Seit Zwanzig Jahren

Eines Nachts, ich konnte nicht einschlafen, kam mir in den Sinn wie ich zum Computer kam.
Ich dachte, mein Gott, ist das schon so lange her? In diesem Frühjahr waren das zwanzig Jahre!
Ich möchte die Geschichte mal niederschreiben.
Sämtliche Daten sind nur aus meiner Erinnerung und nicht von mir auf Richtigkeit überprüft. Daher mag der eine oder andere vielleicht ein paar Fehler entdecken. Aber so ist das nun mal mit (meinem) dem Gedächtnis.


Im Sommer `81, nach meiner Bundeswehrzeit, fing ich wieder in meiner alten Firma an, einer Kfz-Reperaturwerkstatt. Allerdings nicht in meinem alten Beruf, sondern im Ersatzteilelager.
Schon am zweiten Tage durfte (musste) ich an den Computer, Teile-Nummern eingeben, mal `ne Rechnung ausdrucken.
So fing das an.
Irgendwann im darauffolgenden Frühjahr las ich in einer Werbung von Quelle oder Karstadt über einen Computer. Ich glaube das war ein Laser. Für 399,- DM oder so.
Ich will auch einen Computer.
Also habe ich Geld zusammengekratzt und ohne mich auch nur ein bisschen über diesen oder jenen Computer zu informieren bin ich in die Kreisstadt gefahren.
Rein in den Laden und nach dem Laser gefragt. Aber der war schon ausverkauft.
"Ich will jetzt aber einen Computer, ist ja egal welchen", dachte ich mir und ging mit einem VC20 aus dem Laden.
Einige werden den vielleicht noch selbst erlebt haben, üppige 3 (drei) KByte RAM. Ich glaube, die Grösse des Speichers war es, warum wir keine lange, gemeinsame Zukunft vor uns hatten. Die aus Zeitungen abgetippten Listings brachten meist nicht die erhofften Resultate, sondern oft nur Meldungen über zuwenig Speicher auf den Fernseher.
Der VC20 wurde nach einer längeren unter- (über)redung einem örtlichen Fernsehhändler überlassen und gegen Aufpreis mit einem C64 eingetauscht. Den C64 konnte man damals für einen Anschaffungswiderstand von sage und schreibe 798,- DM erstehen. Ohne Speichermedium oder Monitor. Wahnsinn!
Ab mit dem Gerät nach Hause, ausgepackt, verkabelt und ein Listing aus dem Handbuch abgetippt. Das hat gedauert. Das Programm füllte fast eine Seite in dem DIN A 5 grossen Handbuch. Es war ein "Ballerspiel", in Basic und in "2D" natürlich.
Die Grafik war aus dem Zeichensatz des C64 zusammengesetzt. Das ging ja auch einigermassen, denn im ROM und auf der Tastatur waren ja Grafik-Elemente vorhanden (Klötzchengrafik).
Wie gesagt ein Ballerspiel. Links eine Mauer, unten ein (Fuss-)Boden, Bedienung durch die Cursor-Tasten. Von links kam ein Pfeil (so ein Pfeil ">"). Der musste nun mit einem weiteren Pfeil, der aus Richtung Boden kam, abgeschossen werden. Klasse Spiel. ;-)
Es war das erste Programm auf meinem C64, und es lief.
Der Abend kam und der C64 wurde ausgeschaltet. Tja, und damit war auch die Arbeit und somit das Spiel weg, denn ich hatte ja noch nichts zum Speichern.
Das sollte die nächste Investition werden.
Wer den C64 kennt, kennt auch die 1541. Das war das 5¼"-Disketten-Laufwerk (" = Zoll) für den C64 und kostete so viel wie der C64. Das war zu teuer, auch wenn es hiess, das 1541 sein ein eigener Computer.
Aber es gab ja zum Glück eine Alternative.
Die Datasette. Das war ein Recorder für Compact-Cassetten zum Anschluss an VC 20 und C64.
Der wurde nun angeschafft, denn mit 149,- DM war das wesentlich günstiger als das Disketten-Laufwerk. Aber auch langsamer. Ich glaube, der zweite Vorname der Datasette lautete "Valium".
Ein brauchbares Spiel von der Datasette in den C64 laden dauerte gut und gerne seine 20 (zwanzig) Minuten. Und dann hab` mal gegen Ende der Ladezeit einen Lesefehler. :- ((
Nicht auszuhalten!
Irgendwann leistete ich mit doch das Disketten-Laufwerk. Hei, war das eine Geschwindigkeit. Das gleiche Spiel war in gut 2 Minuten im Speicher. So kann man arbeiten.
Kennt noch jemand diesen Witz: God save the Queen,8,1.
Zur Erklärung: der Befehl zum Speichern (save) eines Programm`s (name "the queen") auf dem Disk-Laufwerk (8) in einen bestimmten Speicherbereich (1).
Eine schnellere Methode, etwas in den Speicher des C64 zuladen gab es noch: Cartridge`s. Das waren Zigarettenschachtel grosse Gehäuse mit einem ROM-Baustein darin. Die wurden dem C64 hinten rechts eingesteckt. Nach den Einschalten war sofort ein Spiel oder eine Anwendung im Speicher.
Der C64 hat sehr viel Spass gemacht. Fast jeder kannte ihn, viele hatten einen. Es gab sogar gegen Ende der Achtziger Jahre ein Programm, (ich glaub der Name war Geos), das eine Grafische Oberfläche mit einer Maus auf dem C64 erlaubte. Mit Dateiordnern und Piktogrammen. Aber immer nur acht Icon`s gleichzeitig, denn die wurden aus den guten alten Sprites erzeugt.
Die erste Berührung mit einer Grafischen Oberfläche. Ich glaube, das gab`s alles nur in zwei Farben zu bewundern, man bedenke, alles mit nur 64 KByte RAM.
Bald gab es für meinen C64 ein neues Ausgabegerät. Nein, keinen Drucker, der kam später. Einen Monitor, und zwar in Grün. Ja, nur Grün.
Farbe hatte ja mein Fernseher. Aber den Farbmonitor bekam der dann auch noch. Und den besagten Drucker.
Ein tolles Gerät von Commodore. Machte so gut und gerne seine fünf x sieben Punkte für einen Buchstaben, auch für ein g oder p. Das sah heiss aus. Und laut war der! Aber er hatte ein Farbband und man hatte etwas Schwarz auf Weiss.
Oder meine ersten Gehversuche mit einem Malprogramm.
Ich weiss nicht mehr wie viele Seiten es waren, aber es waren sehr viele: das Malprogramm EDDI aus der 64`er (eine der damals besten Zeitschriften rund um den C64) wurde abgetippt, etliche DIN A 4 Seiten lang. Zwar schon mit einem Programm, das anhand einer Prüfsumme das eingetippte überprüfte, aber trotzdem ein Sau-Arbeit.

Im Herbst 1989 reizte dann ein neuer Computer. Ich glaube Amiga hiess der.
Ja, jetzt fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren. Amiga 500+ hiess der. Mit wahnsinnigen 512 KByte Speicher und einer Workbench mit der Bezeichnung 1.3. Ein Disk-Laufwerk und eine Maus waren auch schon im Preis von wiedereinmal 798,- DM dabei. Da der Monitor vom C64 nicht an den Amiga wollte, bekam der Neue einen Gebrauchten Monitor geschenkt.

Den Amiga gibt`s immer noch. Mittlerweile ist sein Gedächtnis 3,5 MByte gross. Ein Teil des RAM`s befindet sich in einem Gehäuse mit dem Namen A590HardDrive. Darin ist auch eine 20 MByte grosse Festplatte, (knapp 800,- DM). Der Lese/Schreibkopf musste noch mit einen kleinem Zusatz-Programm mit Namen "Park" vor dem Ausschalten geparkt werden.
Ach ja, der Speicher. Das waren jeweils vier kleine Chip`s pro Mega-Byte.
Mittlerweile ist dort eine 80 MByte grosse SCSI-Platte eingezogen, denn das ist (war) ein riesen Vorteil des A590, über einem Stecker wurde zwischen SCSI oder IDE ausgewählt. Angeflanscht wurde das ganze einfach am Expansions-Port auf der linken Seite. Dazwischen passte später noch ein schmales Gehäuse das auf den Namen SupraTurbo hörte und einen an- und abschaltbaren 28Mhz Prozessor enthielt. Der machte den A500+ etwas über dreimal schneller.
So arbeiteten wir sieben Jahre wunderbar zusammen.

Wieder war Herbst.
1996 fand ein A1200 seinen Weg auf meinen Schreibtisch. Der wurde gleich mit 68030 und 16MB RAM geordert. Um die Sache komplett zumachen, enthielt der A1200 eine eingebaute 1.3 GB HD und ein externes CD-Laufwerk.
Diese 1.3 GB HD war ein 3,5"-Laufwerk.
Das Gehäuse des A1200 war aber nur für ein 2,5"-Laufwerk vorgesehen. Mein Amiga lief mit dieser 3,5" Festplatte, er nahm aber keine Befehle über die Tastatur von mir entgegen.
Also wurde der gleich am ersten Tag zerlegt.
Schwitz.
Kleiner Fehler, grosse Wirkung.
Wie gesagt, in das Gehäuse des A1200 gehört eine 2,5" HD und keine 3,5" HD. Der Fehler der fehlenden Tastaturunterstützung lag einfach an der zu kurzen Leiterfolie, die die Verbindung von der Tastatur zur Hauptplatine herstellte. Und diese Leiterfolie ist von der 3,5" Festplatte beim Transport herausgedrückt worden. Naja, das lies sich leicht beheben.
Mit dieser Ausstattung konnte ich sehr flott arbeiten. Meist malte ich mit DeLuxePaint Vorspänne oder kleine Trickfilme zur Ein- oder Überleitung für meine selbstgedrehten Familienvideo`s. Das machte ich schon seit den seligen C64`er Zeiten. Waren je nach Auflösung oder eingesetzten Farben beim C64 vier Bilder, beim A500 vielleicht 20 - 30 Bilder machbar, so waren jetzt schon kleine Filmchen mit ein paar hundert Bilder möglich. Da ging der Spass erst richtig los.
Zwei Jahre später bekam der A1200 eine neue Wohnung. Sogar ein Hochhaus (ca. 48 cm); einen Infinitiv-Tower von Mikronik mit sogenannten Top-Case und einer PC-Tastatur (ca. 680,- DM). Das Top-Case war eine Erhöhung des Tower`s für zusätzliche Laufwerke oder damit auch die 68030-Karte mit jetzt 32 MB in das Gehäuse passte.
Und der Amiga bekam noch mehr Zuwachs: ein Zorro II-Board mit der passenden CyberVision64/3D Grafikkarte incl. Scandoubler (480,- DM) und einen internen Anschluss für das inzwischen vorhandene zweite Disk-Laufwerk.
Um auch AGA-Modi auf der CV64/3D sichtbar zumachen, gab es einen sogenannten Video-Adapter. Das war ein Klasse Teil. Es wurde auf einen oder zwei der Amiga-Chip`s aufgedrückt und mittels eines kleinen Flachkabels mit dem Zorro II-Board verbunden.
Durch diesen Videoadapter konnte die CV64/3D mit dem Scandoubler automatisch zwischen AGA- und CyberVision-Bildschirmen umschalten.
Den Monitor hatte ich mir schon Wochen vorher in einem Supermarkt gekauft. Riesige 17" gross mit internen Lautsprechern. War das ein Unterschied zu dem alten 14" Amiga-Monitor. Nun konnte sich die Workbench richtig breit machen. Ich ging gleich in die vollen: eine Auflösung von 800 x 600 in 8 Bit. Das sah Klasse aus, auch wenn der Bildaufbau etwas langsam war.
Nur der interne Anschluss für das zweite Disk-Laufwerk machte Ärger. Der Tower wurde zu Mikronik geschickt und dort der Fehler behoben. Ein paar Tage nach der Rücksendung gab die Festpatte ihren Dienst auf. Ohne Fehlermeldung konnte ich nicht mehr speichern. Da kommt man ganz schön ins Schwitzen. Auch wegen dem zusammensuchen von vielen Disketten, um das nötigste noch zu retten.
Die alte Plattengrösse von 1,3 GB war völlig ausreichend, aber so etwas "kleines" gab es schon gar nicht mehr. Also nahm ich protzige 4,3 GB. Das hatte die Verwandtschaft ja noch nicht mal in ihren PC`s drin.
Doch schon bald stiegen meine Ansprüche wieder an.
Da gab es doch von der Firma Phase5 eine BlizzardPPC genannte Beschleuniger-Karte (930,-DM). Eine von diesen Karten sollte Anfang `99 in meinem Tower ihr neues Zuhause finden. Schon beeindruckend was auf so einer kleinen Karte alles drauf passt: zwei Prozessoren (68040/25Mhz + 603e/240Mhz), zwei Sockel für Speicher, ein Mini-Ventilator, SCSI- und Grafik-Anschluss.
Das Softwarangebot war ja noch reichlich dünn, aber es wurde ja viel angekündigt und dann doch wenig gehalten. Die ersten Programme basierten noch auf PowerUp von Phase5, doch schon bald gab es WarpUp von H&P.
Schon stritten sich die Geister über das bessere Betriebs-System.
Ich selber war für PowerUp, denn das war das was ich hatte und ohne Umstände nutzen konnte. Aber WarpUp setzte sich immer mehr durch, und mit der Installation von OS3.5 war PowerUp nun kein Thema mehr. Aber dadurch, das Phase5 sein PowerUp in einem ROM-Baustein auf der BlizzardPPC unterbrachte, gab ein neues Problem. Bei den BlizzardPPC für die A1200 wurde WarpUp erst durch PowerUpEmu nutzbar. Erst dadurch waren PowerUp- und WarpUp-Programme nutzbar. Leider verlangsamt sich der Kaltstart des Amiga, weil PowerUpEmu durch zwei Reset`s PowerUp abschaltet oder überschreibt.
Macht (fast) nichts, Hauptsache es funktioniert.
Nun wollte ich auch endlich etwas zum spielen für meine Blizzard. Zu Weihnachten wünschte ich mir WipeOut2097. Das bekam ich auch, aber ich konnte das Spiel nicht zum Laufen bringen. Unzählige Telefonate halfen dann auch. Aber mehr als eine Diashow bei einer Auflösung von 320 x 256 Punkten zuveranstalten gelang mir nicht. Was für ein Reinfall.
Das Spiel wurde liegengelassen.
Ein Jahr später juckte mich ein neues Spiel. Ich hatte davon gelesen und lud es zu mir nachhause ein. Heretic II. Auch hier war der Start nicht so einfach, aber das Spiel lief. Es war auch nicht schnell (etwas 6 - 7 Bilder/sek), aber ein Spitzenspiel. Doch mit der Zeit dachte ich mir, das muss doch schneller gehen. Der Spielehersteller bot eine Hotline an, die ich nutzte und fragte, warum das Spiel so langsam sei, obwohl mein Amiga die Voraussetzungen erfülle.
Ernüchternde Antwort:"Bei ihnen kommt alles zusammen was langsam ist. ZorroII-Board und CV64/3D."
Und schon war meine Kinnlade unten.
Nach sehr langen hin und her entschied ich mich zum Grafik-Tuning mittels eines G-Rex-PCI-Board`s und einer Hexerei äh Voodoo3-Grafikkarte.
Ich will ja auch ein bisschen in die Zukunft investieren, und das kostet. Aber es lohnte sich: Heretic II läuft auch mit 800 x 600 Punkte mit ca. 17 - 22 Bilder/sek. Und auch WipeOut2097 durfte wieder auf die Festplatte. Die Gleiter in diesem Spiel gleiten jetzt wie der Blitz.
Und schon sind wir im Jahr 2002 eingetroffen.
Der Amiga durfte endlich mit der grossen weiten Welt telefonieren. Er bekam eine Silversurfer-Karte und ein Modem von mir geschenkt.
Damit sind wir beide jetzt ersteinmal zufrieden. Es sei denn, OS4.0 steht endlich in den Regalen der noch verbliebenen Amiga-Händler.

Halt, was war dort in der Anzeige bei der alten Frau Aldi zusehen? Ein 15"-TFT-Flachbildschirm!
Der ziert jetzt meinen Schreibtisch. Wusste garnicht, wie gross der Schreibtisch ist.

Mal sehen wann es wieder juckt. :-))



Jürgen Sperling
sperlingbergen@freenet.de