#Titel Jokes & Stories / Die Klausur #Logo gadget24:Pinsel/AG.J&S #Font Losse 16 #C31 Die Klausur #Font topaz 8 #C21 Phillip D. betrat mit gemischten Gefühlen den Fahrstuhl. Heute war nun endlich der Tag - der Tag der ABC-Klausur. Er wählte das Kellergeschoß. Die Türen wollten sich gerade schließen, als mehrere Bauarbeiter um die Ecke preschten, und die Türen öffneten sich sofort wieder. Merkwürdig, dachte Phillip, wenn ich mal zwischen die Türen gerate, zerquetschen die mich eher, als sich sofort zu öffnen. Die Bauarbeiter begannen damit, mehrere Bretter in den Fahrstuhl zu verfrachten. Dabei sahen sie Phillip vorwurfsvoll an, und er fühlte sich nun noch unwohler als vorher. Der Fahrstuhl war nun bis zum Bersten gefüllt mit einer undefinierbaren Menge von Brettern, schweren Werkzeugen, Schweißgeräten, Preßlufthammern, Fahrrädern, Flugzeugträgern und Bauarbeitern. Phillip versuchte, sich noch dünner zu machen, indem er sich noch weiter auf seine Zehenspitzen stellte und an die hintere Wand drückte. Endlich schlossen sich die Türen. Für einen schier endlosen Augenblick verharrte das Universum zwischen Sein und Nichtsein, bis der Fahrstuhl sich endlich ächzend in Bewegung setzte - nach oben. Phillip fluchte still vor sich hin. Wenn er mal nach oben wollte, fuhr der dämliche Kasten immer erst nach unten! Und jetzt? Nach einer schier endlos dauernden Fahrt, mit etlichen Zwischenstops in allen Etagen, landete der Fahrstuhl im D-Geschoss. Phillip stockte der Atem, als er Professor V. und Professor W. erkannte, die Profs, die jetzt gemeinsam die Klausur schreiben lassen würden. Prof. V. und Prof. W., von den Studenten liebevoll auch Dick und Doof genannt, betraten schwatzend den Fahrstuhl, worauf dieser scheinbar um etliche Zentimeter absackte. "Ich sage, heute fallen 40 Prozent durch!" bemerkte Prof. W. lautstark. Sie hatten Phillip, der hinter einem Betonmischer in Deckung gegangen war, nicht bemerkt. "Nur?" entgegnete Prof. V. und beide lachten, bis ihnen die Tränen über ihre Gesichter liefen. "Ich persönlich steuere ja die 70-Prozent-Marke an!" sagte Prof. V., der sich vom Lachen kaum zu erholen schien. "Aber bei dieser besonders dämlichen Semestergruppe würde ich mal auf 90 Prozent tippen!" "Was setzt Du darauf?" fragte Prof. W. interessiert. "Ein Pfund, wie letztes Mal?" "Hmmm", sagte Prof. V. und kratzte sich geräuschvoll sein stoppeliges Kinn, "okay, ist abgemacht. Eigentlich glaube ich ja schon an die 100 Prozent Durchfaller, aber man muß ja realistisch bleiben!" Wieder lachten die beiden so lautstark, daß Phillip Angst bekam, der Fahrstuhl könnte dadurch zur Resonanz angeregt werden und sie würden alle sehr viel schneller im Keller landen. Irgendwie war Phillip doch noch im Klausurenhörsaal, dem Genickschußkeller, angekommen. Seine Kommilitonen begrüßten ihn alle unglücklich und zerknittert. Einige beachteten ihn gar nicht, sie waren noch dabei, wild in ihrem ABC-Ordner zu blättern. Andere suchten mit ihren Augen verzweifelt die Gegend ab, in der Hoffnung, es wuerde ein Wunder geschehen, und man würde die Klausur um einen Tag, nur um einen, verschieben. Für Wunder war aber nicht mehr die Zeit. Die war vorbei, als Prof. V. und Prof. W. mit düsterem Blick den Hörsaal betraten. Phillip wunderte sich darüber, hatte er die beiden doch gerade eben sehr aufgeheitert gesehen. Vielleicht, dachte Phillip zynisch, werden sie bei unserem Anblick immer frustriert. Nach der Meinung etlicher Profs war seine Semestergruppe ohnehin dem Untergang geweiht. Plötzlich entdeckte er ein Lächeln auf dem Gesicht von Prof. W. Phillips Augen sahen sofort in die Richtung, in die Prof. W. sah - und natürlich - die Projektler, die Lieblinge von Prof. W. In Gedanken justierte er die Zielvorrichtung seines Granatwerfers auf das kleine Häufchen von Projektlern. Als er gerade genußvoll den Finger krümmen wollte, legte ihm Prof. V. auch schon die Klausur vor die Nase. Verdammt! fluchte er, jetzt teilt er schon wieder von hinten aus. Dann schwafelt er noch eine Ewigkeit, in der man sich ohnehin nicht konzentrieren kann und sammelt dann sofort wieder ein - beginnend von hinten natürlich. Phillip starrte die Aufgaben an und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Er warf einen verzweifelten Blick zu Karl, einem etwas genialerem Kommilitonen. Dieser fuhr sich mit der flachen Hand an der Kehle entlang und sagte dabei: "Krrrrrrrr!" Na toll, dachte Phillip noch frustrierter, dann also nach den Ferien wieder... Lustlos blätterte er um. Er schüttelte traurig den Kopf. Bin ich denn doof? fragte er sich. Irgendetwas muß doch in meinem Schädel sein. Was mache ich jetzt nur 90 Minuten? Sein Blick fiel auf Horst. Horst war schon bei der Lösung der Aufgaben. Er schrieb und schrieb und schrieb. Wenn ich nur seine Gedanken lesen könnte! dachte Phillip und hatte eine Erleuchtung. Wenn schon nichts Sinnvolles in meinem Schädel ist, vielleicht hab' ich ja dann telepathische Fähigkeiten. Telepathie, Telekom... paßt doch! dachte er und begann sein Experiment. Er leerte seinen Geist. Hmm, dachte er sarkastisch, wo nix ist, braucht man auch nix leeren. Nun konzentrierte er sich auf Horst. Horst! Horst! Hörst Du mich, Horst? Wie löst man Aufgabe 1, Horst? Horst hörte auf, die Aufgaben zu lösen. Er blickte sich verzweifelt um. Es klappt! freute sich Phillip. Horst! "rief" er ihn wieder. Aber Horst sah nicht zu ihm. Stattdessen zog Horst einen kleinen Zettel aus seiner Federtasche und schrieb und schrieb und schrieb. Mist! fluchte Phillip frustriert. Dann sah er auf sein Lösungsblatt. Dort stand fein säuberlich das heutige Datum... Nein! Wir habe doch schon '95!!! Phillip sah zu seinem Nebenmann. "Ey!" rief er. "Ey, schmeiß mal das Tipp Ex rüber!" Der Angesprochene blickte widerwillig auf, nahm die Flasche und warf sie, als wolle er den olympischen Rekord im Tipp-Ex-Flaschenwerfen brechen, in seine Richtung. Phillip stockte der Atem, als er die Flasche mit annähernder Lichtgeschwindigkeit auf sich zu schießen sah. Geistesgegenwärtig reagierten seine Reflexe und er fing die Flasche auf. Wie gut, daß ich den nicht um einen Zirkel gebeten hab', dachte Phillip mit rasendem Herzen, die Vision von einem von einer Tipp Ex Flasche zertrümmertem Schaedel im Kopf. Er stellte sich schon die Schlagzeilen vor: Student von Tipp Ex Flasche erschlagen! Er studierte nun wieder die Aufgaben, als irgendetwas in seinem Hirn "klack" machte. Ups! sagte Phillip, die Aufgaben sind ja gar nicht so schlimm! Sofort machte er sich daran, sie zu lösen. Nach der ersten Aufgabe verdunkelte etwas die Beleuchtung. Langsam blickte Phillip auf und sah entsetzt die ausgestreckte Hand von Prof. V. Neeeeeeeeiiin!!! schrie Phillip in Gedanken. Jetzt, wo ich die Aufgaben lösen könnte!!! Neeeeiiiin!!! Verzweifelt übergab er die Blätter an Prof. V. und machte sich mit zittrigen Beinen auf den Weg zum Fahrstuhl. Dort warteten schon etliche Studenten. "Wie war's?" fragte ihn Otto. "Also ich fand's total easy, echt billig, die Aufgaben! Und Du?" "Hmmm", knurrte Phillip. Ich will nach Hause, dachte er frustriert. "Die Zeit war zu knapp!" antwortete er. Und ich zu doof, setzte er in Gedanken hinzu. Nun ja, Noten sind ja eh nur Schall und Rauch und machen keine wirklichen Aussagen über die Intelligenz eines Menschen, sagte er sich. Hoffentlich, setzte er zweifelnd dazu. *** Phillip wartete auf den Anfang der Vorlesung von Prof. W. Gelangweilt spielte er mit seinem Füller. "Wann kommt der denn endlich?" fragte ein Kommilitone. Die Stimmung im Hörsaal war gespannt, alle erwarteten mehr oder weniger sehnsüchtig ihre Klausur zurück. "Hoffentlich bin ich durchgefallen!" bemerkte ein Student. "Eine Vier auf'm Diplomzeugnis überleb' ich nicht!" "Mir reicht eine Vier dicke!" bemerkte ein anderer. "Hauptsache durch. Und dann ab in den Urlaub!" Merkwürdige Mischung, sinnierte Phillip. Teilweise sind die Leute gestreßt bis zum Umfallen, teilweise aber schon in Urlaubsstimmung. Und er? Er hörte ein leichtes "Knack". Frustriert stellte er fest, daß sein Füller in der Mitte durchgebrochen war. "Sch..." dachte er, aber er konnte nicht mehr zu Ende denken, da ein lauter Knall die Tür zum Hörsaal aus den Angeln sprengte. Eine professionelle Sprengladung hatte die Tür quer durch den Raum fliegen lassen, um einer schwarzen Gestalt den Weg frei zu machen. Die Gestalt machte eine elegante Flugrolle durch den Türrahmen und kam schwungvoll vor der Tafel zum stehen. Sie war völlig schwarz gekleidet, sogar an eine Ski-Maske hatte sie gedacht. Ihr Erscheinen wirkte auf die armen Studenten schockierend, noch schockierender aber war die gewaltige kombinierte Maschinengewehr-Flammen- Granatwerfer-Einheit, mit Geschossen, die sich garantiert an keine Genfer Konvention hielten. Professor Z., dachten alle Studenten sofort entsetzt. Dann, wie auf Kommando, entfernte die Gestalt die Ski-Maske. Professor Z. zeigte sein satanischstes Grinsen. (Er hatte es stundenlang vor dem Spiegel einstudiert.) "Ihr seid alle durchgefallen!" sagte er mit Grabesstimme und eröffnete das Feuer... "Nein!" brüllte Phillip und fuhr schweißgebadet hoch. Im Hörsaal drehten sich alle nach ihm um und bedachten ihn mit einem mitleidsvollen Blick. Langsam drang die Wirklichkeit wieder in Phillips Hirn zurück. Er war in der Vorlesung von Prof. W. eingeschlafen, was noch nie jemandem schwer gefallen war, und wartete immer noch auf das Ergebnis der Klausur. Was hatte Prof. W. dazu nochmal gesagt? "Am Ende der Vorlesung gebe ich die Klausuren zurück, keine Sekunde vorher!" Den ersten Satz, den Prof. W. in seinen Vorlesungen von sich gab, konnte ein durchschnittlicher Student meist ohne größeren Hirnschaden überstehen, aber bei diesem hatte etwas bei den meisten ausgehakt. "Gnnnnn..." war die häufigste verbale Reaktion gewesen, von einigen war nur ein verzweifeltes Stöhnen zu hören. Andere röchelten nur. Selbstverständlich machte Prof. W. keine Pause, so daß die armen Studenten wahrhaftig 90 laaaange Minuten auf ihre Klausuren warten mußten. Tiere wurden in Deutschland geschützt, man hatte sogar ein Herz für Kinder, aber wer schützte die Studenten? "Wenn jetzt wieder alle anwesend sind", sagte Prof. W. und ging dabei zu Phillips Platz und starrte ihm aus fünf Zentimetern Abstand in die Augen, "dann können wir ja jetzt weitermachen!" Nach einer schier endlosen Ewigkeit ging Prof. W. endlich zum heißersehnten Thema über. (Wenn der werte Leser Schwierigkeiten hat, sich das Wort "Ewigkeit" vorzustellen, dann möge er bitte eine Toilette aufsuchen und eine Klorolle aus dem Fenster werfen, aber dabei ein Ende festhalten. Nun möge er die Rolle wieder aufwickeln. Am besten geht es bei Regen.) Anstatt die Klausur auszuteilen, legte er eine Folie auf den OH-Projektor (jaja, Polylux sagte man dazu woanders), auf der statistische Kurven die Notenverteilung nach Hautfarbe, Geschlecht, Religion und sozialer Herkunft darstellten. Alle Kurven verliefen irgendwo zwischen Vier und Fünf. Prof. W. betrachtete die Kurven etliche Minuten und sagte dann: "Die Klausur ist sehr schlecht ausgefallen!" Der Gesundheitszustand der Studenten verschlechterte sich von Sekunde zu Sekunde. Phillip saß verkrampft auf seinem Stuhl und krallte sich dabei am Tisch fest. Seine Knöchel traten weiß hervor und sein Gesichtsausdruck war bestenfalls als nichtmenschlich zu bezeichnen. Außerdem gab er ein tiefes Knurren von sich. Endlich griff Prof. W. zu den Klausuren. Dann starrte er sie eine Ewigkeit (siehe oben) an und legte sie wieder weg. Dann kramte er eine Ewigkeit (siehe...) in seiner Tasche und setzte sich eine Nickelbrille auf die Nase. Schließlich griff er wieder zu den Klausuren und durchsuchte dann die oberste Klausur nach einem Namen. Er fand ihn endlich auf dem Deckblatt. "Ist ein... Mill... aeh, Muell.., aeh... Meier da?" fragte er. "Der ist krank!" sagte ein Student, dem der Schweiß schon in Bächen von der Stirn floß, "ich soll sie fuer ihn mitnehmen!" "Nein", entgegnete Prof. W., "der muß schon selber kommen. Aber Sie können ihm sagen, daß wir uns nach den Ferien wiedersehen werden." Hatte Phillip da ein Lächeln auf Prof. W.'s Gesicht gesehen? Nein, das muß eine optische Täuschung gewesen sein, dachte Phillip. Immerhin ist keiner der Projektler anwesend. Die hatten ihre Klausuren natürlich schon letzte Woche zurück bekommen. Alle waren durchgefallen. Phillip lächelte bei dem Gedanken daran. Allerdings, so die offizielle Meinung von Prof. W., waren die armen Projektler ja auch stärkeren Belastungen ausgesetzt, so daß man dieses Ergebnis verstehen, wenn nicht gar verzeihen kann. Endlich verteilte Prof. W. die Klausuren an die zitternden Studenten. Dabei konnte er es nicht unterlassen, Kommentare wie "Von IHNEN hätte ich aber mehr erwartet!" oder "Von IHNEN war ja auch nichts anderes zu erwarten!" abzugeben. Phillip bekam seine Klausur kommentarlos. Er hatte bestanden. Als einziger. Offenbar hatte die eine Aufgabe, die er noch im letzten Moment gelöst hatte, gereicht! Er schenkte seinen Kommilitonen noch schnell einen mitleidigen Blick, wobei er sich aber wie ein Heuchler vorkam und grinste dann hemmungslos drauf los. Selbst als er schon im Flugzeug nach Tahiti saß, grinste er noch. #C31 (C) 1995 Karim Meghabber #Seitenende #Y+50 #C10 Diese Story ist CARDWARE! Wenn Du sie interessant findest und in Deine Sammlung aufnehmen willst, dann schick' mir eine Postkarte. 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