#Titel Lifestyle / Kino / Rob Roy
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          Filmkritik : Rob Roy
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#C10

                        von Michael Caton-Jones
 mit : Liam Neeson, Jessica Lange, Tim Roth, John Hurt, Eric Stoltz, ...
                        USA, 1995   FSK : ab 16

#C21
Schottland ist schön. Seine Seen, sein Hochland, seine Nebel. Das weiß
jedes Kind, dieses Klischee ist so allgegenwärtig wie der jährlich
im wahrsten Sinne des Wortes auftauchende Touristenmagnet Nessie. Doch
Schottland ist mehr. Seit Ende der 60er und Mitte der 70er das schottische
Nationalgefühl, das Bewußtsein einer eigenen historischen Identität wieder
gewachsen ist, haben die Bewohner Schottlands vieles getan, um das Image der
Schottenwitz-Darsteller abzuschütteln. Schützenhilfe bekommen sie nun aus
Hollywood, aus den Studios der Metro-Goldwyn-Meyer. Diese haben einen Film
über einen schottischen Nationalhelden gedreht - Robert Roy MacGregor,
kurz : Rob Roy.
#Seitenende
Rob Roy (Liam Neeson) gehört dem ehemals großen und einflußreichen Clan der
MacGregors an. Wie so viele schottische Clans ist auch dieser Anfang des
18.Jahrhunderts, der Film spielt im Jahre 1713, zur politischen und
wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit verkommen. Die Macht haben einige
wenige Adelige, die leidglich am Spiel mit der Macht und dem Geld
interessiert sind. Robert Roy ist das jedoch egal. Für ihn zählt nur das
Wohlergehen der 200 Menschen, die in einem Dorf unter seiner Obhut leben. Er
jagt Viehdieben nach und setzt sich, wo er nur kann, für sie ein. Doch auch
das kann die Not der Menschen nicht lindern - immer mehr planen, ins gelobte
Land Amerika auszuwandern. Das kann und will der ehrenhafte Schotte nicht
mit ansehen und so beschließt er, ein Darlehen aufzunehmen, Vieh zu kaufen,
es in eine große Stadt zu treiben und dort mit einem schönen Gewinn, der
den Dorfbewohnern zugute kommen soll, wieder an den Mann zu bringen.
Mit dieser Absicht sucht er nun den adligen Marquis of Montrose (John Hurt)
auf, welcher ihm letztlich auch die gewünschten 1000 schottischen Pfund
als Kredit gewährt - mit einem Zinssatz von 20 Prozent und dem Land der
MacGregors als Sicherheit.
#Seitenende
Das Schicksal tritt nun in Person des jungen Lebemannes Archibald Cunningham
(Tim Roth) auf den Plan. Dieser wurde von seiner Mutter nach Schottland in
die Obhut des Marquis of Montrose geschickt, um ihn von den Lastern und
Versuchungen Londons fernzuhalten. Cunningham ist ein eitler Pfau mit
parfümiertem Benehmen und zynisch-resignativer Einstellung zu Schottland,
der jedoch über außerordentliche Fechtkünste verfügt und in einem Duell den
besten Kämpfer eines anderen schottischen Adeligen, des Duke of Argyll
(Andrew Keir), ohne größere Kraftanstrengung besiegt. Aufgrund seiner
lockeren Lebensweise (einschließlich Verführung des Dienstmädchens) ist
Cunningham in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Da kommt ihm der
Plan von Killearn (Brian Cox), dem Faktotum und Verwalter am Hofe Montroses,
gerade recht. Dieser hat von Rob Roys Darlehen erfahren und einen
hinterhältigen Plan ausgeheckt, zu dessen Durchführung er jedoch einen
skrupellosen Komplizen benötigt. Diesen findet er im nur allzu
bereitwilligen Cunningham.
#Seitenende
Nach der Unterzeichnung des Kreditvertrages macht sich MacGregor auf den
Heimweg in sein Dorf. Er läßt seinen Freund McDonald (Eric Stoltz) bei
Killearn zurück, damit er den Kreditbrief nach Ausfertigung und
Unterzeichnung mitnehmen solle. Während im Dorfe MacGregors die
Vorbereitungen für ein Freudenfest getroffen werden, läßt Killearn den
immer nervöser und ungeduldiger werdenden McDonald bis zum Einbruch der
Dunkelheit warten. Dann eröffnet er ihm, daß Montrose nicht anwesend sei,
der Kreditbrief somit nicht unterzeichnet werden könne. Er könne McDonald
jedoch die 1000 Pfund in Münzen mitgeben. Da McDonald keine Alternative
sieht, willigt er ein und macht sich auf den Heimweg durch die Wälder
Schottlands. Hier beginnt nun der zweite Teil des Plans von Cunningham und
Killearn. Ersterer lauert dem treuen Freund McGregors auf und ermordet ihn
schließlich nach einer wilden Verfolgungsjagd zu Pferde. Nachdem er das
Geld an sich genommen hat, versenkt er McDonalds Leiche im See.
#Seitenende
Als Rob Roy bemerkt, daß etwas schiefgelaufen sein muß, macht er sich auf
den Weg zu Killearn, um sich über den Verbleib des Kredits und seines
Freundes zu informieren. Killearn erklärt ihm, McDonald habe auf der
Barzahlung bestanden - und darüberhinaus den ganzen Tag in einem
Flugblatt einer Reederei für Amerikafahrten gelesen. Doch Rob Roy will nicht
an den Verrat durch seinen Freund glauben. Eine umfangreiche Suche wird
eingeleitet, bleibt aber ohne Erfolg. Daraufhin macht sich MacGregor auf
den Weg zu Montrose, um über ein erneutes Darlehen zu verhandeln, mit dem
er dann die alten Schulden begleichen möchte. Doch Montrose weigert
sich. Er bietet Rob Roy jedoch die Möglichkeit eines kompletten
Schuldenerlasses an. Als Gegenleistung fordert er, daß Rob Roy und sein Clan
den Erzfeind Montroses, den Duke of Argyll, beim König anschwärzen und
fälschlicherweise behaupten solle, Argyll unterstütze einen Thronanspruch
der Stewarts. Das weist jedoch der in seiner Ehre verletzte Rob Roy
entrüstet zurück, woraufhin Montrose ihn in den Schuldturm werfen möchte.
Rob Roy gelingt allerdings die Flucht und er versteckt sich in den
Highlands. Seine Frau Mary (Jessica Lange) und seine beiden Kinder läßt er
zurück - in der Annahme, Montrose würde den Streit mit ihm und nur mit ihm
persönlich ausfechten wollen. Dem ist jedoch nicht so. Der Adelige
beauftragt Cunningham, für die Verhaftung Rob Roys zu sorgen und Furcht und
Schrecken im Land der MacGregors zu verbreiten. Cunningham fällt mit einer
kleinen Truppe Soldaten über das Haus MacGregors her, tötet dessen Vieh,
steckt das Anwesen an und vergewaltigt Roys Frau Mary. Diese nimmt die
Demütigung stolz und mit unterdrücktem Haß hin und weigert sich, ihrem Mann
davon zu erzählen, da sie zu Recht eine Falle Cunninghams, der auf eine aus
der verletzten Ehre resultierende Kurzschlußhandlung MacGregors hofft,
vermutet. Da Roy jedoch nicht davon erfährt, plant er vielmehr, den Marquis
längerfristig zu schaden und beauftragt seine Männer, das Vieh und das Geld
Montroses zu stehlen - der Konflikt beginnt zu eskalieren.

"Rob Roy" ist ein geradezu epischer Film. Die Kamera von Roger Deakins
und Karl Walter Lindenlaub fängt wunderschöne Bilder der schottischen
Highlands ein, die Filmmusik von Carter Burwell beschreitet relativ sicher
den schmalen Pfad zwischen stimmungsvoller Folklore und übertriebendem
Kitsch und die Akteure schauspielern, was das Zeug hält. Allen vorweg
natürlich Liam Neeson ("Schindlers Liste", "Nell"), der im Schotten-Kilt
einen durchaus authentischen Eindruck macht und sich in der erneuten Rolle
des moralisch integren Protagonisten sichtlich wohl fühlt, die Stirn in
vielsagende Falten wirft, die Augen treuherzig-entschlossen rollen läßt und
auch in der Niederlage hoch erhobenen Hauptes dasteht. Daß er dabei stets
recht gut rasiert ist (auf Dreitagesbartlänge) und auch gröbste Wunden
schon am nächsten Tag ohne jegliche Nachwirkungen verheilt sind (bis auf
gelegentlich einen obligatorischen - aber immer schneeweißen - Verband),
sind nur weitere Überzeichnungen einer Figur, die mythen- und ehrenhaft
den Film überstrahlen soll.

Ihm bezüglich charakterlich einwandfreier Darbietung steht Jessica Lange
("Wenn der Postmann zweimal klingelt", "Blue Sky") in nichts nach. Wenn man
sie erblickt, sieht man sofort die leidgeprüfte, aber dennoch gutherzige
und kämpferische Schottenlady, die man in ihr erblicken soll. Ihr Spiel
wirkt akzentuiert - oftmals sogar überakzentuiert - und als Mary von
Cunningham auf dem Küchentisch vergewaltigt wird, zeigt Lange, daß sie
nicht nur - wie im "Postmann" - lustvollen sondern auch leidvollen Sex
überzeugend darstellen kann. Dennoch wirkt auch ihr Charakter künstlich,
ins Lichtgleiche erhoben und größtenteils unglaubwürdig.
#Seitenende
Auf der anderen Seite der Macht stehen die Bösewichter Killearn, Cunningham
und Montrose. Erster wird von Brian Cox verkörpert, einem bisher
hauptsächlich in TV-Produktionen aktiv gewordenem Schauspieler. Seine
prinzipiell eher kleine Rolle spielt er mit recht überzeugendem
Opportunismus, verschlagener Bigotterie und einem unstillbaren Hang zum
eigenen Profit. Er ist der Flüsterer des Teufels, er bringt den bösen Plan
in die Welt, hat vor nichts und niemandem Respekt - auch nicht vor
Cunningham, den er zeitweise mit spöttischen Bemerkungen überzieht - und
man kauft Cox diese Rolle durchaus ab.

Weitaus mehr von der Kritik gelobt wurde jedoch die Darbietung Tim Roths
als Oberschurke Cunningham. Roth, der bisher hauptsächlich durch seine
Rollen in den Tarantino-Streifen "Reservoir Dogs" und besonders "Pulp
Fiction", bekannt wurde, wird eine genialistisch-teuflische Darbietung
bescheinigt. Und tatsächlich kann er in manchen Szenen an die großen
Bösewichter der Filmgeschichte erinnern. Das täuscht jedoch manchmal über
eine etwas eindimensionale und platte Figur, die er da verkörpert, hinweg.
Denn Cunnigham wird viel zu uneinheitlich dargestellt, als daß er nachhaltig
überzeugen könnte - einmal als intrigenspinnender Tausendsassa, ein andermal
als tölpelhafte Schwuchtel. Das wirkt allerhöchstens unglaubwürdig und
klischeehaft, ganz so, als habe man versucht, einen Vorzeigebösewicht
darzustellen. Roth bemüht sich, der Rolle Leben und Diabolität einzuhauchen,
es gelingt ihm jedoch nur gelegentlich.

Weitaus besser präsentiert sich Altmeister John Hurt ("Even Cowgirls get the
blues", "Alien"), der den Marquis of Montrose verkörpert. Er macht dies mit
einer akzentuierten, aber dennoch nicht überzeichnet wirkenden Blasiertheit,
die sein Intrigenspiel und seine Lust am wechselseitigen Ausspielen seiner
Mitmenschen gegeneinander glaubhaft erscheinen läßt. Bezeichnend der
irritierte und etwas indignierte Gesichtsausdruck, den Hurt aufsetzt, sobald
MacGregor in Montroses Gegenwart das Wort "Ehre" verwendet. Weit mehr
als Roth verkörpert Hurt den bösen Adeligen und zeigt auch mal wieder, daß
etwas weniger durchaus mehr sein kann.

Doch es liegt nicht primär an den Schauspielern, daß "Rob Roy" so
unglaubwürdig, so künstlich wirkt. Das Drehbuch und die Regie müssen sich
vorhalten lassen, einen mittelmäßigen Plot in einen mittelmäßigen Film
verwandelt zu haben. Stets um Authenzität und den Eindruck der
Bodenständigkeit heischend wird vor der Kamera uriniert, kopuliert und
Tierkot zur Feststellung des zeitlichen Abstandes zu den Tieren probiert.
Das wirkt jedoch meistens künstlich, unglaubwürdig und überflüssig - bis
auf die durchaus erwähnenswerte Szene zwischen Rob Roy und Mary, in der
ausnahmsweise mal die Frau dem Mann unter den Rock greift. Ansonsten sind
die Guten rundum gut und gutaussehend oder zumindest - wie der Duke of Argyll
- mit einem Charakterkopf ausgestattet, die Bösen als solche schon äußerlich
erkennbar und natürlich Freunde der englischen "Besatzer". Doch nicht nur
hier werden dem Kinobesucher zahllose altbekannte Klischees aufgetischt.
Auch der Plot bedient sich der typischen 08/15-Handlungsmuster - wie etwa
der enttäuschten, geschwängerten Bettgenossin, die sich dann - wer hätte es
geahnt ? - selbst tötet, der Ungewissheit, ob das kommende Kind aus der
ehelichen Verbindung oder der Vergewaltigung stammt und - um dem ganzen
die Krone aufzusetzen - dem abschließenden Schwertkampf Mann gegen Mann,
in dem zunächst offensichtlich der Schurke die besseren Karten hat
- bewährtes Heroenfinale von den drei Musketieren bis hin zu - in etwas
abgewandelter Form - Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise. Und auch
von der Aussage her darf Kritik angemeldet werden. Ein obskurer Begriff
der "Ehre", der es ehrenhaft erscheinen läßt, die Verwandten, die Frau und
die Kinder aufgrund eigener Unvorsichtigkeit und Naivität unkalkulierbaren
Gefahren auszusetzen, wird propagiert. Und dennoch erfaßt dieser Begriff
der "Ehre" nicht den Respekt vor anderem Leben, anderem Besitz und anderem
Stolz - von der Tötung eines alten Viehdiebs über die Demütigung eines
abgehalfterten Haudegens bis hin zur Entführung und kombinierten
Verurteilung und in bester Selbstjustiz verübten Hinrichtung des Bösewichts
Killearn. "Ehre" als undefinierbarer Eigensinn-Aufsatz, der da aufhört, wo
man töten und morden kann. Diese obskure Aussage wird mit fast martialischen
Phrasen MacGregors und Marys unterlegt und hat auch Ausdruck im Untertitel
des Films gefunden :

#C10
Honor made him a man.  Courage made him a hero.  History made him a Legend.
#C21

Macho läßt grüßen.

Alles in allem ist "Rob Roy" ein sehr mittelmäßiger Film, in dem fast
alles vorherzusehen ist und der seine positiven Punkte in prinzipiell
hochklassigen, hier aber nicht sonderlich überzeugenden Schauspielern,
hervorragend und stimmig gelungenen Kostümen, wunderbaren Landschaften und
teilweise sehr impressiver Musik hat. Ansonsten bietet er etwas über
2 Stunden altbekannter Film-Dramaturgie, eine krampfhaft bemühte,
zweifelhafte Aussage, ein paar extrem gewalttätige Szenen, die den
krampfhaft angestrebten Eindruck der Authenzität wohl verstärken sollten,
und die Erkenntnis, daß man einen Abend auch sinnvoller und schöner
verbringen kann. Regisseur Michael Caton-Jones, dessen bis dato eher kleines
Werk sich zwischen Filmen wie "Memphis Belle" und "Doc Hollywood" bewegt,
hat ein typisches 08/15-Epos um Liebe, Kitsch und den ewigen Kampf
zwischen Gut und Böse geschaffen, das letztendlich nicht unbedingt ein
Dokument für und über Schottland ist. Eher ein plattes Abbild, das sich
Hollywood vom Hochland und dessen Bewohnern gemacht hat (bezeichnenderweise
ist der Darsteller des schottischen Helden, Liam Neeson, gebürtiger Nordire).
Aber wie könnte es auch anders sein ?

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