Unterwegs in Mexiko


Irgendwann regt sich im Reisenden der urmenschliche Trieb: Er will erfahren, was hinter dem nächsten Berg, hinter der nächsten Bucht liegt. Hotel und Hausstrand sind zwar schön, nichtsdestotrotz ist zu vermuten, daß Mexiko noch mehr zu bieten hat. Und es hat: Das Land ist voller Sehenswürdigkeiten. Um nun von A nach B zu kommen, bieten sich – je nach Entfernung, Zeit und Unternehmungslust – verschiedene Möglichkeiten.
Wenn A etwas weiter von B entfernt ist, bietet sich der Inlandsflug an. Mexiko ist – gerade im Süden und Westen des Landes – flächendeckend mit Flughäfen versorgt. Zwei große und unzählige kleine Gesellschaften teilen sich den Markt. Die Preise sind im Allgemeinen recht niedrig, bei den kleinen Anbietern manchmal sogar äußerst günstig; zudem haben diese oft noch den Vorteil, abgelegenere Orte miteinander zu verbinden. Ansonsten sind die Flugverkehrs-Knotenpunkte Guadalajara und Mexico City.
Dort nehmen auch die meisten Eisenbahn-Linien ihren Ausgang; der Zug ist das mit Abstand billigste Verkehrsmittel des Landes. Es hat jedoch den Anschein, daß eben aus diesem Grunde die staatliche Eisenbahngesellschaft und die privaten Anbieter nicht mehr kostendeckend arbeiten können: Mexikos Züge verfallen. Das Netz baut sich ab, Lokomotiven und Waggons sind häufig ein halbes Jahrhundert alt, das Tempo entsprechend, der Fahrplan sagt, wie es sein könnte, aber leider nie ist. Falls Sie nicht gerade eine Wette “14 Tage Mexiko mit 100 Mark in der Tasche“ laufen haben oder Material für einen Abenteuerroman sammeln, sollten Sie sich nie in ein Zweite-Klasse-Abteil (segunda clase) begeben – Gedränge, Gepäck, manchmal gar Fracht, keine Klimaanlage. Besser, wenn auch nicht gerade übermäßig gut, ist die Erste Klasse (primera preferente), hier haben Sie zumindest einen Sitz, den Sie mit niemandem teilen müssen. Schlafwagen (coche dormitorio) sind selten.
Ein weiteres gewichtiges Argument gegen den Zug ist die fehlende Sicherheit: Diebstahl und Raub kommen vor; besonders berüchtigt sind hier die Strecken des Südostens. Die berühmteste Strecke Mexikos, die weniger dem Personentransport als vielmehr dem Sightseeing dient, ist die Verbindung zwischen
Chihuahua und der Pazifikküste bei Los Mochis – hier geht die Fahrt durch den landschaftlich überwältigenden Cañon del Cobre. Auch was die Überlandbusse angeht, ist Mexiko eine Klassengesellschaft; das macht jedoch nichts, da selbst die erstklassigen Tickets, mit heimischen Verhältnissen verglichen, noch spottbillig sind. Die Gefährte der Ersten- und Luxusklasse verbinden – meist ohne Zwischenhalt – die größeren Städte, sie sind klimatisiert und bieten bequeme Sitze, man sollte die Tickets allerdings vorbuchen. „Weiche nie von weicher Sitzungsart, denn nicht weich zu sitzen, das ist hart!“ – Beherzigen Sie diesen Rat Otto Reutters, es lohnt sich nicht, mittels eines Zweiter-Klasse-Busses ein paar Pesos zu sparen! Die segunda ist holzig-unbequem, langsam und hält an jedem Kaktus. Die Stadtbusse schließlich bieten superbillige Fahrpreise, jede Menge sozialer Interaktion auf engstem Raum, die Möglichkeit, sein Portemonnaie loszuwerden und zudem häufig interessante Einblicke in Sachen Kfz-Archäologie.
Ein praktisches und billiges Beförderungsmittel in Städten ist das Taxi. Das mexikanische Mietdroschkenwesen ist jedoch etwas kompliziert. Zunächst gibt es drei verschiedene Arten: Taxis ohne Taxameter, Taxis mit Taxameter und Taxis mit funktionierendem Taxameter. In letzterem Falle ist tariflich alles klar, ansonsten gilt es, den Preis unbedingt vor der Fahrt auszuhandeln – wenn Sie dies unterlassen, kann es zu üblen Überraschungen kommen. Eine weitere Unterscheidung besteht zwischen den Freien Taxis (libre, Kennbuchstabe “L“) und den Taxistand-Gefährten (sitio, “S“). Die L-Taxis sind unkomfortabler (häufig kommt hier noch ein gewisser deutscher Wirtschaftswunder-Kleinwagen zu Ehren) und billiger – manchmal jedoch auch sehr, sehr teuer:
In Mexico City boomt die Taxi-Kriminalität! Touristen werden häufig ausgeraubt und zusammengeschlagen. Benutzen Sie in Mexico City nur S- oder Funktaxis!
Die Fähre empfiehlt sich für Reisende, die von der Pazifikküste auf die langgezogene Halbinsel Baja California übersetzen wollen; Verbindungen bestehen zwischen Puerto Vallarta – Cabo San Lucas, Puerto Vallarta – La Paz, Mazatlán – La Paz, Los Mochis – La Paz und Guaymas – Santa Rosalia.
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Zur Yucatán vorgelagerten Insel Cozumel gelangen Sie von Cancún, Puerto Morelos und Playa del Carmen, auch die kleine Isla Mujeres ist von Cancún aus bequem erreichbar. Wer seinen Aktionsradius vergrößern will und Fahrpläne beengend findet, sollte sich einen Mietwagen nehmen. Allerdings: Dieses Vergnügen ist in Mexiko nicht gerade billig! Auch bei den mexikanischen Autoverleihern erfreut sich jenes deutsche Kleingefährt mit dem Insektennamen hoher Beliebtheit, unter allen Typen ist er meist noch der preiswerteste. Wer immer sich temporär einen fahrbaren Untersatz zulegen will, muß selbstverständlich im Besitz eines gültigen Führerscheins sein (in der Regel reicht der nationale), darüber hinaus ist ein Mindestalter von 25 Jahren Voraussetzung (hier machen manche Verleiher gegen Aufpreis eine Ausnahme). Als Kaution verlangt man die Vorlage einer Kreditkarte, wo diese nicht zur Hand ist, müssen erhebliche Summen in bar hinterlegt werden. In den touristischen Zentren Mexikos sind die großen internationalen Verleiher vertreten, nebenher tummeln sich noch lokale Anbieter auf dem Markt. Letztere können billiger sein; bevor man Preisvergleiche anstellt, sollte man jedoch folgendes erwägen:
  • Wie ist der Zustand des Gefährtes? Halten Sie einen Privat-TÜV ab: Billig und nicht fahrtüchtig ist effektiv teuer!
  • Wie steht’s mit den Versicherungen? Kasko? Eigenbeteiligung? Diebstahl, auch hier decken manche Versicherungen nur einen Teil des Wertes?
  • Dasselbe gilt für Teildiebstahl (Reifen, Wischblätter und alles andere, was sich abmontieren läßt)!
  • Sind andere Niederlassungen Ihres Verleihers auf Ihrer Fahrtroute, können Sie also im Falle eines Falles schnell auf Serviceleistungen zurückgreifen oder das Gefährt am Zielort zurückgeben, wenn ja, gegen Aufpreis?
  • Sind die Steuern im Angebot inkludiert?
  • Wird Ihnen ein Kilometerlimit gesetzt; wenn ja, was kosten zusätzliche Kilometer?
    Mit Tankstellen ist das Land einigermaßen flächendeckend ausgestattet, wobei man in abgelegeneren Regionen seinen Tank grundsätzlich zur Gänze füllen sollte, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Preiskämpfe in Sachen Sprit toben in Mexiko nicht, erstens ist Benzin sowieso billig, zweitens hält der Staat ein Kraftstoffmonopol. Den Taschenrechner
  • werden Sie nicht benötigen, man rechnet – anders als der nördliche Nachbar – in Litern. Bleifrei (magna sin) wird mittlerweile zur Regel, wiewohl es noch verbleiten Sprit (nova) gibt, nebenher führt man meist noch Diesel im Angebot. Selbstbedienung ist im Lande der Azteken unbekannt, Sie werden es mit einem Tankwart zu tun kriegen. Beachten Sie bitte, daß dieser an sich sympathische Menschenschlag einige Marotten hat:
  • Er erwartet grundsätzlich ein Trinkgeld
  • Manchmal vergißt er, den Zähler vor Beginn des Tankvorgangs auf Null zu stellen
  • Manchmal stellt er den Zähler nach Ende des Tankvorgangs so rasch auf Null, daß Sie auf die Richtigkeit seiner Forderung einfach vertrauen müssen
  • Manchmal steigert er seinen Umsatz, indem er auf Ihr freundliches “Voll“ (lleno) neben dem Tank auch noch das Pflaster reichlich mit Sprit versorgt
  • Rufen Sie den Service einzeln ab – wenn Sie Benzin, Wasser, Öl, Reifen en bloc in Auftrag geben, kann es passieren, daß der fröhliche Wart in Sekundenschnelle den Vollzug meldet und sich bei Ihnen der Verdacht einstellt, daß die Kontrolle vielleicht doch nicht so gründlich war.
    Das mexikanische Straßennetz könnte besser, aber auch schlechter sein. Zwischen Ballungsgebieten dominieren die Autobahnen (autopistas), in ländlichen Bereichen sind die Bundesstraßen (ruta federales) wichtige Fernverbindungen. Nach unten ist der Straßenqualität jedoch keine Grenze gesetzt – manche Pisten lassen sich nur mit Geländewagen befahren. Ein Problem sind zudem die Mautstraßen, die zum Teil privat betrieben werden. Hier werden häufig horrende Gebühren erhoben. Meist hat der Reisende die Wahl zwischen dem entspannten, aber kostspieligen Weg und der gebührenfreien, aber völlig überlasteten Parallelroute.
    Grundsätzlich ist bei Überlandfahrten in abgelegeneren Regionen folgendes zu beachten:
  • Hinter der nächsten Kurve kann alles sein – ein liegengebliebenes Fahrzeug, Menschen, Tiere, Sensationen, eine Baustelle, Schlaglöcher, Aufpflasterungen usw.
  • Vermeiden Sie Nachtfahrten, hier häufen sich die Gefahren – so ist für viele Mexikaner das Rücklicht ein moderner technischer Schnickschnack,
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    den sie einfach nicht brauchen...
  • In manchen Regionen häufen sich neuerdings Straßenüberfälle – wenn man Sie zum Halten nötigt, ist größte Vorsicht angebracht!
    Zu den lobenswerten Einrichtungen des mexikanischen Tourismus-Ministeriums gehören die “Grünen Engel“ (los angeles verdes): Abschleppwagen mit dieser Kennzeichnung sind unterwegs auf den Straßen des Landes, um Pannenhilfe zu leisten – Sie bezahlen nur das Material, nicht aber den Service.
    Im Falle eines Unfalles sollten Sie folgendes beachten:
  • Die Polizei läßt Sie erst weiterfahren, wenn die Verursacher- und Haftungsfrage geklärt ist
  • Wenn die Lage kompliziert wird, sollten Sie sich der Hilfe der deutschen Botschaft oder des nächstgelegenen Konsulats versichern
  • Die Sprache kann zum Problem werden – wenn Sie des Spanischen unkundig sind, sollten Sie auf keinen Fall Schriftstücke unterschreiben.
    Die Verkehrsregeln unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland – gewichtigste Ausnahme ist das “Anarchiegebot“ in den Großstädten: Um hier zu fahren, bedarf es starker Nerven! Der mexikanische Autofahrer läßt sich im allgemeinen spontan zu unorthodoxen Manövern inspirieren, hier ist ziemlich alles möglich, machismo auf vier Rädern die Regel! Die Ironie der Geschichte ist, daß mexikanische Polizisten manchmal das einheimische Chaos gelassen ignorieren, den Touristen jedoch wegen eines minimalen Verstoßes anhalten und schröpfen – ob die pesos hier ordnungsgemäß abgeführt werden oder in die Tequila-Kasse der Ordnungshüter wandern, bleibt Stoff für Vermutungen...
    So sollte man sich als Auswärtiger einigermaßen an die Regeln halten, insbesondere die Geschwindigkeitslimits beachten: In Ortschaften 40 km/h, überland 80 km/h, auf Autobahnen 110 km/h.


    Mexico City
    Es gibt einen gewichtigen Grund, der dafür spricht, daß Sie in Ihrem Urlaub nach Mexico City fahren: Immerhin ist die Metropole eine der aufregendsten Städte der Welt. Es gibt jedoch auch einen gewichtigen Grund dagegen: Immerhin ist die Metropole eine der aufregendsten Städte der Welt. In Mexico City (in diesem Kapitel kurz “Mexico“ genannt) vollziehen sich rund 20 Millionen Menschenschicksale auf verhältnismäßig engem Raum.
  • Wieviele es genau sind, kann man nicht feststellen: Die Reichen in den Prunkvillen lassen sich vielleicht noch zählen, nicht aber jene, deren Behausung aus einem Stück verschlissener Plastikplane besteht. Man schätzt, daß Mexicos Bevölkerung täglich um etwa 2.000 zunimmt, die allermeisten der Neuankömmlinge landen in den Shantytowns genannten Slums. Mittlerweile lebt jeder vierte Bewohner des Landes in der Hauptstadt, die ihrerseits zwei Drittel aller Energie verbraucht.
    Mexico ist eine Stadt der unvereinbaren Kontraste, eine Mischung aus Reichtum und Armut, Duft und Gestank, Genuß und Verzweiflung, Kunst und Kriminalität – gerade das letzte Paar ist jenes, in dem sich Erwartung und Befürchtung der meisten Mexiko-Touristen verkörpert. Gelockt von den Kunstschätzen, die man hier in einer Zahl und Güte antrifft wie in wohl keiner anderen Stadt des amerikanischen Kontinents, wagt man den Gang in den Moloch, währenddessen man ständig danach tastet, ob sich das werte Portemonnaie noch in der Tasche befindet.
    Wenn man sich nun dazu entschlossen hat, Mexico auf die Reiseliste zu setzen, sollte man sich – so man als Aufenthaltsdauer weniger als ein Jahr eingeplant hat – von dem Gedanken lösen, alles zu sehen. Die Zahl der Kirchen, Tempel, Museen und edlen Geschäfte geht knapp gegen unendlich.
    Zentrum der Stadt ist der rund 240 Quadratmeter messende (und somit für Menschen mit Platzangst nicht allzu geeignete) Zócalo, auch Plaza de la Constitución genannt, hier wurde im Jahre 1813 die Verfassung des Landes verkündet. Dominiert wird die Plaza von der im Norden aufragenden Catedral, ihr Baubeginn war im Jahre 1563, ihre Fertigstellung 1813 – zwar floß in diesen 250 Jahren eine gewisse Stilvielfalt ein, jedoch gelang es trotz allem, eine bauliche Harmonie zu wahren, alles in allem dominiert der Barock, wiewohl der Oberteil der Kathedrale neoklassizistisches Gepräge trägt. Auch das Innere spiegelt das Kunstempfinden verschiedener Zeiten wider, bemerkenswert ist vor allem der hölzerne Königsaltar (Altar de los Reyes) aus dem frühen 18. Jahrhundert am Ende des Hauptschiffes. Östlich wird der Zócalo von der rund 200 Meter langen Fassade des Palacio Nacional abgeschlossen, dessen Inneres von Wandgemälden des Muralisten Diego Rivera verziert wird.
    Da der Palacio Nacional jedoch nach wie vor Amtssitz des Präsidenten ist, wird es mitunter etwas kompliziert, die Murals zu besichtigen, im allgemeinen reicht jedoch das Vorzeigen
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    eines Personalausweises oder Reisepasses. Unmittelbar nordöstlich der Kathedrale tut sich die Erde auf, um einen Blick in die Vergangenheit freizugeben: Unter den Gebäuden des modernen Mexico liegt die Aztekenstadt Tenochtitlán; bei Ausschachtungsarbeiten anlässlich des U-Bahn-Baus stießen Arbeiter unverhofft auf den Templo Mayor, den Haupttempel der Azteken. Der Weg durch das Ausgrabungsgelände beginnt im Südwesten und endet im Nordosten an dem Museum, das eigens zur Präsentation der hier gemachten Funde errichtet wurde. Beeindruckend ist vor allem der Opferstein, den Sie im Parterre aus der Nähe und vom zweiten Stock aus von oben betrachten können. Letztere Perspektive ist authentischer: Die geopferten Menschen wurden einst von der Höhe der Pyramide auf den Stein herabgeworfen. Bemerkenswert sind auch die acht sogenannten “Standartenträger“. Westlich des Zócalo liegt der Parque Alameda Central. Einst ein Marktplatz, dient er mittlerweile gestreßten Hauptstadtbewohnern und -besuchern zur Rekreation, wobei allerdings zu sagen ist, daß das Getümmel der Spaziergänger, Musikanten und fliegenden Händlern zuzeiten seinerseits fast Erholungsbedürftigkeit schafft.
    Östlich des Parks ragt der Palacio de Bellas Artes auf – wobei, um genau zu sein, hinzuzufügen ist, daß er gleichzeitig auch herabsinkt: Der Marmorbau ist ebenso schwer wie sein Grund sumpfig. Ein Gang ins Innere des Palastes lohnt, die Ausstattung, die in den 20er Jahren entstanden ist, weist starke Art-Deco-Einflüsse auf. Das Teatro de Bellas Artes, in dem Opern-, Konzert- und Ballettaufführungen stattfinden, hat einen sehenswerten Glasmosaikvorhang, auf dem ein Panorama Mexicos dargestellt ist. Wie fast alle öffentlichen Gebäude, die in der Revolutionszeit errichtet wurden, hat auch der Palacio seine Murals. Am interessantesten ist das Wandgemälde, das die Westseite des 3. Stockwerks ziert.
    Es hört auf den etwas hybriden Namen “Der Mensch, Beherrscher des Universums“ und ist von der Hand Diego Riveras. Dargestellt ist auf der linken Seite der Kapitalismus (superböse), auf der rechten der Kommunismus (supergut). Man bedenke, daß dies im wesentlichen das Bild ist, mit dem Rivera ursprünglich eine Hochburg des Kapitalismus, das Rockefeller-Center, verschönern wollte! Weitere Rivera-Werke lassen sich im Museo Mural Diego
    Rivera am Westende des Parks bestaunen. Wer nun endgültig in den Kunstrausch gefallen ist, kann sich noch im drei Blocks nordöstlich des Alameda gelegenen Museo Nacional de Arte weiteren Schaustoff zu Gemüte führen, die Sammlung deckt das gesamte Spektrum zwischen Maya und Moderne ab.
    Der Prachtboulevard Paseo de la Reforma verbindet den Alameda-Park mit dem Bosque de Chapultepec.
    Heutzutage ist die Reforma weniger eine Flaniermeile denn eine Statusadresse für allerlei Institutionen, die eben diesen Straßennamen gerne im Briefkopf führen wollen. Dennoch ist der Gang durch die Mixtur aus Kolonialgebäuden und Hochhäusern nicht ganz ohne Interesse, wiewohl der Verkehr etwas auf die Nerven geht. Wenn man sich am großen Kreisverkehr, der um die geflügelte Viktoria des Monumento a la Independencia kreist, links hält, gelangt man in die legendäre Zona Rosa: hier gibt es Vergnügen ohne Ende. Unzählige Straßenlokale laden dazu ein, Platz zu nehmen, um dann mit einem erfrischenden Getränk in der Hand den nie versiegenden Strom der äußerst interessanten, mittelmäßig interessanten und uninteressanten Promeneure zu betrachten. Auch zum Shopping ist die Zona Rosa bestens geeignet, hier finden sich Hip-Boutiquen genauso wie stilvolle Antiquitätengeschäfte. Westlich des Viktoria-Kreisverkehrs mündet die Reforma in den mit mehr als vier Quadratkilometern größten Park der Hauptstadt.
    Der Bosque de Chapultepec ist eine kleine, dem Freizeitspaß und den Künsten verschriebene Stadt für sich. Allein hier könnte der Besucher Tage verbringen. Die Reforma zertrennt den Park in ein kleineres Nord- und ein größeres Südstück. Bei der Erkundung des Südens gelangt man zunächst zum Monumento a los Niños Héroes, das an den verzweifelten Kampf der jungen Kadetten gegen die US-amerikanischen Invasoren im Jahre 1847 erinnert. Ort dieser letzten Schlacht war das etwas südwestlich gelegene Castillo de Chapultepec, das zu Ende des 18. Jahrhunderts als Residenz des Vizekönigs von Mexiko errichtet wurde. Heute beherbergen seine Säle das Museo Nacional de Historia, dessen Sammlung einen Überblick der Landesgeschichte zwischen der spanischen Eroberung und der mexikanischen Revolution gibt. Nördlich des Monuments gewährt das Museo de Arte Moderno Einblicke in die mexikanische Kunst des späten 19. und 20. Jahrhunderts. Nordwestlich des Castillo liegt der Lago Antiguo, auf dem sich bei
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    Bedarf eine Ruderboot- Partie unternehmen läßt; westlich von diesem lädt ein Zoo zur Tierbesichtigung. Bereits zu Zeiten der Azteken soll hier ein Tiergarten bestanden haben; die heutigen Betreiber des Parque Zoológico sind in erster Linie stolz darauf, daß sich die vier Pandas, die den Mexikanern 1975 von China zum Geschenk gemacht wurden, hier offensichtlich fortpflanzen – zum ersten und einzigen Male außerhalb des Reichs der Mitte. Ein Museum der besonderen Art liegt im äußeren südwestlichen Bereichs des Parks – hier ist es tatsächlich so, daß Erziehungsberechtigte nur in Begleitung ihrer Kinder Zutritt erhalten. Falls Sie also mit Nachwuchs unterwegs sind, sollten Sie diesem das Papalote Museo del Niño auf keinen Fall vorenthalten: Hier können die Kleinen allerlei lustige und zum Glück nicht allzu lehrreiche Experimente machen und mittels vieler cooler High-Tech-Vergnügungen ihren persönlichen, unvergesslichen Hauptstadthöhepunkt finden.
    Für die Erwachsenen liegt dieser wahrscheinlich eher im Besuch des Museums aller Museen: Nördlich der Reforma liegt das Museo Nacional de Antropología. Vor dem Eingang wacht eine mehr als sechs Meter hohe unvollendete steinerne Indianer-Statue, die wahrscheinlich den Regengott darstellt. Gigantisch ist auch die Sammlung selbst; der Besucher sollte sich schon beim Eintritt der Hoffnung entledigen, alles sehen, würdigen oder gar verstehen zu können. Der sehr gelungene Bau wurde im Jahre 1964 eröffnet, sein Prinzip ist das der zweifachen Rundung. Zunächst schreitet der Besucher die Säle des Erdgeschosses entgegen dem Uhrzeigersinn ab, jeder Saal ist einer indianischen Entwicklungsstufe oder regionalen Kulturgruppe gewidmet. Anschließend vollzieht sich derselbe Rundgang eine Etage höher, hier erhält man einen Eindruck davon, wie die Nachfahren der Urbewohner heutzutage leben. Leider beschränkt man sich bei den Schautafeln auf das Spanische, man sollte sich deshalb links des Eingangsbereichs mit einem muttersprachlichen Museumsführer versorgen. Am Anfang der Runde wird man zunächst in Ziel und
    Methode der Anthropologie eingeführt, anschließend erhält man eine Übersicht der verschiedenen Kulturen Mittelamerikas. Dann geht es hinein in die Schätze, die Reihenfolge der Räume ist wie folgt: Vorgeschichte, vorklassische Epoche, Teotihuacán-Kultur, Tolteken (hier beeindruckt besonders der mehr als vier Meter hohe Atlant), Azteken (hier ein Prunkstück des Museums, der auch als Kalenderstein bezeichnete “Stein der fünften Sonne“), Oaxaca, Golf-Kulturen, Maya (eine der künstlerisch höchststehenden Indianer-Kulturen, mithin auch einer der schönsten Säle – viele Prunkstücke aus Gold und Edelstein), nördliche Kulturen und schließlich westliche Kulturen.
    Erwähnung verdienen noch zwei der vielen Vorstädte Mexicos: Im Norden liegt die berühmte Wallfahrtsstätte Guadalupe.
    Hier sah im Jahre 1531 der Indianer Juan die Jungfrau Maria; die eigentliche im Gedenken an dieses Ereignis errichtete Basilika mußte jedoch aufgrund statischer Probleme geschlossen werden – leider, denn ihr Inneres war sehenswert. An ihrer Stelle ist nun ein 1976 geweihter Neubau das Ziel der Wallfahrt; an und in ihm läßt sich zwar wenig sakrale Kunst genießen, stattdessen jedoch könnte dem Besucher eine einmalige Unglaublichkeit zur bleibenden Erinnerung werden: In der neuen Basilika begegnet die technische Welt auf spektakuläre Weise dem Christentum – die knienden Gläubigen werden per Fließband am Marienbild vorbeibefördert. Oh Zeiten.......!
    Ein Pilgerort ganz anderer Art ist das südliche Coyoacán. Hier lebten und starben zwei Helden der Moderne, die es bald zu “Kultgefolgschaft“ brachten: Frida Kahlo und Leo Trotzki. Das “Blaue Haus“, Calle Londres 247, ist sowohl die Geburts- als auch die Sterbestätte der Kahlo.
    Mittlerweile ist das Haus ein vielbesuchtes Museum, wobei zu sagen ist, daß die ausgestellten Bilder nicht unbedingt die Meisterwerke der Künstlerin sind. Um ein vielfaches lohnender jedoch ist der Einblick in die Lebenswelt der großen Frau: Die Einrichtung der Zimmer ist fast unverändert erhalten, das betrifft sowohl die
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    Alltagsgegenstände als auch die Privatsammlung altindianischer Kunst. Im Obergeschoß befindet sich Frida Kahlos Atelier, in ihm ein unvollendetes Portrait. Dargestellt ist Stalin; und hiermit ergibt sich eine Verbindung zur anderen Berühmtheit Coyoacáns.

    Frida Kahlo
    Es ist zu vermuten, daß Frida Kahlo die weltweit berühmteste Mexikanerin ist; womöglich muß man, um sich dem Phänomen der Kahlo-Rezeption zu nähern, gar ein vielstrapaziertes Modewort bemühen: Kahlo ist “Kult“.
    Es fragt sich, ob der Kahlo-Boom sich auf die Kunst oder die Biographie dieser Malerin bezieht – zu vermuten ist, daß das schicksalsreiche Leben der Frühverstorbenen auf viele einen Zauber ausübt und die Bilder eher als dessen Illustration begriffen werden. Trennbar sind Leben und Werk dieser passionierten Selbstportraitistin auf keinen Fall.
    Frida Kahlo wurde am 6. Juli 1907 in Coyoacán geboren, der Vater war ein Fotograf deutsch-jüdischer Abstammung, die Mutter Mexikanerin. Im siebten Lebensjahr erkrankt Frida an Polio, zeit ihres Lebens behindert sie die Verkrüppelung des rechten Fußes. 1925 kollidiert ihr Schulbus mit einer Straßenbahn, Frida erleidet zahlreiche Knochenbrüche und muß sich in den folgenden zwei Jahren zahllosen Operationen unterziehen, ohne jemals wieder richtig zu genesen. Unter dem Eindruck dieser Qualen beginnt sie das Malen, als Autodidaktin thematisiert sie ihr Leid und ihren Eros, das erste Bild heißt “Selbstbildnis im Samtkleid“.
    1928 beginnt ihr politisches Engagement: Sie tritt in die mexikanische KP ein, wo sie den Muralisten Diego Rivera kennen, lieben und hassen lernt. Im Jahr darauf kommt es zur Hochzeit des ungleichen Paares: Rivera, der auf Wirkung bedachte, nach außen malende Mann; Kahlo, die verinnerlichte, selbstschauende, klein-zart-zerbrechlich-krank-wunderschöne Frau – Riveras Statur hingegen hätte ihm dieser Tage die Möglichkeit einer Karriere als Berufs-Wrestler erlaubt. Es wäre Understatement, diese Ehe als
    “turbulent“ zu bezeichnen: beide betrogen sich ohne Unterlaß, Kahlo versuchte sich gar an beiden Geschlechtern. „Je mehr ich sie liebte, umso mehr wollte ich ihr wehtun“, bilanzierte Rivera später; seine Frau scheint ähnlich empfunden zu haben.
    1939 zog man die Konsequenz aus der verfehlten Ehe und ließ sich scheiden, 1940 zog man die Konsequenz aus der verfehlten Scheidung und heiratete erneut. Bald darauf muß Frida Kahlo aufgrund ständiger Rückenbeschwerden ein Stahlkorsett tragen, doch damit nicht genug:
    Ab 1950 sitzt sie im Rollstuhl, drei Jahre später wird ihr das rechte Bein amputiert. Kunstgeschichtlich gehört Kahlo zu einem mexikanischen Malerkreis, dessen Bestreben es seit den 20er Jahren war, sich von den dominanten europäischen Schulen zu emanzipieren. Auffällig ist die intensive Farbgebung; hier ist sie sehr mexikanisch, Einfüsse der indianischen Traditionen machen sich kenntlich. Zu Lebzeiten war sie keine Berühmtheit, wiewohl Picasso zu ihren Bewunderern zählte. Das in ihrem Jahrhundert so wichtige “Marketing“ ging ihr weithin ab; neben einer Ausstellung in den USA (1938) und einer in ihrem Heimatland (1953) fand sie wenig Öffentlichkeit. 1943 erhielt sie immerhin einen Lehrstuhl an der Kunstschule La Esmeralda in Mexico City.
    Am 13.Juli 1954 starb Frida Kahlo; ihr Werk fiel zunächst weithin der Vergessenheit anheim. Zu Beginn der 80er Jahre, als die Kunstwissenschaft einen feministischen Akzent erhielt, entdeckte man die stark-schwache, morbid-vitale, zart-zotige Frau und große Malerin wieder, mittlerweile ist sie in den Rang einer Klassikerin der Moderne erhoben.


    Leo Trotzki
    Leo Trotzki war neben Lenin die Führergestalt der Russischen Revolution und der siegreiche Feldherr, als es darum ging, die Weißgardisten im Bürgerkrieg zu besiegen. Nachdem die Macht der Bolschewisten gefestigt war, erlahmte Trotzkis Energie, einzig literarisch blieb er noch tätig. Dieses und sein revolutionärer Ruhm
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    trugen ihm den Haß Stalins ein – und der war, wie man weiß, meist tödlich. Wohl gelang es Trotzki, der menschheitsbeglückenden Macht der stalinistischen Geheimpolizei zu entfliehen, jedoch war ihm bewußt, daß ihr Arm sehr weit reichte.
    Am Ende einer Odyssee fand der Vielgereiste auf Vermittlung Diego Riveras eine Zuflucht in Coyoacán. An der Ecke Virna und Morelos erbaute sich der Exilant ein Haus, genauer gesagt eine Festung, Stalins Agenten lauerten überall. Ein erstes Attentat im Mai 1940
    überlebte Trotzki, die Einschüsse sind heute noch zu besichtigen. Im August gelang es einem Agenten Stalins jedoch, sich in Vertrauen und Haushalt des Erzfeindes Trotzki einzuschleichen und ihn von hinten mit einem Eispickel zu ermorden. Heute ist die Festung Trotzkis zu einem Museum geworden, das von der trotzkistischen Partei Mexikos betrieben wird. Die Inneneinrichtung ist fast unverändert erhalten geblieben – bis hin zur zerbrochenen Brille des Ermordeten auf dem Schreibtisch.
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