#Titel Forum / Nachlese Computerbörse Marbach #Logo gadget17:pinsel/AG.Forum #Font Losse 16 #C31 Computerbörse Marbach '94 #Font topaz 8 #C21 Was gibt es besseres für einen frisch "Dazugezogenen", um die Computerszene der neuen Heimat kennenzulernen, als den Besuch einer kleinen, gemütlichen Computerbörse ? Nichts. Sollte man meinen. Nach der ersten - noch studienarmen - Woche in der Universitätsstadt Marburg konnte ich es nicht lassen, die durch zahlreiche Plakate angekündigte Computerbörse im Stadtteil Marbach am 23.10.1994 zu besuchen. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch kam ich am Ort des Spektakels, dem Bürgerhaus Marbach, an. Die erste Überraschung erwartete mich an der Kasse. Dies war nicht die Tatsache, daß der Eintrittspreis - Studentenermäßigung - für eine Halle mit insgesamt nicht einmal einem Dutzend "Stände" 4 DM betrug. Es war die Ankündigung des Manns hinter der Kasse, daß man beim Verlassen der Halle nur wieder mit Stempel reinkäme - "Discoprinzip", wie er sich ausdrückte. Warum er bei dieser Sachlage jedoch Eintrittskarten verteilte, bleibt wohl für immer ein Rätsel der Organisatoren : beim Reinkommen bringt sie einem nichts und bein Verlassen und Wiederbetreten hat ja nur der Stempel Gültigkeit. Der gesunde Menschenverstand scheint mal wieder Urlaub gemacht zu haben. Nächste Überraschung - wenngleich ich es natürlich befürchtet hatte : die Ankündigung "Alles für IBM, Amiga, Atari, MAC, C64" bedeutete in der Wirklichkeit "Alles für IBM". Der absolute Renner waren CD-ROMs. Für DOSen. Spiele, FD-Sammlungen und Unmengen Erotik-CDs. Wer's nötig hat. Dann ein paar Soundkarten, kleinere DOSen-Hardware und jede Menge Spiele - gebraucht und neu und natürlich für DOSen. Ein paar Nintendo-Games gab's auch. An zwei Ständen wurden auch kräftig DOSen-FD-Disketten verscherbelt. Den legendären (und nicht funktionierenden) Amiga-Emulator konnte ich jedoch nicht finden. Das beste kommt aber noch. Im vorderen Teil der Halle direkt gegenüber dem Eingang befand sich ein größerer Stand - zum Quadrat aneinandergestellte Bänke. Auf ihnen breiteten sich Unmengen in Plastikhüllen eingeschweißte und mit kopierten Covers versehene Disketten aus. Der Leser wird es schon ahnen : 9.95 DM-"FD"s ! Und hiervon gab es nicht nur C64 und MS-DOS-Disketten, sondern auch eine ganze Reihe Amiga-Programme. Wahnsinnig heiße Neuigkeiten wie etwa das Uralt-Spiel "Blizzard" - und natürlich eine ganze Reihe Werbespiele. Alles zum Vorzugspreis von "nur" 9.95 DM. Bis auf Pakete mit mehreren Disketten, die dann natürlich gleich mit 19 oder 29 DM zu Buche schlugen. Nun ja, immerhin gab es was für den Amiga und so konnte ich mir die Gelegenheit, ein bißchen Promotion fürs Gadget zu machen, nicht entgehen lassen. Der Verkäufer war jedoch gerade dabei, sein sowieso schon eklatantes Übergewicht durch die Vernichtung (das Wort "Verzehr" würde hier nicht passen) einer Pizza zu vergrößern. Höflich, wie man nun mal ist, wartete ich also solange, bis er fertig war und drückte ihm dann das AmigaGadget 16 mit den Worten "Ein kleines Promotion-Geschenk. Nur um zu zeigen, das PD auch billiger als 9.95 DM sein kann." in die Hand und wollte mich anderen Dingen zuwenden. Doch da hatte ich die Rechnung ohne den Verkäufer gemacht. Er winkte mich an seinen Stand und meinte - wörtlich : "Das war wohl die dümmste Bemerkung, die ich seit langem gehört habe.", gab mir das Gadget zurück und fügte hinzu : "Es gibt ein paar Möglichkeiten, sich zum Idiot zu machen. Das war eine." Ob dieser freudigen Annahme meines Geschenks (hätte ich vielleicht 19.95 DM verlangen sollen ?) überrascht, entgegnete ich : "Entschuldigung, aber ich kenne mich auf dem Bereich zufällig aus. 9.95 DM ist für frei kopierbare Software viel zu hoch. Außerdem haben viele dieser Programme sogar eine Preisbindung." Das war wohl zu beleidigend. "Jetzt paß mal auf, ich kenne mich auch aus. Du hast gar keine Ahnung, was es bedeutet, sowas hier auf die Beine zu stellen. Standmiete und so." Obwohl er da sogar Recht hatte - mit dem Verkauf gnadenlos überteuerter, veralteter FD-Software und Beleidigung der Kunden habe ich tatsächlich keinerlei Erfahrung - konnte ich mir doch eine weitere Bemerkung nicht verkneifen. "Ich kenne einige FD-Händler und die kommen mit 3-4 DM blendend hin." Da ich mich ganz offensichtlich im Ton vergriffen hatte, Sachlichkeit kann ganz schön provozierend sein, kam jetzt das dicke Ende. "Noch zwei solcher Bemerkungen, und ich schmeiß' Dich eigenhändig raus." Nachdem somit auch die Besitzverhältnisse des Bürgerhauses Marbach geklärt waren, blieb mir nur noch der Hinweis : "Danke, ich gehe selbst." und das Verlassen der Halle nach ganzen 15 Minuten (macht einen Stundenpreis von 16 DM - da wird so manches Kino blaß). Man hört ja immer so einiges, aber bis dato hatte ich mir nicht vorstellen können, mit welcher Ignoranz und Unempfänglichkeit für Argumente manche "Leute" behaftet sein können. Ich bin ja immer sehr zurückhaltend mit Negativkritiken, aber was ich bei dieser Computerbörse erlebt habe, zählt mit zu dem Lächerlichsten, was mir bis dato so untergekommen ist. Wer's immer noch nicht weiß : für 9.95 DM pro FD-Disk gibt es keine Rechtfertigung. In zwei Wochen werde ich wieder auf dem Stand eines hier nicht näher zu nennenden Computerclubs im Rahmen der Kölner Messe mithelfen, FD-Disks für unter 2.- DM an den Mann zu bringen. Wer will, kann aber gerne 9.95 DM zahlen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...... Bleibt als Fazit festzuhalten, daß jeder, der ein oder zwei Stunden an einem Sonntag Nachmittag Zeit und vier Deutsche Mark in der Tasche hat, bestens damit beraten ist, zusammen mit Freund/Freundin (je nachdem) einen kleinen Spaziergang zu machen und einen Kaffee zu schlürfen. Auch - und gerade wenn im Marbacher Bürgerhaus eine Computerbörse stattfindet. #Pinsel gadget17:pinsel/An rechts #C10 Nachtrag : der "PD"-"Mensch" war übrigens auch in Köln - mit denselben Preisen.....