar gemacht - die Zentralschweiz tritt aus ihrer verkehrstechnischen Isolierung heraus. Bis dahin waren die Bündner Pässe und der Große St. Bernhard die einzigen Schweizer Alpenübergänge.
Verstädterung und Zersiedlung
Zweifellos war es die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, welche die tiefgreifendste Veränderung der Landschaft herbeiführte. Sie war für die endgültige Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt verantwortlich, aber auch von seinem kulturellen Erbe.
Die Städte sprengten ihre alten Grenzen und griffen auf das umliegende Land über. Neue Energiequellen und Verkehrsmittel kamen auf und vermischten die Unterschiede zwischen Stadt und Land; der Verstädterungsgrad der Schweiz erlangte ungeahnte Ausmaße. Und oft waren es gerade die wertvollen Kulturgüter - und in erster Linie die Bauwerke und historischen Siedlungen -, die unter dieser Entwicklung zu leiden hatten.