#Titel Politik / Literatur / Die neue Logik...
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#C31
               Buchkritik :
    Die neue Logik der Weltwirtschaft
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#C10
                            von Kenichi Ohmae

#C21
Es gibt einen Unternehmenstypus, der auch und besonders in Rezessionszeiten
Hochkonjunktur hat. Nein, gemeint sind nicht Kaffeesatzleser sondern
Unternehmensberatungsagenturen. Die wohl bekannteste ist die weltweit
operierende McKinsey Company. Ihr japanischer "Managing Director", der
gelernte Atomphysiker Kenichi Ohmae, hat 1989 seine Gedanken zur
Globalisierung der Weltwirtschaft und zum "harten internationalen Wettbewerb
der Märkte" in einem Buch zusammengefaßt, das jetzt auch als deutsche
Übersetzung in der Wirtschafts-Reihe der Fischer Taschenbücher erschienen
ist. An und für sich basiert das gesamte Werk auf einer Artikelserie
Ohmaes für die Zeitschrift "Harvard Business Review", so daß der rote
Faden oftmals scheinbar verheddert und nur mühsam wiederzufinden ist. Hat
man sich jedoch an die prinzipielle Fragmentierung des Buches in die
insgesamt 12 Kapitel gewöhnt, ist es gut lesbar.

Ohmae rechnet ab. Mit alten - und seiner Auffassung nach überholten -
Wirtschaftstheorien, mit manchen Firmen und Managern, Wirtschaftspolitikern,
Statistiken und vielen anderen etablierten Akteuren und Institutionen des
Wirtschaftsgeschehens - und das nicht zu knapp.

#C10
Wenn das Buch dies leistet, dann werden Sie mit mir einer Meinung sein, daß
es an der Zeit ist, die Bürokraten an die Luft zu setzen.
#C21

Seine zentrale These bezieht sich auf das
Verschwinden von Ländergrenzen für international operierende Konzerne :

#C10
Begriffe wie Auslandsaktivitäten, -niederlassungen oder -töchter
verschwinden aus dem Sprachgebrauch. "Inland und Ausland" gibt es für die
Unternehmen nicht mehr.
#C21

Von dieser Überlegung ausgehend stellt er nun verschiedenen Konzern-
strategien vor, behandelt die Auswirkungen wirtschaftspolitischer
Interventionen und erläutert seine Argumente an Hand von Beispielen aus
seiner praktischen Erfahrung als Unternehmensberater.

Im ersten Kapitel schildert er das von ihm so genannte "strategische
Dreieck", dessen drei Hauptelemente - "Kunden, Wettbewerber und eigenes
Unternehmen" - bei der Entwicklung einer Strategie unbedingt berücksichtigt
werden müßten. Hinzu kämen die Einflüsse von Wechselkursschwankungen und
sämtliche staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen.
Und schon hier macht er ganz deutlich, daß er an Ländergrenzen orientierte
Begriffe für unpassend zur Beschreibung von Produkten und Entwicklungen
hält. Die Verzahnung von Zulieferern, Produzenten und Absatzmärkten ist
nach Ohmae so weit fortgeschritten, daß so manches "amerikanisches"
Produkt rein rechnerisch eher der japanischen Volkswirtschaft zuzuschreiben
ist und umgekehrt. Aus diesem Grund sieht er die mit wichtigste Aufgabe
der Regierungen darin, den Bürgern eines Landes freien Zugang zum Weltmarkt
zu ermöglichen.

Die Erfordernisse, die sich aus diesen Überlegungen für Unternehmensmanager
ergeben, stellt Ohmae im nächsten Kapitel dar. Nicht irgendwelche
Durchschnittsartikel nach einem wie auch immer gearteten internationalen
Minimalnenner sondern für alle Märkte spezifisch angepaßte Produkte seien
zur Nutzung der Möglichkeiten einer globalen Wirtschaft vonnöten. Daraus
ergibt sich natürlich, daß die Absatzmärkte nur gemäß der Produktakzeptanz
durch die Kunden definiert werden, das Unternehmen also nicht einfach
aus dem Drang nach Expansion heraus neue Märkte erschließen kann. Der Autor
macht sehr deutlich, daß seiner Meinung nach ein Unternehmen sich
zwangsläufig am Kundeninteresse orientieren müsse, da der "aufgeklärte
Verbraucher" über die Konkurrenzprodukte am Markt immer besser und
umfassender informiert sei. Er prangert die Unternehmen an, die nur Produkte
auf den Markt bringen, weil andere Unternehmen sie haben und die somit
einfach mit dem Strom schwimmen. Ohmae fordert die innovative und mutige
Suche nach Marktlücken, Verbesserungs- und Optimierungsmöglichkeiten.
Dies müsse - und das wird im dritten Kapitel erläutert - das oberste
Interesse eines Unternehmens sein und nicht etwa der "Kampf" gegen
Konkurrenten. Gegen eine derartige Einstellung, einfach von allem
"mehr" und "besseres" zu machen als Mitbewerber und so das Unternehmen
erfolgreich zu machen, argumentiert Ohmae auch im nächsten Kapitel. Dies
dürfe nur nach reichlicher Überlegung und Situationsanalyse die
Unternehmensstrategie sein - keinesfalls ein Patentrezept.

Mit der Forschung & Entwicklung beschäftigt sich der McKinsey-Mann im
fünften Kapitel. Hier sieht er einen emminent wichtigen Aspekt jedes
Unternehmens. Nicht nur quantitativ sondern vor allem auch qualitativ
müsse die F&E-Abteilung eine starke Stellung einnehmen. Ohmae empfiehlt
hier die "China-Mentalität", die Überzeugung, daß man selbst und kein
anderer hier und heute die Welt verändern kann (fühlt man sich da an einen
Steve Jobs oder eine Amiga Inc. erinnert ?) - durch ein tiefes Verständnis
der grundlegenden Zusammenhänge, der Ursachen für Erfolg oder Nichterfolg
neuer Produkte.

Die schon in den Kapiteln 2-4 beschriebene Notwendigkeit zur angepaßten
dezentralen Unternehmensentwicklung wird in den Kapiteln 6 und 7 erneut
unter den Aspekten der Unternehmensstruktur (das Verhältnis der
Konzernzentrale zu den "Auslands"-Niederlassungen) und der
Unternehmensexpansion (bringt ein Unternehmen die Voraussetzungen mit, auf
einem neuen Markt erfolgreich zu sein ?) behandelt. Gerade bei letzterem
Gesichtspunkt verweist Ohmae darauf, daß man derartige Vorhaben nicht von
heute auf morgen durchführen kann. Bildlich spricht er vom "Säen" und
- selbstverständlich stark zeitversetzt - vom "Ernten".

Kapitel 8 beschäftigt sich mit der Bedeutung von Unternehmensallianzen
für die globale Kooperation. Ohmae ist ein Anhänger von derartiger
Zusammenarbeit, da er in Beteiligungen, Allianzen und anderern
Formen der Kooperation einen guten, praktischen, schnellen und billigen
Weg sieht, die globalen Strategien des eigenen Unternehmens zu
verwirklichen. Allerdings verweist er auch darauf, daß es sehr schwer sei,
eine gute Allianz zu bilden. Neben der beiderseitigen Angst, ausgenutzt
zu werden, sieht er die Hauptbedrohung für länger andauernde
Kooperationen in nachlassendem Interesse, sich für diese Zusammenarbeit zu
engagieren. Dennoch "lohnen [Allianzen] die Mühe".

Das wohl beste Kapitel des Buches trägt die Nummer 9. In ihm erläutert
der Unternehmensberater, wie Statistiken entstehen und belegt damit einmal
mehr das berühmte - Churchill zugeschriebene - Wort von den Statistiken, die
man nur glauben sollte, wenn man sie selbst gefälscht hat. Zum Beispiel
führt er auf, wie sehr etwa die Sparquote zweier Länder allein durch
verschiedene statistiktechnische Verfahrensweisen drastisch
unterschiedlich ausfallen können. Zum Beispiel die Anrechnung der
Altersversorgung einmal - bei den USA - als Ersparnis des öffentlichen
Sektors und einmal - bei Japan - als Rücklage des privaten Sektors.
Ohmae weist eindringlich auf antizyklische Resultate von
wirtschaftspolitischen Entscheidungen hin, die aufgrund solcher nicht zu
vergleichender Statistiken erstellt wurden.

Eine Abrechnung mit Anhängern von den Wechselkurs instrumentalisierenden
Wirtschaftstheorien und Überzeugungen, daß Rohstoffe Garant und
Voraussetzung einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung seien, findet
sich in den Kapiteln 10 und 11. Ersteres sei aufgrund der Vernetzung der
Weltwirtschaft zum reinen va banque-Spiel geworden und letzteres z.B.
anhand der Entwicklung eines rohstoffreichen Landes wie Brasilien im
Vergleich zum rohstoffarmen Japan nachhaltig wiederlegt. Der Grad des
Zuganges der Bevölkerung zum Weltmarkt sei der einzige größere relevante
Faktor, der die wirtschaftliche Entwicklung beeinflußt.

Im letzten Kapitel zieht der Autor noch einmal ein Resümee, bekräftigt
seine Überzeugung, daß ein vernünftiges Unternehmen "mit ruhiger Hand"
expandieren und nicht gleich am nächsten Tag Gewinne und eine
führende Marktposition erwarten sollte. Gleichzeitig nimmt er auch die
Medien in die Pflicht, nicht mehr mit Emotionen nicht existente
Konflikte zum eigenen Nutzen zu erfinden, wie er es besonders bei der
amerikanischen Presse festzustellen glaubt.

Nach einem Nachwort, in dem Ohmae der Hoffnung, daß der freie, am
Kunden orientierte Handel gegenüber kurzsichtigen protektionistischen
Bestrebungen obsiegen wird, Ausdruck verleiht, findet man auch noch
die "Stuttgarter Erklärung" der McKinsey Company als Ergänzung zum Thema des
Buches abgedruckt.

Ein Fazit zu ziehen, fällt nicht gerade leicht. Einerseits versteht
Ohmae es durchaus, seine Sicht der Dinge überzeugend darzustellen. Auch
die vielen Beispiele aus der tatsächlichen Welt der Unternehmen sind
mehr als interessant (besonders der beheizte Klo-Sitz). Gleiches gilt
für das Kapitel über die Statistik. Andererseits ist auch bei dem
Japaner eine etwas eindimensionale Sicht der Dinge zu konstatieren. Aus
der Sicht eines Unternehmensberaters mag es zwar gut und richtig sein,
die Welt lediglich in Produzenten und Konsumenten zu unterteilen. Auch
ist jedem klar, daß der reine marktwirtschaftliche Prozeß letztendlich
allen zugute kommt (spätestens seit Adam Smith - obwohl Ohmae ja gerade
diesen für nicht sonderlich aktuell hält). Allerdings darf nicht
vergessen werden, daß ein - von Ohmae gefordertes - freies und von
staatlichen Eingriffen nicht gestörtes Wirtschaftsgeschehen für die
Menschen, die ja nicht nur Konsumenten sondern auch Arbeitnehmer sind,
erhebliche Belastungen - wie den Verlust der Arbeit, den Zwang zu ständiger
Weiterbildung und Umschulung - mit sich bringt. Daß hier ein moderner
Staat seine Bürger nicht im Regen stehen - und die Schwächeren im
Straßengraben liegen - lassen kann, dürfte wohl unumstritten sein. Und
daraus ergibt sich der Zwang, zumindest in geringen Maßen (z.B. als
Arbeitgeber) in den Wirtschaftsprozeß einzugreifen. Bis auf die "Stuttgarter
Erklärung" findet sich auch nirgendwo ein Wort zu der Gefahr, die durch
globale Kartelle der Wohlstandsmehrung droht. Hier kämpft Herr Ohmae auch
ein wenig einseitig orientiert. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, daß
das Buch ein überdurchschnittlich gutes Dokument eines Wirtschaftsfachmannes
ist, der nicht mehr primär den "freien und aufgeklärten Bürger", sondern
den "freien und aufgeklärten Verbraucher" sieht. Sicherlich informativ
und lesenswert. Aber keinesfalls als Evangelium zu betrachten. Darüber
hinaus muß man auch einige wahrhaft großartigen Erkenntnisse der
Unternehmensberatung über sich ergehen lassen. Wer hätte gedacht, daß nicht
alles, was für den einen gut ist, auch für andere ein Rezept sein kann ?
Wer sich davon, der Tatsache, daß Ohmae das Buch didaktisch wie einen
großen Vortrag - mit direkter Ansprache an den Leser in der Funktion eines
Unternehmensführers - aufgebaut hat und dem mit 24.90 DM doch sehr hohen
Preis nicht abschrecken läßt, kann das Buch guten Gewissens kaufen. Für die
anderen gilt : AmigaGadget lesen.
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