#Titel Politik / Thesen zur 35-Stunden-Woche #Logo gadget22:pinsel/AG.Politik #Font topaz 8 #C10 HANS-JOACHIM STENGERT * Ehrenmalstr. 15 * 47447 Moers * 04-10-95 #C31 #Y+15 35-STUNDEN-WOCHE ? ================== #Y+15 #C21 Ich will ja nicht schon wieder von einer Fortschritts-Falle sprechen, aber leider geht das Thema mal wieder in diese Richtung, - nicht meine Schuld! Vorausschicken möchte ich, daß ich die ganze Angelegenheit wirklich von innen kenne. Ich war selbst im Betriebsrat und habe viele lange Gespräche mit Kollegen und Gewerkschafts- vertretern geführt, speziell über das Thema Arbeitszeitver- kürzung. Bekanntlich fing es damit an, daß die Arbeitnehmer zunächst den Samstag frei haben wollten. Und das beste Argument, das den Gewerkschaften einfiel, war die Schaffung von neuen Arbeits- plätzen. (Das war damals - Ende der Sechziger - zwar noch nicht so dringend wie heute, aber immerhin.) Und es leuchtet bis hierhin auch ohne weiteres ein: Wenn so viele Leute mit einemmal am Samstag nicht mehr arbeiten, dann müssen die Arbeitgeber zum Ausgleich neue Leute einstellen, sonst kann die Arbeit nicht geschafft werden. Wir haben uns damals schon überlegt, wo in unserem Büro die Schreibtische für die neuen Leute aufgestellt werden könnten. ABER - es sollte zwar weniger gearbeitet, aber nicht auch weniger verdient werden! O nein, man verlangte den vollen Lohnausgleich, das heißt, weniger arbeiten, aber genausoviel wie vorher verdienen! Oder lieber noch ein bißchen mehr... Und wie jeder weiß, ist es dann auch so gekommen. Und heute hat sich das so eingebürgert, daß keiner mehr an was anderes denkt als an vollen Lohnausgleich, nur jetzt bei nur noch 35 Stunden Arbeit oder noch weniger, alles wegen der wachsenden Arbeits- losigkeit. Bloß - das hat doch von Anfang an nie geklappt!!! Unsere Idee mit dem Aufstellen neuer Schreibtische für neue Mitarbeiter wurde nie Wirklichkeit, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil diejenigen, die Arbeit hatten, diese (und ihren Lohn) nicht mit denen teilen wollten, die keine Arbeit hatten! Alle redeten zwar von den armen Arbeitslosen, dachten dabei aber nur an sich! Weniger arbeiten und doch nicht weniger verdienen, das war doch eine tolle Sache, und für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit sollten gefälligst die Arbeitgeber sorgen. Aber die Arbeitgeber mußten das ganz anders sehen. Sie hatten praktisch immernoch dieselben Arbeitskosten trotz weniger Ar- beitsstunden. Neue Leute einstellen hätte mehr Kosten, höhere Preise und damit Wettbewerbsnachteile bedeutet, folglich haben sie andere Möglichkeiten zur Erledigung der notwendigen Arbeit gesucht und gefunden. Die verbliebenen Leute mußten härter ar- beiten und, wo das nicht ging, wurden Maschinen angeschafft, die dann gleich die Arbeit von mehreren Leuten schafften und somit auf lange Sicht die Arbeitslosigkeit vergrößerten. Und so ist es praktisch heute noch, nur daß im Laufe der Zeit immer mehr und bessere Maschinen erfunden wurden, die die menschliche Arbeit verrichten konnten, sogar nochdazu besser und billiger! Und trotzdem wird immer weiter mit dem Argument gearbeitet, daß die Arbeitszeitverkürzung der Schaffung von Arbeitsplätzen diene. Alles Quatsch, sie dient schon immer dazu, denen, die Arbeit haben, diese zu erhalten, ohne daß sie ein Opfer für jene zu bringen hätten, die keine Arbeit haben. Sowas kann man schlecht "Solidarität" nennen. Und wenn ich arbeitslos wäre, würde ich eine Stinkwut auf diejenigen haben, die jetzt schon seit Jahr- zehnten von Solidarität reden und dabei nur an ihren eigenen Vorteil denken...