#Titel Aktuell / Leichenfledderei - Neues vom Amiga #Logo gadget25:Pinsel/AG.Aktuell #Font Losse 16 #C31 Leichenfledderei #Font topaz 8 #C10 - die Geschehnisse in der Amiga-Gruft seit "AmigaGadget" 24 #C21 Die gute Nachricht zuerst: wenn alles klappt, dürfte Amiga im Juli neue Verkaufsrekorde erzielen. Nein - nicht verkaufte Rechner. Die Firma wird mal wieder verscherbelt. Doch der Reihe nach. Nachdem die amerikanische Firma VIScorp den geplanten Kauf von Amiga Technologies bekannt gegeben hatte (siehe "Gadget"#24), gab es naturgemäß viel Aufregung und Spekulation im darin ohnehin gut geübten Amiga-Lager. Doch zunächst einmal geschah etwas ganz anderes - der Towerbauer Eagle (allerdings eine Firma, deren Technologie leider nicht immer die besten Kritiken einheimste) erwarb eine Lizenz von Amiga Technologies, die ihn berechtigte, A4000-Motherboards in eigene Towergehäuse zu bauen und das Gerät zusammen mit von Amiga Technologies geliefertem Standardzubehör (Workbench, Handbücher,...) unter dem Produktnamen Eagle 4000TE auf den Markt zu bringen. Mit anderen Worten: nach dem DraCo ist nun bereits der zweite Amiga-Clone erhältlich. Doch damit nicht genug - wie in Ausgabe 4.08 des "AmigaReport"s berichtet wird, hat eine US-Firma namens "Newstar/Rightiming Electronics Corporation" den Bau eines Amiga-kompatiblen Rechners für den asiatischen Markt, insbesondere China, Taiwan und HongKong, angekündigt. Der Rechner soll den Namen Amiga 5A00 tragen, über ein integriertes CD-ROM-Laufwerk verfügen, mit Kickstart 3.1 ausgerüstet sein und - tragisch aber wahr - auf einem 68000er basieren. Das wäre dann Nummero drei. Als nächstes wurde klar, daß Escom mit Amiga Technologies selbst nichts weltbewegendes mehr vorhaben dürfte - große Teile der Belegschaft wurden auf die Straße gesetzt, darunter auch der ehemalige zweite Geschäftsführer von Amiga Technologies, Stefan Domeyer, und der langjährige Amiga-Propagandist Peter Kittel. Die Gründe wurden nicht öffentlich gemacht; daß es nicht unbedingt eine Trennung in Freundschaft war, zeigt folgendes Zitat aus einem Newsgroup-Beitrag von Peter Kittel: #C10 ``> "Auch in Deutschland gibt es ein paar Änderungen: Der > Co-Geschäftsführer von Amiga Technologies, Stefan > Domeyer, hat bereits seine Kündigung eingereicht und > auch Dr. Peter Kittel wird seinen Arbeitsvertrag bei > Amiga Technologies auflösen." > >Vorallem der letzte Teil ist mal was neues. >Warum keine Lust mehr Peter? Das ist eine dieser euphemistischen Umschreibungen a la "in gegenseitigem Einvernehmen"... Also ich kann mich nicht erinnern gekuendigt zu haben. '' #C21 Doch wer gedacht hatte, daß die beiden damit endgültig in der Versenkung verschwinden würden, sollte sich geirrt haben. Schon am 15.Mai wurde die Entstehung einer neuen Firma im Amiga-Sektor bekannt gemacht - die Pios Computer AG war "in Gründung". Als ihr Vorsitzender fungiert der just entvorsitzendete Stefan Domeyer und an seiner Seite als Chef des operativen Geschäfts der ebenfalls von Amiga Technologies freigesetzte Geerd-Ulrich Ebeling. Peter Kittel wurde zwar in der Firmenliste nicht namentlich genannt, er wird seinen Job, der dieselben Bereiche wie schon bei Commodore umfaßt: Dokumentation und Internet-Kommunikation, bei Pios erst am 1.Juli aufnehmen und wurde deshalb nur "anonym" als "Mr.X" aufgeführt. Auch für den britischen Markt (d.h. für den Markt im Bereich praktisch des gesamten Commonwealths) hatte man einen alten Bekannten gefunden: John Smith war 7 Jahre lang Verkaufsmanager der englischen Commodore-Tochter gewesen. Richtig interessant wird die Besetzungsliste der Pios AG jedoch erst mit den beiden Projektmanagern für die Bereiche Software und Hardware. Verantwortlich für die weiche Ware bei Pios und gleichzeitig Präsident einer US-Tochterfirma namens Pios US Inc. ist nämlich kein geringerer als Andy Finkel, ehemals maßgeblich an der Entwicklung des AmigaOS bei Commodore beteiligt. Und der Mann fürs Harte ist David Haynie, der viel bewunderte Amiga-Hardware- Entwickler, der zur Zeit bei der norwegischen Multimedia-Firma Scala arbeitet und bei Pios eine ähnliche, primär beratende, Funktion einnehmen wird, wie er sie auch bei Amiga Technologies inne hatte. Pios hat sich nach eigenen Angaben selbst zum Ziel gesetzt, das AmigaOS auf PowerPC-Basis zu portieren und somit den "Killer-Amiga" zu bauen. Inwieweit die Firma aber wirklich ernst macht, ernst machen kann, oder ob es sich letztlich nur um eine weitere Amiga-Anbetungsaktion handelt, wird sich noch erweisen müssen. Mangelndes Selbstbewußtsein scheint die Pios-Leute jedoch nicht zu plagen, denn die Ankündigungen und Zielsetzungen waren alles andere als bescheiden. Sei es, daß Dave Haynie sich selbst den "Hardware-Guru" des Unternehmens nennt, sei es die anläßlich der ersten Pios-Aufsichtsratssitzung getroffene Verlautbarung, man wolle bis zum Jahre 2000 in den Ländern, in denen die Firma aktiv ist, einen Marktanteil von 10% (was mehr ist, als zum Beispiel ein großes Unternehmen wie Apple derzeit zu bieten hat) inne haben - etwas mehr Zurückhaltung hätte angesichts der an verbalen Höheflügen und realen Bruchlandungen überreichen Geschichte des Amigas gut getan. Nein, David Pleasance gehört nicht zur Pios AG. Indessen zeigte VIScorp, daß sie durchaus an einer aktiven Beteiligung der Amiga-User interessiert sind. Nachdem schon verschiedenste Mitwirkungsaufrufe an die Amiga-Gemeinde ergangen waren, kündigten die SetTop-Boxen-Konstrukteure dann recht kurzfristig, was wohl angesichts des knappen Zeitplans nicht anders zu realisieren war, ein Treffen im französischen Toulouse ("Toulouse or not to lose" wie das "AmigaMagazin" kalauerte) an. Die Aktion ging auf eine Initiative von Eric Laffont, Mitarbeiter der europäischen VIScorp-Sektion, zurück und stieß bei knapp 250 Menschen, die sich dann am 19.Mai in Toulouse einfanden, auf gesteigertes Interesse. Unter anderem wurde bei diesem Treffen VIScorps SetTop-Box namens "ED" präsentiert, wobei jedoch die französische Fernsehnorm SECAM die Vorstellung in einem schlechten, weil nur schwarz-weißem, Licht erscheinen ließ. Nach getrennten Veranstaltungen für Händler und Vertriebsfirmen einerseits sowie Entwickler andererseits und einer Schlußbesprechung war der Zauber - wie so oft nach Schlußbesprechungen... - vorbei. Für die Amiga-User hatte sich zumindest gezeigt, daß man es mit VIScorp wieder mit Leuten zu tun hat, die man schon von früher kennt: Curtis Gangi, Don Gilbreath, David Rosen, Carl Sassenrath - sie alle waren früher Mitarbeiter von Commodore, zum Teil sogar in wichtigen Positionen (Don Gilbreath bei der Entwicklung des CDTV, Carl Sassenrath bei Exec). Die "neuen" Gesichter sind neben dem VIScorp-Chef William ("Bill") Buck der schon erwähnte und auch früher im Amiga-Sektor aktive Eric Laffont sowie die Finanzmanagerin Raquel Velasco. Bedenklich stimmten einige Aussagen, die anläßlich des Treffens zu hören waren. So deutete Buck an, daß man möglicherweise nun doch nicht - wie von AmigaTechnologies entschieden - den PowerPC sondern den DEC Alpha als Basis für einen RISC-Amiga verwenden wolle. Dies wurde jedoch später von Carl Sassenrath deutlich relativiert - es bleibt also wohl auch "offiziell" beim PowerPC. Ansonsten wolle man die eigentliche Entwicklung neuer Amiga-Modelle und Betriebssystem-Versionen nicht selbst übernehmen, sondern sie von einer externen Firma durchführen lassen. Mit Escom bestehe eine Vertriebsvereinbarung, so daß VIScorp-Produkte auch über die Heppenheimer verbreitet werden könnten - ob davon jedoch auch etwaige Amigas erfaßt sein sollen, wurde nicht geklärt. Nachdem nach Toulouse mal wieder überhaupt nichts klar war und lediglich Petro Tyschtschenko unverdrossen optimistisch in die Zukunft seiner Firma blickte (Gegenüber dem "AmigaMagazin" äußerte er: "Der nächste Amiga wird aus Deutschland kommen." Und in der Fernsehsendung "Neues - die Computershow" durfte er seine Visionen darlegen, die sich jedoch in einem festen Glauben an die Amiga-Gemeinde und eine Marktchance im Bereich der Grafik-/Videoanwendung erschöpften.), trat nun ein weiterer Amiga-Player mit eigenen Plänen an die Öffentlichkeit: phase 5. Die Firma aus Oberusel hat in der Vergangenheit bereits einige hervorragende Amiga-Produkte (wenn auch im Vergleich zu ersten Ankündigungen zumeist mit ordentlicher Verspätung) auf den Markt gebracht: die "Blizzard"-Turboboards, die "Cyberstorm"-Turbokarten, sowie die "Cybervision"-Grafikkarte, um nur einige zu nennen. Nachdem phase 5 als erste in der Schar der Amiga-Entwickler auf den PowerPC setzten und bereits bei der letztjährigen Kölner Messe nicht nur einen Prototypen einer entsprechenden Amiga-Turbokarte zeigten sondern auch fertige Boards für diesen Herbst ankündigten, setzten die Hardware-Produzenten nun noch einen drauf: noch in der ersten Hälfte des nächsten Jahres soll ein eigener, AmigaOS-kompatibler Rechner erscheinen, der auf einem PowerPC (entweder einem mit 120 MHz getakteten 603e oder einem 604e mit 150 MHz) basiert und unter anderem folgende Features bieten soll: #C10 - MPEG-Hardware-Unterstützung - Bildschirmauflösung von 1600 x 1200 mit 16,8 Millionen Farben bei 72 Hz - Audio in Stereo-16-Bit (Ein- und Ausgänge) - Fast-SCSI-II-Controller - ISDN- und Netzwerkanschluß - 16 MByte RAM und 1-GByte-SCSI-Festplatte - Quad-Speed-CD-ROM-Laufwerk #C21 Als Betriebssystem soll eine Eigenproduktion eingesetzt werden, die jedoch die Kompatibilität zum AmigaOS wahren soll. Das ganze soll zu einem Preis von unter 3000 DM angeboten werden, was heute eine durchaus konkurrenzfähige Summe wäre. Viele "soll"s und viele "wäre"s - wie so oft. Phase 5 bezweckte nach Angaben ihres Geschäftsführers Wolf Dietrich damit einen "radikalen Technologiesprung, der von einer Vision eines Computers für das nächste Jahrtausend getragen sein muß." Man wolle bewußt nicht dem Konzept David Haynies folgen und einen Amiga aus Standard-Industrie- Komponenten entwickeln. Dies führe nach Ansicht Dietrichs dazu, daß der Amiga nur ein Rechner unter vielen wäre und bald vom Markt verschwinden würde. Man setze deshalb auf ausgetüftelte Custom-Chips und eigenständige Innovationen. Da jedoch noch Patentierungsfragen zu klären seien, könnten genauere Auskünfte erst Ende Juni erfolgen. Näheres dazu dann wie immer an dieser Stelle in der nächsten "Gadget"-Ausgabe... Das Betriebssystem sei die konsequente Weiterentwicklung der Ergebnisse des "PowerUP"-Projektes, also der Entwicklung einer 68k-Emulation und eines nativen Betriebssystems für die PowerPC-Boards. Ein wichtiges Element sei die Unterstützung des CyberGraphX-Standards (zu diesem System vgl. die ausführliche Reportage von Richard Diezmann in AG#24). Doch neben diesen Ankündigungen, die sicherlich interessant klingen, denen richtig Glauben zu schenken man sich jedoch angesichts der bisherigen Erfahrungen kaum mehr traut, begann mit der Verlautbarung von phase 5 auch eine ganz andere Ära, die man so in der durch Krisenzeiten eigentlich eher eng zusammengeschweißten Amiga-Gemeinde noch nicht erlebt hat - die Phase der gegenseitigen Unterstellungen und der mehr als deutlichen Worte hatte begonnen. So übte Dietrich geharnischte Kritik an Amiga Technologies ("aufeinanderfolgende Kette von Fehlentscheidungen", "realitätsferne Preise", "vollkommen unzeitgemäße Marketingkonzepte, das Fehlen einer jeglichen Zukunftsvision") und ließ auch erhebliche Zweifel an der Leistungsfähigkeit von VIScorp durchblicken. #C10 "Abschließend kann man zu den Aktivitäten von AT nur sagen: Die hätten lieber jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt." -- Wolf Dietrich #C21 Die zweite Runde wurde eröffnet mit einem Interview, das David Haynie der Gainesville Amiga Networking Group gab. Neben der Erklärung, daß er sich eine Zusammenarbeit mit VIScorp wünsche, unterstellte er phase 5 Animositäten gegenüber Amiga Technologies und behauptete, daß die Oberurseler bisher nur über eine sehr eingeschränkt einsatzfähige AmigaOS-Emulation verfügten. Das phase 5-Betriebssystem sei eine Art "Hack", das Konzept der nicht dem Industrie-Standard folgenden Rechnersysteme zum Scheitern verurteilt. Außerdem äußerte Haynie seine Besorgnis, daß es bei der Vielzahl der Eigenentwicklungen kein einheitliches Amiga-Betriebssystem mehr geben werde. #C10 "Either phase 5 is adpoting some other, unnamed OS, stealing the AmigaOS, offering up an ugly hack, or they're not shipping any new OS in 1997." -- David Haynie #C21 Nach Haynie werde die Zukunft des Amigas in einer Kooperation zwischen VIScorp und Pios liegen. Über eine Zusammenarbeit mit phase 5 würde man sich freuen, keine Rolle im Amiga-Spiel werde aber jedenfalls Amiga Technologies mehr spielen. #C10 "Amiga Technologies, far as I can tell, is no longer a factor -- there are no technical folks left there. It's either a sales arm of VIScorp, a sales arm of ESCOM, or cancelled." -- David Haynie #C21 Als Erwiderung erschien ein offener Brief Dietrichs, in dem er die Anschuldigung Haynies zurückwies. Man würde weder das AmigaOS stehlen - da könne Haynie an ganz anderen Leuten Kritik üben - noch einen "Hack" zusammenschustern. Man wolle gerne mit VIScorp zusammenarbeiten, um die Entstehung inkompatibler Betriebssysteme zu verhindern. Es gehe jedoch nicht an, daß mit Pios eine gänzlich neu gegründete Firma einem etablierten Hardware-Hersteller vorschreiben wolle, was er zu tun habe. Ganz egal, was man von dieser Debatte - angesichts der wenigen bekannten Fakten - hält, man darf jedenfalls gespannt sein, was da noch nachkommt... Kommen dürfte demnächst hoffentlich der - oben bereits angedeutete - Verkauf von Amiga Technologies an VIScorp. Und zwar zustande. Denn wie Jason Compton, inzwischen selbst als Berater bei VIScorp beschäftigt, im "AmigaReport" 4.08 berichtet, läuft nach nun bereits zweimonatigen Verhandlungen das "Gentlemen agreement" zwischen Tyschtschenko und Buck gegen Ende Juli aus, so daß der Deal zu diesem Zeitpunkt unter Dach und Fahc sein sollte. Oder der Sargdeckel geht vorerst wieder zu. Ach ja - es wurde nicht nur die Leiche Amiga gefleddert, es gab vielmehr auch mal wieder etwas positives zu vermelden. Phase 5 hat endlich die Blizzard-Karten-SCSI-Kits ausgeliefert. Grund für die lange Verzögerung waren die Anforderungen des EMV-Gesetzes, die man ganz offensichtlich in der Vergangenheit völlig übersehen hatte und zu deren Überwindung man nun bis Ende April brauchte. Aber immerhin hat _diese_ Reanimation - wenn auch spät - Erfolg gehabt. #Pinsel gadget25:pinsel/AN rechts