Als man in den meisten Alpenorten noch keine Ahnung hatte, welch ungeheure Lust der Mensch empfinden kann, der mit zwei Brettern an den Füßen einen schneebedeckten Berg hinunterrutscht, da wurde in St. Anton bereits richtig Ski gefahren. 1922 begann in Anton der professionelle Ski-Tourismus, im Winter 1932 zählte man im »Hotel Post« 12000 Übernachtungen - so viele wie heute.
St. Anton am Arlberg entwickelte sich dank seiner verkehrsgünstigen Lage früher als andere zum weißen Eldorado: Das Dorf lag an einer vielbefahrenen Handelsstraße von Ost nach West, für den steilen Arlberg-Paß mußten sich die Fuhrleute in St. Anton zusätzliche Vorspannrösser mieten. Bereits 1885 gab es eine Bahnlinie: Von Wien oder Paris konnte man per Zug bis vor die Hoteltüre rollen. Daran hat sich nichts geändert. Heute hält in St. Anton der Schnellzug Paris-Zürich-Wien. Und weitere zehn Euro- und 17 Intercity-Verbindungen.
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Vom Bahnhof hat man direkten Anschluß zu den Skipisten. Zum Rendl hinauf, über den sonnigen Galzig hoch zur Valluga, nach St. Christoph und nach Stuben. St. Anton mit mehr als 50 Bergbahnen und Liften zwischen 1300 und 2800 Höhenmetern, 110 Kilometern präparierter Pisten und ebenso vielen ungespurten Pulverschnee- und Firnhängen gehört zum exklusiven Verband der besten Alpen-Ski-Orte » Best of the Alps«. St. Antons größter Pluspunkt ist seine Atmosphäre.
Während Lech, Zürs und Stuben schon zum Land Vorarlberg zählen, gehören St. Christoph und St. Anton - mit dem ruhigeren, sehr gemütlichen Ortsteil St. Jakob zum österreichischen Bundesland Tirol. Der Tiroler mag mehr das » Laisser-faire«, Lockerheit und Lebenslust. Vielleicht findet man deshalb in Anton auch so viele junge Leute und Familien, die hier die vielen maßgeschneiderten Arrangements und die Qualität der beiden ansässigen Skischulen schätzen.
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Typisch für St. Anton ist das fröhliche Treiben am späteren Nachmittag in der immer noch dörflich wirkenden Fußgängerzone: Gegen vier Uhr marschieren viele Skifahrer direkt von der Piste in Skischuhen zu einem der Pubs, stellen die Bretter davor ab und genießen Happy-Hour-Stimmung. Oder Kuchen und frische Krapfen im Café.
St. Anton hat viele Facetten. Eine besonders schöne ist zum Beispiel das Verwalistüberl oben auf dem Galzig, das sich jeden Freitag im Winter als romantisch-kulinarischer Ausflugs-Tip anbietet. Spezialitäten sind hier die leckeren Fischspeisen, insbesondere die Bouiliabaisse. Über die urteilte ein EG-Kommissar immerhin so: "Besser als in Marseille."
Während in Lech mehr die Großfamilien für die Touristen sorgen, tun es in St. Anton kleinere Clans. Aber auch in St. Antonist das Prinzip des Familienbetriebs ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg - ob beim 5-Sterne-Prachtbau oder der kleinen 10-Betten-Pension. Und wie in den anderen Orten des Arlbergs gilt auch hier das Prinzip des Pflegens und Bewahrens mehr als Größenwachstum ohne Ende. Die eiserne Regel in St. Anton lautet: keine neuen Lifte mehr, keine neuen Gästebetten, komplettes Bauverbot an den Skihängen, nur noch Qualitätsverbesserungen.
Nach außen hin wirkt St. Anton sehr quirlig. Schon am Morgen, wenn es die Skifahrer zu den Liften mit ihren großen Kapazitäten drängt, verwandelt sich die Fußgängerzone in einen bunten Boulevard. Die wahre Stärke des Ortes aber, sein großer Charakter liegt darin, daß man bei allem bunten Treiben nach wie vor die klaren Strukturen eines Bergdorfes spürt. Man ist weltoffen, engagiert für die Zukunft, bietet Service in allen touristischen Disziplinen. Aber man ist in St. Anton auch fleißig, bedächtig, im bewahrenden Sinne konservativ.
Ein typischer St. Antoner ist Karl Tschol, 69 Jahre alt, von 1972 bis 1978 Bürgermeister und viele Jahre Seniorchef des Hotels Schwarzer Adler. Er hat sehr viel getan für seinen Ort und sein Hotel, das er an Sohn Franz abgegeben hat. Karl Tschol könnte sich ausruhen. Statt dessen steht er jeden Morgen um Viertel vor fünf auf, schaltet in der Hotelküche die Maschinen an und arbeitet anschließend im Stall. Tschol: "ich kann nicht anders." Wundert es da, daß viele Gäste auch nicht anders können und - oft schon in dritter Generation - immer wieder in ihr St. Anton zurückkehren ?