Nördlich von Mexico City


Zacatecas ist ein Schmuckstück unter Mexikos Städten, genauer gesagt: Ein aus Silber gemachtes Schmuckstück. Die indianische Urbevölkerung dieser Gegend freute sich schon lange vor Ankunft der Spanier am Glanze des in rauhen Mengen vorhandenen edlen Metalls; die Legende sagt, daß ein Indianer den Europäern stolz ein silbernes Schmuckstück vorwies – eine Geste, die sein Volk teuer bezahlen mußte. Gierig stürzten sich die Kolonialherren auf den unverhofften Reichtum; zwecks Ausbeutung der Minen wurden die Indianer in ein sklavereiähnliches Abhängigkeitsverhältnis gestürzt. Bis zum heutigen Tage ist der Silberbergbau in der Gegend um Zacatecas ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, in den Juwelierläden der Stadt können Sie sich schauend oder kaufend dem Reiz des edlen Metalls hingeben. Das Silber machte Zacatecas reich, der Reichtum machte es schön: In Sachen kolonialer Baupracht nimmt es die Stadt mit jedem mexikanischen Rivalen auf.
Wahrhaft überwältigend ist das Äußere der berühmten Kathedrale: In gedrängtem, aber nicht überladenem Barockstil zeigt die Fassade, umgeben von reicher Ornamentik, Apostel, Kirchenväter und Gottvater höchstselbst. Wenn Sie Enttäuschungen vermeiden wollen, sollten Sie Ihre Erwartungen, was das Innere betrifft, deutlich zurückschrauben – alle bewegliche Pracht ist den Revolutionswirren zum Opfer gefallen. Von der Kathedrale aus kann man die schöne Avenida Hidalgo Richtung Süden herabschreiten; dort, wo sie auf die Avenida Juárez trifft, beginnt linkerhand das Geschäftsviertel. Wenn man sich jedoch rechts und hinter dem Hospital erneut rechts hält, gelangt man zum Eingang der Mina El Edén. In diese Mine läßt sich einfahren, beim Gang durch die vierte Sohle erhält der
Besucher einen schaurig schönen Einblick in die Bedingungen, unter denen das kostbare Metall gewonnen wurde. Wer sich die silbernen Perle Mexikos einmal im Ganzen betrachten möchte, sollte mittels der nördlich der Kathedrale beginnenden Seilbahn auf den 2.700 Meter hohen Cerro de la Bufa fahren.
Als Ausflugsziele von Zacatecas bieten sich das acht Kilometer östlich gelegene Barockkloster Nuestra Señora de Guadalupe und die 60 Kilometer südlich gelegene indianische Ruinenstadt La Quemada an.
San Luis Potosí ist Zacatecas in mancher Hinsicht ähnlich, ohne jedoch dessen Reiz ganz zu erreichen. Die Dreiviertel-Millionen-Stadt ist heute in erster Linie ein modernes politisches und wirtschaftliches Zentrum, immerhin konnte die im Kolonialstil erbaute Altstadt der Entwicklung zum Trotz erhalten bleiben. Sehenswert ist vor allem die Plaza del Armas mit ihrem klassizistischen Gouverneurspalast und der barocken Kathedrale. Etwas östlich hiervon steht die gleichfalls barocke Kirche El Carmen; gegenüber läßt sich im sehenswerten Museo Nacional de la Mascara eine Sammlung von unterschiedlichsten mexikanischen Kultmasken bestaunen.
Auch Guanajuato verdankt Entstehung, Reichtum und Schönheit den ergiebigen Silber- und Goldvorkommen seiner Umgebung.
Die Stadt ist anheimelnd, was sowohl auf die Vielzahl ihrer schönen, aus der Kolonialzeit stammenden Gebäude zurückgeht, als auch auf die zuweilen pittoreske Enge ihrer Gäßchen. Von den knapp 100.000 Einwohnern sind mehr als 15.000 Studenten – Guanajuato ist jung, vital und reich an kleiner und großer Kunst. Zentrum der Stadt ist der Jardín de la Unión, hier treffen sich Einheimische und Besucher, über der Szenerie liegt – gerade an Abenden – ein vielfältiger Gitarrenklang. Südlich des Platzes steht die sehens- werte Iglesia des San Diego, deren heutige Gestalt im wesentlichen auf das 18.
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Jahrhundert zurückgeht. Wenn man die am Jardin de la Unión beginnende Avenida Juaréz in westliche Richtung geht, gelangt man zur Basílica de Nuestra Señora de Guanajuato. Sehenswert ist vor allem die hölzerne Muttergottes-Statue: 1557 machte sie Philipp II. von Spanien dem Ort zum Geschenk; jedoch scheint das Kunstwerk selbst noch wesentlich älter – man behauptet, daß es aus dem 7. Jahrhundert stammt und über 800 Jahre vor den Mauren versteckt gehalten wurde.
Es lohnt sich, die Avenida Juaréz noch weiter zu gehen, beidseitig der Straße schließen kleine, anheimelnde Plätze (Plazuelas) an, in Höhe des scharfen Rechtsknickes etwa die Plazuela de los Angeles, ein idealer Ort, um sich mit der studentischen Jugend Guanajuatos anzufreunden. Hier beginnt auch die Callejón del Beso, die ihren Namen (“Kußgäßchen“) aufgrund ihrer Breite hat. Mit 68 Zentimetern ist sie derart eng, daß sich einander gegenüber Wohnende (so sie wollen) küssen können. An der nördlich parallel zur Avenida Juaréz verlaufenden Calle de los Pocitos, Ecke Calle Mollas, finden Kunstinteressierte das Geburtshaus Diego Riveras, das mittlerweile dort eingerichtete Museum zeigt einige interessante Originale, darunter viele Portraits.


Muralismo – Wandmalerei aus Mexiko
Der größte Beitrag Mexikos zur Kunstlandschaft dieses Jahrhunderts – wobei “größte“ hier auch und vor allem wörtlich zu nehmen sei! – ist das Werk der Muralisten.
Nein, nicht “Moralisten“ (wobei dieses, s.u. auch nicht ganz falsch wäre) sondern mural, spanisch für Wand. Durch die revolutionären Ereignisse ab 1910 bewegt, beschlossen mexikanische Maler, die Staffelei zu zerhacken, das Atelier zu verlassen und sich an die Wand zu stellen. Im fernen Europa rang man um den metaphysischen Ort der Kunst, die Mexikaner waren da weniger zimperlich. Ort? Ist doch klar: Die Kunst, so
das Verständnis der meist ungemäßigt linken Maler, müsse volkseigen werden, die Frage nach dem Ort beantwortet sich körperlich - Bilder sollen dort “hängen“, wo sie jeder sehen kann, ja gar muß: An den Außen- und Innenwänden der großen öffentlichen Gebäuden. Putz statt Leinwand, den Pinsel ein paar Nummern größer gewählt – schon durch die Wahl des Materials war klar, daß der neue Stil gewisse plakative Züge tragen muß. Hinzu trat patriotischer Elan – fort mit der europäischen Verweichlichung, her mit Mexikos Lebensfreude, begeistert Euch an den leuchtenden Farben der alten Volkskunst!
Auch bei der Frage, was man malt, leistete man sich keine Halbheiten. Am besten alles zusammen, war die Antwort, Themen wie “Das Leben der mexikanischen Bevölkerung und Utopien“ in 235 Fresken, zu besichtigen im Erziehungsministerium zu Mexiko City, zeugen nicht gerade von Bescheidenheit. Auch die Frage, wie der Künstler zur Welt steht, konnte nach kurzer Überlegung beantwortet werden: Er ist für die Guten und gegen die Bösen, letztere sind z.B. in o.g. Monumentalwerk unter dem Titel “Souper der Milliardäre“ gar abschreckend dargestellt. Auch das Goethesche Diktum, daß der Künstler mit dem Fürsten zu gehen habe, konnte eingelöst werden: Die Revolutionsfürsten zeigten sich gar angetan von der kunstagitatorischen Idee, der Erziehungsminister José Vasconcelos forderte die malende Zunft Anfang der 20er Jahre ausdrücklich auf, öffentliche Gebäude zu verzieren. Der berühmteste Muralist ist Diego Rivera, Gatte von Frida Kahlo (s.d.).
Geboren wurde er 1886 in Guanajuato als Sohn eines Schulinspektors und einer Mestizin, bereits 1898 nahm er an einer Kunstakademie das Studium auf, welches er allerdings nach vier Jahren aus Protest gegen den autoritären Lehrstil verließ. Zwischen 1906 und 1921 hielt sich Rivera in Europa auf, machte die Bekanntschaft Picassos sowie Braques und wandte sich zunächst dem Kubismus, später dem (sozialistischen) Realismus zu. Nach seiner Rückkehr in die Heimat erhielt er umgehend den staatlichen Auftrag, sich der öffentlichen Großwände anzunehmen, ein arbeitsreiches Leben begann: Für die o.g.
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235 Fresken brauchte er rund 4½ Jahre. Immerhin trug es ihm Ruhm ein: Kein geringerer als der (manchmal gewiß auch soupierende!) Milliardär Rockefeller lud ihn Anfang der 30er Jahre in die USA, um dort das nach jenem benannte Center zu verschönern. Rivera machte sich ans Werk und malte viel, ins Zentrum einen überlebensgroßen Wladimir Iljitsch Lenin – was dem amerikanischen Kapitalisten allerdings derart mißfiel, daß er das Gemälde tektierte, den Künstler abfand. 1957 starb Rivera, nicht ohne vorher noch etliche Gebäude Mexikos bemalt zu haben. Weitere Muralisten: David Alfaro Siqueiros (1886-1974) und, etwas weniger politisch-plakativ in seinen Inhalten, José Clemente Orozco (1883-1949). Ab den späten 50er Jahren beeinflußten die Muralisten vor allem die kubanische Revolutionskunst.
Auch San Miguel de Allende hat sich viel seines kolonialen Charmes bewahrt und wird ihn wohl auch in Zukunft nicht verlieren: Mittlerweile steht das Altstadtensemble unter Denkmalschutz. Jedoch sind es nicht nur die steinernen Zeugen der Vergangenheit, die San Miguels Anziehungskraft ausmachen, es gibt noch anderes, was die Besucher herlockt: Die schöne, an einen Hügel gelehnte Lage, das mild-angenehme Klima und das faszinierende Licht, letzteres inspiriert vor allem die Künstler.
Viele Touristen haben sich zum dauerhaften Bleiben entschlossen, andere verbringen immerhin den Winter hier, für noch andere ist San Miguel der erwählte Ort, um die spanische Sprache zu erlernen – all das hat die Stadt mit einem mächtigen Gringo-Einschlag versehen, Englisch mit amerikanischem Akzent dominiert mittlerweile das Klangbild San Miguels. Zentrum der Stadt ist die (auch Jardín genannte) Plaza Principal, beherrscht wird ihr Bild von der Pfarrkirche Parrokuia, einem der wenigen neogotischen Gotteshäuser Mexikos. Unter den vielen weiteren sehenswerten Kirchen San Miguels ragt die nordöstlich an der Calle Mesones gelegene El Oratorio de San Felipe Neri hervor,
deren Fassade viele Stilelemente indianischer Herkunft aufweist. Auch die unmittelbar rechts davon stehende Iglesia de la Salud lohnt die Besichtigung. Auf dem nördlich anschließenden Mercado de Artesanías lassen sich preiswerte Souvenirs erstehen; wer hier nicht fündig wird, sollte noch die den Jardín nördlich tangierende Canal in beide Richtungen nach etwas edleren Geschäften durchsuchen.
Auch Querétaro ist eine Stadt, in der vieles noch von der spanischen Kolonialzeit zeugt, wiewohl hier die Moderne in Form zahlreicher Industriebetriebe Einzug gehalten hat. Für Mexikaner ist die Halbmillionen-Stadt von großer geschichtlicher Bedeutung, sie war Schauplatz zahlreicher revolutionärer Ereignisse, unter denen die europäischen Besucher wohl am meisten das Schicksal des österreichischen Kaisers Maximilian interessiert. Zentrum der Stadt ist die Plaza Principal, auch Jardín Zenea genannt, an dessen Westseite sich im ehemaligen San Francisco-Kloster das sehenswerte Regionalmuseum befindet, das einen interessanten Überblick der vorspanischen, spanischen und nachspanischen Geschichte dieser Gegend gibt. Im Süden der Plaza beginnt die Avenida Franciso Madero; wenn man diese Richtung Westen beschreitet, gelangt man zur Santa Clara-Kirche, deren schlichtes Äußeres den Besucher nicht davon abhalten sollte, das Innere zu betrachten – hier bietet sich dem Auge eine überreiche goldene Pracht, insbesondere ist das hölzerne Chorgitter hervorzuheben.
Südlich von Santa Clara, an der Calle Allende gelegen, steht das ehemalige Kloster San Agustín, auch Palacio Federal genannt. Die Fassade des Barockbaus ist sehenswert, nicht weniger der Kreuzgang. Heutzutage hat hier das Museo de Arte de Querétaro seine Heimstatt gefunden, die Ausstellung reicht von Kunstwerken des 16. Jahrhunderts bis zu solchen der Gegenwart. Im Westen der Altstadt liegt der Cerro de las Campanas – auf diesem “Glockenhügel“ wurde Kaiser Maximilian von den Rebellen exekutiert. Sein Bruder, der österreichische K.u.K.-Monarch Franz Josef I., stiftete seinem Gedenken 1901 eine Kapelle. Der Besucher mag es unter
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“Geschmacklosigkeiten“ rubrizieren, daß der Hügel mittlerweile von einer Monumentalstatue des Revolutionärs Juárez dominiert wird. Ein lohnendes Ausflugsziel ist das Indianerstädtchen Actopan, dessen im 16. Jahrhundert erbautes Wehrkloster eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges ist.
Die Kirche weist eine schöne Renaissancefassade und ein gotisches Gewölbe auf, das Kloster ist mit zauberhaften Fresken geschmückt.
Lange hatte man nach Tula, der sagenumwobenen Hauptstadt des Toltekenreiches, gesucht. Obwohl bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts einige Bauten entdeckt wurden, konnte erst durch die Ausgrabungen, die Wigberto Jiménez Moreno ab 1938 unternahm, die zweifelsfreie Identität der Indianerstätte nachgewiesen werden. Der Besucher sollte, bevor er nach Tula fährt, seine Erwartungen jedoch nicht allzu sehr in die Höhe
schrauben, insbesondere für den Fall, daß er vorher Teotihuacán gesehen hat, keine Steigerung erwarten. Beherrscht wird die Ruinenstadt vom Templo de Tlahuizcalpantecuhtli, dessen fehlerfreie und flüssige Aussprache Krönung eines jeden Reiseberichts ist – die deutsche Übersetzung “Tempel des Morgensterns“ klingt da doch ungleich banaler. Der eigentliche Tempel stand auf der Plattform der fünfstufigen Pyramide, leider sind von ihm nur noch die Säulen und die kolossalen Kriegerfiguren, die das Dach trugen, erhalten.
Westlich des – immer wieder schön: – Templo de Tlahuizcalpantecuhtli schließt der sogenannte Palacio Quemado an. Seine durch Feuer zerstörten Räume dienten wahrscheinlich als Regierungsgebäude. In der Nähe des Eingangsbereiches liegt der Ballspielplatz, dessen Zerstörungsgrad jedoch wenig Rückschlüsse auf die einstige Pracht zuläßt. Das kleine Museum nahebei ist von mäßiger Güte.
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