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Die südliche Golfküste Der Atlantikhafen Veracruz ist für die mexikanische Geschichte von größter Bedeutung: Hier landete im Jahre 1519 der Spanier Cortés, hier hieß ihn eine Delegation der Azteken, denen er den baldigen Untergang bringen sollte, als vermeintlich rückkehrenden Gott willkommen. In den folgenden Jahrhunderten erwies sich Veracruz (“Wahres Kreuz“) als der wichtigste und reichste Handelshafen Mexikos, weshalb es sowohl für Revolutionäre, Konterrevolutionäre als auch intervenierende Fremdmächte von höchster Wichtigkeit war, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Nicht umsonst heißt einer der berühmtesten Hollywood- Western, mit Gary Cooper und Burt Lancaster als US-Desperados im mexikanischen Bürgerkrieg der 1860er Jahre, nach dieser Stadt. Heutzutage erwartet den Reisenden einerseits ein zuzeiten schwer erträgliches heißfeuchtes Klima, andererseits aber eine Hafenstadt mit Flair: Hier vermischt sich karibisches easy going mit kosmopolitischer Atmosphäre. Auch das Stadtbild ist recht erfreulich, wiewohl nur noch wenige Bauten der alten Kolonialzeit zu sehen sind. Das Wahrzeichen von Veracruz ist das der Stadt vorgelagerte, mittlerweile jedoch durch eine Straße angebundene Inselfort Castillo de San Juan de Ulúa. Erbaut wurde es ab 1528 als Schutz gegen Piratenüberfälle; als diese im 19. Jahrhundert ausblieben, nutzte man das trutzige Gemäuer als Gefängnis, was für die Häftlinge insofern unangenehm war, als manche der (heute zu besichtigenden) Zellen partiell unter Wasser standen. Nahe der Insel entdeckte ein Fischer 1976 einen wohl aus der Zeit von Cortés stammenden Schatz, der heute in dem (ansonsten nicht sehr ansehnlichen) Stadtmuseum an der Calle Zaragoza zu besichtigen ist. Gegen Abend sollte man sich die Atmosphäre des Hautplatzes Plaza de Armas nicht entgehen lassen. |
35 Kilometer nördlich von Veracruz liegen die nicht gerade spektakulären, jedoch sehenswerten
Ruinen der Indianerstadt Zempoala. Eine interessante landschaftliche Variation Mexikos läßt sich mit einem Ausflug an den etwa 175 Kilometer südöstlich von Veracruz gelegenen küstennahen Binnensee Laguna Catemaco erleben. Hier ist das Land so wasser- und wasserfallreich wie kaum anderswo. Hauptort ist die Fischersiedlung gleichen Namens; von dem hier praktizierten Zauberkult läßt sich nicht eindeutig feststellen, ob er noch geglaubt wird oder zur Belustigung der zahlenden Touristen herabgesunken ist. Jalapa, die Hauptstadt des Staates Veracruz, ist ein bemerkenswerter Ort: An sich bietet er kaum sehenswerte Gebäude, allenfalls hat das Altstadtensemble einen gewissen kolonialen Stimmungswert aufzuweisen. Nichtsdestotrotz hat Jalapa etwas Einnehmendes – selbst wenn der Terminplan drängt, fährt der Besucher nicht leichten Herzens fort. Liegt es vielleicht an der Art der Menschen, an der Vitalität und der florierenden Kunstszene dieser Universitätsstadt? Wie dem auch sei, die meisten Besucher setzen gerade mal das Anthropologische Museum auf ihre Besuchsliste und sind dann traurig, daß der “Fahrplan“ die schnelle Weiterreise fordert. Das Museo de Antropología, etwa vier Kilometer nordwestlich des eigentlichen Zentrums an der Ausfallstraße Avenida Xalapa in Richtung Hauptstadt gelegen, hat, wenn man eben von Mexiko City absieht, im ganzen Land nichts vergleichbares. Eine Vielzahl von Exponaten außergewöhnlichen Ranges läßt den Besucher eine Reise durch versunkene Indianerreiche antreten; ob Kolossalkopf, ob Jadeitschmuck, ob Wandmalereien – es wäre ungerecht, etwas aus der musealen Pracht besonders hervorzuheben. Die zwischen Veracruz und Tampico, etwas südlich von Pozarica gelegene Ruinenstadt El Tajín bietet faszinierende Einblicke in die indianische Geschichte. Welches Volk sie errichtet hat, ist fraglich, |
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einzig über die Zeit der Erbauung herrscht weitgehende Klarheit: El Tajín hat seine Ursprünge im 4. und seinen Untergang am Ende des 12. Jahrhunderts. Knapp die Hälfte der einst 50.000 Einwohner zählenden Stadt ist mittlerweile von den Archäologen geborgen. Der faszinierendste Bau ist wohl die siebenstöckige Pyramide der Nischen; Reisende, die nicht unter Zeitdruck stehen, können letztere durchzählen: Es sind 365, für jeden Tag des Sonnenjahres eine. Das Besteigen der Treppe ist Besuchern nicht erlaubt, wäre jedoch auch ein erhebliches Wagnis – die Stufen sind so steil, daß der Aufstieg nur für free-climber zu wagen wäre. El Tajín war überreich an Ballspielplätzen, der wichtigste, mit interessanten sakralen Flachreliefs ausgestattete, liegt im Süden der Anlage. Nördlich wird die ausgegrabene Zone durch das auf einem teilweise künstlichen Hügel mit gewagter Statik errichtete Complejo de las Columnas (Säulengebäude) gekrönt. Das östlich gelegene Papantla hat es durch sein Fliegerspiel, bei dem sich Voladores genannte Artisten an einem um ihre Füße geknüpften Seil um einen Mast drehen, zu gewisser Berühmtheit gebracht. Tabasco und Chiapas Villahermosa heißt zu deutsch “die schöne Stadt“ – ob die Hauptstadt Tabascos diesen Namen jedoch verdient, ist etwas fraglich. Binnen kürzester Zeit hat es die Stadt vom Sumpfdorf zur Viertelmillionen-Boomtown geschafft, so verwundert es nicht, daß man nach altmexikanischem Flair vergeblich sucht. Andererseits haben jedoch die Geldströme immerhin dafür gesorgt, daß das Antlitz Villahermosas eine exquisite Note bekommen hat. Das Klima jedoch konnte auch mittels Petrodollars nicht verbessert werden – in Sachen drückender Schwüle |
verlangt die Stadt ihren Besuchern einiges ab. Zwei Gründe gibt es
trotzdem, die den Aufenthalt in Villahermosa zu einem angenehmen Erlebnis machen:
Zunächst das nach dem unermüdlichen Geschichtsforscher Carlos Pellicer benannte
Anthropologische Regionalmuseum, südlich des Zentrums am Ufer des Río Grijalva gelegen.
Hier bietet sich die Möglichkeit, in das faszinierende Rätsel der olmekischen Kolossalkopf-
Kultur einzutauchen. Das Museum ist etwas unorthodox aufgebaut, so empfiehlt es sich, den
Rundgang zunächst im Obergeschoß zu beginnen, wo man bald den Überblick gewinnt, mit
dem sich die im Mittelgeschoß ausgestellten Kostbarkeiten verstehen lassen. Das andere
“Muß“ in Villahermosa ist das beeindruckende Freilichtmuseum namens Parque-Museo de La Venta,
gelegen an der Laguna de las Illusiones nordöstlich des Zentrums. Hier ist viel von
dem ausgestellt, was der schwerdurchdringliche Dschungel Tabascos an alten Schätzen
hergegeben hat. Allerdings stellt sich in jüngster Zeit heraus, daß die Olmeken und Mayas es
leider versäumt haben, ihre Steinskulpturen smogresistent zu machen, weshalb man erwägt,
die Originale gegen Kunststoffkopien auszutauschen. Für alle Verehrer der Mayakultur bietet
sich ein Ausflug zu den Ruinen des 50 Kilometer nordwestlich von Villahermosa gelegenen
Comalcalco an. Ohne Zweifel ist Palenque eine der schönsten – wenn nicht die schönste – aller Mayastädte. Erstens bezaubert ihre Lage am Fuße der von tropischem Regenwald bewachsenen Berge von Chiapas, zweitens hat hier wohl der Mayastil seine höchste Blüte erreicht – die allerdings nicht sehr lange währte: Die kenntlichen Ursprünge der Stadt liegen im 6. Jahrhundert; bereits um 800 jedoch wurden die mächtigen Ruinen der wildwuchernden Vegetation preisgegeben. Der Europäer versteht unter “Pyramide“ meist, siehe Ägypten, das riesige Grabmal eines Herrschers und ist erstaunt, wenn er erfährt, daß die mexikanischen Pyramiden nichts anderes als Tempel sind. Von der reinen Tempeltheorie ging jedenfalls die Archäologie lange Zeit aus – bis eines Tages im Jahr 1949 der Forscher Alberto Ruz l’Huillier mehr |
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durch Zufall als durch gezielte Suche eine verschüttete Treppe am Templo de
las Inscripciones freilegte. Dieser “Tempel der Inschriften“ hatte schon lange eine große Bedeutung in der Mayaforschung, seinen Namen hat er von den an seinem Haupteingang eingemeißelten 620 Hieroglyphen, die die Geschichte der Herrscher von Palenque erzählen. Die von Schutt befreite Treppe führte jedoch noch weiter – nämlich zu dem Hauptherrscher selbst: In einer Krypta fanden sich die Gebeine des Königs Pacal, ausgestattet mit prächtigen Beigaben, die sich nun im Nationalmuseum zu Mexico City befinden. Die Krypta ist älter als die sie umgebende Pyramide, somit scheint sicher, daß Pacal, genau wie die ägyptischen Pharaonen, bereits zu Lebzeiten an seinem Grabmal bauen ließ. Dieser Hang zur Selbsterhöhung wird nun, da man die Hieroglyphen zum Teil entziffert hat, etwas verständlicher. Pacal hatte eine Dynastie begründet, deren Herrschaft mit dem Makel der Illegitimität behaftet war: Väterlicherseits war er alles andere als königlicher Abstammung. Er behalf sich, indem er sich kurzerhand als Reinkarnation eines alten Gottes bezeichnete, so erklärt sich die für den amerikanischen Kontinent eher ungewöhnliche Kombination aus Grabmal und Pyramidentempel. Pacal führte die Stadt zu militärischer und künstlerischer Blüte; als er im Jahre 683 starb, trat sein Sohn die Nachfolge an. Die 100 Jahre danach brachten zunächst eine weitere stürmische Aufwärtsentwicklung, dann jedoch den plötzlichen Fall. Über dessen Ursachen kann man nur spekulieren; wahrscheinlich lassen sie sich im Inneren finden: Es ist zu vermuten, daß Palenque dem hybriden Göttlichkeitsanspruch seiner Herrscher, gegen den sich das Volk empört haben mag, zum Opfer fiel. Bisher ist gerade einmal ein Bruchteil der vielleicht zehn Quadratkilometer großen Stadt ausgegraben. Unmittelbar nordöstlich der Pyramide der Inschriften liegt der riesige, aus vielen Gebäuden etwas heterogen zusammengesetzte |
Herrscherpalast. Aus der Unzahl sehenswerter Details sei das Bildnis Pacals im zentralen Gebäude E hervorgehoben – hier können Sie feststellen, daß der gottgleiche Herrscher durch einen Klumpfuß gehandicapt war. Westlich, nördlich und östlich des Palastes findet sich weitere Tempelpracht. Bonampak heißt zu deutsch soviel wie “bemalte Mauern“ – damit ist schon alles gesagt: Bonampak ist eine Mayastätte, die an sich nicht viel aufzuweisen hätte, wären da nicht ihre unzähligen wunderbaren Fresken. Es scheint sicher, daß ursprünglich fast alle sakralen und herrschaftlichen Maya-Gebäude gemalten Wandschmuck hatten, jedoch ist dieser mit der Zeit der Witterung zum Opfer gefallen. Die einzige Ausnahme: Bonampak – hier führten klimatische Besonderheiten dazu, daß sich eine schützende Kalkschicht über die Gemälde legte. Die Entdeckungsgeschichte der Stadt könnte schon Grundlage für einen Hollywoodfilm sein, ihr Protagonist ist ein nordamerikanischer Weltkrieg-II-Pilot, der seinem Heimatland in den mexikanischen Dschungel entfloh, mit Indianern lebte und von ihnen schließlich zum geheimen Kultplatz Bonampak geführt wurde. Ob Sie nun auch das Abenteuer einer Bonampak-Reise unternehmen, sollte gründlich abgewogen werden: Bis vor kurzem war der Ort nur per Propeller-Flugzeug zugänglich, mittlerweile führt zwar eine Autostraße dorthin, allerdings ist diese äußerst lang, einsam und zuzeiten für normale Fahrzeuge unpassierbar. Bonampak selbst weist keinerlei touristische Infrastruktur auf, es obliegt Ihnen also selbst, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten zu improvisieren. Wenn das nicht gerade Ihre Vorstellung von “Urlaub“ ist, können Sie sich auch einer organisierten Bus- und / oder Bootstour anschließen – wenn Sie sich nicht einfach dafür entscheiden, die Fresken dort zu studieren, wo sie am einfachsten zu studieren sind: Als Reproduktionen im Museum von Mexico City. Auch was Yaxchilán betrifft, läßt sich sagen, daß das Dahingelangen womöglich aufregender ist als das Dasein. Der Ort, nahe Bonampak |
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und unmittelbar an der Grenze zu Guatemala gelegen, hat zwar auch einiges an Maya-Faszination aufzuweisen,
jedoch gibt es prächtigere Stätten, die leichter zu erreichen sind. Der spannendste Weg nach Yaxchilán ist
der mit dem Boot über den Río Usumacinta, entsprechende Touren werden in den größeren Orten des
Staates Chiapas angeboten. Yaxchilán ist weniger von Pyramiden als vielmehr von Palästen
geprägt, seinen Reiz bezieht es aus der Unzahl von Reliefs, auf denen meist Herrscherpaare
oder Thronsukzessionen dargestellt sind – wobei zu sagen bleibt, daß zahlreiche Steinkunstwerke
ihren Weg aus dem Dschungel in Großstadt-Museen – etwa die Mexico Citys oder
Londons – gefunden haben. An der Straße, die von Palenque nach San Cristóbal de Las Casas führt, liegt etwa mittig, in Höhe Ocosingos, die Mayastätte Toniná, deren leicht toltekischer Einschlag darauf hindeutet, daß der Ort den Untergang der Mayakultur mit veränderter Bevölkerung überstanden hat. San Cristóbal de Las Casas ist eine Stadt mit zwei Gesichtern: Auf der einen Seite hat sie viel kolonialspanisches Flair, auf der anderen Seite wird das Geschehen von den selbstbewußt ihre alten Trachten tragenden Indianern geprägt, welche die 100.000- Einwohner-Kapitale des Staates Chiapas in erster Linie aufsuchen, um dort auf dem Markt die Produkte ihrer Dörfer anzubieten. San Cristóbal wurde 1528 gegründet und ist somit die älteste spanische Siedlung weit und breit, benannt ist der Ort nach einem Bischof, der sich in den frühen Tagen um den Schutz der Indianer verdient machte – allerdings auch im Verfolg dieses Zieles als erster den Vorschlag machte, zur Arbeit in den Silberminen widerstandsfähigere schwarze Sklaven aus Afrika zu importieren. 1994 brachte es San Cristóbal zu Weltruhm, als sich die über Jahrhunderte unterdrückte Urbevölkerung militant gegen die Zentralregierung erhob und die Stadt kurzerhand besetzte. Nach |
wie vor ist das Verhältnis der Indianer zu “ihrem“ Staat
gespannt; jedoch nicht nur zu diesem: Auch der Besucher aus fernen Landen sollte sich davor hüten,
die Indianer als pittoreske Fotomodelle mißzuverstehen, dies gilt in erster Linie für den Fall, daß
er sich einer Busreise anschließt, deren Zweck es ist, eins der umliegenden “unberührten“ Indianerdörfer
zu berühren. Leicht ist es jedoch, die Urbevölkerung auf einem der Märkte kennenzulernen;
die nach alten Vorbildern gestalteten und von Hand gefertigten stilvollen Kleidungsstücke
eignen sich hervorragend als Souvenir. Vergessen Sie das Feilschen nicht und fragen Sie
den Händler unbedingt nach der Bedeutung der eingestickten Symbole – in ihnen gibt sich
sowohl das Herstellungsdorf als auch ein religiöser Gedanke zu erkennen. Bis zur Errichtung einer etwas geschmacklosen Markthalle eben dort war der im Norden der Altstadt gelegene Mercado in Sachen Atmosphäre unschlagbar. Etwas südlich von ihm, an der Avenida General Utrilla, befindet sich die schönste der vielen Kirchen: Santo Domingo – allein die gedrängte Pracht ihrer aus dem 17. Jahrhundert stammenden, fast quadratischen Barockfassade hinterläßt einen schlagenden Eindruck, mehr noch wenn nachts das Flutlicht auf sie fällt. In den benachbarten Klostergebäuden hat sich ein indianisches Textilhaus einquartiert, sein Angebot ist sehr edel, sehr authentisch und leider auch sehr teuer – Qualität hat ihren Preis. Ein lohnender Ausflug von San Cristóbal de las Casas führt ins 140 Kilometer südöstlich, direkt an der Grenze zu Guatemala gelegene Montebello-Naturschutzgebiet. Sein Reiz ergibt sich aus der Vielzahl der inmitten unberührten Waldes gelegenen Seen. Neben allem Naturgenuß hat die Gegend jedoch auch allen, die nach noch mehr Maya-Ruinen dürsten, etwas zu bieten: Chincultic. Hier, am äußersten Westrand des Mayagebietes, lebte die Kultur noch rund 100 Jahre nachdem ihr Zentrum untergegangen war, fort. Allzu Spektakuläres gibt es nicht zu sehen, das Ausgrabungsgelände hat seinen Charme eben darin, daß noch nicht allzuviel ausgegraben ist und sich somit dem Besucher ein authentischer Ausdruck der Versunkenheit mitteilt. |