#Titel Grundlagen / Einleitung #Logo gadget16b:Pinsel/AG.Grundlagen #Font Losse 16 #C10 Grundlagen-Spezial zur BUNDESTAGSWAHL 1994 #Font topaz 8 oder wie eine Adresse verunstaltet wurde #C21 In nicht einmal drei Wochen haben die Bürger der Bundesrepublik mal wieder die Gelegenheit, die Politik der letzten vier Jahre zu beurteilen und die Weichen für die nächsten vier zu stellen. Das "AmigaGadget", als traditionell der Politik verpflichtetes Diskmag, nimmt dies zum Anlaß, in einem Grundlagen-Spezial die Wahlprogramme der zur Zeit im Bundestag vertretenen Parteien vorzustellen. Die Idee dazu hatte ich bereits seit meinem ersten Auftritt als neuer Gadget-Herausgeber. Da Nils die Idee ebenfalls interessant fand, begann ich gleich nach Erscheinen vom Gadget#15 mich um die Erlaubnis der einzelnen Parteien und die Zusendung der Wahlprogramme zu kümmern. Anders als alle bisherigen Gadget-Recherchen mußte ich hier zum ersten Mal das Gebiet der Computerwelt verlassen und direkt mit den Parteizentralen in Bonn Kontakt aufnehmen. Mein erster telefonischer Versuch ging in Richtung SPD. Die Dame an der Pforte verband mich mit der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Nach dem kurzen Genuß einer Telefonwartemelodie hatte auch das geklappt. Nachdem ich mein Anliegen geschildert hatte, kam - ganz entgegen den Murphyschen Gesetzen - umgehend die Zustimmung der zuständigen Sachbearbeiterin : "Das ist überhaupt kein Problem." Wunderbar. Das nächste Erfolgserlebnis ließ nicht lange auf sich warten, da die Dame sogar den doch eher unbekannten Heimatort des Verfassers dieser Zeilen von einem vergangenen Urlaub her kannte. Es stellte sich jedoch heraus, daß sie die Straße "Auf dem Ruhbühl" in "Auf dem Rohbühl" umgetauft hatte. Wie auch immer : schon am nächsten Tag hielt ich das SPD-Regierungsprogramm in Händen, ein 36-Seiten dünnes, dreispaltig klein bedrucktes Heft auf ungebleichtem Recycling-Papier. Vom Inhalt kann sich jeder in diesem Grundlagenteil selbst ein Bild machen. Da ich das Programm abgetippt habe, können eventuelle Rechtschreibfehler auf mein Konto gehen. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, daß ich auch - in meinen Augen offensichtliche - bereits vorhandene Rechtschreibfehler übernommen habe. So von Zuversicht durchdrungen, startete ich den nächsten Versuch bei der PDS. Hier war mein erster Ansprechpartner ein leicht sächselnder Mann, der mich schnell mit einer Dame verband. Diese war aufgrund der rechtlichen Komplexität meiner Anfrage gezwungen, mich mit einer Kollegin zu verbinden, welche mich nach Anhören meines Anliegens umgehend weiterverband. Auch die dortige Sachbearbeiterin ließ sich von mir meinen Wunsch genau erklären, fand ihn "spannend" und fragte - nachdem ich ihr versicherte hatte, daß ich keinesfalls Profit aus der Veröffentlichung ziehen wolle und auch das Programm ungekürzt veröffentlichen wolle - schnell bei einem Kollegen nach, ob dieser da irgendwelche Probleme sähe. Da dies offensichtlich nicht der Fall war, bot sie mir noch an, mir eine Diskette zuzuschicken, damit ich das Programm, das ich ja "spannend"erweise noch gar nicht besaß, nicht erst abtippen müßte. Natürlich nahm ich das dankbar an und teilte ihr noch meine Adresse mit. Obwohl sie den Straßennamen durchaus "spannend" fand, hatte sie aus dem "Ruhbühl" das zweite "h" entfernt. Nichtsdestotrotz war ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden, besonders da ich es hier zum zweiten Mal im Laufe der Recherche mit einer für meine Idee sehr aufgeschlossenen, sympathischen Person zu tun hatte. Leider stellte sich am nächsten Tag heraus, daß sich auf der Diskette nur das Parteigrundsatzprogramm im Rahmen eines langweiligen Anzeigeprogramms für DOSen befand. Nichtsdestotrotz findet Ihr dieses im Grundlagenteil. Als dritte Anlaufstelle wählte ich nun BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Nach der obligatorischen Verbindung von der Pforte - die Wartezeit wird mit einem mehrsprachigen Hinweis auf die Gebührenpflichtigkeit überbrückt - zur zuständigen Bearbeiterin ging es erneut daran, mein Anliegen in allen rechtlichen Aspekten ("Nein, das Magazin ist NICHT kommerziell.") zu erläutern. Trotzdem war die Dame hier bei aller grundsätzlichen Hilfsbereitschaft nicht dazu in der Lage, mir die endgültige Erlaubnis zur Veröffentlichung zu erteilen. Ich solle mich an den zuständigen Pressereferenten wenden, am besten mit ein paar Exemplaren des Magazins, da man sich natürlich ein Bild davon mache müsse. Das Programm wollte sie mir aber schon zuschicken und so hielt ich am nächsten Tag das 62 Seiten dicke, professionell aufgemachte Wahlprogramm in Händen. Natürlich mit der typischen Verfälschung "Auf dem Rohbühl". Da auf meinen umgehend abgeschickte Brief - mit den Gadgetausgaben 14 und 15 - keine Antwort erfolgte, setzte ich mich einen Monat später wieder ans Telefon und ließ mich direkt mit dem zuständigen Dr. Frank verbinden. Diesem schilderte ich noch einmal kurz mein Anliegen - und hatte sofort die Zusage : "Kein Problem.". Auch dieses Programm habe ich abgetippt, Fehler gehen - sofern nicht original bündnisgrün - auf meine Kappe. Vier Wochen zurück. Nach den "linken" Parteien galt es nun, die Mitte in "Angriff" zu nehmen. Die F.D.P. präsentierte sich mit der originellsten Wartemusik - das Lied "Liberta". Auch hier mußte ich erst zweimal weiterverbunden werden, bis ich beim richtigen Mann war. Dieser zeigte sich jedoch äußerst skeptisch und wollte seine Bedenken erst innerparteilich klären und mich dann zurückrufen. Nach kurzer Zeit erfolgte tatsächlich der Rückruf. Leider sei er sich immer noch nicht sicher, es bestünden da noch ein paar Bedenken. Zum Beispiel sei es ja möglich, wenn ich das Programm erstmal veröffentlicht hätte, daß es von jemandem verändert und dann so weitergegeben würde. Dank der - Programmierer eigenen - Logik gelang es mir, ihn davon zu überzeugen, daß es für jemanden, dem an einer solchen Aktion gelegen sei, ja ein einfaches wäre, sich das Programm aus einer anderen Quelle zu besorgen und dann zu verändern. Darauf versicherte er mir, am nächsten Tage nach einer endgültigen hausinternen Klärung zurückzurufen. Und siehe da - am nächsten Morgen schon klingelte das Telefon mit dem "okay" aus dem Thomas-Dehler-Haus. Mein guter Bekannter bei der F.D.P. bot mir nun sogar an, das Programm gleich auf Diskette ("Wollen sie ASCII oder Word-Format ?") zu schicken, was ich natürlich dankbar annahm. Am übernächsten Tag lag dann auch tatsächlich ein riesiger gepolsterter Umschlag aus Bonn in meinem Briefkasten. Als einzige Partei hatte die F.D.P. ein persönliches Anschreiben - von einer Dame aus der "Abteilung Politik und Internationale Beziehungen" - beigelegt. Das Wahlprogramm befand sich auf einer äußerst noblen "maxell Super RDII"-Diskette. Als Straßennamen hatte man übrigens "Auf dem Hobel" angegeben. Die CDU war die einzige Partei, bei der die Sache etwas komplizierter wurde. Nachdem es zunächst einmal sogar unmöglich schien, telefonisch durchzukommen und ich lediglich vom Besetztzeichen empfangen wurde, gelang es den Telekomanlagen schließlich sogar, mich trotz Wahl der Konrad-Adenauer-Haus-Nummer mit dem Thomas-Dehler-Haus (F.D.P.) zu verbinden. Da ich mir ausnahmsweise absolut sicher war, daß dies nicht auf einen Fehler meinerseits zurückzuführen sein konnte, packte mich an dieser Stelle die nackte Verzweifelung und ich schrieb einen Brief an die CDU, in dem ich mein Anliegen vortrug und - mit beigelegtem frankierten Rückumschlag um Antwort bat. Die erfolgte schon am nächsten Tag - allerdings telefonisch um 12.15 Uhr mittags. Der zuständige Sachbearbeiter teilte mir mit einem herrlich rheinländischen Akzent mit, daß die Sache prinzipiell in Ordnung ginge, das Problem nur das Fehlen eines gemeinsamen Wahlprogrammes von CDU/CSU wäre. Als Entschädigung wollte er mir zunächst die "Datenbank Politik" und das Werbespiel "Kennste Deutschland ?" zuschicken. Und ich solle mich doch Anfang September nochmal bei ihm melden - glücklicherweise gab er mir eine spezielle Durchwahlnummer, so daß ich Hoffnung haben konnte, nicht ständig nur auf das Besetztzeichen zu treffen. Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte das Telefon erneut. Wieder war es der CDU-Mitarbeiter. Er hatte nur vergessen, mir zu sagen, daß ich die Texte auch über Datex-J bekommen könne. Nur wer hat das schon ? Anfang September nun, nachdem Datenbank und Spiel ankündigungsgemäß und - vermutlich dank meines ersten Briefes - korrekt adressiert eingetroffen waren, hängte ich mich wieder an die Strippe - in der Hoffnung, diesmal nicht mit der F.D.P. verbunden zu werden. Und tatsächlich, schon im zweiten Versuch ertönte das Freizeichen und kurz darauf eine Dame, die mir mitteilte, daß in der Tat inzwischen das Programm beschlossen und auf Diskette zu haben sei. Obwohl sie mir nicht sagen konnte, ob es als Programm, ASCII- oder andere Datei vorlag, war ich damit einverstanden, daß sie mir es einfach zuschicken solle. Tatsächlich fand sich zwei Tage später ein proppevoller Brief im gleichnamigen Kasten. Nicht nur die CDU/CSU-Wahlprogramm-Diskette, auch noch eine neue Version der "Datenbank Politik" und das 58-seitige Wahlprogramm-Heft der CDU lagen anbei. Adressiert an : "Andreas Mahlmann"..... Nach dieser Odyssee war also das bisher umfangreichste Projekt der "Gadget"-Geschichte fertig. Dank gebührt hier meinem Nachbarn Michael Bommas, der mir freundlicherweise seinen PC mit HD-Laufwerk zur Verfügung stellte, so daß ich die Dateien auf Amiga-lesbare DD-Disks kopieren konnte. Und natürlich auch vielen Dank den Mitarbeitern der Parteien, die stets hilfsbereit und ausnahmslos freundlich waren. Ich hoffe, der Spezial-Teil stößt bei vielen Gadget-Lesern auf Interesse, trotz der Länge der einzelnen Programme. Die Wahlentscheidung als die politische Entscheidung des Staatsbürgers mit den weitreichendsden Auswirkungen erfordert prinzipiell auch die beste Vorbereitung. Da ich Fernsehspots und Wahplakate nicht als ausreichend betrachte, hoffe ich, daß viele von Euch diesen Spezial-Service des Gadgets zu nutzen wissen und sich hier umfassend informieren. Und nicht vergessen : am 16.10. wählen gehen. #Pinsel gadget16b:Pinsel/AN rechts