#Titel Politik / Kommt die Dritte Welt zu kurz ? #Logo gadget16:pinsel/AG.Politik #Font topaz 8 #C31 Wettbewerbsbeitrag zum 35. Schülerwettbewerb zum Thema "Kommt die Dritte Welt zu kurz ?" #C10 von Jochen Himpel und Andreas Neumann #C21 Der Zustand des Patienten "Dritte Welt" ist nicht mehr kritisch, zumindest wenn man der von Jugoslawien-Krise, GUS-Zerfall und innenpolitischen Problemen dominierten Berichterstattung der Medien Glauben schenkt. Hat also die jahrzehntelange finanzielle Unterstützung durch die Industrienationen Früchte getragen ? Oder sollte die oberflächliche Diagnose täuschen, kommt die "Dritte Welt" gar immer noch zu kurz ? #Seitenende #C31 I. Definition und Differenzierung #C21 Der fälschlicherweise, da auf der nicht mehr vorhandenen Existenz des Dualismusses westlicher kapitalistischer und östlicher sozialistischer Staaten basierende, oft gebrauchte Begriff "Dritte Welt" wird der Vielschichtigkeit der beschriebenen Länder und der Komplexität der Strukturen und Merkmale, die dort existieren, in keinster Weise gerecht. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, zumindest ansatzweise dieser Disparität Rechnung zu tragen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird der Begriff "Entwicklungsland" (EL) als Ausdruck nicht entwickelter wirtschaftlicher Strukturen wertfrei verwendet werden. Eine Möglichkeit, die LDC-Länder (Less Developed Countries) zu unterscheiden ist eine Bewertung nach den Kriterien des Bruttosozialprodukts (BSP) pro Kopf, des Anteils des sekundären Sektors (Industrieproduktion) sowie des Anteils der Analphabeten. Es gilt hier besonders zwei Untergruppierungen zu erwähnen. 1.) Die LLDC-Länder (Least Developed Countries) : Sie haben ein niedriges Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (unter 370 US-Dollar), der Anteil der industriellen Produktion liegt unter 10% und weniger als 20% der Bevölkerung können lesen oder schreiben. Die meisten dieser Länder liegen im Bereich der nördlichen Wendekreiswüsten (Sahel) oder sie wurden durch Bürgerkrieg (Afghanistan) oder Mißwirtschaft (Tansania) noch weiter ins ökonomische Abseits gestürzt. 2.) Die MSAC (Most Seriously Affected Countries)-Länder : Sie waren oft von den Preissteigerungen für Rohstoffe (Öl),Nahrungsmittel und Industriegüter besonders betroffen. Unter ihnen sind auch viele bevölkerungsreiche Staaten wie Indien oder Pakistan. Eine Überschneidung mit der Definition der LLDC-Länder ist in 25 Fällen gegeben. Andere Ländergruppen wie z.B. die OPEC-Länder, die noch nicht zum Kreis der Industrienationen zählen, sollen, basierend auf dem Weltentwicklungsbericht der Weltbank nun dargestellt werden. Überschneidungen mit den beiden zuerstgenannten Gruppen sind durchaus möglich. Der Weltbankbericht sieht jedoch das BSP pro Kopf als maßgebliche Determinante der Entwicklung an und geht kaum auf Ursachen und zukunftsweisende Indikatoren wie Bildungsniveau oder Infrastruktur ein. Er stellt aber "eine brauchbare Klassifizierung" nach wirtschaftlichen Kriterien dar. Die ökonomisch leistungsschwächste Gruppe sind die "Länder mit niedrigem Einkommen" (BSP pro Kopf bis 600 US-Dollar), z.B. VR China, Indien, Äthiopien, Zaire, Sudan, Tansania. Die "Länder mit mittlerem Einkommen" werden in eine untere Einkommenskategorie (zwischen 600 und 2400 US-Dollar) eingeteilt (z.B. Ägypten, Argentinien, Mongolei oder Polen). Zu den Ländern der oberen Einkommenskategorie (BSP pro Kopf 2400-6000 US-Dollar) werden Brasilien, Südafrika aber auch Ungarn, Portugal und Griechenland gerechnet. Die dritte Gruppe der Entwicklungsländer (ELs) bilden die "Länder mit hohem Einkommen". Eine direkte Klassifikation gibt es hier nicht, jedoch gehören ihr zwei wichtige Gruppen von Ländern an, nämlich die OPEC und die Schwellenländer. Letztere befinden sich auf "der Schwelle" zum Industrieland. Dieser Gruppe gehören aber auch teilweise Staaten mit mittlerem Einkommen der oberen Einkommenskategorie an. Sie konnten durch konsequente Exportförderung (Aufbau von Industrien und Fertigwarenexport in die Industrieländer) und restriktive Geldpolitik hohe Leistungsbilanzüberschüsse erzielen. Diese wurden zum Ausbau der Infrastruktur und Begleichung der Auslandsschulden verwendet. Das wohl erfolgreichste Beispiel ist Japan, das bis in die 60er-Jahre hinein als EL galt. Heute gelten Länder wie Südkorea und Taiwan im Ansatz, aber auch Thailand und Malaysia als Schwellenländer. Kennzeichnend ist neben dem hohen Leistungsbilanzüberschuß eine langsame Angleichung an die Industrieländer auch in Bezug auf die Reallöhne, politischen Rechte und Bevölkerungsentwicklung. Die OPEC-Länder bilden keineswegs eine homogene Gruppe. Auch hier gibt es "Reiche" (Saudi-Arabien, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate) und "Arme" (Indonesien, Equador). Gemeinsam ist ihnen jedoch das Problem der mehr oder minder großen Abhängigkeit von den Ölpreisen. Nun waren die 80er jedoch ein Jahrzehnt mit meist niedrigen Ölpreisen, was sich zu einem umso größeren Problem auswuchs aufgrund der Tatsache, daß sich in den 70er Jahren viele Staaten im Vertrauen auf weiterhin hohe Einnahmen durch Erdöl stark verschuldet hatten (z.B.Venezuela) und nun in eine Verschuldungskrise mit sinkendem Volkseinkommen trotz steigender Produktion schlitterten. Da die Kredite, im Gegensatz zu vielen Schwellenländern, nicht für Investitions- sondern für Konsumzwecke aufgenommen wurden, fehlt eine leistungsfähige Industrie. Was die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung betrifft, so ist sie in den Schwellenländern meist positiv, in den OPEC-Ländern uneinheitlich, aber in Ländern mit niedrigem Einkommen oft bedrohlich (Ausnahmen : China, Indien, Indonesien mit teilweise hohem Wirtschaftswachstum (z.B. China 1991 : +12,6%)). Die anderen, meist in Schwarzafrika gelegenen Staaten haben neben der Verschuldung, der oft schlechten natürlichen Bedingungen, Bürgerkriegswirren und Willkürherrschaft das Problem des ungehemmten Bevölkerungswachstums, woraus im Verbund mit der wirtschaftlichen Stagnation ein Rückgang des durchschnittlichen realen Pro-Kopf-Einkommens resultiert (1980-1990 : 20%). Bleibt noch zu erwähnen, daß die ehemaligen RGW-Staaten (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) Osteuropas nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme und der darauffolgenden marktwirtschaftlichen Reform einen starken, meist zweistelligen, Rückgang des Volkeinkommens und ein dramatisches Ansteigen der Arbeitslosigkeit und der Inflation verzeichnen. Teilweise sind sie den Entwicklungsländern zuzurechnen (Rumänien, Albanien) oder weisen doch zumindest in einigen Teilbereichen die gleichen Probleme und Strukturen auf (ehemalige UdSSR, Polen). Die meisten sind unter den Aspekten der Wirtschaftskraft und des Volkseinkommens (teilweise auch des Bildungsstandes) vergleichbar mit fortgeschrittenen Entwicklungsländern. Neben einer wirtschaftlichen Differenzierung, die die Probleme der Länder jedoch am deutlichsten zeigt, ist aber auch eine Unterscheidung nach politischen oder geographischen Gesichtspunkten sinnvoll. Die lateinamerikanischen Länder werden durch einen großen Einfluß der USA gekennzeichnet. Besonders deutlich wurde dies im "Hinterhof der USA", in Mittelamerika, wo große US-Konzerne (z.B. United Fruit Company) maßgeblichen Einfluß auf lokale Regierungen ausüben. In abgeschwächter Form existiert dieser Einfluß in wirtschaftlicher Hinsicht noch bis heute z.B. in Form einer einseitigen Ausrichtung auf Monokulturen für den US-Markt. Militärisch und politisch sind die USA die dominierende Macht in Mittel- und weitgehend auch in Südamerika. Linksrevolutionäre Bewegungen waren kaum erfolgreich. Politische Organisation der amerikanischen Staaten ist die OAS, der allerdings auch die USA angehören. Die Mitgliedschaft in der OAS war das Haupthindernis für den Beitritt der amerikanischen Staaten zur Bewegung der Blockfreien, da die Mitgliedstaaten (gemäß der Monroe-Doktrin : "Amerika den Amerikanern") zu gegenseitigen Beistand bei Angriff einer fremden Macht auf die amerikanische Hemisphäre verpflichtet sind. Bündnisse ohne die USA blieben zweitrangig. In wirtschaftlicher Hinsicht scheint die Krise der 70er und 80er Jahre mit anhaltender Wachstumsschwäche und Nettokapitalabfluß, durch die ein Land wie Argentinien, das in den 60er Jahren zu den fünf größten Volkswirtschaften der Welt zählte, heute nur noch auf Platz 30 zu finden ist, in den 90er Jahren entschärft zu sein. Die Stabilisierungspolitik der letzten Jahre mit Stimulierung der privaten Initiative, finanzpolitischer Disziplin, Dezentralisierung, Förderung der privaten Ersparnisbildung und Senkung der Nettokreditaufnahme im Ausland auf nahezu Null war erfolgreich. Ein vorsichtiger Optimismus scheint angebracht. Wenden wir uns nun dem afrikanische Kontinent zu. Als politische Organisation besteht die "Organisation für Afrikanische Einheit" OAU, der außer Südafrika alle afrikanischen Staaten angehören. Einheit besteht hier jedoch meist nur in wenigen Fragen (z.B. Entkolonialisierung, Kampf gegen Rassendiskriminierung), so daß es nicht verwunderlich ist, daß sich einzelne Staaten untereinander verbanden oder sich an außerafrikanische Mächte anlehnten. Die nördlichen, arabisch geprägten Staaten gehören der Arabischen Liga an, die auch eine Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen vorsieht. Andere regionale Bündnisse blieben meist von untergeordneter Bedeutung (z.B. CEPGL). In Afrika werden noch die Einflüsse der früheren Kolonialherren deutlich. Frankreich hat sich unter seinen ehemaligen Kolonien, die auch heute noch Französisch als Amtssprache verwenden, einen großen Einfluß gesichert, den es mit wirtschaftlichen (Garantie des CFA-Francs in einigen westafrikanischen Ländern), politischen und militärischen Mitteln (Stationierung von Truppen, die wie im Fall des Tschad auch in Kämpfen eingesetzt werden) zu halten versucht. Für die andere große Kolonialmacht, Großbritannien, bleibt nur das Commonwealth, ein, wenn auch schwaches, Mittel politischen Einflusses. Jedoch hat die englische Sprache eine eher noch wachsende Bedeutung in Afrika. Die Sowjetunion hat es verstanden, ihren Einfluß in Afrika bis in die 80er Jahre hinein zu vergrößern. Sie unterstützte - oft mit Hilfe kubanischer Truppen - ihr freundlich gesinnte "sozialistische Regime". Diese Hilfe war meist militärischer Art. Die Eckpfeiler im sowjetischen System waren Äthiopien sowie die (bis 1975 portugiesischen) Länder Angola und Mozambique. In ihnen fanden auch die blutigsten Stellvertreterkriege im globalen Ringen mit den USA statt. Die Rolle der USA blieb relativ schwach. Man beschränkte sich meist auf finanzielle Hilfe und überließ das weitere Frankreich und Südafrika, die quasi Statthalter für die USA in Bezug auf die Abwehr der Sowjetunion waren. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts scheint sich auch eine Beendigung der Stellvertreterkriege abzuzeichnen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob diese Kriege nicht ein gewisses Eigenleben entwickelt haben. Insgesamt scheint eine Demokratisierungswelle über Afrika hinwegzurollen. Viele Staaten wurden von ihr erfaßt und sind auf dem Weg in eine demokratische Zukunft. Inwieweit das westliche Demokratiemodell jedoch mit der afrikanischen Wirklichkeit zu verbinden ist, sei dahingestellt. Tatsache ist, daß sich jetzt auch in Südafrika ein Ende der Apartheid abzeichnet. Die wirtschaftliche Lage der afrikanischen Staaten ist fast durchwegs schlecht, Hungersnöte bedrohen das Leben von Millionen Menschen. Die Ursache hierfür ist oft der Krieg, der potentiell so reiche Länder wie Angola oder Mozambique an den Rand des Abgrunds geführt hat. Die vier ärmsten Staaten der Erde liegen in Afrika (Tansania, Somalia, Äthiopien, Mozambique (BSP pro Kopf : 80 US-Dollar)). Der einzige Industriestaat des Kontinents ist Südafrika. In Asien sieht sich der Beobachter einer sehr komplexen Situation gegenüber. Sie kann hier aus Platzgründen jedoch nur oberflächlich gestreift werden. In Asien prallten die Interessen der Weltmächte UdSSR und USA, aufeinander. Dabei versuchten die Vereinigten Staaten, einen Gürtel von alliierten Staaten um die UdSSR und ihre Verbündete zu legen (CENTO). Eine steigende Bedeutung kam der VR China zu, die schon als dritte Weltmacht klassifiziert wurde. Indien hingegen versteht sich vor allem als regionale Großmacht, wie auch der Iran und Vietnam. In wirtschaftlicher Hinsicht stehen die Ölförderländer sehr gut da. Positiv ist die Lage in den sogenannten Schwellenländern Südostasiens, die seit Jahren hohe Wachstumsraten aufweisen. Hohe Zuwächse verzeichnen auch Indien und China. Viele Länder Asiens leiden unter einer Überbevölkerung, z.B. Bangladesch, das mit 120 Millionen Einwohnern eine Bevölkerungsdichte von 750 Einwohnern/qkm aufweist. Fehlende Industrie und die Erwartung immer neuer Naturkatastrophen (besonders Überschwemmungen) verschärfen die Situation erheblich. #Seitenende #C31 II. Erläuterung anhand zweier Beispiele #C21 Im Folgenden sollen die spezifischen Probleme der lateinamerikanischen und der afrikanischen Entwicklungsländern anhand jeweils eines Beispiel differenzierter dargestellt werden. #C31 II.a) Sudan #C21 Die Situation eines ELs der durch Hungerkatastrophen großen Ausmaßes berüchtigten Sahel-Zone soll hier am Beispiel des Sudan beschrieben werden. Unter dem Begriff Sahel-Zone wird ein Raum bestimmter ökologischer Merkmale verstanden - eine Übergangszone zwischen Wüste und tropischen Gebieten südlich der Sahara. Sie umfaßt über siebenmal die Größe Frankreichs und ist nicht auf einen bestimmten Staat festgelegt. So existieren Sahel-Gebiete zum Beispiel in Mali, Mauretanien, Niger, dem Tschad, Äthiopien und eben dem Sudan. Dieser verkörpert viele für ELs Afrikas typische Merkmale und Entwicklungen. Die 1954 von Großbritannien aufgegebene Kolonie erlangt am 1.1.1956 schon relativ früh ihre Unabhängigkeit, wenngleich sie in ihren Anfangsjahren als Nation Besitzansprüchen seitens Ägyptens ausgesetzt ist. Dadurch und durch die ethnischen Gegensätze der Araber im Norden und der Schwarzen im Süden ist das Land schon früh politisch labil, was 1958 bereits zu einer Militärregierung führt. Auch eine kurze Zeit der Demokratie Mitte der 80er Jahre wird durch einen Militärputsch 1989 beendet. Folter und Menschenrechtsverletzung sind im Sudan auch heute noch Mittel des politischen Systems. Die Regierung unter General al Bashir machte schließlich 1991 das islamische Recht, die Scharia, zur Grundlage der Legislative. Gegen die Militär-Regierung formiert sich der Widerstand in der militanten Bewegung Sudans People Liberation Army (SPLA). Sie liefert sich zahlreiche blutige Gefechte mit den Regierungstruppen und war auch an einigen Putschversuchen beteiligt. Die islamische Ausrichtung des Sudans nach dem Vorbild des Iran wird darin deutlich, daß neben Einheiten der libyschen Luftwaffe 18000 iranische Soldaten das Regime im Bürgerkrieg unterstützen. Die wirtschaftliche Situation ist schlecht, jedoch nicht gänzlich hoffnungslos. So ist das BSP pro Kopf mit 420 US-$ (1989) dreimal so hoch wie in Somalia und mit das höchste der ELs Afrikas. Das wirtschaftliche Wachstum hingegen tendiert gegen Null, wobei die Inflation im Jahresdurchschnitt 1980-88 33,5% betrug. Die Auslandsverschuldung ist mit etwa 15 Milliarden (Mrd.) Dollar weitaus höher als das BSP des 25-Millionen-Einwohner-Staates, was durch eine negative Handelsbilanz verschärft wird. Der Sudan ist gezwungen, Nahrungsmittel zu importieren, was ungefähr ein Zehntel seines Gesamtimports ausmacht. Der Export beschränkt sich fast ausschließlich auf landwirtschaftliche Produkte, wie Erdnüsse und Sesam. Der Einfluß der früheren britischen Kolonialherrschaft, die den Sudan in ihre Kap-Kairo-Linie einreihte, wird in der Bedeutung des Exportgutes Baumwolle deutlich, das auch heute noch fast 50% des gesamten Wertes der Warenausfuhr des Sudan ausmacht. Wirtschaftlich gesehen ist der Sudan also immer noch in den Strukturen gefangen, die von den britischen Kolonialherren zur Befriedigung der Wünsche im Mutterland, in diesem Falle besonders der Textilindustrie, errichtet wurden. So ist auch der Anteil der in der Industrie Beschäftigten verhältnismäßig gering. Nur jeder Zehnte erwerbstätige Sudanese ist im sekundären Wirtschaftssektor tätig, wohingegen fast drei Viertel der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiten. Die sozialen Bedingungen im Sudan sind allenfalls Durchschnitt im Vergleich zu den anderen Entwicklungsstaaten Afrikas. Die Säuglingssterblichkeit bewegt sich um die 11%, die Schulbildung erreicht gerade mal die Hälfte aller Kinder und die Lebenserwartung beträgt nur 50 Jahre. Die Probleme des Sudan, die ihn zu einem stark durch Hungersnöte gefährdeten Land machen, hängen eng mit der Desertifikation zusammen. Das labile Ökosystem der Sahel-Zone wird derart zerstört, daß es sich nicht durch eigene Kraft regenerieren kann. Das Land wird zur Wüste. Lange Zeit schob man die Schuld an diesem Vorgang rein klimatischen Rahmenbedingungen, der seit 1966 andauernden Dürrephase, zu. Im Zuge genauerer Forschungen nach der Dürrekatastrophe 1969-73 stellte die UNO-Weltkonferenz über die Desertifikation 1977 jedoch fest, daß diese Wüstengebiete "man-made desert" sind. Die Methoden, nach denen das Land genutzt wird, entsprechen nicht mehr den natürlichen Bedingungen. Dies ist vielschichtig bedingt. Zum einen wurde der Ackerbau kontinuierlich weiter nach Norden in die Randgebiete der Shara hinein verschoben. Dies war aufgrund der Feuchtphase der 50er und frühen 60er Jahre möglich, hat jedoch in der Zeit der Dürre verheerende Folgen. Die nun seßhaften Bauern sind darauf angewiesen, mit allen Mitteln genügend Land zur Selbstversorgung zu bebauen. Dazu werden immer größere Flächen gerodet, worunter die natürliche Pflanzendecke stark zu leiden hat. Die Brachezeiten werden immer mehr verkürzt. Der daraus folgende sinkende Ertrag der Böden wird durch Verstärkung obiger Maßnahmen zu kompensieren versucht, was in einem Kreislauf mündet, der die natürlichen Grundlagen des Ökosystems ausbeutet. Dies leistet der Desertifikation Vorschub und wird durch den enormen Holzverbrauch der Sudanesen verstärkt. Die Bauern müssen schließlich von ihren verödeten Anwesen abziehen, um in der Stadt dem Hungertod zu entkommen, was mit zu der für Entiwcklungsländern typischen Verstädterung führt. Der Grund für dieses Dilemma der Bauern liegt in dem starken Bevölkerungsdruck der rasch wachsenden sudanesischen Bevölkerung, die immer mehr Nahrungsmittel für immer mehr Bewohner benötigt. Anders die Nomaden, die aufgrund ihre rMobilität auf den ersten Blick nicht viel mit der Desertifkation zu tun haben. Betrachtet man jedoch die stark gewachsenen Herden, so erkennt man ihre Mitverantwortung am Voranschreiten der Wüste. Die intensive Beweidung der Tiere, oft verstärkt durch neue Brunnen, meist Tiefbrunnen, führt letztlich zur Überweidung einzelner Gebiete, zur Zerstörung der Grasnarbe durch die Tiere. Im traditionellen System des Fernweidens waren diese Auswirkungen nur gering, durch Entwicklungen der Gegenwart haben sie aber an Intensität und Gefährlichkeit gewonnen. So führte zum einen der Wunsch der Nomaden nach gesicherter Trinkwasserversorgung, sanitären Einrichtungen, etc., aber auch Maßnahmen staatlicher Seite, die in den mobilen und meist auch bewaffneten Nomaden einen ständigen Unruhefaktor sah und diesen zu beseitigen wünschte, zu einer zunehmenden Seßhaftigkeit zahlreicher Nomaden in diesem Jahrhundert. Dies hatte letzlich verheerende Folgen in Bezug auf die Überweidung. Die durch die Desertifikation entstandene Unterernährung nimmt zunehmend erschreckendere Ausmaße an. So verhungerten in den Hungerjahren 1984/85 eine Viertelmillionen Menschen innerhalb einer Vierteljahres. Dies scheint angesichts zahlreicher, nach den ersten Katastrophen 1969-1973 begonnener Hilfmaßnahmen unverständlich. Diese waren jedoch unzureichend und oft auch fehlerhaft. Verschiedene Entwicklungshilfeprojekte verschiedener Staaten arbeiteten oft nicht mit-, sondern gegeneinander. Viele Entwicklungsprojekte kamen über Probestadien nicht hinaus, wurden nur getestet und dann nicht in großem Umfang angewendet. Spektakuläre kurzfristige Maßnahmen wurden strategischen, auf lange Dauer ausgerichteten vorgezogen. So führten Tiefbrunnen zwar zunächst zu einer verbesserten Bewässerung im Umfeld. Die daraus folgende zusätzlich Beweidung und landwirtschaftliche Nutzung überforderte jedoch oftmals das Ökosystem. Die Desertifikation konnte einsetzen. Gleiches gilt für zwei Millionen Hektar Savannenwald, die der Sudan in Zusammenarbeit mit der Weltbank roden ließ, um dort kontrollierten Regenfeldbau zu betreiben. Auch hier beutete man die Natur derart aus, daß diese schließlich verödete. #Seitenende #C31 II.b) Brasilien #C21 Die Schuldenkrise vieler Länder der "Dritten Welt" nimmt immer dramatischere Formen an. Bis 1991 haben sie einen Schuldenberg von über 1.3 Billionen US-Dollar angehäuft. Um die Entwicklung, die für viele ELs exemplarisch ist, an einem Beispiel zu belegen, haben wir Brasilien ausgewählt. Brasilien leidet heute unter einer Stagflation, d.h. einer hohen Inflation im Verbund mit einer Stagnation des realen BSPs (1991 : -7.6%). Es wurden in den 80er Jahren hektische Stabilisierungsversuche unternommen, unter anderem vier Währungsreformen. Die Schuldenlast konnte vom Rekordstand im Jahre 1987 (123.6 Mrd. US-Dollar) auf 113.8 Mrd. im Jahre 1990 gedrückt werden. Erstaunlich scheint, daß in der Handelsbilanz ein konstantes Plus zwischen 10 und 16 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet wird. Das BSP von 328.9 Mrd. US-Dollar ist größer als das Kanadas. Umgerechnet bedeutet das 2280 US-Dollar pro Kopf. Brasilien ist damit wirtschaftlich potenter als alle anderen südamerikanischen Länder. Zunächst schien Brasilien auf dem besten Weg zur Industrienation, denn 1968-73 betrug das durchschnittliche Wirtschaftswachstum 11%. Der Ölpreisschock von 1973 führte zu einer Ausweitung des Handelsbilanzdefizites auf 4.8 Mrd. Dollar und zum Anwachsen der Schuldenlast von 1972 10 Mrd. US-Dollar auf 1981 64 Mrd. US-Dollar. Der Zustrom ausländischen Kaptials machte eine Anpassung an die neuen Umstände unnötig. Stattdessen wurde versucht, das Wachstums- und Konsumniveau aufrecht zu erhalten (die Konsumquote wuchs sogar auf 80% an). Das durchschnittliche durch Auslandskapital ermöglichte Wachstum des BSPs bis 1980 betrug 8%, aber auch die Reallöhne und das Leistungsbilanzdefizit erhöhten sich. Es war de facto eine Förderung der Binnenwirtschaft auf Kosten der Exportwirtschaft. Die Expansion der Staatsausgaben, verstärkt durch die Notwendigkeit, die anfallenden Zinsen zu begleichen, führte in eine schwere Haushaltskrise. Im Gegensatz zu den Zeiten des internationalen Kreditbooms in den 70er Jahren konnte nun nämlich das Leistungsbilanzdefizit, das 1982 16.3 Mrd. Dollar betrug, nicht mehr finanziert werden, da international eine Kreditkontraktion einsetzte. Das Leistungsbilanzdefizit mußte verringert werden, und 1984 konnte erstmals ein Überschuß ausgewiesen werden. Im Güterhandel konnte das Defizit in einen Exportüberschuß von 10 Mrd. US-Dollar verwandelt werden. Vordergründig betrachtet sieht es also nicht schlecht aus. Aber der Überschuß konnte nur durch Importreduktion (Zölle) - mit allen negativen Folgen für die Wirtschaft - erreicht werden. Das Ergebnis ist eine konstante Wachstumsschwäche. Des weiteren zehrt der Kapitaldienst diesen Überschuß fast vollständig auf. Die Lösungsstrategien der Schuldnerländer sind kaum über ein Krisenmanagement hinausgekommen. Dies deutet darauf hin, daß fundamentale Mängel im System und der Konzeption existieren. #C10 Das Konzept des kreditfinanzierten Wachstums #C21 These 1 : Wirtschaftswachstum gründet auf Kapitaleinsatz Man geht also davon aus, daß vermehrter Kapitaleinsatz zu einer beschleunigten Entwicklung führen müsse. Für "arme" Länder ist demzufolge eine Kreditaufnahme im Ausland nötig, um die Doppellücke von Investitionsbedarf zu Sparaufkommen und Importbedarf zu Exporten zu decken. Der brasilianische Finanzminister Antonio D. Netto erklärte zur Verschuldungsstrategie seines Landes : "Die Auslandsverschuldung wurde grundsätzlich immer als Mittel zur Ergänzung des inländischen Sparaufkommens betrachtet. Wenn ein Land sein Wachstum beschleunigen will, verschuldet es sich durch Aufnahme ausländischer Ersparnisse." These 2 : Entwicklungsländer haben einen "strukturellen Importbedarf" (Investitionsgüter), der mit der Entwicklung zurückgeht und einem Handelsüberschuß Platz macht, der zur Schuldentilgung verwendet werden kann. Im Idealfall heißt das also, daß ein Schuldnerland nach Durchlaufen verschiedener Stadien zum Gläubigerland wird. Dieses Modell des kreditfinanzierten Wachstums erschien den Wirtschaftslenkern natürlich äußerst attraktiv, da einem Land das Wachstum quasi in den Schoß fällt, . Die wirtschaftliche Entwicklung erscheint also als zwangsläufiger Vorgang. Daher kennt das Modell auch keine Solvenzkrisen, allenfalls Liquiditätskrisen, die durch "fresh money" und Umschuldung behoben werden können. Die Kritik : Zum einen ist der angenommene Automatismus eine Illusion, die aber solange ihr Weltbank, Währungsfonds und nationale Regierungen anhängen, echte Lösungen verhindert. Zum anderen werden die Angebotsfaktoren zugunsten der Nachfragefaktoren vernachlässigt, worauf auch die hohe Konsumquote hinweist. Konkrete Exportstrategien sind nicht vorgesehen; Export erscheint wieder als Automatismus. Insgesamt scheint das Modell den Realitäten des Außenhandels kaum Rechnung zu tragen. Wichtige Faktoren wie Preise, zu denen der Export möglich ist (d.h. die Wettbewerbssituation und die Terms of Trade), welche Güter im Ausland überhaupt nachgefragt werden und die Bereitschaft der Handelpartner, die Exportüberschüsse aufzunehmen, werden vernachlässigt. Krisen im Ausland scheint es nicht zu geben. Außerdem wird angenommen, daß der Export ausreicht, den Schuldendienst zu leisten. Es ist weiterhin fraglich, ob Investitionen der einzige Wachstumsfaktor sind ; wichtig ist vielmehr auch, in welche Bereiche investiert wird und wie in ihnen gewirtschaftet wird. Hier fehlt jegliches Konzept. Ferner wird nicht berücksichtigt, daß bei größerer Konkurrenz am Kapitalmarkt das internationale Zinsniveau steigt. Kapital ist eben nicht unbegrenzt verfügbar. Es kann auch - wie vielfach geschehen - zu einer Mindereinschätzung der Kreditwürdigkeit des Schuldnerlandes seitens der Gläubiger kommen. Die pessimistische Einschätzung der Zahlungsfähigkeit Brasiliens zeigt sich zum Beispiel daran, daß brasilianische Schuldtitel zu 30% (!) des Nominalwerts gehandelt werden. Unbeeindruckt zeigt sich das Modell sowohl vom Zusammenhang zwischen Verschuldung einerseits sowie Inflation und Zinsniveau andererseits, als auch vom Problem der "inneren Aufbringung". Das bedeutet, daß ein Staat nicht nur Devisen im Ausland durch Exporte verdienen, sondern auch die Mittel für den Schuldendienst im Inneren, d.h. über Steuern und Sparmaßnahmen, aufbringen muß. Von enormer Wichtigkeit ist auch eine volkswirtschaftliche Umstellung von der in der Phase der Kreditzufuhr herrschenden Importorientierung zu einer Exportorientierung. Aber in der Phase des Booms besteht eben meist keine Neigung zur Veränderung. Bei aller Kritik muß jedoch erwähnt werden, daß Länder wie Südkorea mit einer ähnlichen Methode (Verschuldung von 50 Mrd. US-Dollar auf nahe Null gesenkt) bessere Erfolge erzielten. Voraussetzungen waren aber eine restriktive monetäre und haushaltspolitische Strategie sowie eine gezielte Exportförderungspolitik. Hinzu kam noch, daß die USA in den 80er Jahren die Quelle für einen gewaltigen Importsog waren, was sich für Südkorea äußerst positiv auswirkte. Das Scheiteren : Neben konzeptorischen Mängeln haben sich in Brasilien auch viele innenpolitische Probleme ausgewirkt. So verhindern Machtstrukturen (regionale Machthaber, Gewerkschaften und das Interessengeflecht innerhalb des Parlaments) im Staatsapparat Privatisierungen, eine Anti-Inflationspolitik sowie ein Sparprogramm und einen Abbau der aufgeblähten, oft korrupten Verwaltung. Stattdessen wurden von neuen Programmen neue Wunder erwartet. Die Schwierigkeit, der sich Brasilien seit 1982 vor allem gegenüber sah, war, daß der Kreditzufluß stoppte und und somit weniger Kredite zur Verfügung standen, als an Schuldendienst zu leisten war. Dem hieraus resultierenden Aufbringungsproblem wurde nicht fiskalpolitisch, sondern durch Inflation begegnet. Inflation kann als verdeckte Steuer gewertet werden (Seigniorage-Gewinne der Zentralbank, reale Verschiebung der Steuerprogression), hat aber noch negativere Auswirkungen als offene Steuern. Durch die hohen Inflationsschwankungen kommt das Finanzgeschäft zum Erliegen (schwankende Zinsen und Inflation erzeugen Unsicherheit). Dadurch wird die Kapitalflucht in das Ausland verstärkt. Des weiteren verursachen die Inflation und ihre Folgen eine Verzögerung der Exportorientierung der Produktion, die nötig ist, um im internationalen Wettbewerb bei gefragten Produkten zu bestehen und damit zahlungsfähig zu bleiben. Da die binnenwirtschaftliche Anpassung über Kostensenkungen und Produktivitätssteigerungen unterblieb, mußte die Erwirtschaftung des Devisenüberschusses durch Importbeschränkung (1980-85 : -40%) erfolgen. Das hatte jedoch eine Schrumpfung des (Welt-) Handels zufolge (auch die anderen Staaten erhöhten Zölle), wodurch die internationalen Spezialisierungsvorteile, d.h. die komparativen Kostenvorteile, verloren gingen. Der Verschuldungsprozeß führte geradewegs in eine Wachstumskrise. Verstärkt wurde das im Falle Brasiliens noch dadurch, daß sehr viele andere Schuldnerländer der "Dritten Welt" unter den Handelspartnern Brasiliens waren (Importbeschränkungen des einen Landes führten zu Exporteinbußen des anderen Landes). Die Gläubigerländer spielten insofern eine Rolle, als daß es ihnen nicht gelang, in Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern die jeweiligen volkswirtschaftlichen Phasen bei Kredit- und Güterangebot und -nachfrage zu koordinieren. So sollte z.B. in der Phase der Kreditexpansion im Schuldnerland Handelsbilanzdefizit / Schuldenstand und im Gläubigerland Ausfuhrüberschüsse / Forderungen zunehmen, was zu mehr Welthandel und zur Erhöhung des Sozialprodukts führen würde. Das Problem der ELs war die interne Anpassung, die durch inflationäre Geldpolitik und expansive Haushaltspolitik im Verbund mit protektionistischen Maßnahmen der Gläubigerländer, verhindert wurde. "Die Auffassung, internationale Kredite dienten zur Leistungsbilanzfinanzierung, verkennt den elementaren Zusammenhang, daß das Auftreten von Fehlbeträgen immer schon die Existenz von Gläubigerpositionen voraussetzt." (Fritz W. Meier : "Zahlungsbilanzprobleme der Entwicklungsländer" (in "Aus Politik und Zeitgeschichte")) Die Finanzierung muß durch einen Exportüberschuß erfolgen, der durch Exportsteigerung, nicht durch Importkürzungen zustande kommt. Ausblick : Es stehen drei Auswege zur Diskussion. 1. Brasilien könnte die internationale Zahlungsunfähigkeit erklären. Dagegen spricht aber die sich anschließende weltwirtschaftliche Isolation und damit der Zwang zur weiteren Importreduktion, was die Krise noch verstärken würde. Daher kommt diese Möglichkeit nicht in Betracht. 2. Die Möglichkeit eines Schuldenerlasses ist begrenzt (z.B. Zinsermäßigungen). Angesichts eines anhaltenden Rückgangs der Nettoersparnisse in den Industrieländern, der hohen Auslandsverschuldung der USA und dem Aufbau Osteuropas und Kuwaits befindet sich die Weltwirtschaft heute in einer Phase extremer Kapitalverknappung. 3. Die letzte Möglichkeit, sofern man die Importreduktion ausschließt, ist ein verstärktes exportorientiertes Wachstum im Verbund mit restriktiver Finanz- und Geldpolitik, um die Schuldenlast zu verringern. Dies erfordert jedoch die Bereitschaft der Gläubigerländer, ihre Tore für Importe aus den Entwicklungsländern weit zu öffnen. Es kann nicht sein, daß sie ihre Märkte abschotten und auf Schuldendienst bestehen. Insgesamt kann man sagen, daß die Ursachen der Krise sowohl extern verursacht, durch natürliche Nachteile verstärkt und falsche Strategien bedingt, aber auch zu einem großen Teil hausgemacht sind. #Seitenende #C31 III. Aktuelle Entwicklungshilfe #C21 Hilfe zur Änderung der Verhältnisse in den Entwicklungländern wurde auf verschiedenste Art und Weise angesetzt. Die Spielarten der Entwicklungszusammenarbeit sind die bilaterale, die multilaterale, die finanzielle und die technische Zusammenarbeit. Die beiden letzten sehen Unterstützung der ELs durch Geldmittel, technisches Know-How und Material vor. Hier soll zuerst auf die bilaterale Zusammenarbeit eingegangen werden. Sie besteht in der Kooperation zwischen einem Entwicklungs- und einem Industrieland. An ihr läßt sich auch deutlich der generelle Trendwandel der Entwicklungszusammenarbeit in den letzten 15 Jahren ablesen. Nicht mehr die simple Warenhilfe, die zuvor ein Siebtel der gesamten Entwicklungszusammenarbeit einnahm und inzwischen auf ein Fünfzigstel zusammengeschrumpft ist, sondern Maßnahmen zur Entwicklung zur Selbstentwicklung stehen im Vordergrund. So wurde 1983 fast ein Drittel der finanziellen Mittel der bilateralen Zusammenarbeit in Infrastrukturmaßnahmen, etwa ein Fünftel in Bildung und Ausbildung investiert. Die klassische Art dieser bilateralen Entwicklungszusammenarbeit wird von Seiten des Staates ausgeübt. In der Bundesrepublik Deutschland fällt dies in den Kompetenzbereich des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Dieses Ministerium arbeitet Hand in Hand mit diversen Institutionen, wie z.B. der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung, dem Deutschen Entwicklungsdienst, dem Goethe-Institut und ähnlicher Organisationen. Eine bedeutende Rolle spielen die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, da die meisten Projekte in den Entwicklungsländern über sie laufen. Der Etat des BMZ betrug 1988 6,8 Mrd. DM und stieg über 1989 um 5% auf 7,11 Mrd. DM auf 7,24 Mrd. DM 1990, was einen Zuwachs von 1,9% bedeutete. Beide Zuwachsraten lagen damit deutlich unter dem durchschnittlichen Zuwachs des Bundeshaushaltes (von 1988 bis 1989 : 5,9 % ; von 1989 bis 1990 : 5,4%). Anteilsmäßig betrug dieser Etat damit etwas über 2% des Gesamthaushaltes 1990. Der durch die Wiedervereinigung sprunghaft angestiegene Bundesetat verhindert eine kontinuierliche Weiterschreibung dieser Daten. Jedoch beträgt der BMZ-Anteil von 1992 mit 8,2 Mrd. DM immer noch etwa 2% des Gesamtetats. Dieses Geld fließt in Projekte, die von den Regierungen der ELs beantragt werden und durch das BMZ und die verbunden Organisationen einer ausführlichen Prüfung unterworfen werden. Dieser Prozeß kann bis zu sieben Jahre dauern, was natürlich besonders bei drängenden Problemen schnell zu einem Damoklesschwert für die Regierung des Entwicklungslandes werden kann. Darüberhinaus stellt sich die Frage, inwieweit die getroffenen Maßnahmen die gewünschten Wirkungen erielen - besonders angesichts zahlreicher Regierungen in Entwicklungsländern mit zweifelhafter demokratischer Legitimation. So lieferte die Bundesregierung 1986 bereits ein Jahr nach Ende des Militärregimes in Guatemala 54 Geländewagen, 59 Motorräder und 5 Busse an die Polizei des Landes aus, in der Hoffnung, so einer rechtsstaatlichen Polizei bei der Verwirklichung der Menschenrechte behilflich sein zu können. Dazu sollte auch eine parallel durchgeführte Ausbildungshilfe beitragen. Doch fand sich für keine der 23 in Deutschland ausgebildeten Führungskräfte in Guatemala eine Stelle. Schließlich mußte die deutsche Politik das Versagen dieser Entwicklungshilfe eingestehen : "Die Menschenrechtssituation in Guatemala hat sich eher verschlechtert. Die Polizei ist an Ermordungen beteiligt." (Hans Jürgen Wischnewski im Dt. Bundestag). Darüberhinaus hat sich in der Vergangenheit gezeigt, daß viele Entwicklungshilfeprojekte nicht in Abstimmung mit der betroffenen Bevölkerung, bzw. deren Repräsentanten, geschahen und so auf eine nicht aufnahmebereite Bevölkerung trafen. Der zweite große Träger der Entwicklungszusammenarbeit sind nichtstaatliche Organisationen. Hier finden sich soziale Organisationen wie das Kolpingwerk, die Deutsche Welthungerhilfe oder das Deutsche Rote Kreuz, die in ihrer Arbeit besonders auf Spenden angewiesen sind. Politische Stiftungen der Parteien spielen eine untergeordnete Rolle. Parteiinteresse geht hier eindeutig vor Entwicklungshilfe. Wichtigstes Element der nichtstaatlichen Entwicklungszusammenarbeit sind die Kirchen mit ihren Organisationen "Brot für die Welt", "Misereor", "Caritas" und anderen. Obwohl sie - im Vergleich zu den staatlichen Geldern - bescheidene Finanzmittel für die ELs einsetzen, verfügen sie doch über einen gewaltigen Organisationsapparat, der die Arbeit, besonders an der Basis der Armut, erleichtert. Bemerkenswert ist, daß die Kirchen schon vor der Problemdiskussion auf staatlicher Ebene, die durch den Pearson-Bericht 1969 entfacht wurde, konkrete Lösungsansätze lieferte. So wurde bereits auf der Weltkirchenkonferenz 1966 in Genf klargestellt, daß Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit Auftrag der Kirchen sind. Konkretisiert wurde dies 1968 in Uppsala. Die Kirchen geißelten die bisherige staatliche Entwicklungspolitik. Als Konsequenz aus dieser Konferenz erklärten sich die deutschen Landeskirchen 1969 bereit, 3-5% ihrer Einnahmen aus der Kirchensteuer für die Entwicklungszusammenarbeit zur verfügung zu stellen. Die kirchlichen Projekte richten sich schwerpunktmäßig auf die Hilfe zur Selbsthilfe durch bessere Ausbildung und Organisation. Zu kritisieren ist hier jedoch, daß sich die aufgewendeten Mittel fast ausschließlich aus Kirchensteuereinnahmen, Zuschüssen des Bundes und Spenden (Misereor, Brot für die Welt) zusammensetzen und von den Kirchen nicht die Rendite aus ihren Kapital- und Immobilienvermögen, geschweige denn diese selbst, aufgewendet werden. Im Ergebnis übernehmen dadurch die Kirchen letztlich nur die Organisation, bestimmen aber die Richtung der Entwicklungszusammenarbeit. Die Bemühungen der unteren Kirchenebenen um die Entwicklungszusammenarbeit stehen darüberhinaus auch oft im Gegensatz zur ideologisch-starren Haltung der kirchlichen Führungsschichten. Drastisches Beispiel ist hierbei die Einstellung des Papstes. Statt die Aufklärung über Geburtenkontrolle zu unterstützen, was zur Dämpfung des Bevölkerungsdrucks in den afrikanischen Entwicklungsstaaten unabdinglich ist, oder konkret die finanzielle Unterstützung der kirchlichen Organisationen zu erhöhen, hat sein Handeln oft schwerwiegende Folgen. So wurde die kirchenprogrammatische Ablehnung jeglicher Verhütungsmittel durchaus als Rechtfertigung ungehemmten Bevölkerungswachstums und damit des Hungers und der Not gedeutet. Auch die von ihm vollzogene Einweihung einer millionenteuren Kirche in der Cote d'Ivoire, die in einem Staat mit gerade einmal 12% Katholiken nur als Verschwendung gewertet werden kann, weist auf eine Diskrepanz zwischen dem Ausdruck kirchlicher Macht und helfender Basisarbeit in den Entwicklungsländern hin. Ein indirektes Mittel der Entwicklungszusammenarbeit liegt in dem Verhalten der Konsumenten in den Industrieländern. Sie können Fehlentwicklungen in Entwicklungsländern beeinflussen, die durch Konzerne der Industrieländer induziert sind. In dieser Hinsicht sind die 80er Jahre als Jahrzehnt des wachsenden öffentlichen Bewußtseins für die Probleme der Entwicklungsländer zu bezeichnen. Großen Verdienst daran tragen sicher auch Organisationen wie "amnesty international", "terre des hommes" oder die "Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt". Neben konkreter Hilfe in den Entwicklungsländern, die jedoch meist finanziell stark begrenzt ablaufen muß, haben sie auf die Auswirkungen der Industrie der Industrieländer auf die ELs hingewiesen. Sie haben den Menschen konkrete Hinweise gegeben, was der Einzelne zur Behebung dieser Mißstände unternehmen kann. So riefen sie zum Boykott von Tropenhölzern auf, lenkten die öffentliche Meinung auf die Schuldenprobleme der ELs und machten auf die ungehemmten Rüstungsexporte deutscher und anderer Unternehmen in Entwicklungländer aufmerksam. Sie wiesen auf Alternativen für den Konsum hin, die nicht auf Kosten der armen Nationen produziert werden. Zum Beispiel werden Genußmittel auf in Entwicklungsländern gelegenen Plantagen europäischer Konzerne angebaut, so daß der Gewinn, der durch die dort billigen Arbeitskräfte und Rohstoffe erzielt wurde, in die Taschen eines europäischen Unternehmers fließt. Auch die sogenannten "Dritte-Welt-Läden" boomten in diesem Jahrzehnt mit ihrem Konzept der Unterstützung von in Entwicklungsländern beheimateter Industrie. Fehlleistungen wie "Dritte-Welt-Aktionen" eines "Eine-Welt-Kreises", Anachronismen in sich, sollen hier jedoch nicht unerwähnt bleiben. Auf multinationaler Ebene wird größtenteils versucht, wirtschaftliche Hilfen zu gewähren und so das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsstaaten anzukurbeln. Von besonderer Bedeutung sind hier die Verträge von Lomé. Diese Abkommen zwischen Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifikraums (=AKP) und den Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zielen auf einen schrittweisen Abbau europäischen Protektionismuses gegenüber Waren aus Entwicklungsländern und auf eine Intensivierung der Zusammenarbeit ab. Das vierte Abkommen, das am 15.12.1989 in der Hauptstadt des Togo abgeschlossen wurde, sieht eine deutliche Ausweitung der vorherigen vor. So wurden die Finanzmittel in "Lomé IV", das im März 1990 mit einer zehnjährigen Laufzeit in Kraft trat, gegenüber "Lomé III" von 1984 um 19 Mrd. ECU auf 24,6 Mrd. ECU erhöht. Diese sollen innerhalb von 5 Jahren über Entwicklungsfonds zum einen in den Aufbau des sekundären Sektors der AKP-Staaten, zum anderen in zwei weitere Fonds fließen, die in den Lomé-Abkommen eingesetzt wurden. So wird ein Exporterlös nach dem STABEX-System garantiert, welches bei Exporterlösausfällen Ausgleichszahlungen vornimmt. Der Unterstützung von Montanunternehmen gilt das SYSMIN-System, auch Mineralienfonds genannt. Wichtiger erscheint jedoch die Tatsache, daß die EG den AKP-Staaten freien Zugang für 97% der AKP-Erzeugnisse zum EG-Markt gewährt. Über den Europäischen Entwicklungsfonds, den EEF, soll finanziell die Entwicklung der AKP-Staaten gefördert werden. Neben den Lomé-Abkommen hat die EG auch zahlreiche Einzelabkommen mit den Entwicklungsländern Asiens und Lateinamerikas geschlossen, die in ihrer Intention den Lomé-Verträgen entsprechen, aber nicht so umfangreich sind. Eine weitere Organisation westlicher Industrieländer, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), spielt ebenfalls eine gewichtige Rolle in der multinationalen Entwicklungszusammenarbeit. In enger Zusammenarbeit mit der EG koordiniert ihr Ausschuß für Entwicklungshilfe (DAC) die Entwicklungszusammenarbeit der Mitgliedsstaaten. Weitaus stärker im Licht der Öffentlichkeit stehen jedoch die Unterorganisationen der UNO, von denen sich viele mit bestimmten Aspekten der ELs beschäftigen. Im Gegensatz zu den oben genannten Organisationen unterliegt die Entwicklungshilfe der UNO einer eindeutigen rechtlichen Verpflichtung. So heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 : #C10 "Artikel 22 : Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale Sicherheit; er hat Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Organisation und der Hilfsmittel jedes Staates in den Genuß der für seine Würde und die freie Entwicklung unentbehrlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen." #C21 Aus dieser Verpflichtung erklären sich Organisationen wie UNCTAD, der Welthandels- und Entwicklungskonferenz. Sie bildet das Hauptbetätigungsfeld der ELs innerhalb der UNO in Hinblick auf wirtschaftliche Fragen. Eher auf das Grundbedürfniss Nahrung spezialisiert sind zum Beispiel das Welternährungsprogramm der UNO WFP und die FAO, die Welternährungsorganisation. Neben der Steigerung der Produktion im primären Wirtschaftssektor, leisten sie konkrete Hilfe in großem Ausmaß. So beträgt das Budget der FAO von 1992/93 646 Millionen Dollar und das Zusagevolumen des WFP für 1991/92 sogar 1,5 Mrd. Dollar. Empfehlungen zum Einsatz dieser Mittel erhalten die Organisationen vom Welternährungsrat WFC. Besonders in Hinsicht auf die Kinder der ELs engagiert sich auch die UNICEF, das Weltkinderhilfswerk der UNO, sowohl für eine Bekämpfung des Hungers in diesen Nationen, als auch für eine Verbesserung der sanitären Einrichtungen. Hierbei spielt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO eine große Rolle, besonders angesichts explosionsartig steigender AIDS-Infektionen in den Entwicklungsländern. Wichtiger jedoch als diese mehr auf Hilfe von außen gerichteten Organisationen sind die Einrichtungen der UNO zur Entwicklung der Industrie. Neben konkreten technischen Hilfeleistungen, wie sie zum Beispiel von der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeitnehmer, geleistet werden, existieren Institutionen, die langfristig angelegte Strategien unterstützen. Speziell für industrielle Entwicklung wurde die UNIDO gegründet. Aber auch die zahlreichen Bankenorganisationen sind auf diesem Sektor tätig. Man nennt diese Einrichtungen im allgemeinen die Weltbankgruppe, wobei die beiden wichtigsten Institutionen die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) einerseits und der Internationale Währungsfonds (IMF) andererseits sind. So gewährt die IBRD langfristige Darlehen zur Unterstützung von entwicklungspolitisch wirkungsvollen Projekten, besonders auch zur Konjunkturbelebung. Der IMF hingegen dient als Anlaufstelle für Entwicklungsstaaten, die sich in Zahlungsschwierigkeiten befinden, und die dann vom IMF sogenannte Auflagekredite zugewiesen bekommen, damit ihre Liquidität gewährleistet bleibt. Diese Kredite gehen jedoch mit zum Teil drastischen wirtschafts-, entwicklungs- und sozialpolitischen Auflagen einher. So wird aufgrund dieser Bedingungen des IMFs die einheimische Währung abgewertet, um die Handelsbilanz zu verbessern, die Wirtschaft auf den Export ausgerichtet und die Industrie privatisiert. Diesen - durchaus positiv zu bewertenden - Maßnahmen stehen jedoch eine Reduzierung der Importe und eine Senkung der Sozialausgaben und Löhne gegenüber. Das zieht natürlich eine Verschlechterung der Lebenssituation der Bürger des Landes nach sich. Dadurch erhielt der IMF in der Öffentlichkeit ein negativ geprägtes Image. Dies geschah sicherlich auch nicht völlig zu Unrecht, bedenkt man doch, daß in dieser multinationalen Organisation mit über 150 Mitgliedsstaaten sowohl der Vorsitzende des Exekutivdirektoriums, der Franzose Michael Camdessus, als auch der Schatzmeister, der Deutsche Gerhard Laske, aus G7-Staaten kommen. Daß dadurch der Eindruck entsteht, die Weltwirtschaft hänge einzig von den Entscheidungen der wirtschaftlich starken Länder ab, ist verständlich und sicherlich auch zumindest teilweise zutreffend. So haben die Industriestaaten zum Beispiel auch 59% der Stimmkraft innerhalb des IMF inne. Weitere wichtige Weltbank-Organisationen sind die MIGA, die Multilaterale-Garantie-Agentur, und die IFC, die Internationale Finanz-Corporation. Die MIGA gewährt, ähnlich einer Kapitalversicherungsagentur, Investoren aus der Privatwirtschaft Garantien gegen nichtkommerzielle Risiken bei Direktinvestitionen in den Entwicklungsländern. Die IFC unterstützt ebenfalls private Investitionen in den Entwicklungsländern. Die Bedeutung der multinationalen Einrichtungen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, allein schon aufgrund der finanziellen Mittel, der Wirkung auf die öffentliche Meinung und des Einflusses, über den sie verfügen. Gerade aus diesen Gründen, müssen sie auch der stärksten kritischen Betrachtung unterworfen werden - denn nichts ist schlimmer als viel Macht, die falsch eingesetzt wird. Und so ist es nicht verwunderlich, daß die Kritiker eine mangelnde Beteiligung an der Entscheidungsfindung seitens der betroffenen ELs selbst beklagen. Dies wird auch von deren Seite zu einem Großteil so betrachtet, so daß sich schon früh multinationale Selbsthilfeorganisationen bildeten. Diese haben jedoch meist nur regionale Sonderprobleme, wie zum Beispiel die Hungersnot in der Sahelzone, zum gemeinsamen Anliegen, behindern sich selbst durch mangelnde Kooperation, nationales Konkurrenzdenken, besitzen nur in äußerst geringem Umfang Einfluß auf die reichen Industriestaaten und verfügen selbst nicht über die Mittel, ihre Probleme zu lösen. Eine löbliche Ausnahme bildet hier das CILSS, das zwischenstaatliche Komitee zur Kontrolle der Dürre in der Sahelzone. Bestehend aus den Sahelländern ist diese Organisation, neben ihrer Forschungstätigkeit bezüglich Sahel-spezifischer Erscheinungen, zum Mittler zwischen Entwicklungshilfegeberländern und Empfängern geworden und hilft so, die Entwicklungshilfe sinnvoll und gezielt zu steuern. Eng mit dem CILSS arbeitet ein weiterer Zusammenschluß verschiedener von der Dürre betroffener akrifkanischer Staaten zusammen, die zwischenstaatliche Dürre- und Entwicklungsbehörde IGADD. Sie sucht konkret nach kurz- bis langfristigen Lösungsansätzen für die ökologisch bedingten Dürreprobleme. Doch trotz dieser eng mit den Industriestaaten kooperierenden Organisationen war und ist das Problem der fehlenden oder mangelnden Kommunikation zwischen den Reichen und den Armen der Welt stets eines der Haupthindernisse der Entwicklungshilfe. Dieses zu beseitigen, war mit einer der Hauptgründe für die Einsetzung der "Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen", auch "Nord-Süd-Kommission" genannt. Ihr Vorsitzender, der kürzlich verstorbene Friedensnobelpreisträger Willy Brandt, hat das Ziel der Kommission zusammengefaßt : "Herausfinden, wo es gemeinsame Interessengebiete gibt." Von entscheidender Wichtigkeit für die Entwicklungspolitik der achtziger Jahre war dann auch der Bericht der Kommission von 1980. Trotz aller Reaktionen, die die dort geäußerten Empfehlungen zur Kooperation und Hilfe hervorriefen, war es jedoch bis heute noch nicht möglich, die grundlegenden Forderungen vollständig umzusetzen. Die 1992 stattgefundene Konferenz der Staatschefs in Rio kam auch nicht über eine Erneuerung dieser altbekannten Hauptinhalte heraus. So wurde in der "Deklaration von Rio über Umwelt und Entwicklung" lediglich der Ruf nach einer "Partnerschaft zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden" begleitet von einer "umweltverträglichen und nachhaltigen Entwicklung" laut, der Wunsch der ELs, größeren Einfluß auf die Verteilung der Entwicklungshilfegelder zu nehmen, jedoch abgelehnt. Auch dem ersten großen Lagebericht über den Zustand der Entwicklungspolitik, dem Pearson-Bericht von 1969, ist bis heute noch nicht gänzlich Folge geleistet worden. Die in ihm geforderten 0,7% des Bruttossozialprodukts der Industriestaaten für Entwicklungshilfede werden von kaum einer Nation erreicht. Innerhalb der EG wenden die Mitgliedsstaaten zwar bereits 0.53 % des BSPs (1985) für die öffentliche Entwicklungshilfe auf, die beiden Industriegiganten Japan und USA setzen jedoch nur um die 0.3% ihres BSPs ein. Auch in Hinblick auf die geforderte partnerschaftliche Behandlung der ELs durch die Industrienationen wurde kaum eingegangen, was sich an der Besetzung der Direktorien der multinationalen Entwicklungsorganisationen durch Vertreter der Industriestaaten zeigt. Eine leichte Abkehr vom Einsetzen der Entwicklungshilfe im Sinne eigener außenpolitischer Interessen ist seit dem Ende des Ost-West-Konflikts jedoch zu verspüren. Die letzte große Forderung des Pearson-Reports, die Öffnung der Märkte für Produkte aus den Entwicklungsländern, ist auch nur teilweise und zögernd erfüllt worden. Es zeigt sich also, daß trotz zur Hilfe mahnender Stimmen aus den Industrienationen, die Bereitschaft zur Unterstützung der ELs eigenen wirtschafts- und außenpolitischen Interessen untergeordnet wird. Allein aus rein wissenschaftlicher Sicht gibt es bereits einige Hilfsmöglichkeiten. So wurde nach den großen Hungerkatastrophen anfangs der 70er Jahre das Problem der Desertifikation und des Hungers intensiv untersucht. Neben der Entdeckung unzähliger unterirdischer Wasservorkommen in der Sahara und sogar einiger Wüstenseen, zeigte die theoretische Arbeit an diesen Problemen auch die Verwicklung des Menschen in das Sterben der Umwelt auf. Ähnlich verhält es sich mit der Erforschung der Bedeutung des Regenwaldes, die erst nach Bewußtwerden des Problems einsetzte und deren Ergebnisse politisch nur geringen Niederschlag finden. Die wissenschaftlichen Möglichkeiten, die auf eine umfassende politische Förderung warten, sind zahlreich. Ein interessanter Ansatz ist zum Beispiel die Entdeckung eines neuen Tonminerals namens "Tributhit", das im Gegensatz zum Kaolinit, einem der häufigsten Bestandteile tropischer Böden, Wassermoleküle und Kaliumsalze binden kann und so einer Düngung der Tropenböden größere Erfolgschancen verschafft. Auch Auswaschmethoden ("leaching requirement") zur Bekämpfung von Bodenversalzung und Maßnahmen zur Rettung bereits stark versalzter Böden, z.B. durch die Zugabe von Gips, stehen bereits seit Jahren zur Verfügung und werden auch in Industrieregionen, wie z.B. dem Emperial Valley in den USA mit denselben Problemen wie in manchen Entwicklungsländern, eingesetzt. Die Nutzungsmöglichkeiten bisher unbeachteter Nahrungsquellen, wie z.B. Krill, Blätter und Gräser, ist genauso wie die Erforschung des individuellen Bedarfs an Nährstoffen bereits weit fortgeschritten. Im Bereich der Landwirtschaft stehen ebenfalls moderne Anbaumethoden und verbesserte Nutzpflanzen zur Verfügung. Von besonderer Bedeutung sind auch die "angepaßten Technologien", die sogenannte "soft technology". Beispiele sind die verschiedensten Anwendungen der Solartechnologie, wie etwa als Energielieferant für eine mobile Trinkwasser-Entsalzungsanlage, oder die Verwendung von Biogas zur Stromerzeugung. Auf der anderen Seite steht allerdings auch die Forderung der ELs, sie nicht mit dieser, oftmals zu Unrecht als zweitklassig betrachteten, Technologie abzuspeisen. Sie fordern die Bereitstellung von großtechnologischem Know-How zur Lösung ihrer Probleme, wobei aber auch die Ausbildung von Studenten aus den Entwicklungsländern in den Industriestaaten kritisiert wird. Die ELs sehen hierin zum einen die Gefahr der Abwanderung der Intelligenz in die Industriestaaten und zum anderen eine Ausbildung, die für den Fortschritt der ELs nicht benötigt wird. Diese Orientierung am eigenen Bedarf wird auch darin deutlich, daß man sich bemüht, den Einsatz der Großtechnologie an die Entwicklung des Landes zu binden und sie in die kulturellen Gegebenheiten einzubringen. Diese Besinnung auf die eigenen Fähigkeiten, "self-reliance", begründet sich mit in der Ablehnung aufgezwungener Entwicklungskonzepte und in einer Abneigung gegen alles, was im entferntesten nach einer Fremdbestimmung aussieht. Jedoch sehen die ELs auch die Gefahren, die in dem Einsatz von moderner Großtechnologie, wie z.B. der Kernkraft oder der Gentechnik, liegen. Deshalb fordern sie die Offenlegung von Nutzen und Risiko neuer Technologien durch die Industriestaaten und akzeptieren die angepaßten Technologien als zweites Standbein der technologischen Entwicklung. Die Möglichkeiten und Vorteile dieser sanften Technologie werden in meist kleinen Erfolgen deutlich : mit dem Wissen der betroffenen Bevölkerung und umweltschonender Techniken kann hier eine funktionierende Symbiose aus EL und Industrieland entstehen. Hin und wieder präsentiert sich so eine Kooperation aber auch spektakulär, wie etwa die Arbeit des Schweizers René Heller. Im Auftrag einer Zementfirma wandelte er in zwanzig Jahren einen kahlen Steinbruch an der Küste Kenias in ein ökologisch intaktes Waldgebiet um, dessen See - als Fischfarm genutzt - große Erträge erzielt und das als Ausbildungsort für künftige Entwicklungshelfer dient. Dieses überwältigende Ergebnis erzielte Heller in Zusammenarbeit mit den Einheimischen - ohne Einsatz von chemischen Mitteln oder großtechnichen Methoden. Allgemein ist in der Entwicklungspolitik eine Orientierung auf diese Methoden, die sich auf Kleinprojekte beziehen, zu erkennen. Nach derzeitigem Stand der Erkenntnis liegt hierin auch die wahrscheinlichste Chance eines dauerhaften Erfolgs. #Seitenende #C31 IV. Erklärungstheorien zur Unterentwicklung #C21 Die Erklärung der Unterentwicklung ist die wichtigste Voraussetzung zur Lösung ihrer Probleme. Sehr einfach machen es sich die sogenannten geodeterministischen Theorien, die von einer natürlichen Benachteiligung der ELs durch physisch-geographische Faktoren ausgehen. Schon zu Beginn der Siebziger Jahre wurde dies durch empirische Forschungen eindeutig widerlegt. Die natürlichen Begebenheiten sind lediglich Faktoren in einem komplexeren Ursachennetz, keinesfalls aber die einzige Ursache. Auch nur einen von vielen, aber kaum den einzigen Grund für Unterentwicklung, stellen die Dualismustheorien dar. Gegensätze innerhalb des Entwicklungslandes zwischen dynamischen, modernen und traditionellen, kaum flexiblen Gesellschaftsteilen können zwar hemmend auf die Entwicklung wirken, aber kaum der Hauptgrund für sie sein. Auch ignoriert die Darstellung einer weitgehenden desintegrierten Gesellschaft die vielfältigen Querverbindungen, besonders im Austausch von Gütern und Arbeitskräften, ignoriert. Räumliche, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Disparitäten gibt es in beinahe jedem Staat. Ein Extrembeispiel sind die USA, in der die einzelnen Bevölkerungsgruppen noch nicht einmal eine einheitliche Geschichte haben, was sie jedoch nicht daran gehindert hat, ihr Land zur führenden Wirtschaftsnation zu machen. Die von vielen Industriestaaten bis heute und von manchen Entwicklungsländern bis zu Beginn der Siebziger vertretene Erklärung für Unterentwicklung betrachtet den momentanen Zustand der ELs als eine Übergangsphase von der Agrar- zur Industriegesellschaft, wie sie auch in Europa stattgefunden hat. Daraus folgt, daß man nach Vorbild der Industriestaaten eine Innenpolitik betreiben müsse, die der Industrialisierung oberste Priorität gewährt. Vorraussetzung ist der Aufbau fremdfinanzierter Industrien, was durch zahlreich vorhandene Rohstoffe unterstützt würde. Hier spielt der Ansatz des kreditfinanzierten Wachstums herein. Im Zuge der Renaissance der Ideen von John M.Keynes (1883-1946) gegen Ende der Sechziger Jahre versuchten die Anhänger seiner Thesen der Nachfragesteuerung, das "deficit spending", ursprünglich als staatlich induzierte Nachfrage in einer Volkswirtschaft gedacht, auf die Situation der ELs zu übertragen. Finden sich keine ausländischen Privatinvestoren, so müsse die Regierung des ELs sich aus dem Ausland Kapital beschaffen und selbst die Errichtung der Industrie vorantreiben. Die nun einsetzenden Selbstverstärkungsprozesse, wie das Wachstum der Kaufkraft im Lande und die Ansiedlung von vor- und nachgeschalteten Produktionsstufen, würde einen Wachstumsschub garantieren. Die durch die Industrialisierung frei werdenden Mittel würden zur Ableistung des durch das kreditfinanzierte Wachstum entstandenen Schuldendienstes genauso ausreichen, wie zur Überwindung regionaler Benachteiligungen im EL, so daß letztlich das gesamte Land am durch die Industrie entstandenen Wachstum teilhaben könne. Nach den sich abzeichnenden Mißerfolgen dieses Ansatzes etablierte sich jedoch schon bald eine andere Ausgestaltung der Modernisierungstheorie, die sich auf die Thesen des US-Amerikaners Friedmann stützen. Sie räumen der Angebotssteuerung die höchste Priortät ein und fordern daher u.a. eine restriktive Geldpolitik des Staates. Die enorme Bedeutung dieser Theorie wird darin deutlich, daß sie von der Weltbank und ihren Organisationen bevorzugt wird. Sowohl monetäre, friedmannsche, als auch fiskalistische, keynesianische Theorie bieten jedoch mehrere grundsätzliche Kritikansätze. So kann das Wirtschaftssystem der Industriestaaten unmöglich in allen Nationen der Welt verwirklicht werden, da die Ressourcen nur begrenzt vorhanden sind. Desweiteren sind die Vorbedingungen der industriellen Revolution in den heutigen Industrienationen und der jetzigen Situation in den Entwicklungsländern grundverschieden. Hatte man damals eine stabile Landwirtschaft als Grundlage und über das daraus resultierende Bevölkerungswachstum auch mit einen Grund für die Industrialisierung, so steht dem in den Entwicklungsländern eine marode und sich selbst nicht erhaltende Landwirtschaft und eine Bevölkerung, die aus Selbsterhaltungsgedanken und nicht aus Nahrungsüberfluß wächst, entgegen. Hinzu kommt die damals nicht vorhandene Konkurrenz gewachsener Industriestaaten auf dem Weltmarkt, die für das Wachstum der Industrie in den Entwicklungsländern über Direktinvestitionen und politische Einflußnahme mitverantwortlich sind. Ebenfalls in der Realität nicht bewährt hat sich die Vermutung, daß eine einmal geschaffene Industrie Zuliefer- und Weiterverarbeitungsindustrien entstehen läßt. Insgesamt betrachtet, bietet die Modernisierungstheorie keine hinreichend richtige Erklärung für das Bestehen der Unterentwicklung und die Möglichkeiten ihrer Bekämpfung. Dies erkannte man auch in den 70er Jahren. Als Konsequenz entstand die Dependenztheorie, die sich besonders auf die historische Entwicklung in den lateinamerikanischen Staaten stützt. Sie betrachtet die Unterentwicklung als Folge der Entwicklung in den Industrieländern. Schon zur Kolonialzeit hätten die Industriestaaten die ELs ausgebeutet und die traditionellen Strukturen zerstört. Diese "strukturelle Heterogenität" wurde von den Dependenztheoretikern mit einer wirtschaftlichen "strukturellen Abhängigkeit" verknüpft. Denn auch als dann die unmittelbare politische Einflußnahme mit der Unabhängigkeit der ELs aufgehört habe, seien sie in einer nun wirtschaftlich bedingten Abhängigkeit von den Industriestaaten geblieben, als Rohstofflieferanten und billige Standorte für die Großindustrie der reichen Nationen. Davon profitierten nur wenige Bewohner des Enwicklungslandes, was durch Konzentrationsprozesse zu einer deutlichen Unterscheidung kleiner priviligierter Gruppen, Nutznießer der Konzerne der Industriestaaten, und dem großen Rest der Bevölkerung, der weiter in Armut gehalten werde, führte. Pervertiert wurde die Dependenztheorie durch die Vorstellung eines "peripheren Kapitalismus", unter die praktisch alle Entwicklungsländer gezogen wurden und die sowohl von linken als auch rechten Autoren abgelehnt wurde, da sie in keinster Weise die verschiedenen nationalen Gegebenheiten berücksichtigt. Aber auch den Dependenztheortikern bleibt entgegenzuhalten, daß ELs, die sich systembedingt von der Abhängigkeit lösen konnten, wie es z.B. Cuba unter Fidel Castro von der überhandnehmenden Fremdbestimmung durch US-Konzerne gelang, letztlich nicht besser, sondern meist sogar in wirtschaftlicher Hinsicht deutlich schlechter dastehen, als Entwicklungsländer, die stets das Wirken ausländischer Investoren zuließen. Außerdem ignoriert die Dependenztheorie fast völlig naturbedingte Nachteile und durch hausgemachte Fehlentscheidungen bedingte Hemmungen der Entwicklung. Desweiteren kann sie kaum Lösungen der Probleme anbieten. Unbestreitbar beschreiben alle Theorien einen Aspekt des Problems. Es gilt also, die erwiesenen Wahrheiten zu verbinden und so zu einer zwar komplexeren, aber doch nicht unscharfen Theorie für die Begründung der Unterentwicklung zu kommen. So ist zweifelsohne der Ausgangspunkt für die Benachteiligung der Entwicklungsstaaten die frühere politische Fremdbestimmung, die koloniale Strukturen geschaffen hat und dem Staat eine meist auf Ausbeutung zielende Politik aufgezwungen hat. Die so geschaffenen elitären Strukturen in der herrschenden Klasse erlangten mit der Unabhängigkeit eine zentrale Bedeutung. In kaum einem EL wurde von Beginn an auf Demokratie gesetzt. Militärregierungen, kommunistische Systeme oder feudalistisch geprägte Herrschaftssysteme waren die Folge. Da zwischen wirtschaftlicher und politischer Freiheit eine Wechselwirkung besteht, wurde hier aufkeimende Motivation zu wirtschaftlichem Aufschwung oft schon im Keim erstickt. Die Industrie der reichen Staaten erkannte diese Chance und nutzte die ELs als Billigstandorte ohne scharfe ökologische und Arbeitsschutzvorschriften. Da die so geschaffenen Unternehmen nur Produktionsstufen in dem Gefüge eines multinationalen Konzerns waren, wurde hier der sich selbstverstärkende Prozeß des Wirtschaftsaufschwungs unterbrochen. Es bestand kein Bedarf an sich ansiedelnder Folge- und Zulieferindustrie. Der Primärsektor der ELs hatte zum einen unter den geologischen Bedingungen zu leiden. Zum anderen wurde er durch menschliche Fehleinschätzungen beeinträchtigt, die zum Beispiel Erosion, Desertifikation und Überweidung zur Folge hatten. Für diese sind neben den Industriestaaten zweifelsohne auch die zuständigen Gruppen der Entwicklungsstaaten verantwortlich. Die Versuche der ELs, den Aufschwung über eine verstärkte Exportpolitik zu erzwingen, wurde einerseits besonders im Anfangsstadium durch den Protektionismus der Industriestaaten und andererseits durch die aufgrund des gewachsenen Angebots sinkenden Weltmarktpreise oftmals zunichte gemacht. Am Beispiel der südostasiatischen Staaten wird jedoch deutlich, daß diese Methode Erfolg zeigen kann, wenn zum einen die landwirtschaftliche Versorgung der Bevölkerung gesichert ist und zum anderen bereits ein Binnenmarkt geschaffen wurde, der die Existenz einer funktionsfähigen Industrie gewährleisten kann. Dies ist aber bei den meisten Entwicklungsländern nicht gegeben, weshalb hier andere Lösungskonzepte einsetzen müssen. #Seitenende #C31 V. Lösungsvorschläge #C21 Die Suche nach Lösungsvorschlägen für die Probleme der ELs gleicht der vielzitierten Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Dabei ist ein anfänglicher Optimismus einer stets steigenden Resignation gewichen. Glaubte man in den 60er Jahren noch, durch Kapital- und Techniktransfer die ELs im Stile des Nachkriegseuropas "wiederaufzubauen", so erhielt diese Theorie durch die Hungersnöte zu Beginn der 70er Jahre einen erheblichen Dämpfer. Bescheidener geworden, ging man nun davon aus, daß die Versorgung der Bevölkerung mit den basic needs - den Grundbedürfnissen - absolut vorrangig sein müsse. Dazu forderte man eine neue Weltwirtschaftsordnung, jedoch ohne konkrete Pläne vorzustellen, die den Wandel dorthin aufweisen würden. Zu dieser Zeit hatte auch die Idee der Abkoppelung der ELs von der Weltwirtschaft ihre Blütezeit. Nicht mehr der Handel mit den Akteuren des Weltwirtschaftssystems, seien sie kapitalistischer oder kommunistischer Prägung, sondern die Fixierung auf die eigene Bedürfnisse müsse Vorrang habe. Die Produktion solle sich auf die Landwirtschaft konzentrieren, der Handel zwischen den Entwicklungsländern müsse intensiviert werden, so daß die gesamte Bevölkerung letztlich ihre Grundbedürfnisse, wie Wohnung, Nahrung, Bildung, etc. befriedigen könnte. Von vielen Entwicklungsländern wurden diese Grundbedürfnisstrategien jedoch strikt abgelehnt. Man vermutete die Intention der Industriestaaten, die ungeliebten ELs weiter auf einem niedrigen Standard zu halten, indem man ihnen eine nur begrenzte Entwicklungspolitik aufzwängt. Auch hatte die Grundbedürfnisstrategie nur partiellen Erfolg, wie die Lebensstandardsteigerung in infrastrukturell bereits relativ gut ausgebauten Regionen. Im Prinzip änderte sich an den Probleme der Armen nichts. Beeinflußt von den Erkenntnissen der gescheiterten Entwicklungspolitik und einer wachsenden Kritik an den Wachstumsnormen der eigenen Gesellschaft, entwickelten die Industrienationen eine neue Strategie - die Ausgleichsstrategie. Da Ressourcen nur begrenzt vorhanden sind, müsse man das Industriewachstum der Industrieländer bremsen, die Verschwendung von Rohstoffen stoppen und die so frei werdenden Kapazitäten und Mittel zum Aufbau einer ähnlich "sanften" Wirtschaft in den Entwicklungsländern nutzen. Dieser Ansatz hat Vorteile, wenn er konsequent durchgeführt wird. Denn neben den unentwegt bedrohlicher werdenden, durch das ständige wirtschaftliche Wachstum bedingten Problemen der Industriestaaten könnte so auch das Verteilungsproblem des Nord-Süd-Konflikts gelöst werden. Setzt man das frei werdende Kapital für den Aufbau der ELs ein, so wird zum einen der Lebensstandard in den Industriestaaten kaum beeinträchtigt und zum anderen die wirtschaftliche Entwicklung in den Entwicklungsländern stark gefördert. Hierbei darf jedoch nicht der Fehler gemacht werden, einfach nur die Produktion von für die Industrienationen gedachten Produkten in einen anderen Teil der Welt zu verlagern, der billigere Arbeitskräfte und bessere Produktionsbedingungen bietet. In Zusammenarbeit mit staatlichen und regionalen Authoritäten muß sichergestellt werden, daß die gezahlten Löhne ein tatsächliches Ansteigen der Kaufkraft und der Nachfrage im Land bedeuten, damit die Marktmechanismen greifen können. Die Belastung der ELs durch Schuldrückzahlungen und Zinsen müßte auf ein etragbares Maß zurückgeschraubt werden, zum Beispiel durch Zinsaussetzungen oder teilweise Schuldenerlassen, damit die aufkeimende Wirtschaft nicht durch Steuern oder Inflation erdrosselt wird. Neben diesen Maßnahmen bleibt den Industriestaaten aber noch ein zweiter Bereich, in dem sie helfend wirken könnten. Durch verstärkte Einzelhilfe könnte besonders benachteiligten Regionen Perspektiven und Wege aufgezeigt werden, die Unterentwicklung zu bekämpfen. Daß hierbei eine Kooperation und keine Konkurrenz zwischen ausgebildeten Helfern aus den Industriestaaten und dortiger Bevölkerung praktiziert werden muß, wird aus negativen Erfahrungen der Vergangenheit deutlich. Daß hier sowohl von privater, kirchlicher oder staatlicher Seite geklotzt und nicht gekleckert werden muß, wird angesichts der rasanten Auswirkungen der Unterentwicklung in den Entwicklungsstaaten deutlich. Desertifikation, Brandrodung, AIDS-Epidemie, Hungerkatastrophen, Erosion und Überschwemmungen mögen zwar wie Schlagworte wirken, sind aber deutliche Indikatoren, der sich zuspitzenden Situation in den armen Nationen dieser Welt. Die Frage nach der Herkunft der Mittel zur Lösung dieser Probleme wurde bisher immer als Ausrede für die Passivität in dieser Richtung benutzt. Doch die veränderte Weltlage, der Wegfall des Ost-West-Konflikts und somit das Ende der Notwendigkeit der Abschreckung, kann als Chance für eine Konversion der Rüstungswirtschaft und der ihr zur Verfügung gestellten Mittel zu Entwicklungszwecken betrachtet werden. Auch die private Wirtschaft der Industriestaaten könnte die vorhandene Marktsättigung in vielen Bereichen und die daraus resultierenden Strukturprobleme als Anlaß sehen, ihre Aktivitäten auf neue Märkte zu richten, die es aufzubauen gilt. #Seitenende #C31 VI. Fazit #C21 Der Komplexität der Thematik konnte im Rahmen dieser Arbeit leider nur begrenzt Rechnung getragen werden. Der stark begrenzte Maximalumfang verhinderte eine angemessen Betrachtung wichtiger Themenbereiche wie die Vernichtung des tropischen Regenwaldes, Rüstungsexporte in Entwicklungsländer und die Auswirkungen oktroyierter westlicher Wertvorstellungen. Dennoch ergibt sich aus den erläuterten Gesichtspunkten, daß trotz des nicht geringen absoluten Umfanges der geleisteten Hilfe ein enormes Hilfsdefizit besteht. Dieses resultiert aus der historischen Schuld des Kolonialismus und des Imperialismus, sowie aus dem Mißbrauch der "Dritten Welt" für Stellvertreterkriege im Solde einer der beiden Supermächte. Die Art und Weise der Hilfe kann ebenfalls oft bemängelt werden. Auch in Hinsicht auf die eigene Zukunft wurde von Seiten der reichen Staaten zu wenig getan. Denn Umweltverschmutzung, Ressourcenverknappung und Bevölkerungsdruck durch Überbevölkerung sind global zu betrachtende Probleme, die jedoch in großem Umfang momentan noch primär die Entwicklungsländer betreffen. Nichtsdestotrotz müßte die moralische Verpflichtung ausschlaggebend für das Engagement in der Entwicklungshilfe sein. Denn ein Staat, der christliche Werte, Völker- und Menschenrechte (UNO-Charta) auf seine Fahnen geschrieben hat, muß diesen hehren Worten auch Taten folgen lassen. Inwieweit moralische Normen jedoch in der von anderen Gesichtspunkten bestimmten Wirtschaft Niederschlag finden können, bleibt fraglich. Abschließend muß konstatiert werden, daß sich der Zustand des Patienten auf einem niedrigem Niveau stabilisiert hat, der Genesungsprozeß jedoch im Verhältnis zu den Fähigkeiten des Arztes zu zäh und langsam vonstatten geht. Es bleibt zu hoffen, daß die Therapie gut gewählt wurde und die Selbstheilungskräfte des Patienten noch unterstützend eingreifen können. #Seitenende #C31 VII. Verwendete Literatur : #C21 Afrika einmal anders (Organisationskomitee der Afrikatage '88) Aus Politik und Zeitgeschichte bild der wissenschaft 11/1974,12/1975,02/1979,08/1979,04/1985,03/1990 (Deutsche Verlags-Anstalt GmbH - DVA ) Das Parlament (31.10.1992) Der ECU-Report (Economica Verlag) Der Fischer Weltalmanach '91 und '93(Fischer Taschenbuch Verlag) Der Große Bildatlas der Weltgeschichte (Unipart) Die EG und die dritte Welt (Broschüre der EG-Kommission) Dimensionen der Politik Teil 2 (Cornelsen Hirschgraben) dtv-Atlas zur Weltgeschichte Band 2 (Deutscher Taschenbuch Verlag) Guatemala : Freiwild Straßenkinder (Broschüre von amnesty international) Lateinamerikazeitung (Nord-Süd-Forum Friedrichshafen) Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik (Verlag Neue Gesellschaft) Oberstufe Religion 5 (Calwer Verlag Stuttgart) Terra Erdkunde 12/13 für Baden-Württemberg (Ernst Klett Verlag) Verfassung des Landes Hessen (Verlag Dr. Max Gehlen)