Amiga Aktuell

Hardwaretest: Picasso IV

Hersteller

Village Tronic
Wellweg 95
31157 Sarstedt

Listenpreis: 699 DM


Benötigte Hard-/Software

  • AMIGA oder -kompatibler Rechner mit ZorroII(I)- und Video-Slot
  • 68020-Prozessor
  • OS 3.0 (OS 3.1 bei älteren Versionen von Picasso '96)


Einführung

Die ZorroII/III-Grafikkarte Picasso IV von Village Tronic wird in einem recht stabilen Karton mit Hochglanz-Cover ausgeliefert. Zum Lieferumfang gehören neben der Grafikkarte auch ein jeweils zur Hälfte deutsch- und englischsprachiges achtzigseitiges Handbuch, eine Diskette mit der Grafikkartensoftware Picasso '96 sowie drei Kabel, die für den Betrieb der Karte am A 2000 benötigt werden, da Zorro- und Video-Slot bei diesem Rechner nicht nebeneinander liegen.

Besonderheiten der Picasso IV sind der eingebaute Flickerfixer/Scandoubler sowie die vielfältigen Anschlußmöglichkeiten. Neben der obligatorischen 15-poligen Buchse zum Anschluß eines VGA-Monitors hat die Picasso IV auch Stereo-Audio- und Video-Ein- und Ausgänge, eine Antennenbuchse und einen Audio-Eingang zur Einspeisung der Audio-Signale von CD-ROM-Laufwerken. Ein Teil der Anschlüsse wird jedoch erst nach Aufrüsten der Picasso mit einem oder mehreren Zusatzmodulen benötigt.

Village Tronic hat für die Zukunft folgende Erweiterungen angekündigt:

  • MPEG-Modul
  • 3D-Grafikbeschleuniger
  • PowerPC-Modul
  • 16bit-Soundmodul
  • Fernseh-Modul mit Videotextfähigkeit
  • Videoencoder zur Erzeugung eines S-VHS-/FBAS-Signals
Somit könnte die Picasso IV einmal fast das gesamte AMIGA-Motherboard ersetzen und würde so zu einer wahren Multimedia-Karte, wie Village Tronic die Picasso IV übrigens auch bewirbt.


Installation

Vor dem Einsetzen der Karte sollten sämtliche Monitortreiber - mit Ausnahme von PAL und NTSC - aus Devs:Monitors entfernt werden, ebenso wie eine eventuell bereits vorhandene Grafikkartensoftware (z.B. CyberGraphX). Da der Scandoubler der Picasso IV lediglich die Horizontalfrequenzen von PAL- und NTSC-Bildschirmmodi verdoppelt (von 15,6 bzw. 15.72 KHz auf 31,2 bzw. 31,44 KHz), und andere AMIGA-Screenmodes nicht durchgeführt werden, sind diese nicht mit der Picasso IV zu benutzen.

Für das Einsetzen der Grafikkarte in den richtigen Steckplatz mußte beim Testrechner (einem A 4000 Desktop) viel Kraft aufgewendet werden. Vor dem Einbau sollte bei diesem Gerät überprüft werden, ob eventuell auf dem A4000-Motherboard installiertes PS/2-RAM auch wirklich korrekt in den Fassungen sitzt, da zwischen der Picasso und dem RAM später nur sehr wenig Raum sein wird.

Beim A 2000 muß ein Teil der Karte abgetrennt werden, was jedoch im Handbuch beschrieben ist.

Nach dem Einschalten des Rechners präsentiert sich die Workbench in einem PAL- oder NTSC-Modus mit doppelter Horizontalfrequenz - der Scandoubler macht's möglich. Somit kann man beruhigt zu preiswerten Standard-VGA- Monitoren greifen, und trotzdem sämtliche AMIGA-Programme benutzen, die auf einen PAL- oder NTSC-Modus bestehen. 15KHz-Festfrequenzmonitore, wie z.B. der 1084(S), sind natürlich nicht für den Betrieb mit der Picasso IV vorgesehen, aber solche "Strahlenkanonen" sollten auch bei Besitzern von ECS/AGA-AMIGAs ohne Grafikkarte allmählich der Vergangenheit angehören.

Jetzt sollte die Grafikkartensoftware Picasso '96 installiert werden. Achtung: Wer lediglich OS 3.0 besitzt, kann mit der mitgelieferten Version von Picasso '96 nichts anfangen! Erst später haben sich die Programmierer dazu entschlossen, nicht mehr OS 3.1 vorauszusetzen. Mit OS 2.x oder gar 1.x läßt sich die Software jedoch nicht betreiben. Da Picasso '96 Freeware ist, sollte ein Upgrade kein allzu großes Problem darstellen - die aktuelle Version ist im Aminet verfügbar. Übrigens ist es auch für OS 3.1-Nutzer ratsam, die neueste Software zu installieren, um eventuelle Bugs in früheren Versionen auszuschließen.

Die Installation von Picasso '96 geschieht sehr komfortabel mit Hilfe des AMIGA-Installers. Allerdings sollte man schon die Spezifikationen (v.a. die maximale Horizontalfrequenz) seines Monitors kennen.


Der Test

Der Scandoubler/Flickerfixer der Picasso IV arbeitet in den LowRes- und HiRes-Bildschirmmodi sowohl bei PAL als auch unter NTSC einwandfrei. Gleiches gilt für die Interlaced-Varianten, bei denen der Vorteil des Flickerfixers erst richtig sichtbar wird - das Interlaced-Flimmern ist verschwunden.

Bei den (allerdings sowieso ungebräuchlichen) SuperHires-Modi kommt es jedoch zu Grafikfehlern, so daß insbesondere bei kleinen Schriften kaum etwas zu erkennen ist.

Prinzipbedingt verbleibt die Bildwiederholfrequenz jeweils bei 50 Hz (PAL) bzw. 60 Hz (NTSC), so daß das Bildwechsel-Flimmern weiterhin vorhanden ist. Auch deshalb ist es etwas schade, daß lediglich die Frequenzen von PAL- und NTSC-Modi von der Picasso IV verdoppelt werden: Man stelle sich einmal Super72:SuperHires-Interlaced (800*600 Punkte bei etwa 70Hz) ohne Interlaced-Flimmern vor...

Das Hauptaugenmerk gilt natürlich der eigentlichen Grafikkartenfunktion der Picasso IV: Die Geschwindigkeit gibt sowohl bei 8 Bit (256 Farben), als auch bei 16 (65536 Farben) und 24 Bit (16777216 Farben) keinen Anlaß zur Kritik. Im 24 Bit-Modus ist die Picasso IV um einiges schneller als die Cybervision 64, während bei 256 Farben der Kampf um den ersten Platz zwischen diesen beiden Modellen eher unentschieden ausgeht. Benchmarktests lassen erkennen, daß je nach Grafikfunktion mal die eine, mal die andere Karte die Nase vorn hat. In der Praxis hatte ich jedoch das Gefühl, daß die Picasso IV auch bei 256 Farben meist etwas schneller als die Cybervision 64 ist.

Leider gibt es bei 16-/24-Bit-Bildschirmmodi eine ärgerliche Beschränkung der Bandbreite auf 85 MHz, was zur Folge hat, daß beispielsweise bei 1280*1024 Punkten lediglich eine Bildwiederholfrequenz von 47 Hz (bzw. 94 Hz interlaced) erreicht werden kann. Dies ist aber auch schon der Hauptkritikpunkt der Picasso IV. Daß die Karte in der Grundausstattung über keinerlei 3D-Funktionen verfügt, ist derzeit noch nicht von großer Bedeutung, da es bis jetzt keine AMIGA- Programme gibt, die diese auch ausnutzen. Sicher - die standardmäßige Integration von 3D-Funktionen wäre ein zusätzlicher Kaufanreiz gewesen, Village Tronic hat jedoch für die Zukunft eine entsprechende 3D-Erweiterung angekündigt.

Die noch relativ neue Grafikkartensoftware Picasso '96 macht einen recht ordentlichen Eindruck. Es fehlt zwar noch die Möglichkeit des AMIGA- typischen Screen-Ziehens, das es ermöglicht, quasi gleichzeitig Programme auf verschiedenen Screens zu benutzen. Jedoch bietet es mit dem leistungsfähigen Tool PicassoMode die Möglichkeit, auf einfache Weise vorhandene Picasso-Bildschirmmodi zu verändern oder auch neue zu erzeugen.

Etwas kritisch muß die Stabilität von Picasso '96 (getestet wurde die Version 1.22a) betrachtet werden: Zwar gibt es mit den allermeisten (auch CyberGraphX-) Programmen keinerlei Probleme. Allerdings sind in der Testphase doch einige Applikationen aufgefallen, die nicht oder nicht stabil mit Picasso '96 zusammenarbeiten. Beispiele dafür sind Wordworth 5, aber auch die neueste Version 2.98 des Anti-Viren-Programms VT. Beim Click auf "CheckDisk" stürzte der Testrechner stets ab. Schlimmer wird es, wenn man Tools einsetzt, die Betriebssystemroutinen patchen. Probleme gab es u.a. mit MCP (wen wundert's) und FastIPrefs.

Ich möchte an dieser Stelle jedoch betonen, daß Picasso '96 stetig weiterentwickelt wird, und die Systemstabilität hoffentlich mit jeder neuen Version steigen wird.


Fazit:

Die Picasso IV ist alles in allem eine gute Grafikkarte. Das Prädikat "sehr gut" hat sie leider knapp verpaßt, v.a. wegen der Bandbreitenbeschränkung bei 16-/24-Bit-Modi und des etwas hohen Preises, der aufgrund der guten Leistungen und des integrierten Flickerfixers/Scandoublers jedoch noch angemessen erscheint. An der Software Picasso '96 muß noch etwas gearbeitet werden, damit die Stabilität von CyberGraphX v2 erreicht wird.

Gesamtergebnis: 2 (gut)


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