Mark Sillmann, Sohn des Industriellen und Chemikers, hält es an seinem 18. Geburtstag nicht mehr im Internat. Ab heute will er sein Leben selbst in die Hand nehmen. Er verschwindet, um nach Berlin zu reisen, wo der Vater eine Fabrik und ein Wohnhaus besitzt und sich die Mutter seit Jahren in einer Nervenklinik befindet. Während der Zugfahrt wird er von ungewöhnlichen und beängstigenden Träumen um einen Todesengel heimgesucht.
Währenddessen passieren in Berlin eine Reihe bizarrer Selbstmorde(?). Die Polizei steht vor einem Rätsel. Der Polizist Bremer, der Zeuge eines dieser Selbstmorde geworden ist, bekommt von einem der höchsten Kriminalermittler Berlins, Inspektor Sendig, ein ungewöhnliches Angebot zur Zusammenarbeit.
Dieser war vor sechs Jahren an den Ermittlungen eines angeblichen Unglücksfalles in Sillmanns Chemiefabrik beteiligt, welcher mehrere Todesopfer und Geistesgestörte hinterlassen hatte. Ursache war ein schiefgegangenes Drogenexperiment, welches damals von offizieller Seite vertuscht wurde.
Bremer beginnt Schatten zu sehen und spürt, daß sich etwas unglaublich gefährliches heranbildet. Kaum greifbar, aber doch real. Beginnt sich der fatale Vorgang von damals zu wiederholen?
Durchaus eine spannende Sache, die uns Wolfgang Hohlbein da kredenzt. Wie bei ihm gewohnt, ist die Darstellung plastisch, die Charaktäre kantig und meist glaubhaft.
Aber was heißt hier 'meist'?
Seine Protagonisten zeigen, wie schon in einigen anderen seiner `Mystery- Romane`, ein grundsätzliches Kommunikationsproblem. Geheimnisse bleiben auch bei engstem persönlichen Kontakt gewahrt, selbst wenn Informationen lebenswichtig werden. Die beiden Hauptfiguren, aus deren Sicht man den Großteil der Handlung erfährt, Mark (Sillmann) und der Polizist Bremer, haben leider (wie sollte es anders sein) gar keine Ahnung, was eigentlich wirklich vorgeht. Sie tappen im Dunkeln, so wie der Leser.
Selbst wenn Mark gegenüber ein Teil des Geheimnisses gelüftet werden soll, so will er es plötzlich auch gar nicht mehr wissen und läuft davon. Oder wenn Bremer endlich (ziemlich in der Mitte des Buches) unnachgiebig in seinen Vorgesetzten Sendig dringt, ihm die Fakten mitzuteilen (- Oh, der Leser kann das ja so gut verstehen), wird er ständig nur hingehalten ("Nur noch zwei Minuten und ein paar Telefongespräche") und schließlich vertröstet ("Fahren Sie dort und dorthin. Ich treffe Sie dann da später."). Schon sind ein paar weitere Szenen gerettet. Auch eine Methode, den Spannungsbogen zu halten bzw. zu dehnen. Oder?
Ich jedenfalls kam mir verschaukelt vor, knallte das Buch mitten in der Nacht auf den Tisch und ging schlafen. Bei wirklich spannenden (aber sozusagen 'mit offenem Visier kämpfenden') Büchern schaffe ich es kaum, sie vor dem Ende aus der Hand zu legen, was natürlich auch manchmal unpraktisch sein kann. ;)
Der Spannungsbogen wirkt also überdehnt, die Vertröstungen und Andeutungen immer unglaubwürdiger und man beginnt schon einiges zu erraten, von dem, was zum Schluß mit einer großen Detonation als Finale präsentiert werden soll, so daß genau dort die beabsichtigte Wirkung (eigentlich unnötig) abgeschwächt wird.
Viel bildhafter, eindringlich beschriebener Horror und einige grausam zugerichtete Leichen hier und da können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß eigentlich die Substanz der Story nur dünn ist. - Nicht zu dünn, um einen guten Roman zu tragen, aber doch zu wenig, um diese Länge überzeugend zu füllen. Meiner Meinung nach wäre mindestens ein Drittel des Umfangs, ohne etwas Wesentliches zu entfernen, problemlos weglaßbar gewesen.
Ein Schwachpunkt ist weiterhin der ständige Wechsel der Szenen, also im Grunde der vom Leser `begleiteten` Figuren. Zuerst im wesentlichen auf Mark und Bremer beschränkt, kommen später im Verlauf der Handlung, eine Menge weiterer hinzu, die es meist nicht lange machen.
An den Schriftsteller stellt dies sicher hohe Anforderungen in Hinsicht der Koordination des Ganzen und an seine Umstellungsfähigkeit, aber dies gilt auch ebenso für den Leser.
Nicht, daß man nicht mehr folgen könnte, aber zu oft ist es einfach nervig, wenn die Handlungsstränge zerrissen werden und an einem anderen Ende weitergemacht wird. Es stört einfach die Straffheit der Erzählweise und dient vielleicht doch zu sehr dem Aufblähen des Umfangs. Weniger wäre hier mehr gewesen.
Wobei auch auffällt, daß Hohlbein zum Schluß nicht mehr aus der Sicht von Mark berichtet, sondern auf andere Alternativen ausweicht, obwohl gerade hier diese am Interessantesten zu werden versprach. Zum Schluß bleiben, neben dem absichtlich etwas offenen Ende, auch Fragen zur Handlung offen, die nicht befriedigend oder überhaupt nicht geklärt wurden. (Wie wurde seine Mutter wirklich verrückt? War seine Freundin am Schluß nun real oder nicht? usw.) Dabei gehe ich gar nicht auf die Glaubhaftig-oder Vorstellbarkeit ein, denn diesen Aspekt des fantastischen Romans zu akzeptieren, muß und wird man schon vor dem Lesen bereit sein.
Alles in allem kein schlechtes Buch, das sogar wirklich gut hätte werden können. Solide erzählt, aber auf, für diesen Umfang, zu wackliger Grundlage, wurde die Spannung überbeansprucht, so daß der Showdown an Wirkung verliert, ja mich sogar enttäuschte.
Meine sehr persönliche Wertung: `Note 3`.
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