Tests und Erfahrungsberichte
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1. Kleine Helfer für den Amiga-Alltag (von Christian Aichinger)
Herzlich Willkommen zu den „Kleinen Helfern“ im November!
Ogg Vorbis, ein neuer verlustbehafteter Open-Source-Audio-Codec kratzt am
Thron von MP3. Aufgrund der sehr guten Resultate scheinen die Chancen nicht
schlecht, dass die Zeiten des lizenzpflichtigen MP3-Audio-Standards gezählt
sind. Viel Spaß beim Lesen der Reviews zu den vorbis-tools-1.0 und Ogg--
Engine.
vorbis-tools-1.0:
MP3 kennt mittlerweile wohl jeder Computernutzer. Audiodaten können durch
dieses Format auf einen Bruchteil der ursprünglichen Größe komprimiert
werden.
So lassen sich fünfminütige Songs, die zuvor ca. 50 MByte auf der
Festplatte benötigten, auf eine Größe von vielleicht vier bis fünf MByte
eindampfen. Der MP3-Codec schafft dies, indem er für das menschliche Ohr
(fast) unhörbare Frequenzen einfach aus den Audiodaten entfernt und
zusätzlich hochoptimierte Packer-Routinen verwendet. Das größte Problem bei
MP3 ist jedoch, dass der bei der Erstellung benötigte MP3-Encoder
lizenzpflichtig ist. Wer also Audiodaten ins MP3-Format konvertieren
möchte, muss auf kommerzielle Software zurückgreifen. Sogenannte freie MP3-
Encoder wie BladeEnc oder Lame sind... nun ja, entweder illegal oder
wandern rechtlich gesehen auf einem sehr schmalen Grad.
Im Gegensatz zu MP3 basiert Ogg Vorbis auf komplett frei zugänglichen
Quellcodes. Jeder darf die Ogg-Vorbis-Algorithmen in kommerzieller als auch
nichtkommerzieller, OpenSource- oder "Closed-Source"-Software verwenden.
Des weiteren ist der Audio-Codec nur ein Teil eines ziemlich umfangreichen
Projektes, da die Xiph.org-Foundation, von der das Ogg-Vorbis-Format
entwickelt wird, plant, in Zukunft sämtliche proprietären Software-
Standards für Audio- und Videotechnologie zu ersetzen. Doch das wird wohl
noch etwas dauern...
Die Folgen dieser offenen Lizenzpolitik bekommen jedenfalls auch Amiga-User
zu spüren, denn die erste AmigaOS-Portierung der Vorbis-Tools ließ nicht
lange auf sich warten. In der Vorbis-Tools-Distribution für AmigaOS
befinden sich mehrere kleine Programme, mit deren Hilfe sämtliche
grundlegenden Operationen über die Shell erledigt werden können. So enthält
das Archiv neben dem eigentlichen Encoder ("oggenc") und dem Decoder
("oggdec") einen Player ("ogg123"), ein Programm zum Schneiden von Ogg-
Dateien ("vcut"), ein Programm zum Editieren der Audiotags
("vorbiscomment") und ein weiteres Programm ("ogginfo"), welches alle
wichtigen Informationen über eine Ogg-Audio-Datei auflisten kann. Alle
genannten Programme liegen in Versionen für AmigaOS-68k und MorphOS vor.
Die 68k-Binaries sind für 68060-CPUs optimiert, funktionieren jedoch auch
auf älteren 68k-Prozessoren. Eine Portierung für WarpOS ist mir bisher noch
nicht bekannt (wer nähere Infos hat, möchte mir doch bitte eine E-Mail
schicken). Es wird außerdem die ixemul.library aus dem Aminet benötigt. Wer
AHI installiert hat, kann Ogg-Dateien auch über die Soundkarte ausgeben.
Die Anforderungen an die Hardware des Amigas sind enorm. Allein schon der
Player "ogg123" wird auf "echten" 68k-Rechnern kaum noch sinnvoll
einsetzbar sein. Ein 44 Sekunden langes Stück (44.1 KHz, Stereo, variable
Bitrate mit durchschnittlich 172 KBit/s) benötigte auf meinem A1200 mit
68040/40 MHz ca. drei Minuten, um komplett abgespielt zu werden. Von Audio-
Genuss kann dabei keine Rede sein. Selbst ein Amiga mit 68060-CPU wird kaum
Resultate erreichen, die man als hörenswert bezeichnen könnte.
Auf das Messen der Geschwindigkeit des Encoders auf meinem Amiga habe ich
lieber verzichtet, schafft selbst ein PC mit 500MHz-AMD-K6-CPU die
Konvertierung von CDDA-Audiodaten ins Ogg-Format gerade so in Echtzeit.
Interessanter wird der Einsatz dann schon auf PPC- oder x86-Amigas, sind
dort die MIPS und FLOPS nicht ganz so knapp bemessen.
Als Eingangsformate unterstützt der Encoder "oggenc" jedenfalls RAW,
WAV/PCM, AIFF und AIFF/C in 8 und 16 Bit sowie WAV/IEEE in 32 Bit. Die
Qualität lässt sich von 0 bis 10 einstellen, was einer durchschnittlichen
KBit-Rate zwischen 45 und 500 entspricht. Wer aber unbedingt eine
definierte Bit-Rate oder Bit-Raten zwischen definierten Bereichen benötigt,
kann "oggenc" natürlich auch dazu veranlassen. Die ganze Latte an
Programmparametern (inklusive einer kurzen englischen Erklärung) gibt
"oggenc" mit dem Parameter "-h" aus.
Wer nur einen 68k-Amiga sein Eigen nennt, kann mit Hilfe des Programms
"oggdec" Ogg-Audiodateien ins WAV-Format konvertieren und diese dann zum
Beispiel mit AMPlifier abspielen lassen. "oggdec" unterstützt dabei die
WAV-Formate 8 Bit, 16 Bit, signed, unsigned, little endian und big endian.
Das Schnittprogramm "vcut" ist etwas "tricky" und hat außerdem noch einen
eher experimentellen Status. Es ist also etwas Vorsicht angesagt. Die
Syntax lautet:
vcut.060 infile.ogg outfile1.ogg outfile2.ogg cutpoint
Dabei ist "infile.ogg" die Datei, die in zwei einzelne Dateien zerlegt
werden soll, "outfile1.ogg" und "outfile2.ogg" sind die beiden
resultierenden Dateien. "cutpoint" ist die Position in Samples (bei einer
CD-Aufnahme gibt es 44100 Samples pro Sekunde), an der der Schnitt
durchgeführt werden soll. Dieser lässt sich mittels einer kleinen Formel
berechnen. Möchte man zum Beispiel eine in 44.1 KHz gesamplete Ogg-Aufnahme
nach 50 Sekunden schneiden, wird der Schnittpunkt mit 50/(1/44100)
berechnet. Der ermittelte "cutpoint" wäre demnach 2205000. Bei meinen
Experimenten erstellte "vcut" zwar zwei Dateien (die erste Schnittdatei
"outfile1.ogg" hatte sogar die richtige Länge von 50 Sekunden), jedoch war
die zweite Datei immer nur 0 Byte groß, was so natürlich nicht stimmen
kann. Aber wie erwähnt ist "vcut" noch nicht ganz ausgereift.
Das Programm "vorbiscomment" dient dazu, beliebige zusätzliche
Informationen (Tags) in einer Ogg-Vorbis-Datei unterzubringen. So kann zum
Beispiel angegeben werden, wer die Datei erstellt hat, welcher Interpret zu
hören ist oder von welchem Album das Stück stammt. Wird "vorbiscomment" nur
mit dem Namen einer Ogg-Datei aufgerufen, werden alle gespeicherten Tags
aufgelistet. Mit dem Parameter "-a" können neue Tags eingefügt werden. Der
einzufügende Tag wird mit dem Parameter "-t" eingeleitet. Das Beispiel...
vorbiscomment.060 -a -t "Name=Christian" -t "Nachname=Aichinger" test.ogg
... fügt der Datei "test.ogg" die beiden Tags "Name" und "Nachname" ein und
setzt deren Werte auf "Christian" und "Aichinger". Welche Tags in der Datei
gespeichert werden sollen, ist dabei der Wahl des Anwenders überlassen. Es
können des weiteren auch Tags direkt aus einer externen Textdatei verwendet
oder schon vorhandene Tags mit neuen Werten belegt werden.
Der letzte Befehl "ogginfo" dient zur Diagnose und zur Ausgabe diverser
Informationen über Ogg-Vorbis-Dateien. Neben Abspieldauer und der vom
Ersteller angegebenen Tags werden noch die minimale und maximale Bitrate
(falls angegeben) und auch die nominale und die durchschnittliche Bitrate
ausgegeben.
Mit dem Parameter "-q" wird die Informationsausgabe unterdrückt und nur
etwaige Fehler in der Ogg-Datei ausgegeben. Der Parameter "-v" veranlasst
dagegen "ogginfo", sämtliche wichtigen (und unwichtigen) Informationen
auszugeben.
Autor: M. Smith, K. Arnold, S. Seibert, S. Boessenkool
Download: http://www.honeypot.net/audio/
Programmversion: 1.0
Homepage: http://www.vorbis.com
Lizenz: Public Domain (Open Source)
Ogg--Engine:
Die Ogg--Engine von Carsten Siegner ist eine graphische Benutzeroberfläche
für die ogg-tools. Wer also keinen Bock hat, kryptische Benutzereingaben in
eine Shell zu tippen, ist mit diesem Programm gut bedient.
Screenshot:
Die Installation beschränkt sich auf das Entpacken des Archivs. Alle
benötigten Programme, wie der Ogg-Encoder, -Decoder und -Player befinden
sich schon in dem Archiv. Die ixemul.library, die von den ogg-tools
vorausgesetzt wird, muss aber in jedem Fall installiert worden sein oder
noch installiert werden. Nachdem auch das erledigt ist, kann es sofort
losgehen.
Die Oberfläche teilt sich in vier Bereiche. Im oberen Teil kann jeweils ein
Eingangs- und ein Ausgangsfile angegeben werden. Die Qualitätsstufe - falls
eine Datei in ein Ogg-File konvertiert werden soll - wird mit einem Slider
eingestellt. Im mittleren Bereich können diverse Tags angegeben werden.
Benutzerspezifische Tags lässt die GUI allerdings nicht zu. Im unteren
Bereich finden sich drei Buttons für den Player, Decoder und den Encoder.
Je nachdem, was mit der GUI angestellt werden soll (ein Ogg erstellen,
abspielen oder dekodieren) muss auch das Eingangs- bzw. Ausgangsfile dem
vorausgesetzten Format entsprechen. Wenn zum Beispiel als "Eingang" eine
WAV-Datei angegeben wurde, kann diese dann nicht mit dem Player-Button
abgespielt werden, denn ogg123 kann nur Ogg-Dateien abspielen. Dasselbe
gilt für den Encoder. Wenn als Eingangsdatei ein Ogg-File angegeben wurde,
kann dieses natürlich nicht in ein Ogg-File konvertiert werden. Der
Anwender muss also aufpassen, was als Eingangs- und Ausgangsfile angegeben
wurde, wenn er eine der drei Funktionen ausführen möchte.
Autor: Carsten Siegner
Download: http://home.t-online.de/home/CarstenSiegner2/Ogg-Engine.lha
Programmversion: ?
Homepage: http://home.t-online.de/home/CarstenSiegner2/
Lizenz: Freeware
So, das war das „Kleine Helfer“-Spezial zu Ogg Vorbis auf dem Amiga. Wer
Vorschläge für die nächste Ausgabe hat oder irgendetwas zu diesem Text
anzumerken hat, schickt mir eine Mail.
Christian Aichinger <aichi@gmx.de>
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