#Titel Politik / Die Fortschritts-Falle (1) #Logo gadget20:pinsel/AG.Politik #Font topaz 8 #C10 HANS-JOACHIM STENGERT Mai-95 Ehrenmalstr. 15 47447 Moers Tel.: 02841-61321 #Font Losse 16 #C31 DIE FORTSCHRITTS-FALLE (1) ========================== #Font topaz 8 #C21 Die meisten Menschen wissen gar nicht, daß wir alle in verschiedenen "Fallen" sitzen, die wir uns durch unser Streben nach "Fortschritt" selbst gebaut haben. An sich ist an dem Arbeiten am Fortschritt nichts Schlechtes zu erken- nen. Schließlich hat jeder Mensch, jede Organisation, jedes Volk den verständlichen Wunsch, alles für sich und für die Nachkommen besser zu machen. Aber oft kommt man gerade dadurch immer mehr in eine Situation, an die man vorher nicht gedacht hat und aus der man nicht so leicht wieder heraus kann. Dies nennt man eine Fortschritts-Falle. Und über ein paar von ihnen möchte ich hier nach und nach berichten, um auch für andere die Zusammenhänge etwas klarer werden zu lassen, die einen Teil unserer heutigen Schwierigkeiten wenigstens erklären können. - Wie man aus der Falle wieder herauskommt, das ist eine ganz andere Frage! (Vielleicht kommen wir auch noch auf unser Gesundheitssystem zu sprechen. Wer sich vorab schon mal über die Problematik informieren will, dem empfehle ich das Buch "Die Krankheit des Gesundheitswesens" von Prof. Dr. Walter Krämer, S. Fischer Verlag 1989.) Nun zu unserem ersten Thema: #C31 Die Verpackungs-Flut -------------------- #C21 Überall wird gegen die Menge "unnötiger" Verpackung gewettert und der Bürger aufgefordert, zu ihrer Vermeidung oder wenigstens Reduzierung beizutragen. Abgesehen mal davon, daß der Bürger als Endverbraucher am wenigsten an dem Zustand schuld ist, kann er aber auch an dem System selbst so gut wie nichts mehr ändern, denn da befinden wir uns in einer Fortschrittsfalle! Wer die Zusammenhänge nicht erkennt, wünscht sich vielleicht die Zeiten der Tante-Emma-Läden zurück, wo der Hering noch aus der Tonne kam und in Zeitungspapier eingewickelt wurde. Aber seitdem haben wir fast 50 Jahre "Fortschritt" gehabt, und der bestand für den Einzel- handel gerade im Rückgang der kleinen Läden und im Aufkommen der Supermärkte mit Selbstbedienung. Die Selbstbedienung war wiederum eine Folge der an sich erfreulichen Lohnsteigerungen.. Aber das Abwiegen und Einpacken der Ware war damit nicht mehr zu bezahlen, und so mußte alles fertig abgepackt im Regal liegen, wo es der Kunde dann herausnehmen und zur Kasse bringen muß. So kommt der ganze große Supermarkt mit ganz wenigen Arbeitskräften aus, von denen die meisten oft an der Kasse sitzen. (Man denke nur an ALDI!) Ein großer Teil der Arbeit, die früher der Ladenbesitzer für den Kunden leisten mußte, ist jetzt dem Kunden aufgebürdet worden, d. h. er muß jetzt alles selber machen. Das geht nun aber nicht mehr mit Heringsfaß und Zeitungspapier, sondern jetzt muß alles fertig abgepackt sein, auch in verschiedenen Größen, je nach den Bedürfnissen der Kunden, und natürlich stabil genug für den Transport. Und zwar nicht nur für den Transport vom Regal bis zur Kasse und dann bis zum Kofferraum, sondern natürlich schon ab Fabrik. Und von dort kann man auch nicht einfach tausend Zahnpasta-Tuben auf einen Lkw schütten, sondern hier wird wieder Um-Verpackung gebraucht für das Ver- laden und den Transport, zum Schutz des Transportgutes, zur optimalen Ausnutzung des Laderaums und zum möglichst bequemen Tragen beim Ein- und Ausladen. Und jetzt stellen wir uns noch vor, daß aus aller Welt Waren herein- strömen, 150 Käsesorten aus Frankreich, viele, viele Sorten allein von Brot und Backwaren, bis hin zu allen möglichen exotischen Genüssen. All das wird oft um den halben Globus zu uns herangekarrt ---, natürlich in entsprechender Verpackung! Seefest! Hier stoßen wir auf ein weiteres Problem, und es hat ebenfalls mit dem Fortschritt zu tun. - Je größer nämlich das Angebot wird, umso halt- barer müssen die Sachen verpackt werden; denn man weiß ja meist nicht genau, wann und wieviel der Kunde davon abnimmt. (Das kann unter Umständen ganz schön lange im Regal liegen. Darum haben wir dann das Haltbarkeitsdatum da drauf!) Hierzu kommen dann noch all die Tiefkühl- Artikel, die meist auch eine Spezial-Verpackung verlangen, und man könnte noch stundenlang weitere Beispiele nennen. Ich bringe nur noch zwei: Der Pizza-Bringdienst und - die Pampers (eine Spezial-Ver- packung für Kinderkacke...) Jetzt ist hoffentlich klargeworden, daß die so viel geschmähte Ver- packung in einem seit Jahrzehnten gewachsenen Verteilungs-System eine zentrale Rolle spielt. Änderungen und Einsparungen dürften sich daher auch in Zukunft nur in engen Grenzen realisieren lassen, weil das System so stark etabliert ist, daß es sich höchstens in sehr langen Zeiträumen in der gewünschten Richtung verändern läßt - wenn überhaupt! Was ich hier klarmachen wollte, ist ein neuer Denkansatz: Wenn wir mit den Fortschritten ("Fortschritten"!) bei der Verpackungs-Vermei- dung oder -Reduzierung nicht zufrieden sind, sollten wir nicht gleich an bösen Willen und Profitgier denken, sondern auch mal überlegen, ob wir (d.h. auch der Umwelt-Minister!) hier nicht auch in einer Fort- schrittsfalle stecken. #C10 Hajo