#Titel Politik / Gesellschaft / Auf der Straße #Logo gadget25:Pinsel/AG.Politik #Font topaz 8 #C31 Uwe Zemke #Y-10 #C10 für Amiga-Gadget #Font Losse 16 #C31 Auf der Straße ============== #Font topaz 8 #C21 Jeder von uns hat wohl schon einmal einen sogenannten "Penner" gesehen. Und so manch einer hat für solch einen Menschen kein Verständnis. Sie werden als arbeitsscheues Gesindel und als versoffenes Pack hingestellt, die ja nun überhaupt nicht mehr arbeiten wollen und dem Staat nur auf der Tasche liegen. Auch wurde in Stammtischparolen gefordert, diese Menschen als Probanten in der Pharmaindustrie zu verpflichten, damit sie auf irgendeine Weise Geld verdienen würden. Abgesehen davon, etliche Obdachlose versuchen schon seit Jahren, sich als Probanten etwas Geld zu verdienen, und gehen dabei auch kaputt. Doch wie leicht man selber in eine solche Lage kommen kann, will keiner so recht wahr- haben. Auch ich war nie der Meinung, daß mir so etwas einmal passieren kann, doch vor ca.13 Jahren mußte ich auch erfahren, wie schnell man ins Abseits geraten kann. Denn damals, ich hatte gerade meine Ausbildung beendet, wurde ich arbeitslos. Ein fester Job war nicht in Sicht, also versuchte ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Doch irgendwann reichte das Geld einfach nicht mehr aus, um alles zu finanzieren. Denn Wohnung, Auto und das Leben sind doch recht teuer. Als erstes konnte ich dann ja auch die Miete nicht mehr regelmäßig zahlen und stand mit meinen Sachen auf der Straße. Nun mag der eine oder andere ja sagen, daß ich auch noch ALU vom Arbeitsamt hatte. Doch mit den 400 Mark war echt nicht viel anzufangen. Auch hätte ich mein Auto verkaufen können. Doch erstens war es eine recht klapperige Kiste und ohne Auto hätte ich ja nicht zu meinen Gelegenheitsjobs hinfahren können. Nun denn, da stand ich nun mit meinem Talent. Und trotzdem war ich zu stolz, wieder zu meinen Eltern zu ziehen. Meine Möbel konnte ich bei einem Bekannten unter- bringen und ich "wohnte" dann eben in meinem Auto. Dann bin ich in die nächst- gelegene Großstadt, Hamburg, gefahren, um dort zu jobben. Es waren immer kleine dreckige Jobs im Hafen (Kisten schleppen, Schiffsreinigung usw.). Dabei lernte ich dann auch einige der sogenannten Penner kennen. Da bei solchen Drecksarbeiten auch das eine oder andere Bier getrunken wurde, war es nicht immer ratsam, im Auto zu übernachten, und in ein Hotel war auch zu teuer. Also wurde sich ein anderer Platz zu schlafen gesucht. Mal war es eine alte Lagerhalle, mal ein Rohbau oder einfach nur ein Hauseingang oder -keller. Jedenfalls habe ich dort viel über die Nichtseßhaften oder auch Berber erfahren. Die meisten von ihnen kommen aus durchaus bürgerlichen Existenzen und sind durch eine dumme Verkettung von Umständen aus ihrem Leben herausgerissen worden. Oder aber ein Schlag des Schicksals hat die Menschen psychisch "auf den Hund kommen lassen". So war es bei einem, der "Jurist" genannt wurde, passiert. Durch einen Unfall mit einem Reisebus hatte er seine Familie verloren und dadurch einen "Knacks" bekommen. Und zwar so schlimm, daß er seinen Beruf als Anwalt nicht mehr ausüben konnte, da er des öfteren in einen Dämmerzustand fiel und wirres Zeug redete. Oder der "Ingenieur": dieser Mann hatte auch seine Arbeit verloren und versucht, wieder einen neuen Job zu bekommen. Da er in seiner letzten Firma allerdings mit dem Chef Ärger hatte (dieser Chef hatte ihm die Frau ausgespannt), bekam er keinen neuen Job. Und da er durch einen Hausbau verschuldet war, wurde sein Besitz versteigert und die ALU gepfändet. Oder der "Baumeister": er war einmal ein Besitzer eines Baugeschäftes, hat aber den ganzen Streß seelisch nicht verkraftet und versucht, seine Sorgen zu ertränken. Dies hat er solange getan bis er völlig vom Alkohol abhängig war und sein Geschäft in die Pleite führte. Eigentlich könnte ich noch stundenlang weitertippen, aber ich glaube, daß eine ganze Ausgabe nicht ausreichen würde, sämtliche Schicksale zu schildern. Ich persönlich habe es nach knapp 7 Monaten geschafft, mich wieder aus dieser Lage zu "retten" und einen Job zu finden. Dadurch konnte ich dann auch wieder ein ganz "normales" Leben führen. Sonst würde ich wohl auch kaum diesen Artikel schreiben. Warum ich dies alles schreibe? Bei der heutigen Gefahr, seinen Job zu ver- lieren und nichts neues zu bekommen, und den immer größeren Einschnitten in die Sozialleistungen sollte sich jeder von uns einmal vor Augen halten, wie leicht er vielleicht selber in eine solche Lage geraten kann und dann auf der Straße sitzt. Jedenfalls haben einige Leute schon den Anfang gemacht und versuchen z.B. mit der "Berliner Tafel" den Nichtseßhaften wenigstens etwas zu essen zu bieten. Ich sehe diese Menschen von der Straße seitdem auf jeden Fall mit anderen Augen. Und auch als ich vor kurzem mal wieder in Hamburg war, sprach mich ein Mensch an und fragte, ob ich etwas Geld für ihn hätte. Allerdings habe ich ihm kein Geld gegeben, sondern bin mit dem Mann in den nächsten Aldi gegangen und habe ihm dort etwas zu essen und auch etwas zu trinken gekauft. Dabei handelte es sich um ein Brot, Aufschnitt, Käse, einige Dosenbier und eine Flasche Rotwein. Das ganze kostete ca. 10 bis 15 DM. Jedenfalls war der Mann sichtlich erfreut und ich finde, daß dieses Geld nicht aus dem Fenster geworfen war. Vielleicht sollten wir auch einmal auf das Elend vor unserer eigenen Tür etwas mehr achten und nicht nur für andere Länder etwas geben. Denn für alles Mögliche gibt es irgendwelche Spendenaktionen, bloß daß es in Deutschland auch genug Elend gibt, wollen wir nicht wahrhaben. Ich bin der Meinung, daß humanitäre Hilfe schon vor unserer Tür anfängt und nicht erst im Ausland. Womit ich nicht sagen will, daß diese Aktionen überflüssig wären; aber wir dürfen auch diese Menschen nicht vergessen. In diesem Sinne hoffe ich doch den einen oder anderen Denkanstoß geben zu können.