#Titel Jokes & Stories / Das Funktelefon #Logo gadget23:pinsel/AG.J&S #Font Losse 16 #C31 Das Funktelefon #Font topaz 8 #C21 Matthias stoppte sein Fahrrad schwungvoll vor einem alten, verfallenen Gebäude. Sein Hinterrad rutschte dabei nach vorne und wirbelte etlichen Staub auf, der in der schwülen Mittagsluft nur langsam verflog. Es war ein sehr heißer Sommertag, ein rekordverdächtig heißer Tag sogar. So hatte er diesen Samstag für eine Radtour ins Hexenwaeldchen genutzt. Eigentlich hieß der Wald ja nicht so, aber die Einheimischen hatten ihm diesen Namen schon vor Jahrhunderten gegeben, immerhin waren hier in der Hochzeit der Inquisition die meisten Hexen der Region umgebracht worden. Die klassische Hexenverbrennung hatte hier allerdings seltener stattgefunden. Beliebter war es gewesen, die Frauen von ausgehungerten Woelfen zerfleischen zu lassen. Matthias sah sich die verfallene Fassade des Landhauses an. Viele der Holzbretter fehlten und die Veranda war ein einziges Trümmerfeld. Die Fenster waren mit Holzbrettern vernagelt, aber einige fehlten. Eine unheimliche Dunkelheit gähnte ihm aus den Öffnungen entgegen. Er mußte bei diesem Anblick unwillkürlich an die vielen Schauermärchen denken, die man sich ueber dieses verlassene Haus erzählte. So sollte es vor knapp einem Jahrhundert von einem mysteriösen Sektenführer erbaut worden sein, der in seiner Freizeit angeblich kleine Kinder verspeist haben soll. Es heißt auch, daß er ein Werwolf war, der auch heute noch durch den Wald streifen soll. Aber die Legenden gehen noch weiter, dachte Matthias. So soll das Haus auf einer alten keltischen Kultstätte erbaut worden sein, wo die Heiden ihren Göttern gehuldigt hatten - natürlich durch Menschenopfer. Sie hatten hier eine gewaltige Naturkraft angebetet, die alljährlich zur Sommersonnenwende aus den Tiefen der Finsternis hervorgekommen sein soll, um sich ein oder mehrere Opfer zu wählen. Und heute war Sommersonnenwende. Matthias schüttelte den Kopf. Ein paar dieser Legenden waren ja okay, aber alle auf einmal? Es stimmte zwar, daß im Hexenwäldchen immer noch Leute spurlos verschwanden, aber es führt ja auch eine Bundesstraße durch den Wald und wer weiß, fragte sich Matthias, welche Triebtäter das Image des Wäldchens nutzten, um hier ungestört ihr Unwesen zu treiben? So war es hier durchaus nicht ungefährlich, aber doch auf eine völlig andere Art. Nicht vor bösen Naturgöttern brauchte man sich fürchten, nur vor bösen Menschen. Aber auch die konnten sehr gefährlich sein. Er hingegen war sicher. Er griff an seinen Gürtel und zog sein Funktelefon aus einer kleinen Tasche. Er schaltete es ein und hörte das beruhigende Freizeichen - Bundesstraße sei dank. Nur ihretwegen hatte man eine Funkantenne auf den kleinen Hügel des Wäldchens gesetzt. So konnte er jederzeit telefonisch um Hilfe rufen. Wie vielen jungen Frauen waere mit einem Funktelefon ihre Begegnung mit einem Triebtäter erspart geblieben? fragte er sich. Er schaltete sein Telefon wieder auf Bereitschaft, als es plötzlich piepte. Verblüfft schaltete er es wieder ein. "Ja bitte?" fragte er. "Ich bin's, George!" sagte eine nervös klingende Stimme. "Hallo George, wie geht..." versuchte Matthias zu entgegnen, aber George unterbrach ihn brüsk. "Ich steck' in ziemlichen Schwierigkeiten, Matthias! In verdammt ziemlichen sogar! Komm' schnell zum Wunschbrunnen im Hexenwäldchen, es geht um Leben und Tod! Ich... Ich..." Es folgte eine Reihe zischender und piepender Töne, dann war die Leitung tot. "George!" rief Matthias besorgt. Schnell wählte er die Nummer von George's Funktelefon, aber niemand hob ab. "Verdammt!" sagte er, drehte sein Rad schwungvoll herum und fuhr mit hoher Geschwindigkeit seinem Ziel entgegen. Nach nur fünf Minuten - Matthias kamen sie wie Stunden vor - kam er am besagten Wunschbrunnen an. Der kleine Brunnen, der aus großen und kleinen Steinen erbaut worden war und auf Matthias recht altertümlich wirkte, war auf dem höchsten Punkt des Wäldchens gelegen. Ein eigenartiger Platz für einen Brunnen, dachte Matthias. Auch über den Brunnen existierten Legenden. Demnach war er nicht dafür bestimmt gewesen, Wasser zu liefern. Vielmehr galt er als Tor zu einer anderen Dimension. Er stoppte mit seinem Rad neben dem Brunnen. Dann lehnte er sich leicht ueber den Rand, um in ein scheinbar endloses Loch zu blicken. Diese unglaubliche Tiefe zog ihn magisch an. Unwillkürlich lehnte er sich immer weiter vor, bis er stolperte und fast vom Rad in den Brunnen gestürzt waere. Matthias fing sich und rollte mit dem Rad vom Brunnen weg. Dann schüttelte er benommen den Kopf. Jetzt reicht es aber für heute mit den Schauergeschichten. Er sah sich um. Vor ihm erhob sich der Sendemast fuer das Mobilfunknetz. Matthias fragte sich verwundert, warum George ihn nicht zum Sendemast bestellt hatte. Warum hatte er dem Brunnen ein größeres Gewicht gegeben, als dem weithin sichtbaren Sendemast? Er stieg vom Rad und hielt es am Sattel fest. Plötzlich rutschte es ihm weg. Es rollte den Hang hinab, stürzte aber nicht um. Es fuhr einen weiten Bogen und rollte plötzlich den Hang wieder hinauf. Dabei wich es auf wundersame Weise allen Hindernissen aus. Es war nun schon höher als Matthias, als es plötzlich wieder die Richtung änderte und auf ihn zusteuerte. Matthias stockte der Atem, als es immer näher kam. Es verfehlte ihn nur knapp und knallte dann lautstark gegen einen Baum. Ein eisiger Windzug hatte es begleitet. Matthias fröstelte - und das bei 27 Grad im Schatten. Er sah sich nun verwirrt um. Dabei bemühte er sich, den irgendwie kälter gewordenen Ort zu verlassen. Leider wurde ihm nicht wärmer, das Gegenteil schien der Fall zu sein. "George?" fragte er ängstlich. "George?" Langsam ging er den Hang hinab. War dort hinten nicht etwas? fragte er sich. Es sah aus wie ein Schuh. Während er sich dem Objekt näherte, griff er sich sein Funktelefon und wählte die Nummer eines Freundes. Thomas fühlte sich gar nicht gut. Er hatte kaum geschlafen und war durch absolut wirre Alptraeume etliche Male aufgeschreckt. Nun trank er seinen fünften Kaffee, aber seine Müdigkeit wollte nicht vergehen. Schlafen konnte er aber auch nicht mehr, seine hämmernden Kopfschmerzen hinderten ihn daran und an jeder weiteren sinnvollen oder entspannenden Tätigkeit. Und Tabletten hatte er auch keine mehr im Haus. So saß er äußerst frustriert an seinem Küchentisch, als sein Funktelefon piepte. Mühsam erhob er sich und wankte ins Wohnzimmer. Sein Handy lag unter einem Kissen auf seiner Couch. Er setzte sich, nahm es in die Hand und schaltete es ein. "Ja, Thomas", sagte er müde. "Hallo Thomas, ich bin's Matthias!" sagte eine verrauschte Stimme. "Ach hallo..." "Du wirst nicht glauben, was mir mit meinen Fahrrad passiert ist. Aber mein Gott! Was ist denn das? Mein Gott! Nein!" "Matthias, was ist denn?" fragte Thomas verstört. "Matthias?" Matthias hatte sein Funktelefon entsetzt fallen lassen. Er starrte schockiert auf den zerfleischten Leichnam von George. Aus seinen Armen und Beinen fehlten grosse Stücke, sein Bauch war aufgerissen und seine Eingeweide lagen vor ihm verteilt auf dem Waldboden. Seine Augen waren krampfhaft verschlossen, sein Mund war zum Schrei verzerrt. Neben seiner rechten Hand - der Arm war teilweise bis auf den Knochen abgenagt - lag sein betriebsbereites Funktelefon. Es war ein leises, pulsierendes Piepen zu hören. Matthias wollte sich übergeben, aber er konnte es nicht. Er wollte davonlaufen, aber seine Knie schienen ihm aus Gummi. Ohnmächtig starrte er seinen ehemaligen Freund an. Plötzlich spürte er wieder die eisige Kälte an sich vorueberziehen. Ihm stockte der Atem, ein Schauer lief durch seinen Körper. Was geschieht hier? fragte er sich verzweifelt. George öffnete die Augen. Nein! dachte Matthias entsetzt, ein Panikgefuehl schoß durch ihn hindurch. In diesem Augenblick schienen sein Koerper, sein Geist und sein Wille nur ein Wort zu kennen: Nein! Das geschieht nicht wirklich, ich träume! dachte Matthias. Er zuckte nervös zusammen, als George sich bewegte. Langsam erhob sich der Leichnam. "Okay", sagte Matthias, "das reicht mir!" Er drehte sich um und rannte los. Er kam aber nicht weit, da hinter ihm plötzlich ein Baum stand. Er knallte mit voller Wucht gegen das Hindernis und stieß sich dabei die Schulter. Ein intensiver Schmerz jagte durch ihn hindurch, aber er versuchte dennoch, weiterzulaufen. Er taumelte mit dem Gesicht gegen einen Ast. Dabei riß er sich seine Wange an der Rinde auf, sie begann stark zu bluten. Benommen blieb er stehen. Er wankte, zwang sich dann aber zur Konzentration. "Das kann doch alles nicht wahr sein!" sagte er, dann drehte er sich um. Hinter ihm stand George, mit seinen zerfleischten Armen griff er nach ihm. Matthias wich entsetzt zurück. Dann drehte er sich schnell um und rannte los, nur um erneut gegen einen Baum zu rennen. "Verdammt!" schrie er verzweifelt. Er versuchte nun, ganz langsam zu flüchten. Schritt für Schritt kämpfte er sich vorwärts, als er hinter sich ein unheimliches Knurren hörte. Er drehte sich um und was er sah, trieb ihm den Angstschweiß aus allen Poren. George war verschwunden, dafür stand aber ein großer Wolf hinter ihm und seine scharfen Zähne blitzten ihn an. Der Speichel lief dem Tier in großen Mengen aus dem Maul. Matthias rannte in panischer Angst los, stolperte aber ueber eine große Wurzel. Sein Fuß verkeilte sich völlig und er hörte noch ein lautes Knacken, als er in einer komplizierten Drehung zu Boden stürzte und auf dem Rücken aufschlug. Er schrie vor Schmerz. Blut schoß pulsierend aus seinem umgeknickten Knöchel, aus dem ein gesplitterter Knochen ragte. Der Wolf kam langsam näher und zwischen Karls Beinen blieb er stehen. Er knurrte tief und seine Augen funkelten Karl bösartig an. "Bitte nicht..." winselte Karl verzweifelt. Er bekam eine Gänsehaut bei dem Gedanken, was der Wolf jetzt machen könnte. Er machte es. Mit einer unglaublichen Wildheit sprang ihn der Wolf an und mit seinem schweren Kiefer biß er zwischen seine Beine. Matthias schrie vor Schmerz und wurde ohnmächtig. Der Wolf biß erneut zu und Matthias wurde wieder wach. Benommen keuchte er: "Nein!" Erneut biß der Wolf zu und riß sich große Fleischbrocken aus Matthias heraus. Dabei konzentrierte er sich zunächst auf seinen Unterleib und seine Oberschenkel. Matthias versuchte, nach hinten zu robben, es gelang ihm aber nicht. Jedesmal, wenn er dazu ansetzte, biß der Wolf erneut zu. Er blutete stark aus seinen Wunden. Plötzlich hörte der Wolf auf und zog sich in den Wald zurück. Matthias spürte nun wieder die eisige Kälte. Sterbe ich jetzt? fragte er sich. Ein Nebel legte sich um ihn herum, plötzlich griff eine unsichtbare Kraft nach ihm. Er wurde in die Luft gerissen. "Was..." stöhnte er. Der Nebel verdichtete sich nun zu einer schattenhaften Kreatur von immenser Größe. Eine gewaltige Kraft übte Druck auf jede Zelle von Matthias aus. "Oh mein Gott!" keuchte Matthias beim Anblick dieser unwirklichen Gestalt. "Falsch!" dröhnte eine dunkle Stimme durch den Wald. Matthias' Körper schrumpfte nun zusammen und als seine Knochen barsten, nahm er eine Kugelform an. Er schrumpfte weiter. Dann explodierte er mit einem Knall und sein Blut ergoß sich in einem feinen Regen auf den Waldboden. "Hallo?" fragte Thomas in sein Funktelefon. "Matthias?" Nach einigen Minuten gab er es auf und schaltete sein Handy auf Bereitschaft. "Was mag da los sein?" fragte er sich besorgt. Er legte sein Handy auf den Couchtisch und schaute es nachdenklich an. Plötzlich piepte es. Nervös griff Thomas danach. Bevor er abnahm, bemerkte er eine hereinbrechende Kälte. Eine eisige Kälte. "Ja, Thomas hier." Er fröstelte. "Hier ist... Matthias!" "Ja Matthias, was war denn da los?" "Ich steck' in Schwierigkeiten. Komm' schnell zum Wunschbrunnen im Hexenwäldchen, schnell..." Ein plötzliches Piepen und die Verbindung war unterbrochen. "Matthias!" rief Thomas besorgt. Er zögerte nicht lange und machte sich sofort auf den Weg, nicht aber, ohne vorher sein Funktelefon einzustecken. Man weiß ja nie, wozu es gut sein kann, dachte er. #C10 (C) 28.5.95 Karim Meghabber