Unterwegs in Mexiko I rgendwann regt sich im Reisenden der urmenschliche Trieb: Er will erfahren, was hinter dem nächsten Berg, hinter der nächsten Bucht liegt. Hotel und Hausstrand sind zwar schön, nichtsdestotrotz ist zu vermuten, daß Mexiko noch mehr zu bieten hat. Und es hat: Das Land ist voller Sehenswürdigkeiten. Um nun von A nach B zu kommen, bieten sich – je nach Entfernung, Zeit und Unternehmungslust – verschiedene Möglichkeiten. Wenn A etwas weiter von B entfernt ist, bietet sich der Inlandsflug an. Mexiko ist – gerade im Süden und Westen des Landes – flächendeckend mit Flughäfen versorgt. Zwei große und unzählige kleine Gesellschaften teilen sich den Markt. Die Preise sind im Allgemeinen recht niedrig, bei den kleinen Anbietern manchmal sogar äußerst günstig; zudem haben diese oft noch den Vorteil, abgelegenere Orte miteinander zu verbinden. Ansonsten sind die Flugverkehrs-Knotenpunkte Guadalajara und Mexico City. Dort nehmen auch die meisten Eisenbahn-Linien ihren Ausgang; der Zug ist das mit Abstand billigste Verkehrsmittel des Landes. Es hat jedoch den Anschein, daß eben aus diesem Grunde die staatliche Eisenbahngesellschaft und die privaten Anbieter nicht mehr kostendeckend arbeiten können: Mexikos Züge verfallen. Das Netz baut sich ab, Lokomotiven und Waggons sind häufig ein halbes Jahrhundert alt, das Tempo entsprechend, der Fahrplan sagt, wie es sein könnte, aber leider nie ist. Falls Sie nicht gerade eine Wette “14 Tage Mexiko mit 100 Mark in der Tasche“ laufen haben oder Material für einen Abenteuerroman sammeln, sollten Sie sich nie in ein Zweite-Klasse-Abteil (segunda clase) begeben – Gedränge, Gepäck, manchmal gar Fracht, keine Klimaanlage. Besser, wenn auch nicht gerade übermäßig gut, ist die Erste Klasse (primera preferente), hier haben Sie zumindest einen Sitz, den Sie mit niemandem teilen müssen. Schlafwagen (coche dormitorio) sind selten. Ein weiteres gewichtiges Argument gegen den Zug ist die fehlende Sicherheit: Diebstahl und Raub kommen vor; besonders berüchtigt sind hier die Strecken des Südostens. Die berühmteste Strecke Mexikos, die weniger dem Personentransport als vielmehr dem Sightseeing dient, ist die Verbindung zwischen Chihuahua und der Pazifikküste bei Los Mochis – hier geht die Fahrt durch den landschaftlich überwältigenden Cañon del Cobre. Auch was die Überlandbusse angeht, ist Mexiko eine Klassengesellschaft; das macht jedoch nichts, da selbst die erstklassigen Tickets, mit heimischen Verhältnissen verglichen, noch spottbillig sind. Die Gefährte der Ersten- und Luxusklasse verbinden – meist ohne Zwischenhalt – die größeren Städte, sie sind klimatisiert und bieten bequeme Sitze, man sollte die Tickets allerdings vorbuchen. „Weiche nie von weicher Sitzungsart, denn nicht weich zu sitzen, das ist hart!“ – Beherzigen Sie diesen Rat Otto Reutters, es lohnt sich nicht, mittels eines Zweiter-Klasse-Busses ein paar Pesos zu sparen! Die segunda ist holzig-unbequem, langsam und hält an jedem Kaktus. Die Stadtbusse schließlich bieten superbillige Fahrpreise, jede Menge sozialer Interaktion auf engstem Raum, die Möglichkeit, sein Portemonnaie loszuwerden und zudem häufig interessante Einblicke in Sachen Kfz-Archäologie. Ein praktisches und billiges Beförderungsmittel in Städten ist das Taxi. Das mexikanische Mietdroschkenwesen ist jedoch etwas kompliziert. Zunächst gibt es drei verschiedene Arten: Taxis ohne Taxameter, Taxis mit Taxameter und Taxis mit funktionierendem Taxameter. In letzterem Falle ist tariflich alles klar, ansonsten gilt es, den Preis unbedingt vor der Fahrt auszuhandeln – wenn Sie dies unterlassen, kann es zu üblen Überraschungen kommen. Eine weitere Unterscheidung besteht zwischen den Freien Taxis (libre, Kennbuchstabe “L“) und den Taxistand-Gefährten (sitio, “S“). Die L-Taxis sind unkomfortabler (häufig kommt hier noch ein gewisser deutscher Wirtschaftswunder-Kleinwagen zu Ehren) und billiger – manchmal jedoch auch sehr, sehr teuer: In Mexico City boomt die Taxi-Kriminalität! Touristen werden häufig ausgeraubt und zusammengeschlagen. Benutzen Sie in Mexico City nur S- oder Funktaxis! Die Fähre empfiehlt sich für Reisende, die von der Pazifikküste auf die langgezogene Halbinsel Baja California übersetzen wollen; Verbindungen bestehen zwischen Puerto Vallarta – Cabo San Lucas, Puerto Vallarta – La Paz, Mazatlán – La Paz, Los Mochis – La Paz und Guaymas – Santa Rosalia. Zur Yucatán vorgelagerten Insel Cozumel gelangen Sie von Cancún, Puerto Morelos und Playa del Carmen, auch die kleine Isla Mujeres ist von Cancún aus bequem erreichbar. Wer seinen Aktionsradius vergrößern will und Fahrpläne beengend findet, sollte sich einen Mietwagen nehmen. Allerdings: Dieses Vergnügen ist in Mexiko nicht gerade billig! Auch bei den mexikanischen Autoverleihern erfreut sich jenes deutsche Kleingefährt mit dem Insektennamen hoher Beliebtheit, unter allen Typen ist er meist noch der preiswerteste. Wer immer sich temporär einen fahrbaren Untersatz zulegen will, muß selbstverständlich im Besitz eines gültigen Führerscheins sein (in der Regel reicht der nationale), darüber hinaus ist ein Mindestalter von 25 Jahren Voraussetzung (hier machen manche Verleiher gegen Aufpreis eine Ausnahme). Als Kaution verlangt man die Vorlage einer Kreditkarte, wo diese nicht zur Hand ist, müssen erhebliche Summen in bar hinterlegt werden. In den touristischen Zentren Mexikos sind die großen internationalen Verleiher vertreten, nebenher tummeln sich noch lokale Anbieter auf dem Markt. Letztere können billiger sein; bevor man Preisvergleiche anstellt, sollte man jedoch folgendes erwägen: - Wie ist der Zustand des Gefährtes? Halten Sie einen Privat-TÜV ab: Billig und nicht fahrtüchtig ist effektiv teuer! - Wie steht’s mit den Versicherungen? Kasko? Eigenbeteiligung? Diebstahl, auch hier decken manche Versicherungen nur einen Teil des Wertes? - Dasselbe gilt für Teildiebstahl (Reifen, Wischblätter und alles andere, was sich abmontieren läßt)! - Sind andere Niederlassungen Ihres Verleihers auf Ihrer Fahrtroute, können Sie also im Falle eines Falles schnell auf Serviceleistungen zurückgreifen oder das Gefährt am Zielort zurückgeben, wenn ja, gegen Aufpreis? - Sind die Steuern im Angebot inkludiert? - Wird Ihnen ein Kilometerlimit gesetzt; wenn ja, was kosten zusätzliche Kilometer? Mit Tankstellen ist das Land einigermaßen flächendeckend ausgestattet, wobei man in abgelegeneren Regionen seinen Tank grundsätzlich zur Gänze füllen sollte, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Preiskämpfe in Sachen Sprit toben in Mexiko nicht, erstens ist Benzin sowieso billig, zweitens hält der Staat ein Kraftstoffmonopol. Den Taschenrechner werden Sie nicht benötigen, man rechnet – anders als der nördliche Nachbar – in Litern. Bleifrei (magna sin) wird mittlerweile zur Regel, wiewohl es noch verbleiten Sprit (nova) gibt, nebenher führt man meist noch Diesel im Angebot. Selbstbedienung ist im Lande der Azteken unbekannt, Sie werden es mit einem Tankwart zu tun kriegen. Beachten Sie bitte, daß dieser an sich sympathische Menschenschlag einige Marotten hat: - Er erwartet grundsätzlich ein Trinkgeld - Manchmal vergißt er, den Zähler vor Beginn des Tankvorgangs auf Null zu stellen - Manchmal stellt er den Zähler nach Ende des Tankvorgangs so rasch auf Null, daß Sie auf die Richtigkeit seiner Forderung einfach vertrauen müssen - Manchmal steigert er seinen Umsatz, indem er auf Ihr freundliches “Voll“ (lleno) neben dem Tank auch noch das Pflaster reichlich mit Sprit versorgt - Rufen Sie den Service einzeln ab – wenn Sie Benzin, Wasser, Öl, Reifen en bloc in Auftrag geben, kann es passieren, daß der fröhliche Wart in Sekundenschnelle den Vollzug meldet und sich bei Ihnen der Verdacht einstellt, daß die Kontrolle vielleicht doch nicht so gründlich war. Das mexikanische Straßennetz könnte besser, aber auch schlechter sein. Zwischen Ballungsgebieten dominieren die Autobahnen (autopistas), in ländlichen Bereichen sind die Bundesstraßen (ruta federales) wichtige Fernverbindungen. Nach unten ist der Straßenqualität jedoch keine Grenze gesetzt – manche Pisten lassen sich nur mit Geländewagen befahren. Ein Problem sind zudem die Mautstraßen, die zum Teil privat betrieben werden. Hier werden häufig horrende Gebühren erhoben. Meist hat der Reisende die Wahl zwischen dem entspannten, aber kostspieligen Weg und der gebührenfreien, aber völlig überlasteten Parallelroute. Grundsätzlich ist bei Überlandfahrten in abgelegeneren Regionen folgendes zu beachten: - Hinter der nächsten Kurve kann alles sein – ein liegengebliebenes Fahrzeug, Menschen, Tiere, Sensationen, eine Baustelle, Schlaglöcher, Aufpflasterungen usw. - Vermeiden Sie Nachtfahrten, hier häufen sich die Gefahren – so ist für viele Mexikaner das Rücklicht ein moderner technischer Schnickschnack, den sie einfach nicht brauchen... - In manchen Regionen häufen sich neuerdings Straßenüberfälle – wenn man Sie zum Halten nötigt, ist größte Vorsicht angebracht! Zu den lobenswerten Einrichtungen des mexikanischen Tourismus-Ministeriums gehören die “Grünen Engel“ (los angeles verdes): Abschleppwagen mit dieser Kennzeichnung sind unterwegs auf den Straßen des Landes, um Pannenhilfe zu leisten – Sie bezahlen nur das Material, nicht aber den Service. Im Falle eines Unfalles sollten Sie folgendes beachten: - Die Polizei läßt Sie erst weiterfahren, wenn die Verursacher- und Haftungsfrage geklärt ist - Wenn die Lage kompliziert wird, sollten Sie sich der Hilfe der deutschen Botschaft oder des nächstgelegenen Konsulats versichern - Die Sprache kann zum Problem werden – wenn Sie des Spanischen unkundig sind, sollten Sie auf keinen Fall Schriftstücke unterschreiben Die Verkehrsregeln unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland – gewichtigste Ausnahme ist das “Anarchiegebot“ in den Großstädten: Um hier zu fahren, bedarf es starker Nerven! Der mexikanische Autofahrer läßt sich im allgemeinen spontan zu unorthodoxen Manövern inspirieren, hier ist ziemlich alles möglich, machismo auf vier Rädern die Regel! Die Ironie der Geschichte ist, daß mexikanische Polizisten manchmal das einheimische Chaos gelassen ignorieren, den Touristen jedoch wegen eines minimalen Verstoßes anhalten und schröpfen – ob die pesos hier ordnungsgemäß abgeführt werden oder in die Tequila-Kasse der Ordnungshüter wandern, bleibt Stoff für Vermutungen... So sollte man sich als Auswärtiger einigermaßen an die Regeln halten, insbesondere die Geschwindigkeitslimits beachten: In Ortschaften 40 km/h, überland 80 km/h, auf Autobahnen 110 km/h. Mexico City Es gibt einen gewichtigen Grund, der dafür spricht, daß Sie in Ihrem Urlaub nach Mexico City fahren: Immerhin ist die Metropole eine der aufregendsten Städte der Welt. Es gibt jedoch auch einen gewichtigen Grund dagegen: Immerhin ist die Metropole eine der aufregendsten Städte der Welt. In Mexico City (in diesem Kapitel kurz “Mexico“ genannt) vollziehen sich rund 20 Millionen Menschenschicksale auf verhältnismäßig engem Raum. Wieviele es genau sind, kann man nicht feststellen: Die Reichen in den Prunkvillen lassen sich vielleicht noch zählen, nicht aber jene, deren Behausung aus einem Stück verschlissener Plastikplane besteht. Man schätzt, daß Mexicos Bevölkerung täglich um etwa 2.000 zunimmt, die allermeisten der Neuankömmlinge landen in den Shantytowns genannten Slums. Mittlerweile lebt jeder vierte Bewohner des Landes in der Hauptstadt, die ihrerseits zwei Drittel aller Energie verbraucht. Mexico ist eine Stadt der unvereinbaren Kontraste, eine Mischung aus Reichtum und Armut, Duft und Gestank, Genuß und Verzweiflung, Kunst und Kriminalität – gerade das letzte Paar ist jenes, in dem sich Erwartung und Befürchtung der meisten Mexiko-Touristen verkörpert. Gelockt von den Kunstschätzen, die man hier in einer Zahl und Güte antrifft wie in wohl keiner anderen Stadt des amerikanischen Kontinents, wagt man den Gang in den Moloch, währenddessen man ständig danach tastet, ob sich das werte Portemonnaie noch in der Tasche befindet. Wenn man sich nun dazu entschlossen hat, Mexico auf die Reiseliste zu setzen, sollte man sich – so man als Aufenthaltsdauer weniger als ein Jahr eingeplant hat – von dem Gedanken lösen, alles zu sehen. Die Zahl der Kirchen, Tempel, Museen und edlen Geschäfte geht knapp gegen unendlich. Zentrum der Stadt ist der rund 240 Quadratmeter messende (und somit für Menschen mit Platzangst nicht allzu geeignete) Zócalo, auch Plaza de la Constitución genannt, hier wurde im Jahre 1813 die Verfassung des Landes verkündet. Dominiert wird die Plaza von der im Norden aufragenden Catedral, ihr Baubeginn war im Jahre 1563, ihre Fertigstellung 1813 – zwar floß in diesen 250 Jahren eine gewisse Stilvielfalt ein, jedoch gelang es trotz allem, eine bauliche Harmonie zu wahren, alles in allem dominiert der Barock, wiewohl der Oberteil der Kathedrale neoklassizistisches Gepräge trägt. Auch das Innere spiegelt das Kunstempfinden verschiedener Zeiten wider, bemerkenswert ist vor allem der hölzerne Königsaltar (Altar de los Reyes) aus dem frühen 18. Jahrhundert am Ende des Hauptschiffes. Östlich wird der Zócalo von der rund 200 Meter langen Fassade des Palacio Nacional abgeschlossen, dessen Inneres von Wandgemälden des Muralisten Diego Rivera verziert wird. Da der Palacio Nacional jedoch nach wie vor Amtssitz des Präsidenten ist, wird es mitunter etwas kompliziert, die Murals zu besichtigen, im allgemeinen reicht jedoch das Vorzeigen eines Personalausweises oder Reisepasses. Unmittelbar nordöstlich der Kathedrale tut sich die Erde auf, um einen Blick in die Vergangenheit freizugeben: Unter den Gebäuden des modernen Mexico liegt die Aztekenstadt Tenochtitlán; bei Ausschachtungsarbeiten anlässlich des U-Bahn-Baus stießen Arbeiter unverhofft auf den Templo Mayor, den Haupttempel der Azteken. Der Weg durch das Ausgrabungsgelände beginnt im Südwesten und endet im Nordosten an dem Museum, das eigens zur Präsentation der hier gemachten Funde errichtet wurde. Beeindruckend ist vor allem der Opferstein, den Sie im Parterre aus der Nähe und vom zweiten Stock aus von oben betrachten können. Letztere Perspektive ist authentischer: Die geopferten Menschen wurden einst von der Höhe der Pyramide auf den Stein herabgeworfen. Bemerkenswert sind auch die acht sogenannten “Standartenträger“. Westlich des Zócalo liegt der Parque Alameda Central. Einst ein Marktplatz, dient er mittlerweile gestreßten Hauptstadtbewohnern und -besuchern zur Rekreation, wobei allerdings zu sagen ist, daß das Getümmel der Spaziergänger, Musikanten und fliegenden Händlern zuzeiten seinerseits fast Erholungsbedürftigkeit schafft. Östlich des Parks ragt der Palacio de Bellas Artes auf – wobei, um genau zu sein, hinzuzufügen ist, daß er gleichzeitig auch herabsinkt: Der Marmorbau ist ebenso schwer wie sein Grund sumpfig. Ein Gang ins Innere des Palastes lohnt, die Ausstattung, die in den 20er Jahren entstanden ist, weist starke Art-Deco-Einflüsse auf. Das Teatro de Bellas Artes, in dem Opern-, Konzert- und Ballettaufführungen stattfinden, hat einen sehenswerten Glasmosaikvorhang, auf dem ein Panorama Mexicos dargestellt ist. Wie fast alle öffentlichen Gebäude, die in der Revolutionszeit errichtet wurden, hat auch der Palacio seine Murals. Am interessantesten ist das Wandgemälde, das die Westseite des 3. Stockwerks ziert. Es hört auf den etwas hybriden Namen “Der Mensch, Beherrscher des Universums“ und ist von der Hand Diego Riveras. Dargestellt ist auf der linken Seite der Kapitalismus (superböse), auf der rechten der Kommunismus (supergut). Man bedenke, daß dies im wesentlichen das Bild ist, mit dem Rivera ursprünglich eine Hochburg des Kapitalismus, das Rockefeller-Center, verschönern wollte! Weitere Rivera-Werke lassen sich im Museo Mural Diego Rivera am Westende des Parks bestaunen. Wer nun endgültig in den Kunstrausch gefallen ist, kann sich noch im drei Blocks nordöstlich des Alameda gelegenen Museo Nacional de Arte weiteren Schaustoff zu Gemüte führen, die Sammlung deckt das gesamte Spektrum zwischen Maya und Moderne ab. Der Prachtboulevard Paseo de la Reforma verbindet den Alameda-Park mit dem Bosque de Chapultepec. Heutzutage ist die Reforma weniger eine Flaniermeile denn eine Statusadresse für allerlei Institutionen, die eben diesen Straßennamen gerne im Briefkopf führen wollen. Dennoch ist der Gang durch die Mixtur aus Kolonialgebäuden und Hochhäusern nicht ganz ohne Interesse, wiewohl der Verkehr etwas auf die Nerven geht. Wenn man sich am großen Kreisverkehr, der um die geflügelte Viktoria des Monumento a la Independencia kreist, links hält, gelangt man in die legendäre Zona Rosa: hier gibt es Vergnügen ohne Ende. Unzählige Straßenlokale laden dazu ein, Platz zu nehmen, um dann mit einem erfrischenden Getränk in der Hand den nie versiegenden Strom der äußerst interessanten, mittelmäßig interessanten und uninteressanten Promeneure zu betrachten. Auch zum Shopping ist die Zona Rosa bestens geeignet, hier finden sich Hip-Boutiquen genauso wie stilvolle Antiquitätengeschäfte. Westlich des Viktoria-Kreisverkehrs mündet die Reforma in den mit mehr als vier Quadratkilometern größten Park der Hauptstadt. Der Bosque de Chapultepec ist eine kleine, dem Freizeitspaß und den Künsten verschriebene Stadt für sich. Allein hier könnte der Besucher Tage verbringen. Die Reforma zertrennt den Park in ein kleineres Nord- und ein größeres Südstück. Bei der Erkundung des Südens gelangt man zunächst zum Monumento a los Niños Héroes, das an den verzweifelten Kampf der jungen Kadetten gegen die US-amerikanischen Invasoren im Jahre 1847 erinnert. Ort dieser letzten Schlacht war das etwas südwestlich gelegene Castillo de Chapultepec, das zu Ende des 18. Jahrhunderts als Residenz des Vizekönigs von Mexiko errichtet wurde. Heute beherbergen seine Säle das Museo Nacional de Historia, dessen Sammlung einen Überblick der Landesgeschichte zwischen der spanischen Eroberung und der mexikanischen Revolution gibt. Nördlich des Monuments gewährt das Museo de Arte Moderno Einblicke in die mexikanische Kunst des späten 19. und 20. Jahrhunderts. Nordwestlich des Castillo liegt der Lago Antiguo, auf dem sich bei Bedarf eine Ruderboot- Partie unternehmen läßt; westlich von diesem lädt ein Zoo zur Tierbesichtigung. Bereits zu Zeiten der Azteken soll hier ein Tiergarten bestanden haben; die heutigen Betreiber des Parque Zoológico sind in erster Linie stolz darauf, daß sich die vier Pandas, die den Mexikanern 1975 von China zum Geschenk gemacht wurden, hier offensichtlich fortpflanzen – zum ersten und einzigen Male außerhalb des Reichs der Mitte. Ein Museum der besonderen Art liegt im äußeren südwestlichen Bereichs des Parks – hier ist es tatsächlich so, daß Erziehungsberechtigte nur in Begleitung ihrer Kinder Zutritt erhalten. Falls Sie also mit Nachwuchs unterwegs sind, sollten Sie diesem das Papalote Museo del Niño auf keinen Fall vorenthalten: Hier können die Kleinen allerlei lustige und zum Glück nicht allzu lehrreiche Experimente machen und mittels vieler cooler High-Tech-Vergnügungen ihren persönlichen, unvergesslichen Hauptstadthöhepunkt finden. Für die Erwachsenen liegt dieser wahrscheinlich eher im Besuch des Museums aller Museen: Nördlich der Reforma liegt das Museo Nacional de Antropología. Vor dem Eingang wacht eine mehr als sechs Meter hohe unvollendete steinerne Indianer-Statue, die wahrscheinlich den Regengott darstellt. Gigantisch ist auch die Sammlung selbst; der Besucher sollte sich schon beim Eintritt der Hoffnung entledigen, alles sehen, würdigen oder gar verstehen zu können. Der sehr gelungene Bau wurde im Jahre 1964 eröffnet, sein Prinzip ist das der zweifachen Rundung. Zunächst schreitet der Besucher die Säle des Erdgeschosses entgegen dem Uhrzeigersinn ab, jeder Saal ist einer indianischen Entwicklungsstufe oder regionalen Kulturgruppe gewidmet. Anschließend vollzieht sich derselbe Rundgang eine Etage höher, hier erhält man einen Eindruck davon, wie die Nachfahren der Urbewohner heutzutage leben. Leider beschränkt man sich bei den Schautafeln auf das Spanische, man sollte sich deshalb links des Eingangsbereichs mit einem muttersprachlichen Museumsführer versorgen. Am Anfang der Runde wird man zunächst in Ziel und Methode der Anthropologie eingeführt, anschließend erhält man eine Übersicht der verschiedenen Kulturen Mittelamerikas. Dann geht es hinein in die Schätze, die Reihenfolge der Räume ist wie folgt: Vorgeschichte, vorklassische Epoche, Teotihuacán-Kultur, Tolteken (hier beeindruckt besonders der mehr als vier Meter hohe Atlant), Azteken (hier ein Prunkstück des Museums, der auch als Kalenderstein bezeichnete “Stein der fünften Sonne“), Oaxaca, Golf-Kulturen, Maya (eine der künstlerisch höchststehenden Indianer-Kulturen, mithin auch einer der schönsten Säle – viele Prunkstücke aus Gold und Edelstein), nördliche Kulturen und schließlich westliche Kulturen. Erwähnung verdienen noch zwei der vielen Vorstädte Mexicos: Im Norden liegt die berühmte Wallfahrtsstätte Guadalupe. Hier sah im Jahre 1531 der Indianer Juan die Jungfrau Maria; die eigentliche im Gedenken an dieses Ereignis errichtete Basilika mußte jedoch aufgrund statischer Probleme geschlossen werden – leider, denn ihr Inneres war sehenswert. An ihrer Stelle ist nun ein 1976 geweihter Neubau das Ziel der Wallfahrt; an und in ihm läßt sich zwar wenig sakrale Kunst genießen, stattdessen jedoch könnte dem Besucher eine einmalige Unglaublichkeit zur bleibenden Erinnerung werden: In der neuen Basilika begegnet die technische Welt auf spektakuläre Weise dem Christentum – die knienden Gläubigen werden per Fließband am Marienbild vorbeibefördert. Oh Zeiten.......! Ein Pilgerort ganz anderer Art ist das südliche Coyoacán. Hier lebten und starben zwei Helden der Moderne, die es bald zu “Kultgefolgschaft“ brachten: Frida Kahlo und Leo Trotzki. Das “Blaue Haus“, Calle Londres 247, ist sowohl die Geburts- als auch die Sterbestätte der Kahlo. Mittlerweile ist das Haus ein vielbesuchtes Museum, wobei zu sagen ist, daß die ausgestellten Bilder nicht unbedingt die Meisterwerke der Künstlerin sind. Um ein vielfaches lohnender jedoch ist der Einblick in die Lebenswelt der großen Frau: Die Einrichtung der Zimmer ist fast unverändert erhalten, das betrifft sowohl die Alltagsgegenstände als auch die Privatsammlung altindianischer Kunst. Im Obergeschoß befindet sich Frida Kahlos Atelier, in ihm ein unvollendetes Portrait. Dargestellt ist Stalin; und hiermit ergibt sich eine Verbindung zur anderen Berühmtheit Coyoacáns. Frida Kahlo Es ist zu vermuten, daß Frida Kahlo die weltweit berühmteste Mexikanerin ist; womöglich muß man, um sich dem Phänomen der Kahlo-Rezeption zu nähern, gar ein vielstrapaziertes Modewort bemühen: Kahlo ist “Kult“. Es fragt sich, ob der Kahlo-Boom sich auf die Kunst oder die Biographie dieser Malerin bezieht – zu vermuten ist, daß das schicksalsreiche Leben der Frühverstorbenen auf viele einen Zauber ausübt und die Bilder eher als dessen Illustration begriffen werden. Trennbar sind Leben und Werk dieser passionierten Selbstportraitistin auf keinen Fall. Frida Kahlo wurde am 6. Juli 1907 in Coyoacán geboren, der Vater war ein Fotograf deutsch-jüdischer Abstammung, die Mutter Mexikanerin. Im siebten Lebensjahr erkrankt Frida an Polio, zeit ihres Lebens behindert sie die Verkrüppelung des rechten Fußes. 1925 kollidiert ihr Schulbus mit einer Straßenbahn, Frida erleidet zahlreiche Knochenbrüche und muß sich in den folgenden zwei Jahren zahllosen Operationen unterziehen, ohne jemals wieder richtig zu genesen. Unter dem Eindruck dieser Qualen beginnt sie das Malen, als Autodidaktin thematisiert sie ihr Leid und ihren Eros, das erste Bild heißt “Selbstbildnis im Samtkleid“. 1928 beginnt ihr politisches Engagement: Sie tritt in die mexikanische KP ein, wo sie den Muralisten Diego Rivera kennen, lieben und hassen lernt. Im Jahr darauf kommt es zur Hochzeit des ungleichen Paares: Rivera, der auf Wirkung bedachte, nach außen malende Mann; Kahlo, die verinnerlichte, selbstschauende, klein-zart-zerbrechlich-krank-wunderschöne Frau – Riveras Statur hingegen hätte ihm dieser Tage die Möglichkeit einer Karriere als Berufs-Wrestler erlaubt. Es wäre Understatement, diese Ehe als “turbulent“ zu bezeichnen: beide betrogen sich ohne Unterlaß, Kahlo versuchte sich gar an beiden Geschlechtern. „Je mehr ich sie liebte, umso mehr wollte ich ihr wehtun“, bilanzierte Rivera später; seine Frau scheint ähnlich empfunden zu haben. 1939 zog man die Konsequenz aus der verfehlten Ehe und ließ sich scheiden, 1940 zog man die Konsequenz aus der verfehlten Scheidung und heiratete erneut. Bald darauf muß Frida Kahlo aufgrund ständiger Rückenbeschwerden ein Stahlkorsett tragen, doch damit nicht genug: Ab 1950 sitzt sie im Rollstuhl, drei Jahre später wird ihr das rechte Bein amputiert. Kunstgeschichtlich gehört Kahlo zu einem mexikanischen Malerkreis, dessen Bestreben es seit den 20er Jahren war, sich von den dominanten europäischen Schulen zu emanzipieren. Auffällig ist die intensive Farbgebung; hier ist sie sehr mexikanisch, Einfüsse der indianischen Traditionen machen sich kenntlich. Zu Lebzeiten war sie keine Berühmtheit, wiewohl Picasso zu ihren Bewunderern zählte. Das in ihrem Jahrhundert so wichtige “Marketing“ ging ihr weithin ab; neben einer Ausstellung in den USA (1938) und einer in ihrem Heimatland (1953) fand sie wenig Öffentlichkeit. 1943 erhielt sie immerhin einen Lehrstuhl an der Kunstschule La Esmeralda in Mexico City. Am 13.Juli 1954 starb Frida Kahlo; ihr Werk fiel zunächst weithin der Vergessenheit anheim. Zu Beginn der 80er Jahre, als die Kunstwissenschaft einen feministischen Akzent erhielt, entdeckte man die stark-schwache, morbid-vitale, zart-zotige Frau und große Malerin wieder, mittlerweile ist sie in den Rang einer Klassikerin der Moderne erhoben. Leo Trotzki Leo Trotzki war neben Lenin die Führergestalt der Russischen Revolution und der siegreiche Feldherr, als es darum ging, die Weißgardisten im Bürgerkrieg zu besiegen. Nachdem die Macht der Bolschewisten gefestigt war, erlahmte Trotzkis Energie, einzig literarisch blieb er noch tätig. Dieses und sein revolutionärer Ruhm trugen ihm den Haß Stalins ein – und der war, wie man weiß, meist tödlich. Wohl gelang es Trotzki, der menschheitsbeglückenden Macht der stalinistischen Geheimpolizei zu entfliehen, jedoch war ihm bewußt, daß ihr Arm sehr weit reichte. Am Ende einer Odyssee fand der Vielgereiste auf Vermittlung Diego Riveras eine Zuflucht in Coyoacán. An der Ecke Virna und Morelos erbaute sich der Exilant ein Haus, genauer gesagt eine Festung, Stalins Agenten lauerten überall. Ein erstes Attentat im Mai 1940 überlebte Trotzki, die Einschüsse sind heute noch zu besichtigen. Im August gelang es einem Agenten Stalins jedoch, sich in Vertrauen und Haushalt des Erzfeindes Trotzki einzuschleichen und ihn von hinten mit einem Eispickel zu ermorden. Heute ist die Festung Trotzkis zu einem Museum geworden, das von der trotzkistischen Partei Mexikos betrieben wird. Die Inneneinrichtung ist fast unverändert erhalten geblieben – bis hin zur zerbrochenen Brille des Ermordeten auf dem Schreibtisch. Rund um Mexico City I n dem rund 40 Kilometer nördlich von Mexico City an der Straße MEX 57D Richtung Tula gelegenen Tepotzotlán lohnt das auf eine jesuitische Gründung des späten 16. Jahrhunderts zurückgehende Kloster San Francisco Xavier eine Besichtigung. Die Fassade entstand um 1760, ihr aufwendiger Schmuck zeigt unter anderem Darstellungen heiliger Jesuiten, darunter auch die Ignacio de Loyolas. Die aufwendig geschmückten goldenen Altäre im Innern rauben den Atem, die Deckendekoration ist mit dem Wort “überreich“ nur gelinde beschrieben. Im ehemaligen Kolleggebäude befindet sich heute ein Museum sakraler Kunst; wiewohl die Sammlung etwas verwirrend strukturiert ist, lohnt sich die Besichtigung in jedem Fall. Tlalnepantla, eine nicht allzu sehenswerte Vorstadt im Nordwesten Mexiko Citys, kann sich immerhin rühmen, in seiner unmittelbaren Nähe eine bemerkenswerte Tempelpyramide zu haben. Erbauer waren die Chichimeken, ein indianisches Bindeglied zwischen Tolteken und Azteken. Die Pyramide von Tenayuca ist offensichtlich dem Sonnenkult geweiht, besonders beeindruckend ist die Unzahl steinerner Schlangen, die den Bau umgeben. Acolman verdankt seine Popularität wohl nicht zuletzt der Tatsache, daß man, wenn man die MEX 45 / 132 nach Teotihuacán fährt, am 5.000-Seelen-Ort vorbeikommt – ein Zwischenstop zwecks Klosterbesichtigung ist somit unproblematisch und lohnend. San Agustín ist eine Augustinergründung aus dem 16. Jahrhundert. Der Bau hat nicht von ungefähr einen festungsähnlichen Charakter, die Zeiten seiner Gründung waren unruhig. Nichtsdestotrotz zeugt die aufwendig gestaltete Portalfassade, in der sich Stilelemente der Renaissance mit einigen gotischen Überbleibseln treffen, von hoher Gestaltungskunst. Das Kircheninnere trägt heute vorwiegend das Gepräge späterer Jahrhunderte, nur ein Altar stammt noch aus der Erbauungszeit. Die sehenswerten Fresken gehen auf das Jahr 1600 zurück. Bemerkenswert ist das riesige Atrium – hier wurden einst Indianer en gros getauft. Teotihuacán ist ein magischer Ort – in ihm vereinen sich drei Qualitäten: Die Pracht, das Alter und das Rätsel. Was das letztere anbetrifft, so muß man sich vergegenwärtigen, daß bereits die Azteken nichts mehr über die Erbauer dieser großartigen Stadt und den Sinn ihrer Gebäude wußten. Heutige Archäologen sind da nicht viel schlauer, immerhin haben sie das bisher geborgene in verschiedene Bauperioden einordnen können und ein imposantes, letztlich jedoch nichtssagendes System aus Perioden, Unterperioden und Unterunterperioden entwickelt. Erwiesen scheint, daß sich die Stätte etwa im 2. Jahrhundert n. Chr. zum kultischen Zentrum aufschwang, um 400 von Barbarenstämmen erobert wurde, sich zunächst von diesem Schlag erholte, jedoch schließlich etwa um 750 einer weiteren Invasionswelle zum Opfer fiel. Allerdings waren die Ruinen der untergegangenen Stadt von derart imposanter Größe und Schönheit, daß sie den Azteken bis zuletzt als Opferstätten dienten. Gelegenheit zur Andacht bietet sich dem modernen Besucher kaum, Teotihuacán ist – gelinde gesagt – etwas überlaufen; zudem tun die betriebsamen fliegenden Händler das ihre, die Atmosphäre zu stören. Der bisher freigelegte Teil der Stadt ist das kultische Zentrum, alle wichtigen Gebäude liegen entlang der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Calzada de los Muertos - “Straße der Toten“. Der Name geht auf ein Mißverständnis der Azteken zurück, die alle Gebäude als heilige Grabmale interpretierten. Am Südende der Straße liegt die Ciudadela, mitnichten eine “Zitadelle“, sondern eher Wohnanlage der Priesterschaft; in ihrer Mitte steht eine ehemals mit 366 Skulpturen versehene Pyramide, die womöglich dem Quetzalcóatl geweiht war. Nun führt die Straße, vorbei an der sogenannten Viking-Gruppe, zur Sonnenpyramide, dem imposantesten Bauwerk der Anlage. Ihr fast quadratischer Grundriß mißt 222 x 225 Meter, interessanterweise fast exakt soviel wie jener der ägyptischen Cheopspyramide. Die Ausrichtung des Riesenbauwerks legt nahe, daß es dem Sonnenkult gewidmet war. Die originale Verkleidung fiel leider im Jahre 1908 den Dynamit-Experimenten eines etwas ungeduldigen Archäologen zum Opfer. Am Nordende der Totenstraße liegt der aufwendig mit Fresken und Reliefs geschmückte Palacio del Quetzalpapálotl, ehemals wahrscheinlich gleichfalls Wohnstatt der Priesterschaft. Den Abschluß bildet die Pirámide de la Luna, von deren Plattform aus man einen beeindruckenden Blick auf den gesamten Tempelbezirk hat. In Mexiko ist die Raubgräberei ein einträgliches Gewerbe. Alles, was man braucht, ist ein wenig Ortskenntnis und Grabungswerkzeug – die so entdeckten Schätze lassen sich dann trefflich ins Ausland verkaufen. Was aber macht der Raubgräber, wenn er etwas entdeckt, das sich beim besten Willen nicht in Plastiktüten packen läßt – wie zum Beispiel Fresken? Im Falle des Ortes Cacaxtla im Osten von Mexico City taten die ansonsten etwas windigen Herren das einzig Richtige: Sie informierten die staatlichen Grabungsbehörden. So kann nun der Reisende ebenhier auf dem Weg nach Tlaxcala einen Zwischenstop machen und in indianischer Farbenpracht schwelgen. Die Fresken Cacaxtlas sind in einem hervorragenden Erhaltungszustand, die Inhalte ein faszinierendes Gemisch aus mythischen und historischen Elementen. Achtung: Ab 13 Uhr sind manche Teile der Anlage nicht mehr zugänglich, da ansonsten die Sonnenstrahlung den Gemälden schaden würde. Tlaxcala, das Hauptstädtchen der gleichnamigen Provinz, hat sich viel frühkoloniales Flair erhalten. Die 100.000-Einwohner-Stadt weist zwei äußerst sehenswerte sakrale Gebäude auf. An der Basílica de la Virgen de Ocotlán scheiden sich die Geister: Die einen erklären das aufwendig stuckornamentierte, aus dem 18. Jahrhundert stammende Portal der Wallfahrtskirche kurzerhand zum schönsten ganz Mexikos, die anderen halten die weiße Pracht für etwas allzu zuckrig. Die Camarin, eine kleine Kapelle im Innern, in welcher die heilige Jungfrau steht, ist schon wegen ihres indianischen Stils sehenswert. Südlich vom Zentrum Tlaxcalas liegt eines der frühesten Klöster Mexikos; erbaut wurde der Convento San Francisco ab 1537 von den Franziskanern. Sehenswert ist vor allem die hölzerne Deckentäfelung der Klosterkirche, neben dieser befindet sich das Museo Regional de Tlaxcala. Puebla wird mit gutem Grund „die spanischste Stadt Mexikos“ genannt. Geschichtlich gesehen trifft dies zu – die 1,2-Millionen-Metropole hat keinerlei indianische Vergangenheit. Wiewohl gerade an Pueblas Peripherie die Moderne in Form von Industrie und Kriminalität Einzug gehalten hat, weist der Kern noch eine koloniale Atmosphäre auf, die ihresgleichen sucht. Über 70 Kirchen und mehr als 1.000 Gebäude zeugen vom Geist des Neuen Spaniens. Der Mittelpunkt des städtischen Lebens ist der Zócalo, auch Plaza de la Constitución genannt. Südlich von ihm liegt die Kathedrale, nach der von Mexico City die zweitgrößte des Landes; immerhin sind zumindest die Türme mit 69 Metern die höchsten ganz Mexikos. Begonnen wurde der Bau gegen Ende des 16. Jahrhunderts; erst 1649 jedoch konnte er geweiht werden. Stilistisch ist die Kathedrale der Renaissance verpflichtet, nur hier und da weist sie schon Anfänge des Barock auf. Im Innern ist besonders das mit Intarsien ausgestattete Chorgestühl aus dem Jahr 1722 sehenswert. Bücherfreunde sollten sich den Lesesaal in der südlich der Kathedrale gelegenen Casa de la Cultura nicht entgehen lassen, hier findet sich unter vielen anderen Schätzen eine reich illustrierte Nürnberger Chronik aus dem Jahre 1493. Etwas weiter südlich, an der Calle 2 Sur, liegt das Museo Amparo, das eine vorzügliche kunstgeschichtliche Sammlung präspanischer und kolonialer Stücke birgt. Puebla ist für alle, die noch auf der Suche nach Souvenirs sind, eine hervorragende Adresse. Berühmt ist vor allem die hiesige Keramik, wobei zu bedenken ist, daß Stücke von edler Qualität ihren Preis haben. Zudem werden in der Stadt noch zahlreiche Handwerkserzeugnisse der umliegenden Indianerdörfer angeboten; gerade was Textilien anbetrifft, läßt sich hier allerlei stilvolles erstehen. Die Haupteinkaufszone beginnt nördlich des Zócalo. Die spanische Gründung Puebla war eine Art Konkurrenzunternehmen zum unmittelbar westlich gelegenen alten indianischen Cholula, wobei zu sagen ist, daß erstere die Auseinandersetzung klar gewonnen hat – was die Gegenwart betrifft, ist die 30.000- Einwohner-Stadt Cholula von geringer Bedeutung. Für den Reisenden ist es aber eine gute Adresse, gilt es doch hier, die größte “unsichtbare“ Pyramide der Welt zu sehen. Zu seiner Glanzzeit war Cholula voll von indianischen Tempeln, wobei allerdings die häufig genannte Zahl von 365 eher ins Reich der Legende zu verweisen ist. Die katholische Kirche verfuhr mit den “heidnischen“ Gotteshäusern nach bewährter Art, sie wurden umkonstruiert oder überbaut. Die Gran Pirámide zum Beispiel, mit einer Basis von 475 Metern die größte Mittelamerikas, erhielt einen “Hut“ in Gestalt der Kirche Nuestra Señora de los Remedios. Mit der Zeit setzten Erosion und Bewuchs dem riesigen “Fundament“ so sehr zu, daß das christliche Gotteshaus nunmehr auf einem riesigen Hügel zu stehen scheint. Die Freilegungs- und Restaurierungsarbeiten werden dadurch behindert, daß Nuestra Señora nun ihrerseits zum Denkmal geworden ist. Einzig ein Teil der Westfront ist freigelegt, mittels eines hier beginnenden Tunnelsystems kann weiteres betrachtet werden, was man jedoch nur in Begleitung eines kundigen Führers unternehmen sollte. Auch das sehenswerte Franziskanerkloster San Gabriel nebst der benachbarten Capílla Real wurde im 16. Jahrhundert auf den Trümmern einstiger Indianertempel errichtet. Etwas nördlich von Cholula, in Huejotzingo, läßt sich ein Franziskanerkloster besichtigen, das in Sachen Alter, Entwurf, Größe und Erhaltungszustand fast einzigartig in Mexiko ist. San Francisco, dessen Grundstein ein Jahrzehnt nach der Ankunft Cortés‘ gelegt wurde, vereint den sakralen mit dem Festungsgedanken, besonders sehenswert ist der aus dem späten 16. Jahrhundert stammende Altaraufsatz im Innern der Wehrkirche. Wenige Kilometer südwestlich von Puebla liegt das 3.000-Seelen-Dorf Acatepec, berühmt wegen seiner Kirche San Francisco, deren Äußeres den indianisch beeinflußten Barock in seiner verwegensten und buntesten Stilart bietet. Verblüffend ist schon das Nebeneinander zweier absolut ungleicher Glockentürme; im Innern erwartet den Besucher dann noch ein üppiges Potpourri aus Stuck, Gold und Engelsgesichtern. Ziemlich genau in der Mitte zwischen Mexico City und Puebla erheben sich die beiden mächtigen Vulkane Iztatcihuatl (5.286 Meter) und Popocatépetl (5.452 Meter). Beide können bestiegen werden, wobei man sich allerdings unbedingt kundiger Führung versichern sollte und zudem bedenken muß, daß schon die mit dem Auto zu erreichenden Ausgangspunkte auf knapp 4.000 Meter Höhe liegen, sodaß die dünne Luft für nicht durchtrainierte Urlaubsalpinisten zur Gefahr werden kann. Weiterhin zeigt sich der Vulkan Popocatépetl in den letzten Jahren in seiner gesteigerten Aktivität von seiner unwirtlichen Seite. Das 76 Kilometer südlich von Mexico City gelegene Cuernavaca diente einst den Mächtigen und Reichen, die dem Getriebe der Hauptstadt entfliehen wollten, als Zuflucht. Mittlerweile jedoch ist das ehemals lauschige Plätzchen selbst zur Millionenstadt geworden, womit viel seines Charmes verloren ging. Der Stadtkern jedoch besitzt nach wie vor viel spanische Atmosphäre. Allen, die sich für die Geschichte Mexikos interessieren, empfiehlt sich der Besuch des südöstlich des Hauptplatzes gelegenen Palacio de Cortés. Nachdem der verwegene Krieger das Aztekenreich erobert hatte, zog er sich den Unwillen des spanischen Hofes zu. König Karl V. entzog ihm Gunst und Macht, so war Cortés dazu genötigt, sich als ergrimmter “elder conqueror“ zurückzuziehen – eben nach Cuernavaca. Die “Residenz“, die er sich hier errichtete, wirft ein bezeichnendes Licht auf seinen Charakter, der Palacio ist fast fensterlos, massig und mit Zinnen und Turm bewehrt, man hat den Eindruck einer mittelalterlichen Festung, eines steingewordenen Machtanspruchs. Im Innern befindet sich nunmehr das Regionalmuseum, dessen Exponate – abgesehen von der Fotodokumentation der mexikanischen Revolution – jedoch eher unbedeutend sind. Sehenswert hingegen sind die Fresken, mit denen Diego Rivera 1930 die Loggia des ersten Stocks verzierte. Südwestlich des Palastes erhebt sich die Kathedrale, die auf ein 1529 errichtetes Franziskanerkloster zurückgeht. Bemerkenswert sind hier vor allem die sehr alten Wandmalereien, die in den 60er Jahren zufällig anläßlich von Renovierungsarbeiten entdeckt wurden. Sie zeigen fernöstliche Missionsszenen aus dem späten 16. Jahrhundert; aufgrund von Stilmerkmalen ist zu vermuten, daß hier gar ein fernöstlicher Meister am Werk war; wo und warum er herkam, weiß kein Mensch. Etwas westlich von Cuernavaca liegt das 30.000 Einwohner-Städtchen Malinalco, dessen Augustinerkloster aus dem Jahre 1540 sehenswert ist. Wenn Sie sich jedoch das Vergnügen gönnen wollen, eine indianische Ruinenstätte ohne Touristenmassen und fliegende Händler in beschaulicher und zudem wunderschön gelegener Einsamkeit zu besuchen, sollten Sie unbedingt den Aufstieg zum Tempelbezirk unternehmen. Zwar kamen die Azteken aufgrund der spanischen Invasion nicht dazu, ihr Werk in Malinalco zu vollenden, jedoch wurde immerhin der Haupttempel fertiggestellt – und das auf einzigartige Weise: Er ist komplett aus dem Felsen gehauen. Sein Zweck war die Initiation junger Krieger; aufgrund seiner Bauart ist der Templo Principal – abgesehen von der der Witterung zum Opfer gefallenen Stuckschicht und einigen Beschädigungen der Skulpturen – zur Gänze erhalten. 38 Straßenkilometer südwestlich von Cuernavaca liegen die Ruinen von Xochichalco, eines Kultzentrums, das sich im späten 1. Jahrtausend n. Chr. auf Kosten Teotihuacáns etablierte. Der Untergang Xochichalcos im 12. Jahrhundert gibt Rätsel auf: Offensichtlich wurden die heiligen Stätten von ihren Bewohnern selbst zerstört, die Trümmer zum Zeichen des Untergangs mit blutroter Farbe bemalt. Das wichtigste Gebäude ist die Pirámide de las Serpientes Emplumadas (“Federschlangen-Pyramide“). Es wird vermutet, daß hier, neben der Verehrung eines Gottes (Quetzalcóatl?), die Erstellung des indianischen Kalenders durch Priesterastrologen stattfand. Die Reliefs der Pyramide zeigen kriegerische und mythologische Bildnisse. Die 100.000-Einwohner-Stadt Taxco, etwa 170 Kilometer südlich von Mexico City gelegen, ist mit drei Worten hinlänglich beschrieben: Silber, San Sebastián und Touristen. Ihren einst immensen Reichtum und mithin die Schönheit ihrer Bauten verdankt Taxco seinen – allerdings mittlerweile fast erschöpften – üppigen Silbervorkommen. Bestes Beispiel hierfür ist die Kirche San Sebastián y Santa Prisca, mit deren Errichtung der Silberbaron José de la Borda zur Mitte des 18. Jahrhunderts dem lieben Gott – wie er sagte – seinen Dank abstattete. San Sebastián, östlich der zentralen Plaza Borda (Zócalo) gelegen, zeigt im Portalbereich den “Barock des Barock“ – es ist schier unglaublich, was hier auf recht engem Raum an Ornamenten alles Platz gefunden hat. Auch die Türme sind, was ihren Schmuck betrifft, alles andere als zurückhaltend; in Sachen Pracht & Prunk steht das Innere dem Äußeren nicht nach. Die silberne Vergangenheit Taxcos hat die Stadt mit so viel Schönheit versehen, daß sie heute fast zur Gänze von den schönheitshungrigen Besuchern leben kann, die sie, gerade zur Saison, in Massen aufsuchen. Ein weiterer Reiz Taxcos ist dem US-Amerikaner William Spratling zu verdanken, der zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf die Idee kam, einheimische indianische Künstler mit der Herstellung von Silberschmuck zu beauftragen. So hat es Taxco zum Status eines riesigen Juweliergeschäfts gebracht, es ist kaum möglich, seinen glitzernden Angeboten zu entgehen – achten Sie jedoch vor dem Kauf auf den Sterling- Stempel! Die 70 Kilometer westlich von Mexico City gelegene 750.000 Einwohner-Stadt Toluca hat dem Besucher nicht allzuviel zu bieten, ist jedoch Durchgangsstation bei der Fahrt zu zwei recht interessanten Ruinenstätten. Südlich von Toluca, bei Tanango, liegt Teotenango, eine Tempelstadt gewaltiger Ausmaße und festungsartigen Einschlags. Bei aller Größe fehlt ihr jedoch die strukturelle Dominante, die den Ruinen Geist verliehe. Die Ausstellung des Museums ist reich und sehenswert. Unmittelbar westlich Tolucas liegt Calixtlahuaca; das interessanteste Gebäude dieser Ruinenstätte ist die vierstöckige, dem Windgott Ehecatl geweihte Pyramide – bemerkenswerter Weise ein Rundbau, was wahrscheinlich darin begründet ist, daß diese Konstruktion dem göttlichen Wind am wenigsten Widerstand entgegensetzt. Nördlich von Mexico City Zacatecas ist ein Schmuckstück unter Mexikos Städten, genauer gesagt: Ein aus Silber gemachtes Schmuckstück. Die indianische Urbevölkerung dieser Gegend freute sich schon lange vor Ankunft der Spanier am Glanze des in rauhen Mengen vorhandenen edlen Metalls; die Legende sagt, daß ein Indianer den Europäern stolz ein silbernes Schmuckstück vorwies – eine Geste, die sein Volk teuer bezahlen mußte. Gierig stürzten sich die Kolonialherren auf den unverhofften Reichtum; zwecks Ausbeutung der Minen wurden die Indianer in ein sklavereiähnliches Abhängigkeitsverhältnis gestürzt. Bis zum heutigen Tage ist der Silberbergbau in der Gegend um Zacatecas ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, in den Juwelierläden der Stadt können Sie sich schauend oder kaufend dem Reiz des edlen Metalls hingeben. Das Silber machte Zacatecas reich, der Reichtum machte es schön: In Sachen kolonialer Baupracht nimmt es die Stadt mit jedem mexikanischen Rivalen auf. Wahrhaft überwältigend ist das Äußere der berühmten Kathedrale: In gedrängtem, aber nicht überladenem Barockstil zeigt die Fassade, umgeben von reicher Ornamentik, Apostel, Kirchenväter und Gottvater höchstselbst. Wenn Sie Enttäuschungen vermeiden wollen, sollten Sie Ihre Erwartungen, was das Innere betrifft, deutlich zurückschrauben – alle bewegliche Pracht ist den Revolutionswirren zum Opfer gefallen. Von der Kathedrale aus kann man die schöne Avenida Hidalgo Richtung Süden herabschreiten; dort, wo sie auf die Avenida Juárez trifft, beginnt linkerhand das Geschäftsviertel. Wenn man sich jedoch rechts und hinter dem Hospital erneut rechts hält, gelangt man zum Eingang der Mina El Edén. In diese Mine läßt sich einfahren, beim Gang durch die vierte Sohle erhält der Besucher einen schaurig schönen Einblick in die Bedingungen, unter denen das kostbare Metall gewonnen wurde. Wer sich die silbernen Perle Mexikos einmal im Ganzen betrachten möchte, sollte mittels der nördlich der Kathedrale beginnenden Seilbahn auf den 2.700 Meter hohen Cerro de la Bufa fahren. Als Ausflugsziele von Zacatecas bieten sich das acht Kilometer östlich gelegene Barockkloster Nuestra Señora de Guadalupe und die 60 Kilometer südlich gelegene indianische Ruinenstadt La Quemada an. San Luis Potosí ist Zacatecas in mancher Hinsicht ähnlich, ohne jedoch dessen Reiz ganz zu erreichen. Die Dreiviertel-Millionen-Stadt ist heute in erster Linie ein modernes politisches und wirtschaftliches Zentrum, immerhin konnte die im Kolonialstil erbaute Altstadt der Entwicklung zum Trotz erhalten bleiben. Sehenswert ist vor allem die Plaza del Armas mit ihrem klassizistischen Gouverneurspalast und der barocken Kathedrale. Etwas östlich hiervon steht die gleichfalls barocke Kirche El Carmen; gegenüber läßt sich im sehenswerten Museo Nacional de la Mascara eine Sammlung von unterschiedlichsten mexikanischen Kultmasken bestaunen. Auch Guanajuato verdankt Entstehung, Reichtum und Schönheit den ergiebigen Silber- und Goldvorkommen seiner Umgebung. Die Stadt ist anheimelnd, was sowohl auf die Vielzahl ihrer schönen, aus der Kolonialzeit stammenden Gebäude zurückgeht, als auch auf die zuweilen pittoreske Enge ihrer Gäßchen. Von den knapp 100.000 Einwohnern sind mehr als 15.000 Studenten – Guanajuato ist jung, vital und reich an kleiner und großer Kunst. Zentrum der Stadt ist der Jardín de la Unión, hier treffen sich Einheimische und Besucher, über der Szenerie liegt – gerade an Abenden – ein vielfältiger Gitarrenklang. Südlich des Platzes steht die sehens- werte Iglesia des San Diego, deren heutige Gestalt im wesentlichen auf das 18. Jahrhundert zurückgeht. Wenn man die am Jardin de la Unión beginnende Avenida Juaréz in westliche Richtung geht, gelangt man zur Basílica de Nuestra Señora de Guanajuato. Sehenswert ist vor allem die hölzerne Muttergottes-Statue: 1557 machte sie Philipp II. von Spanien dem Ort zum Geschenk; jedoch scheint das Kunstwerk selbst noch wesentlich älter – man behauptet, daß es aus dem 7. Jahrhundert stammt und über 800 Jahre vor den Mauren versteckt gehalten wurde. Es lohnt sich, die Avenida Juaréz noch weiter zu gehen, beidseitig der Straße schließen kleine, anheimelnde Plätze (Plazuelas) an, in Höhe des scharfen Rechtsknickes etwa die Plazuela de los Angeles, ein idealer Ort, um sich mit der studentischen Jugend Guanajuatos anzufreunden. Hier beginnt auch die Callejón del Beso, die ihren Namen (“Kußgäßchen“) aufgrund ihrer Breite hat. Mit 68 Zentimetern ist sie derart eng, daß sich einander gegenüber Wohnende (so sie wollen) küssen können. An der nördlich parallel zur Avenida Juaréz verlaufenden Calle de los Pocitos, Ecke Calle Mollas, finden Kunstinteressierte das Geburtshaus Diego Riveras, das mittlerweile dort eingerichtete Museum zeigt einige interessante Originale, darunter viele Portraits. Muralismo – Wandmalerei aus Mexiko Der größte Beitrag Mexikos zur Kunstlandschaft dieses Jahrhunderts – wobei “größte“ hier auch und vor allem wörtlich zu nehmen sei! – ist das Werk der Muralisten. Nein, nicht “Moralisten“ (wobei dieses, s.u. auch nicht ganz falsch wäre) sondern mural, spanisch für Wand. Durch die revolutionären Ereignisse ab 1910 bewegt, beschlossen mexikanische Maler, die Staffelei zu zerhacken, das Atelier zu verlassen und sich an die Wand zu stellen. Im fernen Europa rang man um den metaphysischen Ort der Kunst, die Mexikaner waren da weniger zimperlich. Ort? Ist doch klar: Die Kunst, so das Verständnis der meist ungemäßigt linken Maler, müsse volkseigen werden, die Frage nach dem Ort beantwortet sich körperlich - Bilder sollen dort “hängen“, wo sie jeder sehen kann, ja gar muß: An den Außen- und Innenwänden der großen öffentlichen Gebäuden. Putz statt Leinwand, den Pinsel ein paar Nummern größer gewählt – schon durch die Wahl des Materials war klar, daß der neue Stil gewisse plakative Züge tragen muß. Hinzu trat patriotischer Elan – fort mit der europäischen Verweichlichung, her mit Mexikos Lebensfreude, begeistert Euch an den leuchtenden Farben der alten Volkskunst! Auch bei der Frage, was man malt, leistete man sich keine Halbheiten. Am besten alles zusammen, war die Antwort, Themen wie “Das Leben der mexikanischen Bevölkerung und Utopien“ in 235 Fresken, zu besichtigen im Erziehungsministerium zu Mexiko City, zeugen nicht gerade von Bescheidenheit. Auch die Frage, wie der Künstler zur Welt steht, konnte nach kurzer Überlegung beantwortet werden: Er ist für die Guten und gegen die Bösen, letztere sind z.B. in o.g. Monumentalwerk unter dem Titel “Souper der Milliardäre“ gar abschreckend dargestellt. Auch das Goethesche Diktum, daß der Künstler mit dem Fürsten zu gehen habe, konnte eingelöst werden: Die Revolutionsfürsten zeigten sich gar angetan von der kunstagitatorischen Idee, der Erziehungsminister José Vasconcelos forderte die malende Zunft Anfang der 20er Jahre ausdrücklich auf, öffentliche Gebäude zu verzieren. Der berühmteste Muralist ist Diego Rivera, Gatte von Frida Kahlo (s.d.). Geboren wurde er 1886 in Guanajuato als Sohn eines Schulinspektors und einer Mestizin, bereits 1898 nahm er an einer Kunstakademie das Studium auf, welches er allerdings nach vier Jahren aus Protest gegen den autoritären Lehrstil verließ. Zwischen 1906 und 1921 hielt sich Rivera in Europa auf, machte die Bekanntschaft Picassos sowie Braques und wandte sich zunächst dem Kubismus, später dem (sozialistischen) Realismus zu. Nach seiner Rückkehr in die Heimat erhielt er umgehend den staatlichen Auftrag, sich der öffentlichen Großwände anzunehmen, ein arbeitsreiches Leben begann: Für die o.g. 235 Fresken brauchte er rund 4½ Jahre. Immerhin trug es ihm Ruhm ein: Kein geringerer als der (manchmal gewiß auch soupierende!) Milliardär Rockefeller lud ihn Anfang der 30er Jahre in die USA, um dort das nach jenem benannte Center zu verschönern. Rivera machte sich ans Werk und malte viel, ins Zentrum einen überlebensgroßen Wladimir Iljitsch Lenin – was dem amerikanischen Kapitalisten allerdings derart mißfiel, daß er das Gemälde tektierte, den Künstler abfand. 1957 starb Rivera, nicht ohne vorher noch etliche Gebäude Mexikos bemalt zu haben. Weitere Muralisten: David Alfaro Siqueiros (1886-1974) und, etwas weniger politisch-plakativ in seinen Inhalten, José Clemente Orozco (1883-1949). Ab den späten 50er Jahren beeinflußten die Muralisten vor allem die kubanische Revolutionskunst. Auch San Miguel de Allende hat sich viel seines kolonialen Charmes bewahrt und wird ihn wohl auch in Zukunft nicht verlieren: Mittlerweile steht das Altstadtensemble unter Denkmalschutz. Jedoch sind es nicht nur die steinernen Zeugen der Vergangenheit, die San Miguels Anziehungskraft ausmachen, es gibt noch anderes, was die Besucher herlockt: Die schöne, an einen Hügel gelehnte Lage, das mild-angenehme Klima und das faszinierende Licht, letzteres inspiriert vor allem die Künstler. Viele Touristen haben sich zum dauerhaften Bleiben entschlossen, andere verbringen immerhin den Winter hier, für noch andere ist San Miguel der erwählte Ort, um die spanische Sprache zu erlernen – all das hat die Stadt mit einem mächtigen Gringo-Einschlag versehen, Englisch mit amerikanischem Akzent dominiert mittlerweile das Klangbild San Miguels. Zentrum der Stadt ist die (auch Jardín genannte) Plaza Principal, beherrscht wird ihr Bild von der Pfarrkirche Parrokuia, einem der wenigen neogotischen Gotteshäuser Mexikos. Unter den vielen weiteren sehenswerten Kirchen San Miguels ragt die nordöstlich an der Calle Mesones gelegene El Oratorio de San Felipe Neri hervor, deren Fassade viele Stilelemente indianischer Herkunft aufweist. Auch die unmittelbar rechts davon stehende Iglesia de la Salud lohnt die Besichtigung. Auf dem nördlich anschließenden Mercado de Artesanías lassen sich preiswerte Souvenirs erstehen; wer hier nicht fündig wird, sollte noch die den Jardín nördlich tangierende Canal in beide Richtungen nach etwas edleren Geschäften durchsuchen. Auch Querétaro ist eine Stadt, in der vieles noch von der spanischen Kolonialzeit zeugt, wiewohl hier die Moderne in Form zahlreicher Industriebetriebe Einzug gehalten hat. Für Mexikaner ist die Halbmillionen-Stadt von großer geschichtlicher Bedeutung, sie war Schauplatz zahlreicher revolutionärer Ereignisse, unter denen die europäischen Besucher wohl am meisten das Schicksal des österreichischen Kaisers Maximilian interessiert. Zentrum der Stadt ist die Plaza Principal, auch Jardín Zenea genannt, an dessen Westseite sich im ehemaligen San Francisco-Kloster das sehenswerte Regionalmuseum befindet, das einen interessanten Überblick der vorspanischen, spanischen und nachspanischen Geschichte dieser Gegend gibt. Im Süden der Plaza beginnt die Avenida Franciso Madero; wenn man diese Richtung Westen beschreitet, gelangt man zur Santa Clara-Kirche, deren schlichtes Äußeres den Besucher nicht davon abhalten sollte, das Innere zu betrachten – hier bietet sich dem Auge eine überreiche goldene Pracht, insbesondere ist das hölzerne Chorgitter hervorzuheben. Südlich von Santa Clara, an der Calle Allende gelegen, steht das ehemalige Kloster San Agustín, auch Palacio Federal genannt. Die Fassade des Barockbaus ist sehenswert, nicht weniger der Kreuzgang. Heutzutage hat hier das Museo de Arte de Querétaro seine Heimstatt gefunden, die Ausstellung reicht von Kunstwerken des 16. Jahrhunderts bis zu solchen der Gegenwart. Im Westen der Altstadt liegt der Cerro de las Campanas – auf diesem “Glockenhügel“ wurde Kaiser Maximilian von den Rebellen exekutiert. Sein Bruder, der österreichische K.u.K.-Monarch Franz Josef I., stiftete seinem Gedenken 1901 eine Kapelle. Der Besucher mag es unter “Geschmacklosigkeiten“ rubrizieren, daß der Hügel mittlerweile von einer Monumentalstatue des Revolutionärs Juárez dominiert wird. Ein lohnendes Ausflugsziel ist das Indianerstädtchen Actopan, dessen im 16. Jahrhundert erbautes Wehrkloster eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges ist. Die Kirche weist eine schöne Renaissancefassade und ein gotisches Gewölbe auf, das Kloster ist mit zauberhaften Fresken geschmückt. Lange hatte man nach Tula, der sagenumwobenen Hauptstadt des Toltekenreiches, gesucht. Obwohl bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts einige Bauten entdeckt wurden, konnte erst durch die Ausgrabungen, die Wigberto Jiménez Moreno ab 1938 unternahm, die zweifelsfreie Identität der Indianerstätte nachgewiesen werden. Der Besucher sollte, bevor er nach Tula fährt, seine Erwartungen jedoch nicht allzu sehr in die Höhe schrauben, insbesondere für den Fall, daß er vorher Teotihuacán gesehen hat, keine Steigerung erwarten. Beherrscht wird die Ruinenstadt vom Templo de Tlahuizcalpantecuhtli, dessen fehlerfreie und flüssige Aussprache Krönung eines jeden Reiseberichts ist – die deutsche Übersetzung “Tempel des Morgensterns“ klingt da doch ungleich banaler. Der eigentliche Tempel stand auf der Plattform der fünfstufigen Pyramide, leider sind von ihm nur noch die Säulen und die kolossalen Kriegerfiguren, die das Dach trugen, erhalten. Westlich des – immer wieder schön: – Templo de Tlahuizcalpantecuhtli schließt der sogenannte Palacio Quemado an. Seine durch Feuer zerstörten Räume dienten wahrscheinlich als Regierungsgebäude. In der Nähe des Eingangsbereiches liegt der Ballspielplatz, dessen Zerstörungsgrad jedoch wenig Rückschlüsse auf die einstige Pracht zuläßt. Das kleine Museum nahebei ist von mäßiger Güte. Der Südwesten Mazatlán ist eine Küstenstadt, in welcher alles bemerkenswerte irgendwie mit dem Meere zutun hat. Zunächst verfügt die 500.000-Einwohner-Metropole über den wichtigsten Pazifikhafen des Landes, sowohl was den Handel als auch was die Fischerei betrifft. Für den Besucher, den es nach einem Meeresmahl verlangt, heißt dieses, daß sein Hunger auf vielfältige Art – Krabben! – gestillt werden kann. Wenn er darüber hinaus das Verlangen hat, seine Mahlzeit selbst den Fluten zu entreißen, kann er zudem an einer Hochseeangeltour teilnehmen, man geht in erster Linie auf Segelfisch, der bis zu drei Meter lang werden kann. Eine andere Vergnügung zwischen Mensch und Meer sollte man jedoch den Einheimischen überlassen: Den “Todessprung“ vom etwas südlich des Monumento a la Continuidad de la Vida gelegenen Turm. Harmloser und freudvoller ist das Bad an den wunderschönen Stränden, die sich nördlich der Stadt befinden, hier kann man zudem alle nur denkbaren motorisierten Water-Fun-Geräte ausleihen. Auch die Bildungsreisenden können in Mazatlán dem Meer nicht entgehen – immerhin ist das Aquarium das größte und artenreichste ganz Mexikos. Puerto Vallarta ist der Hauptort einer riesigen Bucht, der Bahía de las Banderas. Wahrscheinlich markiert der rund 160 Kilometer lange Küstenschwung den Kraterrand eines vor langer Zeit erloschenen Vulkans, jedoch können sich auch Nicht-Geologen an den traumhaften Sandstränden der Bahía freuen. Neben Meeres- und Sonnenbad läßt sich in und um Puerto Vallarta noch ziemlich jeder von Menschen bisher ersonnene Wasser- und Unterwassersport betreiben. Puerto Vallarta ist ein Seebad, das sich sehen lassen kann; in Sachen Geschichte jedoch hat es recht wenig aufzuweisen: Im Jahre 1851 gegründet, fristete es lange Zeit ein kärglich-gemütliches Dasein als Fischer- und Bauerndorf. Rund 100 Jahre später erkannte die Tourismusindustrie den Wert der blauen Bucht mit weißem Strand, erste Hotelbauten entstanden. Kurz darauf kam der Weltruhm – jedoch nicht für Puerto Vallarta, sondern für das etwas südlich gelegene Mismaloya. John Huston entschloß sich, ebenhier das Tennessee-Williams-Stück “Die Nacht des Leguan“ zu verfilmen. Das wäre noch nicht unbedingt der “Kracher“ gewesen, würde nicht das damals bekannteste und skandalöseste Paar der Welt die Hauptrollen spielen: Elizabeth Taylor und Richard Burton. So zählte man in Mismaloya kurzfristig mehr Paparazzi als in ganz Südfrankreich. Tipp: Sehen Sie sich vor der Reise den Film auf Video an, immerhin kann man vor Ort nach wie vor durch die Originalkulissen wandeln! Am 25.6.1986 starrte ganz Deutschland gebannt nach Guadalajara und freute sich daran, daß Andy Brehmes Freistoß und Rudi Völlers Alleingang Frankreich aus dem Turnier und die damals glorreiche DFB-Elf ins WM-Endspiel beförderten – lang, lang ist’s her...! Jedoch ist Guadalajara nicht nur seiner fußballerischen Zeitgeschichte wegen ein erfreulicher Ort – Guadalajara ist eine aufregende Stadt; zwar steht es in Sachen Größe Mexico City etwas nach, jedoch sind sich viele Guadalajara-Freunde darin einig, daß fünf Millionen Einwohner durchaus reichen. Zudem hat die Hauptstadt des Staates Jalisco gegenüber der des Gesamtlandes zwei wichtige Trümpfe in der Hand: Sie ist weniger chaotisch und mithin sicherer, zudem ist ihr trockenes, angenehmes Klima dem Menschen zuträglicher. Gegründet wurde Mexikos Nr. 2 im Jahre 1542, den Namen entlehnten die spanischen Eroberer einem Ort ihrer fernen Heimat. Für den Reisenden ist es höchst erfreulich, daß sich die wesentlichen Sehenswürdigkeiten auf engstem Raume ballen. Das Zentrum Guadalajaras wird durch ein Kleeblatt von vier Plätzen gebildet, das in seiner Mitte das Wahrzeichen der Stadt, die Kathedrale hat. Die Stilmischung aus Pseudo-Gotik, Renaissance und Barock ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, im Inneren erfreuen jedoch die Bilder kolonialer Barockmaler. Etwas bescheidener, aber wesentlich harmonischer ist die zu Anfang des 18. Jahrhunderts erbaute Barockkirche Santa Mónica, deren filigrane Ornamentik Sie nordwestlich der Kathedrale an der gleichnamigen Straße bewundern können. Etwas südöstlich der Kathedrale, zwischen der Plaza de Armas und der Plaza de la Liberación, liegt der Palacio de Gobierno. Schon seine barocke, mit leichten neoklassizistischen Ahnungen versehene Fassade ist beeindruckend, beim Gang ins Innere (nur zu den Bürozeiten möglich!) kann man zudem die in den 30er Jahren entstandenen Wandgemälde des Muralisten José Clemente Orozco betrachten. Wem diese gefallen, der sollte noch einen Abstecher zum östlich des Zentrums gelegenen Hospicio Cabañas unternehmen; der Innenschmuck der Kapelle dieses Waisenhauses gilt als Orozcos Meisterwerk. Etwas südlich des Hospicio liegt der imposante Mercado Libertad, eine wahre Fundgrube in Sachen Mitbringsel. Von dort aus geht es, immer dem volltönenden “Ayayayay“ nach, zu der etwas südwestlich gelegenen Plazuela de los Mariachis. Die Geschichte Zihuatanejos und Ixtapas ist schnell erzählt: Bis in die 70er Jahre hinein waren es winzige Fischerorte, dann gerieten die beiden wunderschönen Buchten mit ihren Traumstränden ins Visier der mexikanischen Tourismusexperten – mit dem Ergebnis, daß der heutige an Spiel, Sport und Unterhaltung interessierte Besucher auf nichts verzichten muß. Das südlichere, an der gleichnamigen Bahía gelegene Zihuatanejo hat sich noch einiges seines mexikanischen Flairs erhalten, das nördliche, an der Bahía de Palma gelegene Ixtapa hingegen ist zur Topadresse für den mondänen Urlauber geworden. Von beiden Orten bieten sich Ausflugsmöglichkeiten in ursprüngliche Dörfer des Hinterlandes. Morelia, Hauptstadt des Bundesstaates Michoacán, hat vielen ihrer Schwestern etwas voraus: die Harmonie. Das historische Zentrum der 700.000 Einwohner-Metropole ist ein einträchtiges Ensemble im steingewordenen Geiste des kolonialen Barock. Selbst das Baumaterial der alten Sakral- und Profanbauten ist dasselbe: ein rosa-braun schimmernder Trachyt. Der Besucher tut gut daran, sich entspannt durch die Baupracht treiben zu lassen; etwas länger gilt es aber vor und in der Kathedrale zu verweilen. Obwohl ihr 1744 vollendeter Bau fast 100 Jahre gewährt hatte, wirkt das Äußere harmonisch. Zwar deuten sich verschiedene Stileinflüsse an, jedoch gerät nichts zum Mischmasch. Das Innere trägt ein neoklassizistisches Gepräge, das auf eine umfassende Renovierung im 19. Jahrhundert zurückgeht. Die Ausstattung ist reich, hervorzuheben ist das massivsilberne Taufbecken sowie die indianische Christusfigur, deren goldene Krone ein Geschenk des spanischen Königs Philipp II. ist. Die hundert Jahre alte Orgel übrigens ist “made in Germany“. Wer sich für die Volkskunst Michoacáns interessiert, sollte unbedingt die etwas östlich der Kathedrale an der Plaza Valladolid gelegene Kirche San Francisco (Mitte des 16. Jahrhunderts) aufsuchen. Im zugehörigen Kloster ist eine vorzügliche Volkskundesammlung zu besichtigen. Allerseelen, das Fest des Sensenmannes Dem Tod ein Fest zu geben? Freund Hein an den Tisch zu bitten, den Schnitter zum Tänzchen zu laden? Für den modernen Mitteleuropäer ist dies eine Vorstellung, bei der sich ihm die Nackenhaare aufstellen, der Mexikaner aber liebt diesen Gedanken: Allerseelen ist im Land der Azteken das Fest aller Feste. Hier versucht man, den Tod nicht totzuschweigen, sondern zu leben. Alljährlich am 2.November wird alles eins: Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, die schlagenden Herzen und die, die verstummt sind. Schon in den Tagen vor dem großen Ereignis ist der Sensenmann allgegenwärtig: Allerorten werden Miniatursärge feilgehalten, gemalte Knochenmänner und solche aus Ton, das Skelett als Hampelmann oder als Backwerk – die mexikanischen Kinder essen Totenköpfe wie die deutschen Ostereier. Es gibt sie aus Teig, Marzipan, Schokolade und – farblich am echtesten – Zuckerguß. Todos los Santos bzw. Dia de los Muertos wird in Mexiko – je nach Region – leicht unterschiedlich begangen. In jedem Falle aber beginnt das Fest bereits am Vortag, dem 1. November. Die Familie bereitet ihren Toten den Tisch, Gegenstände aus dem Besitz des Verblichenen werden ebenso aufgestellt wie Geschenke und Speisen. Gegen Abend verlassen die ledigen Männer das Haus, um in der Nachbarschaft Blumen zu sammeln, hierbei steuern sie auch und vor allem das Haus ihrer Verehrten an. Bei Einbruch der Dunkelheit beginnen die Glocken zu läuten, deren Klang dann die ganze Nacht hindurch zu hören ist. Die Blumen – bevorzugt sind übrigens Ringelblumen, die schon in vorspanischer Zeit kultische Bedeutung hatten – werden zu Kränzen gewunden, kurz nach Mitternacht trägt man diese zum Friedhof, wo sie zu altarähnlichen Gebilden zusammengestellt werden. Nun versammelt sich die Familie an den Gräbern ihrer Lieben, Kerzen werden angezündet, Speisen ausgebreitet. Auch der Trank kommt zu seinem Recht – allerdings nicht zu dem Zwecke, den Kummer zu betäuben, sondern als gemeinschaftsstiftendes, dionysisches Rauschmittel. Er verbindet Lebende und Tote, und dies in einer Stimmung, die das Grauen nicht kennt, fast heiter ist die Zeremonie: Der Mexikaner ist davon überzeugt, daß die Toten nun inmitten der Lebenden sind, die Lebenden bald unter den Toten. Schon die Kinder wachsen im Bewußtsein ihrer Sterblichkeit auf – gerade in ärmeren Regionen hat schon so manches in frühen Jahren Bruder oder Schwester verloren, doch auch für sie ist es so, daß sich im Tod das Leben bestätigt. So lacht man – pietätlos? Nein. Das mexikanischen Verhältnis zum Tod scheint aufrichtiger als das mancher anderen Kulturen; seine Wurzeln liegen sicherlich in der vorspanischen Zeit, wiewohl das Alte mittlerweile vom Christentum assimiliert ist. Am berühmtesten ist das Allerseelen-Fest, das am Pátzcuaro-See westlich von Mexico City begangen wird. Hier ist die Insel Janítzio Zentrum der Feierlichkeiten, welche bereits am 31. Oktober mit einer kultischen Wildenten-Jagd beginnen. Der etwa 45 Kilometer westlich von Morelia gelegene Pátzcuaro-See ist eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Schon die Natur ist reich an Schönheiten: In dem etwa 20 x 5 Kilometer messenden See finden sich viele reizvolle Inselchen, umgeben ist das Hochlandgewässer von bewaldeten Bergen und erloschenen Vulkanen. Die vielen den See säumenden Dörfer sind in doppelter Hinsicht anmutig: Einerseits finden sich viele pittoreske Gebäude aus der Frühzeit der Kolonialisierung, andererseits leben am See viele Indios nach ihrer Väter Art – wobei dieses dahingehend zu präzisieren ist, daß die Indios so weit nach ihrer Väter Art leben, wie es ihnen angesichts der Besucherscharen, die Indios, die nach ihrer Väter Art leben, sehen wollen, noch möglich ist. Gerade die Insel Janítzio ist, ihrer Anmut wegen, zuzeiten überlaufen. Die Pátzcuaro-Exkursion startet man am besten in dem am Südostende des Sees gelegenen Städtchen gleichen Namens, dessen Hauptplatz von außerordentlicher Schönheit ist. Für US-Amerikaner ist mit dem Namen dieser Stadt schon alles gesagt: Acapulco ist “Acapulco“. Acapulco is holidays, Acapulco is sun, marvellous beaches, easy going, fun, sports and nightlife, kurz: Der Ort, den man aufsucht, um ein paar schöne Tage zu verbringen, vielleicht das “Mallorca“ der Neuen Welt. Im Gegensatz zum karibischen Rivalen Cancun ist Acapulco nicht “aus dem Hut gezaubert“, sondern hat Geschichte: Einst war es eine Art Pazifikhafen von Mexico City, hier nahmen die Händler der Hauptstadt Waren in Empfang, um sie sodann über den Landweg zum Atlantikhafen Veracruz zu transportieren. Mit der Eröffnung neuer Schiffswege verfiel Acapulco – um zur Mitte des 20. Jahrhunderts wie ein Phönix aufzuerstehen. Das Zauberwort hieß “Tourismus“, die Klientel kam aus den reichen USA – und zwar in solchen Mengen, daß Acapulco dafür sorgte, daß der mexikanische Staatshaushalt nicht auch noch in die dunkelschwarzroten Zahlen abglitt. Zunächst war Acapulco das exklusive Seebad der Schönen & Reichen, mittlerweile jedoch finden hier alle Arten von Touristen Unterkunft, Speis und Trank, letzteres im übrigen des öfteren nicht zu knapp. Acapulco bietet dem Reisenden vorzügliche Möglichkeiten, all das zu tun, was sich im, unter und am Wasser tun läßt. Man sollte nicht ungerecht sein, indem man darüber hinaus noch viel mehr erwartet. Der Kunstfreund mag hier etwas zu kurz kommen – außer er rubriziert die Darbietungen der weltberühmten Clavadistas de la Quebrada unter “Kunst“. So heißen die verwegenen Mutspringer, die sich, nachdem sie ein Gebet an einem Madonnenschrein verrichtet haben, von dem 40 Meter hohen Felsen gleichen Namens herab ins Meer stürzen. Der Sturzflug dauert etwa sechs Sekunden, was zu wissen für die Zuseher interessant, für die Springer jedoch lebensnotwendig ist: Es gilt, die Landung so vorauszuberechnen, daß sie mit der Ankunft einer Welle zusammentrifft. Ansonsten... nun ja. Die Badeorte östlich von Acapulco ähneln einander insofern, als sie verhältnismäßig neu und noch nicht so überlaufen sind wie die Mutter der mexikanischen Seebäder. Puerto Escondido etwa war wegen seiner traumhaften Strände und seiner imposanten Brandung lange Zeit ein Geheimtip unter Surfern, mittlerweile etablieren sich hier jedoch auch touristische Strukturen. Etwas weiter östlich liegt das noch lauschige Puerto Ángel, wenige Kilometer weiter jedoch wird geklotzt: In den zauberhaften Buchten von Huatulco soll ein touristisches Zentrum der etwas größeren Art entstehen. Alles in allem läßt sich sagen, daß zwischen Puerto Escondido und Santa Cruz Huatulco der Urlauber in Sachen Meer und Strand voll auf seine Kosten kommt; wenn es ihn zudem nach Kultur und mexikanischer Atmosphäre gelüstet, sollte er sich etwas landeinwärts Richtung Oaxaca aufmachen. Oaxaca, Zentrum des gleichnamigen Staates, ist eine bemerkenswerte und äußerst reizvolle 400.000er-Stadt. Schon ihre Lage bezaubert: Sie ist malerisch in ein Tal der Sierra Madre del Sur geschmiegt. Seltsamerweise scheint die industrielle Revolution Oaxaca noch nicht erreicht zu haben – was wiederum die Frage offen läßt, wovon sich seine Einwohner ernähren. Oaxaca hat ein selbst für mexikanische Verhältnisse einzigartiges Flair, einerseits ist das Indianische sehr präsent, andererseits weist die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Altstadt eine Unzahl an schönen Bauten der kolonialen Frühzeit auf. Der Besucher, der Oaxaca erleben will, beginnt seinen Gang am besten dort, wo Oaxaca am intensivsten lebt: Auf dem berühmten Zócalo. Dieser von gemütlichen Straßencafés gesäumte Platz läßt erste Einblicke in das bunte Treiben zu. Unmittelbar nördlich erhebt sich die Kathedrale – allerdings ist “erhebt“ nicht ganz das richtige Wort: Vom ästhetischen her wirkt das Äußere des im 16. Jahrhundert begonnenen Gotteshauses etwas gedrungen, was wiederum statische Gründe hat. Oaxaca wird häufig von Erdbeben heimgesucht, weshalb man sich 1714 entschloß, die einst erhabeneren Türme zu verkürzen. Wer ein Souvenir sucht oder mexikanisches Markttreiben genießen will, sollte die zwei Blocks südlich vom Zócalo liegenden Mercados Juárez und 20 de Noviembre aufsuchen, anschließend empfiehlt es sich, die den Zócalo östlich tangierende Valdivieso / Macedonio Alcala in nördlicher Richtung hinaufzuflanieren. Erstens lassen sich so die wunderschönen Kolonialhäuser bewundern, zweitens in den vielen Kunstgewerbeläden stilvolle Souvenirs erstehen, drittens gelangt man so zum prächtigsten Kirchenbau Oaxacas, einem der prächtigsten Mexikos überhaupt. Von außen erscheint Santo Domingo wie eine Mischung aus Barockkirche und Wehrfestung; letzteres ist jedoch dadurch bedingt, daß man auch hier bauliche Vorkehrungen gegen Erderschütterungen getroffen hat. Im Inneren hingegen erwartet den Besucher eine Mischung aus Kirche und Kaiserpalast. Mit dem Wort “prunkvoll“ sind die meist aus dem 18. Jahrhundert stammenden Austattungsdetails nur unzureichend beschrieben, allein der ganz in Gold gehaltene Hochaltar läßt den Atem stocken. Golden geht es auch im benachbarten Kloster weiter, dessen Räume heute die Sammlung des Regionalmuseums bergen. Von größter Schönheit und Bedeutung ist der 1932 gefundene Mixteken-Schatz. Alle Damen, die sich hier etwa in den prächtigen goldenen Ohrschmuck verlieben, können, sofern es die Reisekasse hergibt, bei den Juwelieren Oaxacas gutgemachte Kopien erstehen. Von allen indianischen Stätten Mexikos ist Monte Albán vielleicht die magischste. Zwar fehlen hier die imposanten Riesengebäude, dafür übt die übergroße, sich über rund 40 Quadratkilometer erstreckende Anlage einen Zauber sondergleichen aus. Die Ursprünge Monte Albáns reichen zurück in die erste Hälfte des 1. vorchristlichen Jahrtausends, bereits zu dieser Epoche scheint die Bergkuppensiedlung in erster Linie kultischen Zwecken gedient zu haben. In der Folgezeit steigerte sich die Bedeutung noch; um 500 n. Chr. zählte Monte Albán rund 30.000 Einwohner. Etwa 300 Jahre später setzte der Verfall ein, nach wie vor jedoch diente das Areal als kultisches Zentrum, was sich auch darin ausweist, daß der “weiße Berg“ von den umliegenden Völkern bevorzugt als Begräbnisstätte genutzt wurde. So stammt etwa der im Regional-Museum Oaxacas präsentierte Schmuck-Hort der Mixteken, der im 14. Jahrhundert niedergelegt wurde, aus Monte Albán. Selbst den allerausdauerndsten Besuchern wird es nicht gelingen, Monte Albán zur Gänze zu besichtigen, man tut gut daran, sich auf die 200 x 300 Meter messende Gran Plaza zu beschränken. Der “Große Platz“ ist nichts anderes als eine Bergkuppe, die zu Beginn der Blütezeit Monte Albáns zu einer ebenen Fläche umgearbeitet wurde. Daß dieses allein mittels Holz- und Steinwerkzeugen geschah, grenzt fast ans Unglaubliche. Erdmassen wurden abgetragen, um sie anderswo aufzuschütten; zudem mußten mächtige Steine fortbewegt werden. Felsen, die derart riesig waren, daß man sie unmöglich entfernen konnte, wurden kurzerhand mit großem baulichen Geschick in die Tempelbauten integriert. Diese bilden ein Geviert, am Nord- und Südende steht je eine Plattform; östlich und westlich wird das Areal von Palästen begrenzt, die Mitte von einer dreiteiligen, wahrscheinlich einen riesenhaften Altar darstellenden Gebäudegruppe gefüllt. Die interessantesten Funde befinden sich am Palacio de los Danzantes: Eine Reihe von archaischen Flachreliefs, deren Interpretation umstritten ist. Daß es sich tatsächlich, wie der moderne Name behauptet, um “Tänzer“ handelt, ist unwahrscheinlich, stattdessen nimmt man heute an, daß entweder ekstatische Priester oder Menschenopfer dargestellt sind. Vier weitere Indianerstätten erreicht man, wenn man von Oaxaca aus die Straße MEX 190 in Richtung Juchitán befährt. Knapp hinter El Tule liegt Dainzú, dessen Pyramide gleichfalls interessante Reliefs aufweist. Das einige Kilometer weiter gelegene Lambityeco ist klein, ansehnlich und meist einsam, bemerkenswert hier die Maske des Regengottes Cocijo. Die nächste Perle auf der Schnur heißt Yagúl, auch hier bietet sich die Möglichkeit, inmitten alter Tempelruinen zur Kontemplation zu gelangen, die meisten Besucher zieht es nämlich schnell weiter fort nach Mitla. Mitla, am Rande des gleichnamigen 15.000-Einwohner-Dorfes gelegen, hatte seine Blütezeit unmittelbar vor Ankunft der spanischen Eroberer. Die Grupo de las Iglesias legt von diesem Zusammentreffen eine beredtes bauliches Zeugnis ab: Zuunterst ist sie indianischer Tempel, zuoberst christliche Kirche. Vom ästhetischen her interessanter jedoch ist die südlich gelegene Grupo de las Columnas, deren aufwendige Mosaiken – für indianische Verhältnisse durchaus ungewöhnlich – zur Gänze ungegenständlich-ornamental sind, wobei hier die Vielzahl der realisierten Dekorationsmöglichkeiten beeindruckt. Drei weiter Gebäudegruppen Mitlas (Grupo de los Adobes, Grupo del Arroyo und Grupo del Sur) sind bisher von den Archäologen noch nicht in präsentablen Zustand gebracht worden. Die südliche Golfkueste Der Atlantikhafen Veracruz ist für die mexikanische Geschichte von größter Bedeutung: Hier landete im Jahre 1519 der Spanier Cortés, hier hieß ihn eine Delegation der Azteken, denen er den baldigen Untergang bringen sollte, als vermeintlich rückkehrenden Gott willkommen. In den folgenden Jahrhunderten erwies sich Veracruz (“Wahres Kreuz“) als der wichtigste und reichste Handelshafen Mexikos, weshalb es sowohl für Revolutionäre, Konterrevolutionäre als auch intervenierende Fremdmächte von höchster Wichtigkeit war, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Nicht umsonst heißt einer der berühmtesten Hollywood- Western, mit Gary Cooper und Burt Lancaster als US-Desperados im mexikanischen Bürgerkrieg der 1860er Jahre, nach dieser Stadt. Heutzutage erwartet den Reisenden einerseits ein zuzeiten schwer erträgliches heißfeuchtes Klima, andererseits aber eine Hafenstadt mit Flair: Hier vermischt sich karibisches easy going mit kosmopolitischer Atmosphäre. Auch das Stadtbild ist recht erfreulich, wiewohl nur noch wenige Bauten der alten Kolonialzeit zu sehen sind. Das Wahrzeichen von Veracruz ist das der Stadt vorgelagerte, mittlerweile jedoch durch eine Straße angebundene Inselfort Castillo de San Juan de Ulúa. Erbaut wurde es ab 1528 als Schutz gegen Piratenüberfälle; als diese im 19. Jahrhundert ausblieben, nutzte man das trutzige Gemäuer als Gefängnis, was für die Häftlinge insofern unangenehm war, als manche der (heute zu besichtigenden) Zellen partiell unter Wasser standen. Nahe der Insel entdeckte ein Fischer 1976 einen wohl aus der Zeit von Cortés stammenden Schatz, der heute in dem (ansonsten nicht sehr ansehnlichen) Stadtmuseum an der Calle Zaragoza zu besichtigen ist. Gegen Abend sollte man sich die Atmosphäre des Hautplatzes Plaza de Armas nicht entgehen lassen. 35 Kilometer nördlich von Veracruz liegen die nicht gerade spektakulären, jedoch sehenswerten Ruinen der Indianerstadt Zempoala. Eine interessante landschaftliche Variation Mexikos läßt sich mit einem Ausflug an den etwa 175 Kilometer südöstlich von Veracruz gelegenen küstennahen Binnensee Laguna Catemaco erleben. Hier ist das Land so wasser- und wasserfallreich wie kaum anderswo. Hauptort ist die Fischersiedlung gleichen Namens; von dem hier praktizierten Zauberkult läßt sich nicht eindeutig feststellen, ob er noch geglaubt wird oder zur Belustigung der zahlenden Touristen herabgesunken ist. Jalapa, die Hauptstadt des Staates Veracruz, ist ein bemerkenswerter Ort: An sich bietet er kaum sehenswerte Gebäude, allenfalls hat das Altstadtensemble einen gewissen kolonialen Stimmungswert aufzuweisen. Nichtsdestotrotz hat Jalapa etwas Einnehmendes – selbst wenn der Terminplan drängt, fährt der Besucher nicht leichten Herzens fort. Liegt es vielleicht an der Art der Menschen, an der Vitalität und der florierenden Kunstszene dieser Universitätsstadt? Wie dem auch sei, die meisten Besucher setzen gerade mal das Anthropologische Museum auf ihre Besuchsliste und sind dann traurig, daß der “Fahrplan“ die schnelle Weiterreise fordert. Das Museo de Antropología, etwa vier Kilometer nordwestlich des eigentlichen Zentrums an der Ausfallstraße Avenida Xalapa in Richtung Hauptstadt gelegen, hat, wenn man eben von Mexiko City absieht, im ganzen Land nichts vergleichbares. Eine Vielzahl von Exponaten außergewöhnlichen Ranges läßt den Besucher eine Reise durch versunkene Indianerreiche antreten; ob Kolossalkopf, ob Jadeitschmuck, ob Wandmalereien – es wäre ungerecht, etwas aus der musealen Pracht besonders hervorzuheben. Die zwischen Veracruz und Tampico, etwas südlich von Pozarica gelegene Ruinenstadt El Tajín bietet faszinierende Einblicke in die indianische Geschichte. Welches Volk sie errichtet hat, ist fraglich, einzig über die Zeit der Erbauung herrscht weitgehende Klarheit: El Tajín hat seine Ursprünge im 4. und seinen Untergang am Ende des 12. Jahrhunderts. Knapp die Hälfte der einst 50.000 Einwohner zählenden Stadt ist mittlerweile von den Archäologen geborgen. Der faszinierendste Bau ist wohl die siebenstöckige Pyramide der Nischen; Reisende, die nicht unter Zeitdruck stehen, können letztere durchzählen: Es sind 365, für jeden Tag des Sonnenjahres eine. Das Besteigen der Treppe ist Besuchern nicht erlaubt, wäre jedoch auch ein erhebliches Wagnis – die Stufen sind so steil, daß der Aufstieg nur für free-climber zu wagen wäre. El Tajín war überreich an Ballspielplätzen, der wichtigste, mit interessanten sakralen Flachreliefs ausgestattete, liegt im Süden der Anlage. Nördlich wird die ausgegrabene Zone durch das auf einem teilweise künstlichen Hügel mit gewagter Statik errichtete Complejo de las Columnas (Säulengebäude) gekrönt. Das östlich gelegene Papantla hat es durch sein Fliegerspiel, bei dem sich Voladores genannte Artisten an einem um ihre Füße geknüpften Seil um einen Mast drehen, zu gewisser Berühmtheit gebracht. Tabasco und Chiapas Villahermosa heißt zu deutsch “die schöne Stadt“ – ob die Hauptstadt Tabascos diesen Namen jedoch verdient, ist etwas fraglich. Binnen kürzester Zeit hat es die Stadt vom Sumpfdorf zur Viertelmillionen-Boomtown geschafft, so verwundert es nicht, daß man nach altmexikanischem Flair vergeblich sucht. Andererseits haben jedoch die Geldströme immerhin dafür gesorgt, daß das Antlitz Villahermosas eine exquisite Note bekommen hat. Das Klima jedoch konnte auch mittels Petrodollars nicht verbessert werden – in Sachen drückender Schwüle verlangt die Stadt ihren Besuchern einiges ab. Zwei Gründe gibt es trotzdem, die den Aufenthalt in Villahermosa zu einem angenehmen Erlebnis machen: Zunächst das nach dem unermüdlichen Geschichtsforscher Carlos Pellicer benannte Anthropologische Regionalmuseum, südlich des Zentrums am Ufer des Río Grijalva gelegen. Hier bietet sich die Möglichkeit, in das faszinierende Rätsel der olmekischen Kolossalkopf- Kultur einzutauchen. Das Museum ist etwas unorthodox aufgebaut, so empfiehlt es sich, den Rundgang zunächst im Obergeschoß zu beginnen, wo man bald den Überblick gewinnt, mit dem sich die im Mittelgeschoß ausgestellten Kostbarkeiten verstehen lassen. Das andere “Muß“ in Villahermosa ist das beeindruckende Freilichtmuseum namens Parque-Museo de La Venta, gelegen an der Laguna de las Illusiones nordöstlich des Zentrums. Hier ist viel von dem ausgestellt, was der schwerdurchdringliche Dschungel Tabascos an alten Schätzen hergegeben hat. Allerdings stellt sich in jüngster Zeit heraus, daß die Olmeken und Mayas es leider versäumt haben, ihre Steinskulpturen smogresistent zu machen, weshalb man erwägt, die Originale gegen Kunststoffkopien auszutauschen. Für alle Verehrer der Mayakultur bietet sich ein Ausflug zu den Ruinen des 50 Kilometer nordwestlich von Villahermosa gelegenen Comalcalco an. Ohne Zweifel ist Palenque eine der schönsten – wenn nicht die schönste – aller Mayastädte. Erstens bezaubert ihre Lage am Fuße der von tropischem Regenwald bewachsenen Berge von Chiapas, zweitens hat hier wohl der Mayastil seine höchste Blüte erreicht – die allerdings nicht sehr lange währte: Die kenntlichen Ursprünge der Stadt liegen im 6. Jahrhundert; bereits um 800 jedoch wurden die mächtigen Ruinen der wildwuchernden Vegetation preisgegeben. Der Europäer versteht unter “Pyramide“ meist, siehe Ägypten, das riesige Grabmal eines Herrschers und ist erstaunt, wenn er erfährt, daß die mexikanischen Pyramiden nichts anderes als Tempel sind. Von der reinen Tempeltheorie ging jedenfalls die Archäologie lange Zeit aus – bis eines Tages im Jahr 1949 der Forscher Alberto Ruz l’Huillier mehr durch Zufall als durch gezielte Suche eine verschüttete Treppe am Templo de las Inscripciones freilegte. Dieser “Tempel der Inschriften“ hatte schon lange eine große Bedeutung in der Mayaforschung, seinen Namen hat er von den an seinem Haupteingang eingemeißelten 620 Hieroglyphen, die die Geschichte der Herrscher von Palenque erzählen. Die von Schutt befreite Treppe führte jedoch noch weiter – nämlich zu dem Hauptherrscher selbst: In einer Krypta fanden sich die Gebeine des Königs Pacal, ausgestattet mit prächtigen Beigaben, die sich nun im Nationalmuseum zu Mexico City befinden. Die Krypta ist älter als die sie umgebende Pyramide, somit scheint sicher, daß Pacal, genau wie die ägyptischen Pharaonen, bereits zu Lebzeiten an seinem Grabmal bauen ließ. Dieser Hang zur Selbsterhöhung wird nun, da man die Hieroglyphen zum Teil entziffert hat, etwas verständlicher. Pacal hatte eine Dynastie begründet, deren Herrschaft mit dem Makel der Illegitimität behaftet war: Väterlicherseits war er alles andere als königlicher Abstammung. Er behalf sich, indem er sich kurzerhand als Reinkarnation eines alten Gottes bezeichnete, so erklärt sich die für den amerikanischen Kontinent eher ungewöhnliche Kombination aus Grabmal und Pyramidentempel. Pacal führte die Stadt zu militärischer und künstlerischer Blüte; als er im Jahre 683 starb, trat sein Sohn die Nachfolge an. Die 100 Jahre danach brachten zunächst eine weitere stürmische Aufwärtsentwicklung, dann jedoch den plötzlichen Fall. Über dessen Ursachen kann man nur spekulieren; wahrscheinlich lassen sie sich im Inneren finden: Es ist zu vermuten, daß Palenque dem hybriden Göttlichkeitsanspruch seiner Herrscher, gegen den sich das Volk empört haben mag, zum Opfer fiel. Bisher ist gerade einmal ein Bruchteil der vielleicht zehn Quadratkilometer großen Stadt ausgegraben. Unmittelbar nordöstlich der Pyramide der Inschriften liegt der riesige, aus vielen Gebäuden etwas heterogen zusammengesetzte Herrscherpalast. Aus der Unzahl sehenswerter Details sei das Bildnis Pacals im zentralen Gebäude E hervorgehoben – hier können Sie feststellen, daß der gottgleiche Herrscher durch einen Klumpfuß gehandicapt war. Westlich, nördlich und östlich des Palastes findet sich weitere Tempelpracht. Bonampak heißt zu deutsch soviel wie “bemalte Mauern“ – damit ist schon alles gesagt: Bonampak ist eine Mayastätte, die an sich nicht viel aufzuweisen hätte, wären da nicht ihre unzähligen wunderbaren Fresken. Es scheint sicher, daß ursprünglich fast alle sakralen und herrschaftlichen Maya-Gebäude gemalten Wandschmuck hatten, jedoch ist dieser mit der Zeit der Witterung zum Opfer gefallen. Die einzige Ausnahme: Bonampak – hier führten klimatische Besonderheiten dazu, daß sich eine schützende Kalkschicht über die Gemälde legte. Die Entdeckungsgeschichte der Stadt könnte schon Grundlage für einen Hollywoodfilm sein, ihr Protagonist ist ein nordamerikanischer Weltkrieg-II-Pilot, der seinem Heimatland in den mexikanischen Dschungel entfloh, mit Indianern lebte und von ihnen schließlich zum geheimen Kultplatz Bonampak geführt wurde. Ob Sie nun auch das Abenteuer einer Bonampak-Reise unternehmen, sollte gründlich abgewogen werden: Bis vor kurzem war der Ort nur per Propeller-Flugzeug zugänglich, mittlerweile führt zwar eine Autostraße dorthin, allerdings ist diese äußerst lang, einsam und zuzeiten für normale Fahrzeuge unpassierbar. Bonampak selbst weist keinerlei touristische Infrastruktur auf, es obliegt Ihnen also selbst, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten zu improvisieren. Wenn das nicht gerade Ihre Vorstellung von “Urlaub“ ist, können Sie sich auch einer organisierten Bus- und / oder Bootstour anschließen – wenn Sie sich nicht einfach dafür entscheiden, die Fresken dort zu studieren, wo sie am einfachsten zu studieren sind: Als Reproduktionen im Museum von Mexico City. Auch was Yaxchilán betrifft, läßt sich sagen, daß das Dahingelangen womöglich aufregender ist als das Dasein. Der Ort, nahe Bonampak und unmittelbar an der Grenze zu Guatemala gelegen, hat zwar auch einiges an Maya-Faszination aufzuweisen, jedoch gibt es prächtigere Stätten, die leichter zu erreichen sind. Der spannendste Weg nach Yaxchilán ist der mit dem Boot über den Río Usumacinta, entsprechende Touren werden in den größeren Orten des Staates Chiapas angeboten. Yaxchilán ist weniger von Pyramiden als vielmehr von Palästen geprägt, seinen Reiz bezieht es aus der Unzahl von Reliefs, auf denen meist Herrscherpaare oder Thronsukzessionen dargestellt sind – wobei zu sagen bleibt, daß zahlreiche Steinkunstwerke ihren Weg aus dem Dschungel in Großstadt-Museen – etwa die Mexico Citys oder Londons – gefunden haben. An der Straße, die von Palenque nach San Cristóbal de Las Casas führt, liegt etwa mittig, in Höhe Ocosingos, die Mayastätte Toniná, deren leicht toltekischer Einschlag darauf hindeutet, daß der Ort den Untergang der Mayakultur mit veränderter Bevölkerung überstanden hat. San Cristóbal de Las Casas ist eine Stadt mit zwei Gesichtern: Auf der einen Seite hat sie viel kolonialspanisches Flair, auf der anderen Seite wird das Geschehen von den selbstbewußt ihre alten Trachten tragenden Indianern geprägt, welche die 100.000- Einwohner-Kapitale des Staates Chiapas in erster Linie aufsuchen, um dort auf dem Markt die Produkte ihrer Dörfer anzubieten. San Cristóbal wurde 1528 gegründet und ist somit die älteste spanische Siedlung weit und breit, benannt ist der Ort nach einem Bischof, der sich in den frühen Tagen um den Schutz der Indianer verdient machte – allerdings auch im Verfolg dieses Zieles als erster den Vorschlag machte, zur Arbeit in den Silberminen widerstandsfähigere schwarze Sklaven aus Afrika zu importieren. 1994 brachte es San Cristóbal zu Weltruhm, als sich die über Jahrhunderte unterdrückte Urbevölkerung militant gegen die Zentralregierung erhob und die Stadt kurzerhand besetzte. Nach wie vor ist das Verhältnis der Indianer zu “ihrem“ Staat gespannt; jedoch nicht nur zu diesem: Auch der Besucher aus fernen Landen sollte sich davor hüten, die Indianer als pittoreske Fotomodelle mißzuverstehen, dies gilt in erster Linie für den Fall, daß er sich einer Busreise anschließt, deren Zweck es ist, eins der umliegenden “unberührten“ Indianerdörfer zu berühren. Leicht ist es jedoch, die Urbevölkerung auf einem der Märkte kennenzulernen; die nach alten Vorbildern gestalteten und von Hand gefertigten stilvollen Kleidungsstücke eignen sich hervorragend als Souvenir. Vergessen Sie das Feilschen nicht und fragen Sie den Händler unbedingt nach der Bedeutung der eingestickten Symbole – in ihnen gibt sich sowohl das Herstellungsdorf als auch ein religiöser Gedanke zu erkennen. Bis zur Errichtung einer etwas geschmacklosen Markthalle eben dort war der im Norden der Altstadt gelegene Mercado in Sachen Atmosphäre unschlagbar. Etwas südlich von ihm, an der Avenida General Utrilla, befindet sich die schönste der vielen Kirchen: Santo Domingo – allein die gedrängte Pracht ihrer aus dem 17. Jahrhundert stammenden, fast quadratischen Barockfassade hinterläßt einen schlagenden Eindruck, mehr noch wenn nachts das Flutlicht auf sie fällt. In den benachbarten Klostergebäuden hat sich ein indianisches Textilhaus einquartiert, sein Angebot ist sehr edel, sehr authentisch und leider auch sehr teuer – Qualität hat ihren Preis. Ein lohnender Ausflug von San Cristóbal de las Casas führt ins 140 Kilometer südöstlich, direkt an der Grenze zu Guatemala gelegene Montebello-Naturschutzgebiet. Sein Reiz ergibt sich aus der Vielzahl der inmitten unberührten Waldes gelegenen Seen. Neben allem Naturgenuß hat die Gegend jedoch auch allen, die nach noch mehr Maya-Ruinen dürsten, etwas zu bieten: Chincultic. Hier, am äußersten Westrand des Mayagebietes, lebte die Kultur noch rund 100 Jahre nachdem ihr Zentrum untergegangen war, fort. Allzu Spektakuläres gibt es nicht zu sehen, das Ausgrabungsgelände hat seinen Charme eben darin, daß noch nicht allzuviel ausgegraben ist und sich somit dem Besucher ein authentischer Ausdruck der Versunkenheit mitteilt. Yucatán, die Halbinsel im Golf Manches könnte zu dem Schluß verleiten, daß der Reisende, so er Yucatán betritt, Mexiko verlassen hat. Die Bewohner der Halbinsel haben ein ausgeprägtes Sonderbewußtsein, sehen sich weniger als Mexikaner denn als Yucatecos und fühlen sich mehr der Karibikküste als dem Golf zugehörig. Yucatán, einst eine nicht zu Mexiko gehörende Kolonie, brauchte sehr lange, bis es sich bereit erklärte, Mexico City als Ort der politischen Entscheidungen anzuerkennen. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts kam es jedoch zu einem Aufstand der Maya gegen die Kolonialherren; erst angesichts der drohenden Niederlage wandte sich die spanisch sprechende Bevölkerung um militärische Hilfe an die Zentralregierung – der Preis hierfür war die Aufgabe der Souveränität. Die Hauptstadt Yucatáns war (und ist) Mérida. Gegründet wurde sie im Jahre 1542 auf und mit den Trümmern eines von den Spaniern zerstörten Maya-Dorfes. Ringsum die neue Stadt sahen die Eroberer alte Tempel der Indianer, was Assoziationen hervorrief: Daheim in der spanischen Provinz Estremadura lag die mit römischen Ruinen durchsetzte Stadt Mérida, die so zur Namenspatin für die Neugründung wurde. Die Böden Yucatáns erwiesen sich als tauglich für den Sisal-Anbau; der Export dieser Faser verschaffte Mérida erheblichen Wohlstand, der sich noch heute im Weichbild der 600.000-Einwohner- Stadt kenntlich macht. Mérida hat kolonialen Charme, die Stadt wird wegen der weißen Farbe sowohl ihrer Gebäude als auch der traditionellen Tracht ihrer Einwohner “Ciudad Blanca“ genannt. Heutzutage ist sie – trotz Sommerschwüle und Smog – ein lohnendes Reiseziel, nicht zuletzt als Ausgangspunkt für eine archäologische Tour ins Reich der Maya. Die Anlage Méridas ist planvoll: Die Straßen bilden ein Schachbrett und sind numeriert. Der Reisende kann durchaus auf die Mitnahme eines Kompasses verzichten; alle Calles mit ungerader Nummer verlaufen von West nach Ost, alle geraden von Nord nach Süd. Die Kathedrale der Stadt, östlich der Plaza Major gelegen, ist von ihrer Architektur her nicht unbedingt aufregend, birgt in ihrem Inneren jedoch zwei interessante Kunstwerke. Über einem Tor ist die Kapitulation des Maya-Herrschers Titul Xiú dargestellt; links des Hauptaltars, in der Kapelle des “Christus der Brandblasen“, findet sich eine indianische Schnitzerei die seit langem zum Ziel von Wallfahrten geworden ist. Der Mythos sagt, daß sie aus dem Holz eines Baumes hergestellt sei, der sich selbst entzündet und anschließend drei Tage gebrannt hat, ohne sich zu verzehren. Am Südende der Plaza Major befindet sich die Casa de Montejo, zur Mitte des 16.Jahrhundert als Residenz vom gleichnamigen Konquistador erbaut. Schon das Äußere beeindruckt durch seine architektonischen Details; das prachtvoll verzierte Portal allein lohnt das Verweilen und Fotografieren. Im Erdgeschoß befindet sich nun eine Bank, andere Räume jedoch sind, mit – mehr oder weniger – authentischem Mobilar ausgestattet, zu besichtigen. Wenn man die östlich an der Kathedrale vorbeiführende Calle 58 nach Norden geht, gelangt man zum Archäologischen Museum - für alle an der Kunst der Maya Interessierten ein Muß. Südöstlich der Plaza Major liegt der Mercado Municipal – auf diesem Markt erfährt der staunende Besucher, was sich alles Schönes aus Sisal herstellen läßt, nebenbei hat er noch Gelegenheit, sich eine landestypische Hängematte oder ein Trachtenstück als Souvenir mitzunehmen. Etwa 50 Kilometer südlich von Mérida liegt die Ruinenstadt Mayapán. Gegründet um 1.000, beherrschte sie für lange Zeit den Norden Yucatáns, zunächst im Dreierverbund mit Chichén Itzá und Uxmal, in den letzten 200 Jahren ihres Bestehens alleine. Um 1450 fiel Mayapán unter dem Ansturm benachbarter Stämme – mit dem Verlust des Machtzentrums endeten auch die glorreichen Tage der Maya. Einerseits ist das, was die Archäologen seit 1950 ans Tageslicht gehoben haben, beeindruckend: Man fand mehr als 3.500 Gebäude verteilt über knapp sieben Quadratkilometer, zu ihrer Glanzzeit lebten rund 12.000 Menschen innerhalb der mächtigen Mauern Mayapáns. Andererseits ist die versunkene Stadt von der Schönheit ihrer Architektur den meisten ihrer näheren und ferneren Nachbarinnen deutlich unterlegen. Was dennoch den Besuch Mayapáns lohnt, ist die romantische Aura des Vergangenen, der über den einsamen, von Touristen selten besuchten, vom Buschwald fast schon wieder überwachsenen Ruinen liegt. Dzibilchaltún, 15 Kilometer nördlich von Meridá gelegen, ist eine Ausgrabungsstätte besonderer Art - immerhin bietet sie ein archäologisches Objekt, in dem man baden kann, für hitzegestreßte Kultururlauber ein wahres Labsal. Die Ursprünge der Mayastadt reichen sehr weit zurück; Spatenforscher vermuten eine Gründung um 1500 v. Chr., gesichert ist eine Besiedlung zur Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends. Zerstört wurde Dzibilchaltún, der “Ort der flachen Zeichensteine“, durch die spanischen Eroberer. Zu ihrer Blütezeit erstreckte sich die Stadt über rund 50 Quadratkilometer, zählte mehr als 8.000 Gebäude und beherbergte gut 40.000 Menschen. In Verzückung sind die Archäologen angesichts des Templo de las Siete Muñecas (Tempel der sieben Puppen) gelangt – in erster Linie deshalb, weil er, anders als alle anderen Maya-Tempel, quadratisch ist und Fenster hat. Ob der Besucher diese Verzückung teilt, bleibt ihm selbst überlassen – gar so faszinierend mutet das Gebäude eigentlich nicht an. Jedoch gibt es eine Stätte, die sowohl Altertumsforscher als auch Reisende erfreut: Die Cenote Xlacah (“Alte Stadt“). Unter diesem Namen kennt man das fast 30 Meter durchmessende und rund 45 Meter tiefe Wasserloch, das einst die Stadt mit Trinkbarem versorgte und nebenher eine kultische Opferstätte war. Mehr als 30.000 Artefakte konnten bisher von taucherbebrillten Archäologen ans Tageslicht gehoben werden. Der Reisende nehme dies mit der gebotenen Ehrfurcht zur Kenntnis, entledige sich daraufhin seiner Oberbekleidung und wage den Sprung ins erfrischende Naß. Wieder abgetrocknet, kann er noch der Kapelle, welche die Spanier am Ende des 16. Jahrhunderts auf und mit den Trümmern der eroberten Stadt erbauten, einen Besuch abstatten, bevor er sich schließlich dem kleinen Museum nähert, in dem er unter anderem die sieben Puppen des Tempels bewundern kann. Diese weisen allerlei sichtbare körperliche Gebrechen auf, es ist zu vermuten, daß sie im Mittelpunkt eines Heilkultes standen. Izamal (45.000 Einwohner, knapp 30 Kilometer östlich von Meridá) war zu Maya-Zeiten ein vielbesuchtes Wallfahrtszentrum, gleich zwölf Kultpyramiden hatte die Stadt aufzuweisen. Die christlichen Eroberer verhielten sich gegenüber den “heidnischen“ Heiligtümern so, wie sich christliche Eroberer immer und überall gegenüber “heidnischen“ Heiligtümern verhielten: Was zerstört werden konnte, wurde zerstört, was zur christlichen Kirche umgebaut werden konnte, wurde zur christlichen Kirche umgebaut. Das beeindruckende Franziskanerkloster Convento de San Antonio de Padua mit seinem riesigen Atrium hat sich sein Baumaterial und sein Fundament von der Popul-Chac-Pyramide entlehnt, die Anlage ist eine Besichtigung wert. Zehn andere Pyramiden sind mittlerweile zu wenig beeindruckenden Geröllhaufen verkommen, einzig die dem Kinich-Kakmó geweihte bietet noch einen Abglanz einstiger Herrlichkeit und einen faszinierenden Ausblick auf die Stadt. Chichén Itzá, gut 100 Kilometer östlich von Meridá an der Straße nach Cancún gelegen, ist die wichtigste Ausgrabungsstätte Yucatáns und nicht nur das: Chichén Itzá ist der Welt so wichtig, daß es die Unesco zum Kulturerbe der Menschheit erklärt hat. Ursprünglich hatte die im 5. Jahrhundert gegründete Stadt vor allem kultische Bedeutung, erst im 11. Jahrhundert gelang es ihr, sich zur politischen Hegemonialmacht aufzuschwingen. Jedoch fand diese Herrlichkeit ein frühes Ende, zur Mitte des 13. Jahrhunderts war Chichén Itzá schon Ruinenstadt, der Kult aber blieb. Seit gut 150 Jahren haben sich Archäologen verschiedener Herkunft und Ausrichtung der mächtigen Ruinen angenommen, jedoch bleibt noch viel zu tun: Drei Viertel der großen Stadt harren noch der Entdeckung und Restaurierung. Chichén Itzá ist überreich an Sehenswürdigkeiten, man tut gut daran, sie nicht unter Zeitdruck “abzuhaken“, sondern sich gerade dem vielsagenden Detail in Muße hinzugeben – hier kann einen durchaus der alte indianische Geist anwehen. Zentrum der Anlage ist die mächtige Pyramide des Kukulkán, auch “El Castillo“ genannt. Zunächst wirkt der 30 Meter hohe Bau durch seine schlichte Schönheit, darüberhinaus ist er jedoch steingewordene Religion: Die 365 Stufen etwa zählen das Sonnenjahr, in den neun Terrassen sind die neun Himmel gewiesen, in den vier Seiten die Himmelsrichtungen. Die faszinierendste Entdeckung jedoch machte vor gut 25 Jahren ein findiger Archäologe: Zweimal im Jahr, exakt zu den Tag-Nachtgleichen fallen die Schatten der neun Terrassen so auf die Nordwestmauer der Treppe, daß sich der Eindruck einer von der Tempelspitze herabkriechenden Schlange ergibt. Mittlerweile überträgt das mexikanische Fernsehen am 21.3. und 21.9. live; an allen anderen Abenden des Jahres wird das Schauspiel vor Ort mittels starker Lampen künstlich inszeniert. Etwas nordwestlich der Pyramide liegt, umgeben von Tempeln, der Ballspielplatz, der besterhaltene seiner Art in Mittelamerika. Gleichfalls eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges ist der Templo de los Guerreros (Kriegertempel) östlich der Pyramide. Wiewohl die Dächer der Tempelhallen mittlerweile eingestürzt sind, bieten die sechzig mit Flachreliefs verzierten Pfeiler der Phantasie noch genügend Stoff. Dargestellt sind Krieger und Würdenträger. Von der Pyramide aus führt eine Prozessionsstraße vorbei am Grab des Chac-Mool zum Cenote de los Sacrificios. Dieser 60 Meter durchmessende und über 80 Meter tiefe Brunnensee hatte seinen profanen Zweck darin, die Stadt mit Wasser zu versorgen. Da den Indianern das Wasser jedoch eine göttliche Gabe war, war der Cenote auch Kultstätte. Die meisten der mittlerweile geborgenen, aus den edelsten Materialien gefertigten Opfergegenstände sind in US-amerikanische Museen gelangt; die gefundenen Menschenskelette sind übrigens fast ausschließlich solche von Männern. Wenn Ihnen also ein Führer romantische Märchen von wunderzauberschönen Jungfrauen erzählt, so tut er dies wohl des klingenden Trinkgelds wegen. Es ist nicht ganz leicht zu sagen, wo der Ursprung Cancúns liegt. Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Entweder nimmt man das kleine, kaum 100 Seelen zählende Fischerdorf, das Cancún vor 1970 war – oder aber den Arbeitsspeicher eines frühen Computers. In letzteren nämlich warfen die mexikanischen Tourismusexperten vor 30 Jahren die Daten des Landes und die Bedürfnisse der Gringo-Touristen. Daraufhin spuckte der Rechner als idealen Ort für die neue holiday boomtown eben jenes obengenannte verschlafene Fischernest aus. Dieser Tage bietet Cancún dem Besucher einiges: Eine perfekte touristische Infrastruktur, interessante Anschauungsmöglichkeiten in Sachen postmoderner Großarchitektur, Unterhaltung rund um die Uhr und traumhafte weißsandige Strände. Wer jedoch mexikanische Ursprünglichkeit, Ruhe oder günstige Preise sucht, wird den Trubel Cancúns bald hinter sich lassen. Das Leben der Retortenstadt tummelt sich auf einer per Damm mit dem Festland verbundenen Insel; wenn Sie Glück haben, werden Sie inmitten der vielen rosafarbenen Hotels sogar das kleine archäologische Museum entdecken. Die wenige Kilometer vor Cancún liegende Isla Mujeres steht momentan auf der Kippe: Bleibt sie das, was sie lange war, nämlich ein bezauberndes, mit traumhaften Stränden ausgestattetes karibisches Inselchen – oder teilt sie in Sachen “action“ und Überteuerung das Schicksal Cancúns? Im Moment sind beide Prinzipien auf dem acht Kilometer langen Eiland vertreten. Der Besucher kann sich an einigen Maya-Ruinen freuen und, sofern er tauchausgerüstet ist, eine faszinierende Unterwasserwelt genießen: Sowohl die Korallenriffe als auch so manches versunkene Schiff können entdeckt werden. Weniger anzuraten ist es jedoch, zu überprüfen, ob die Haie in den “Höhlen der schlafenden Haie“ wirklich schlafen. Zwar geht man davon aus, daß der niedrige Sauerstoffgehalt des Wassers die Tiere müde mache, jedoch, wer weiß... Der rund 500 Quadratkilometer großen, südlich von Cancún gelegenen Insel Cozumel fehlt wenig zum karibischen Traum. Fast alles stimmt – wäre da nicht das kleine Badeproblem: Wo die Küste steil abfällt, fällt sie steil ab; wo sie feine Sandstrände hat, herrscht häufig eine gar zu heftige Brandung. Für alle Tauchfreunde jedoch ist Cozumel spätestens seit Jacques Cousteaus berühmten Unterwasserexpeditionen ein Begriff. Schon zu Maya-Zeiten war die Insel vielbesucht, sie diente als kultisches Zentrum. Die archäologischen Stätten sind zwar bisher kaum erschlossen, immerhin läßt sich so noch die Romantik der von dichtem Buschwald überwachsenen Ruinen genießen. Interessant und verhältnismäßig gut zugänglich ist der bei San Gervasio gelegene Ix-chel- Tempel; Sie erreichen ihn, indem Sie die an dem an der Westküste gelegenen Hauptort San Miguel de Cozumel beginnende Carretera Transversal in Richtung Inselinneres nehmen und dann links abbiegen. Wenn man von Cancún die Küstenstraße in südlicher Richtung fährt, erreicht man nach ungefähr 120 Kilometern die kurz vor Tulum gelegene Lagune Xel-há. Wenn Sie diesen Abstecher während der Hauptsaison unternehmen, kann es allerdings vorkommen, daß Sie die Lagune vor lauter Reisebussen nicht sehen. Xelhá ist ein äußerst beliebtes Ausflugsziel, es locken sowohl die exotische Flora und Fauna als auch die zum Teil nur auf dem Wasserwege zu erreichenden Kultstätten der Maya. Interessierte können sich Taucherausrüstungen entleihen, allerdings ist diese Vergnügung – ebenso wie Speis und Trank im Naturpark – nicht gerade billig. In Tulum erwartet den Besucher eine Mayastätte, die ihresgleichen nicht hat. Zwar können sich die erhaltenen Bauten in Sachen Größe und Schönheit nicht mit denen anderer Städte messen – was Tulum jedoch zur Sehenswürdigkeit ersten Ranges erhebt, ist seine bezaubernde Lage: Die Ruinen liegen malerisch, vom karibischen Meer und exotischem Wald umgeben auf einem Küstenfelsen, allein dieses Panorama lohnt den Ausflug. Die Maya stehen nicht gerade im Ruf, eine Seefahrernation gewesen zu sein, deshalb nimmt die Anlage einer ummauerten Meeresfeste etwas wunder. Es ist jedoch zu vermuten, daß Tulum weniger strategischen denn kultischen Zwecken diente. Das Hauptgebäude, Castillo genannt, weist eine Steinfigur auf, die den “niederfahrenden Gott“ zeigt, dessen Bilder sich übrigens auch an und in vielen anderen Gebäuden der Ruinenstätte finden. Auf dem vor dem Castillo liegenden Altarstein wurden vermutlich Menschen geopfert. Wesentlich interessanter noch als das Castillo ist der etwas westlich landeinwärts von ihm gelegene Templo de los Frescos (Tempel der Fresken). Dieses Gebäude, das auf die Mitte des 15. Jahrhunderts zurückgeht, ist im Inneren mit Stuckreliefs und Fresken geschmückt, es ergibt sich so ein äußerst phantasieanregendes Bild des indianischen “Olymp“. Es muß ein faszinierendes Erlebnis für den Archäologen sein, wenn er mitten im Dschungel plötzlich auf die mächtigen Reste einer längst untergegangenen und mittlerweile von tropischen Pflanzen überwachsenen Stadt stößt. Den Ruhm, die alte Mayastadt Cobá entdeckt zu haben, heimste 1891 der Österreicher Theobert Maler ein. Glücklicherweise haben seitdem hier nicht - wie in so mancher anderen Mayastadt – die Restauratoren “ganze Arbeit“ geleistet: Cobá bietet noch bis zum heutigen Tag viel von dem Buschwaldruinencharme, den es zur Zeit seiner Entdeckung gehabt haben mag. Etwa 50 Kilometer nordwestlich von Tulum, an der Straße nach Cedral, liegen die Reste dieser großen, mächtigen und alten Maya-Stadt. Der Niedergang Cobás setzte bereits lange vor Ankunft der Spanier ein, sodaß es dem schon halb versunkenen Ort erspart blieb, von den Europäern erobert zu werden. Noch ist nur ein geringer Teil der über 70 Quadratkilometer großen Stadt ausgegraben, zudem liegen die Gebäudegruppen zum Teil erheblich voneinander entfernt – der Reisende sollte sich bei seinem archäologischen Forschungsgang also durchaus Zeit lassen. Unter den vielen, oft in ihrer Bedeutung noch nicht hinlänglich interpretierten Gebäuden ragen, schon allein wegen ihrer Größe, die Pyramiden der Grupo Cobá und der Grupo Nohochmul hervor. Gleichfalls interessant, aber für Nicht-Mayaologen schwer verständlich sind die Kalendersteine der Grupo Macanxoc. Wenn man von Tulum aus die Überlandstraße 307 weiter in südlicher Richtung fährt, gelangt man bald zur Grenze nach Belize. Letzter Stop auf mexikanischer Seite ist die 130.000- Einwohner-Stadt Chetumal. Zur Zeit der Maya lag hier ein wichtiger Handelshafen, doch auch dieser Tage ist Chetumal noch ein kommerzielles Zentrum: Ein Freihafen sorgt für günstige Preise, sodaß sich an Wochenenden Heerscharen aus dem teuren Belize in die Einkaufszonen der Stadt bewegen. 70 Kilometer östlich von Chetumal liegen, umgeben von tropischem Wald, die Maya-Ruinen von Kohunlich. Ihre Hauptsehenswürdigkeit ist die Pirámide de los Mascarones (Pyramide der Masken). Seinen Namen bekam der Tempel durch die ursprünglich acht, zur Seiten der Haupttreppe aufgestellten und rund drei Meter hohen eindrucksvollen Masken, die jedoch mittlerweile zum Großteil skrupellosen Kunsträubern zur Beute wurden. Etwa 100 Kilometer südlich von Mérida, erreichbar auf den Überlandstraßen 261 und 184, ballen sich die alten Mayastätten. Uxmal heißt zu deutsch “die dreimal Erbaute“ – doch die modernen Archäologen sind, wie überall, auch hier schlauer: Man hat mittlerweile gleich fünf Bebauungsphasen festgestellt. Die erste geht auf das 6. Jahrhundert zurück, jedoch war die Gegend schon zu Beginn des 1. vorchristlichen Jahrtausends bewohnt. Eine der Hauptsehenswürdigkeiten dieser alten Stadt ist die steilwandige, 35 Meter hoch aufragende Pirámide del Adivino (Pyramide des Wahrsagers). Nach der Legende soll sie in nur einer Nacht von einem Zwerg und seiner Hexengroßmutter erbaut worden sein; die akademisch geschulten Archäologen sprechen hingegen von einer rund 300-jährigen Bauzeit, die erst im 10. Jahrhundert ihren Abschluß fand – entscheiden Sie selbst, welche Version Ihnen besser gefällt. Die einst hier angebrachte weltberühmte “Königin von Uxmal“ werden Sie jedoch vergeblich suchen, sie befindet sich heute im Museum von Mexico City. Nordwestlich von der Pyramide liegt das Cuadrángulo de las Monjas – ein “Viereck“ ist es ohne Zweifel, mit “Nonnen“ jedoch hat es, dem Namen zum Trotze, überhaupt nichts zu tun – die Spanier sahen sich bei der Taufe wahrscheinlich an einen Klosterhof erinnert. Der Tempel, dessen Flügel übrigens aus sehr unterschiedlichen Zeiten stammen, trägt eine sogar für mexikanische Verhältnisse fast einzigartige Bauornamentik. Überreich an Themen und Formen bieten die Reliefarbeiten einen faszinierend-fremdartigen Einblick in die kultische Welt der Indianer. Es finden sich Kreuz- wie Mäander-Ornamente; Götter, Menschen, Tiere und Pflanzen sowie Kombinationen aus all diesem. Südlich der Wahrsager- Pyramide liegen der Ballspielplatz und der Palacio del Gobernador – auch hier ging den Spaniern bei der Namensgebung die Phantasie durch: Ein Palast vielleicht, jedoch keinesfalls der eines Gouverneurs. Auch dieser Bau ist überreich an Verzierungen, ein ständig wiederkehrendes Thema ist die Göttliche Schlange. Neuerdings wird jedoch vermutet, daß der “Palast“ eine wesentliche Rolle im Venus-Kult spielte, worauf unter anderem die astronomische Ausrichtung des Eingangs weist. 20 Kilometer südöstlich von Uxmal liegen die Ruinen von Kabah. Hauptsehenswürdigkeit ist der Templo de las Máscaras (Tempel der Masken), auch Codzpoop genannt. Unter den reichhaltigen Verzierungen stechen besonders die über einem Sims angebrachte Maskenreihen hervor; dargestellt ist immer der Regengott, der sich durch eine spiralförmig eingerollte Nase ausweist - leider sind jedoch die meisten der göttlichen Rüssel abgebrochen. Was ein “falscher Bogen“ ist, läßt sich am Arco de Kabah studieren: Eine Konstruktion, die aus lauter waagerecht gefügten, einander leicht überragenden Bausteinen einen Bogen erzeugt. Einst diente der Arco den Prozessionszügen als Eingang. Die wenige Kilometer südlich von Kabah gelegene Mayastätte Sayil bietet sich in erster Linie für jene Reisenden an, die Wert auf Vollständigkeit legen. An Außergewöhnlichem hat sie wenig aufzuweisen, wiewohl der dreistöckige Palast, dessen leicht pyramidenartige Gestalt dadurch hervorgerufen wird, daß jede Etage etwas kleiner als ihr Unterbau ist, an seiner Westseite ein interessantes, durch die Maske des Regengottes dominiertes Fries trägt. Etwa 15 Kilometer östlich von Sayil liegt Labná, dessen Name zu deutsch soviel wie “zerstörte Häuser“ heißt – dies deutet darauf hin, daß die Stadt zur Spätphase der Mayakultur ihre Blüte schon hinter sich hatte. Die Hauptsehenswürdigkeit Labnás ist sein Triumphbogen (Arco), dessen pittoresk-unruhige Struktur ihn jedoch von seinen Namensvettern im römischen Europa deutlich unterscheidet. Auch hier ist das Gewölbe “falsch“; interessant sind die links und rechts des Durchgangs angebrachten stilisierten Maya-Hütten; die Rückseite weist noch Spuren von Bemalung auf. Vom Arco führt eine Zeremonialstraße in den nördlich gelegenen, durch die Mehrphasigkeit seiner Baugeschichte etwas uneinheitlich wirkenden Palacio. Das interessanteste Detail des Großbaues ist eine an der Südostecke angebrachte Regengottmaske, deren schlangenartiger Mund einen Menschenkopf ausspeit. Östlich des Bogens befindet sich noch die 13 Meter hohe Ruine eines Pyramidentempels, die nunmehr auf den etwas profanen Namen El Mirador – Aussichtsturm – hört. Eine faszinierende Kombination aus Naturschönheit und archäologischer Sehenswürdigkeit bietet die 20 Kilometer nordöstlich von Labná nahe Oxcutzcab gelegene Tropfsteinhöhle, an deren Eingang ein steinerner, übergroßer Mayakrieger mit Lanze wacht. Das Innere birgt Fresken sowie einen archaisch anmutenden “steinernen Kopf“. Es gibt Städte, deren Namen nicht allzu einladend klingen: Ein “Ort der Schlange und Zecke“ zum Beispiel könnte sich nicht beklagen, wenn die Touristen ausblieben. Glücklicherweise jedoch ist der ungute Ortsname nicht ganz leicht zu erschließen, man müßte das mexikanische Campeche zunächst auf die alten Maya-Wörter Ah Kim Pech zurückführen, erst wenn man diese dann zurückübersetzt, entsteht die oben genannte Anti-Werbung. An der Stelle der heutigen Stadt unterhielten die Maya einen kleinen Handelshafen, an dem 1517 der spanische Conquistador Hernández de Córdoba landete. Bald gründeten die Europäer auf dem eroberten Terrain eine Nachfolgesiedlung, die binnen kurzem zum wichtigsten Hafen der Halbinsel Yucatán wurde. Hafen hieß Handel, Handel hieß Reichtum, Reichtum verhieß Beute: Im 17. und 18. Jahrhundert war die wohlhabende spanische Kolonialstadt Campeche das Objekt vieler Piratenüberfälle. Doch die rührigen und findigen Bewohner wußten sich zu wehren – etwa dadurch, daß sie ihre Stadt umwehrten: Heute fasziniert den Besucher vor allem das trutzige Antlitz des historischen Kerns, dessen rund acht Meter hohe und mit acht Bastionen versehene Stadtmauer beredtes Zeugnis davon ablegt, welchen Gefahren die Kaufmannsschaft in der “guten alten Zeit“ ausgesetzt war. Am besten legen Sie Ihren Spaziergang durch das stimmungsvolle Campeche in die Abendstunden; tagsüber ist die Stadt schwül und stickig. Von allen Bastionen sind die Baluarte de San Carlos im Nordwesten der Stadt (im Innern eine Ausstellung zum Festungswesen) sowie die Baluarte del la Soledad (etwas östlich davon, im Innern eine Ausstellung zur regionalen Geschichte) die interessantesten. Allerdings liegt ohne Frage die Wirkung Campeches weniger in besonders herausragenden baulichen Kostbarkeiten, sondern vielmehr in seiner harmonischen Wirkung als Ensemble, das bis heute vom Geist der alten Kolonialzeit kündet. Etwa 60 Straßenkilometer südöstlich von Campeche liegt die Maya-Stätte Edzná – zu deutsch das “Haus der Gesichter“. Namensgebend war ein kleiner Tempel im Südwesten der Anlage (Templo de los Mascarones), in dessen Innern sich Stuckdarstellungen des Sonnengottes finden. Die Besiedlung Edznás geht wahrscheinlich auf die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends zurück. Der beeindruckendste Tempel Edznás ist das “Gebäude der fünf Stockwerke“ (Pirámide de los Cinco Pisos). Die unteren vier Etagen wurden wahrscheinlich von Priestern bewohnt, während der eigentliche Kultdienst im obersten Stockwerk stattfand. Unter New Age-Jüngern und Anhängern neo-indianischer Religionen genießen die “fünf Stockwerke“ im wahrsten Sinne des Wortes “Kultstatus“: Nirgendwo, so heißt es, werden einem solch tiefe Offenbarungen zuteil wie hier. Etwas profaner Ausgerichtete jedoch führen diese “Erleuchtungen“ darauf zurück, daß die Meditations-Freunde das steile, häufig in knallender Sonne und drückender Schwüle liegende Treppenwerk zur Tempelspitze wohl etwas zu hastig genommen haben.