Amiga-Aktuell 10/97 - Test
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Softwaretest: p.OS (von Christian Hoklas)

»pOS - alles positiv oder was?

Einleitung:

Wie wahrscheinlich bereits hinreichend bekannt, entwickelt ProDAD gerade ein neues AmigaOS. Der Name lautet pOS. Zur Zeit ist das Prerelease im Handel erhältlich, welches schon einmal einen Einblick in die Funktionsvielfalt und Optik geben soll. Dieser Test soll einen kurzen Überblick geben und ggf. auch Kritik üben! Eins noch vorweg: ProDAD hat in der Anleitung zu pOS darum gebeten, daß man keinen Flame-War starten soll, da es sich ja um ein Prerelease handelt. Daher soll jede Kritik in diesem Artikel auch gleichzeitig ein Hinweis auf Schwachstellen sein, die bis zum Endrelease noch ausgebügelt werden sollten.

Systemvoraussetzungen:

  • Kickstart 2.0
  • MC 68020
  • 4 MB Fast-RAM
  • Harddisk
  • CD-ROM Laufwerk (nur für die CD-Version)
  • auf Draco lauffähig

Der Start:

Nach dem Einlegen der CD einfach auf das Install-Icon klicken und schon wird der Installer gestartet. Es werden ca. 16 MB Platz benötigt. Jeder, der den nicht hat, kann pOS auch direkt von CD starten. Zum Glück handelt es sich um eine reine Softwarelösung, ohne ROM-Austausch! Nach der Installation kommt der spannende Moment: Die pOS-Workbench startet und man erkennt seinen Amiga kaum wieder. Das Layout von pOS ist zwar Amiga-like, aber trotzdem hübscher. Hier nur mal kurz alle wichtigen optischen Neuerungen:

  • animierte Fenster- und Menüöffnung mit Geräusch
  • 3 verschiedene Iconsets zum direkten Umschalten ohne Kopieren
  • Backgroundpattern auch in Programmfenstern
  • Gadgetfunktionen Marke MUI
  • Grafik in Requestern (bekannt von Windoof)
  • 3D-Menüs mit PopUp-Funktion
  • volle Fenster verschieben und vergrößern
Screenshot im PNG-Format
Bild in voller Größe!


pOS Interna:

pOS ist in Ansi-C geschrieben. Dies ist auch nötig, da proDAD ja Portierungen auf die verschiedensten Plattformen schreiben will. Bisher ist aber nur eine Amiga-Version verfügbar, und die setzt noch das original AmigaOS voraus. Soll heißen: Noch ist das Prerelease von pOS nicht alleine lauffähig. Vor allem die Devices und die Grafikausgabe werden noch vom AmigaOS abgewickelt, so daß man in diesen Bereichen keine großen Sprünge in Sachen Geschwindigkeit oder Stabilität erwarten darf. Später soll natürlich eine Umsetzung für den PowerPC erscheinen und vielleicht auch für den PC auf Intel-Basis.

(Anm. der Redaktion: Laut ProDAD ist eine Intel-Version bereits in Arbeit.)

Workbench:

Die Workbench von pOS ist bereits sehr ausgereift und wohl schon als voller Ersatz zu bezeichnen. Es sind sowohl die Grundfunktionen wie auch Sonderfunktionen, wie Toolbar oder Sprechblasen-Hilfe vorhanden! Ein besonderes Lob verdient auch das Dithering. pOS ist nämlich in der Lage automatisch, ohne Zutun des Programmierers oder Anwenders fehlende Farben durch Dithering zu erzeugen. Man kann also ein 256-Farben-Bild auf einer WB mit nur 64 Farben ansehen, ohne größere Qualitätsverluste in Kauf zu nehmen.
Auch neu ist das Prefs-Programm. Statt wie beim AmigaOS eine Prefs- Schublade zu haben, wo alle Prefs-Programme hineinkopiert werden, gibt es bei pOS ein einheitliches Prefs-Programm, welches mit Modulen ergänzt wird! Auch Anwendungsprogramme können somit mit diesen Programm konfiguriert werden.
Weiterhin verfügt pOS über ein Drag&Drop-Verfahren. Da davon sehr intensiv Gebrauch gemacht wird, ist die Bedienung an den meisten Stellen einfacher und logischer geworden.
Wen hat am AmigaOS schon mal die Wartezeit beim Löschen oder Kopieren gestört. Dies ist jetzt auch vorbei:
pOS erzeugt für jede Aktion einen eigenen Task, so daß man nicht mehr auf das Ende des Kopiervorgangs warten muß. Für den Anwender bedeutet das weniger Wartezeit und damit eine höhere Produktivität. Auch eine deutliche Verbesserung gegenüber dem AmigaOS ist das neue Datatypes-Konzept. Es ist z.B. möglich, in ein Grafikprogramm Text einzuladen, ohne irgendwelche Konvertierer. Der Text erscheint eben als Bitmapgrafik auf dem Screen.

pOS-DOS & Shell:

Das DOS von pOS ist, um erstmal alle zu beruhigen, kompatibel zum AmigaDOS. Man kann also alle Laufwerke weiterbenutzen und muß keine doofen Spielchen wie Neuformatieren von Partitionen treiben. Laut Aussage von ProDAD soll das pOS-DOS optimiert und deshalb schneller als das des originalen AmigaOS sein. Leider kann ich dazu keine Aussage machen, da noch die nötigen Testprogramme fehlen.
Die Shell ist so gut wie die des AmigaOS. Zwar existieren neue Features wie Scollbar, Filenamenvervollständigung und Drag&Drop. Aber der PIPE-Strich | funktioniert noch nicht. Ein/Ausgabeumlenkung stellt aber zum Glück kein Problem dar.

Weitere Neuerungen:

Eine der besten Dinge in pOS ist die SGOS.library. Diese Library stellt Funktionen für das Bewegen von grafischen Objekten zur Verfügung. Um die zu erwartenden Ergebnisse zu demonstrieren, liegen pOS verschiedene Spiele bei (Chess, pBall, Tetris, Puzzle). Der Breakout-Clone pBall ist nur 15 KB groß, da er fast komplett auf OS-Libs zugreifen kann. Nun wird endlich auch mal an Spieleprogrammierung gedacht!
Auch gut ist ein Grafiksystem namens MESA. Es handelt sich um eine OpenGL- Implementation. Man kann also als Programmierer auf eine große Anzahl an Renderfunktionen zurückgreifen, ohne selbst Hand anlegen zu müssen.

Verbesserungswünsche:

So, jetzt geht's los! Hier kommen alle Dinge, die ich für wichtig halte, die aber in pOS nicht oder nur ungenügend implementiert sind. Auf jeden Fall sollten die Leute bei ProDAD an der Grafikausgabe feilen. Auf einem 256-Farben Screen ruckelt der Text im Shellfenster mühselig nach oben. Wenn man Fenster verschiebt, blitzt es nur so vor sich hin. Die Icons bauen sich langsam auf. Dies alles kann durch das hinter pOS laufende AmigaOS zurückgeführt werden, aber dort sind diese Funktionen nicht so langsam!?

Die Shell muß ihren PIPE-Strich kriegen und alle Tools vom AmigaOS (HDToolBox, IconEdit, Say) sollten auch auf pOS umgesetzt werden. Weiterhin bin ich für Multiuser-Fähigkeit. Es gibt eigentlich keinen besseren Anwendungsfall für sowas, als einen Homecomputer, welcher der Amiga ja nachweislich ist. Ich zumindest finde es praktisch, wenn die kleine Schwester nicht alle meine Dateien löschen kann (ob beabsichtigt oder nicht)!

Auch Speicherschutz wäre gut, selbst wenn dies die Geschwindigkeit etwas drückt. Aber kein Programm ist fehlerfrei und läuft ohne Absturz. Man könnte z.B. 2 Versionen liefern, so daß der Anwender sich aussuchen kann, ob er diesen zusätzlichen Schutz benötigt oder nicht. Eine Chance, die ProDAD nutzen sollte, ist die Einführung von Sprachausgabe. Dies ist noch aus alten Kickstart1.3-Zeiten bekannt. Es ist schon nützlich, wenn der Computer mal einen Text vorlesen kann. Sicherlich hat man bei proDAD auch die Druckerunterstützung und die Netzwerkfähigkeit nur im Prerelease weggelassen.

Fazit:

Wenn man pOS jetzt so sieht, freut man sich auf den Moment, wenn das erste Mal Software erscheint, die das neue PowerOS auch ausnutzt. Mit den mitgelieferten Preview-Versionen von StormED und Adorage kann man schon mal erste Impressionen sammeln. Auch die anderen Demoprogramme machen Lust auf mehr. Wenn die letzen Probleme und Ecken beseitigt sind, ist pOS wohl eine der größten Sensationen, die die Amiga-Gemeinde nach Niedergang von Commodore erlebt hat. Man kann den Leuten bei ProDAD nur noch viel Glück für dieses Projekt wünschen. Meiner Meinung nach, wird die Amiga-Gemeinde pOS gern annehmen und zumindest parallel zum AmigaOS laufen lassen; wenn nicht sogar als Komplettersatz!

-- Christian Hoklas (CHoklas@T-Online.de;
http://home.t-online.de/home/CHoklas), für AMIGA aktuell«


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