#Titel Jokes & Stories / Cyberbook #Logo gadget23:pinsel/AG.J&S #Font Losse 16 #C31 Cyberbook #Font topaz 8 #C21 Harry betrachtete das BUCH mit regem Interesse. Es war ein sehr altes Buch, das in eine dicke, ledernen Hülle gebunden war. Sein Anblick erregte Harry und er konnte es immer noch nicht fassen - endlich hatte er sein eigenes echtes BUCH. Ganz für sich allein. Seine Hand strich zärtlich über die zahlreichen Erhebungen und Verzierungen des Umschlags. Sein Herz schlug vor Erregung immer schneller - jetzt - endlich kam der große Augenblick! Er öffnete das BUCH. Harry roch den Atem der Literatur - der aufgewirbelte Staub kitzelte seine Nase. Das Gefühlserlebnis BUCH faszinierte Harry vollständig. Wie konnte ich mich nur jemals für Computer begeistern? fragte er sich nun. Computer waren kalt und unpersönlich. Die Literatur, die er mittels seines Computers gelesen hatte, verlor dadurch an ihrer Qualität. Nicht nur der Inhalt eines Werkes ist von Bedeutung, sinnierte Harry, sondern auch seine Vermittlung! Goethes Faust als DOS-Datei! Welch abstossende Idee! Harry schüttelte, benommen von dieser gräßlichen Vorstellung, den Kopf. Wieviel wertvoller war da doch ein BUCH! Mehr als eine Kerze brauchte man für das Erlebnis BUCH nicht aufzuwenden. Und auch das nur nachts. Ein Computer war abhängig. Er fraß Strom, man mußte seine Bedienung erst umständlich erlernen. Ein Buch erklärte sich dagegen von selbst. Seiten sind halt zum umblättern da! Aber mit welcher Taste bringt man einen Textbetrachter zum weiterblättern? In Büchern stecken Erinnerungen - Erinnerungen an viele schöne Stunden. Wenn man mit seinen Fingern an seinen Büchern im Regal vorbeistreicht, dann kann man sie spüren. Sie durchströmen einen, sind allgegenwärtig. Was ist dagegen schon eine Datei? Sie ist so unpersönlich, kann so leicht ausradiert werden. Und wo sind die Unterstreichungen, die Hervorhebungen? Sicherlich gibt es auch Vorteile - oberflächlich betrachtet jedenfalls. Wenn man etwas ganz Bestimmtes sucht, dann wählt man ein Schlüßelwort und läßt suchen. "Der kleine Prinz" als CD-ROM - welch Fortschritt! dachte Harry zynisch. Man gibt nur noch das Schlüßelwort ein, z.B. "Liebe", und der Computer zeigt sofort alle Passagen, in denen dieses eine Wort vorkommt. So verkommt dieses Buch zu einer oberflächlichen Stichwortsammlung. Und wo bleibt das Gesamterlebnis? Vor allem, wo bleibt das tiefere Verständnis, wenn man nicht selbst suchen muß? Selbst suchen, dachte Harry, ja, das ist sehr wichtig, diese Funktion darf einem nicht abgenommen werden. Wenn wir erst einmal aufhören zu suchen, dann werden wir auch nichts mehr finden. Dann haben wir uns selbst verloren. Harry blätterte eine Seite weiter und seine Augen wanderten begeistert über die kunstvoll verschnörkelte Schrift. Er strich sanft über sie und spürte leichte Erhebungen. Er verspürte den starken Impuls, das BUCH an sich zu drücken und zu umarmen - so glücklich war er. Dann begann er zu lesen. Er las und las und las. Er konnte einfach nicht mehr aufhören. Die Handlung faszinierte ihn, aber das Erlebnis, ein echtes BUCH zu lesen, übertrumpfte alles. Schließlich, nach vielen glücklichen Stunden, endete das Buch. Sanft strichen seine Finger über den Schriftzug "Ende". Mit einem leicht bedauerndem, aber doch befriedigtem Gefuehl schloß er es wieder. Dann drückte er es spontan an sich und wiegte es wie ein Baby. Er war so glücklich. "Liebling!" rief eine zärtliche Stimme. "Liebling, das Essen ist fertig!" "Ja, Schatz!" antwortete Harry, "ich komme gleich!" Er drückte das Buch noch ein letztes Mal fest an sich und stellte es dann wieder in sein Regal. Dort warteten noch so viele Bücher darauf, gelesen zu werden. Er umfaßte seine Bücher mit seinen Armen. Dann strich er zärtlich an ihren Buchrücken entlang und studierte begeistert die Titel. Welch schöne Zeit ihm bevorstand! "Stop!" sagte er und es wurde dunkel um ihn herum. Leicht benommen fummelte er an seinem Cyberspace-Helm herum, bis er ihn endlich abgenommen hatte. Dann schaltete er seinen Rechner ganz aus. In der Kueche servierte ihm seine Frau dann ein dampfendes, neues Mikrowellengericht. "Wie war's?" fragte sie neugierig. "Überwaeltigend!" antwortete Harry begeistert. "Die haben nicht zu viel versprochen, das Update hat sich wirklich gelohnt! Wie jetzt unter dem neuen Betriebssystem der Dateimanager funktioniert, ist wahrhaftig eine Revolution! Ich kauf' mir sofort die Vollversion!" Harry atmete tief durch und betrachtete nun sein Essen. Es war das typisch klumpige und farblose Mikrowellenzeug, das er immer bekam. "Irgendwann", sagte er, "werden wir auch beim Essen etwas aendern müssen." #C10 (C) 1995 Karim Meghabber