Schach im MittelalterVor einiger Zeit hatte ich verschiedene Artikel über das Schachspiel geschrieben und in der NoCover veröffentlicht. Es waren Artikel über die Entwicklung des Schachs und spezielle Varianten im Spielablauf. In der Phase der Neugestaltung meiner Homepage kam mir in den Sinn, dass ich eigentlich auch verschiedene Beiträge in der NoCover veröffentlichen könnte, damit hier auch wieder etwas mehr Farbe hineinkommt. Wenn ich mich noch so recht erinnere, hatte ich vor meine Beitragsreihe mit der Geschichte des Schachspiels im Mittelalter fortzufahren. Eines sei aber gleich festgestellt: Eine Garantie auf eine Regelmäßigkeit von Veröffentlichungen gibt es nicht. Und gleich ein zweiter Hinweis: Fachausdrücke, die hier nicht weiter erläutert werden, sind bitte bei Bedarf in den alten Artikeln nachzulesen. Trotzdem werde ich bemüht sein, notwendige Erläuterungen anzufügen. Die Entwicklung des Schachspieles zwischen dem 12. und 16.Jahrhundert ist durch einen allmählichen Prozess der Veränderung bestimmter, die Gangart einiger Steine betreffender Regeln gekennzeihnet. Gleichzeitige Versuche mit einer neuen Aufstellung oder der Einführung eines größeren Brettes mit ergänzenden Figuren haben sich nicht durchsetzen können. Zuerst wurde die Dame einer Neuerung unterworfen: Sie erhielt das Recht, in der Ausgangsstellung und nach erfolgter Bauernumwandlung auf das übernächste gleichfarbige Feld zu springen. Mitte des 13. Jahrhunderts registrierte man den Übergang zu Doppelschritt des Bauern in der Grundstellung. Waren zunächte nur a-,b-, e- und h-Bauern betroffen (jeweils die beiden Flügelbauern), um den Läufern ein schnelleres und wirksameres Eingreifen auf ihren im ersten Zug erreichbaren Feldern a3, e3 sowie d3, h3 zu ermöglichen, dehnte sich der Doppelschritt einiger Zeit später auf alle Bauern aus, aber nur als Startschritt. Diese Entwicklung zog die Einführung der En-passant-Regel nach sich. Ein Bauer, der beim ersten Zug zwei Felder zieht, kann en passant von einem gegnerischen Bauer in der fünften Reihe geschlagen werden, als ob er sich nur um ein Feld vorwärts bewegt hätte. Das Resultat dieser Neuerungen war eine spürbare Beschleunigung der Anfangszüge, mit einer grundsätzlichen Neubewertung der Eröffungsbehandlung. Aus diesem Grunde haben die Tabijes des Schatrandsch (arabische Bezeichnung für Schach) in der europäischen Schachliteratur kaum je eine Rolle gespielt. Die Verwendung von Schachbrettern mit Feldern unterschiedlicher Farbe, im 12. Jahrhundert in Spanien begonnen, war Anfang des 14.Jahrhunderts allgemein verbreitet. Dieser Umstand veränderte zwar nicht den Charakter des Spiels, führte aber zu einem besseren Überblick und erleichterte die Berechung.
Eine uns heute kurios anmutende Ausnahme bestand in Englang noch im 17.Jahrhundert: Dort hatte das Pattsetzen des gegnerischen Königs den Partieverlust zur Folge mit der Begründung, dass dieser Partieausgang dem Geiste des Spiels widerspräche. Der Schachhistoriker H.J.R. Murray führt die Ausnahme dieser Regel auf die zu der Zeit regen Handelskontakte zwischen England und Rußland zurück. In der Tat hielten sich in Osteuropa und seinen angrenzenden Gebieten lange Zeit sehr eigenwillige Regeln. In Georgien beispielsweise hatte ein Spieler, der mit seinem König die achte Reihe erreichte, das Recht einen bereits geschlagenen Bauern einener Farbe auf einem beliebigen freien Feld der betreffenden Linie neu einzusetzen; auch waren vereinzelt Springerzüge mit der Dame möglich. Abschluss und Höhepunkt der im Mittelalter entwickelten Neuerungen bildete zweifelllos die Umwandlung von Dame und Läufer zu langschrittigen Figuren, die Ende des 18. Jahrhunderts wahrscheinlich von Spanien ausgangen ist. Schlagartig standen der Dame alle 64 Felder des Brettes offen, den Läufern waren statt bisher je 8 nun 32 Felder zugänglich. Beide Figuren konnten nun, entsprechend unseren heutigen Regeln, beliebig weit ziehen und schlagen, solange ihnen kein eigener Stein in Wege stand. Das Überspringen eigener oder gegnerischer Steine war beiden nicht mehr möglich. Dieser Schritt führte die endgültige Wende von mittelalterlichen zum neuzeitlichen Schach herbei. Resümee und Ausblick (auf weitere Artikel): Horst-Uwe Kroll |