8. AmigaOS vs. Amiga Anywhere vs. MorphOS: Das meint Martin Wolf/Eternity

Sicherlich werde ich mit meiner Meinung wieder einigen Usern auf den 
Schlips treten. Ich sehe gewisse Dinge einfach aus einem wirtschaftlichen 
Standpunkt heraus, und dies muss logischerweise nicht immer dem 
entsprechen, was ich mir wünsche.

Das Thema AmigaOS vs. AmigaDE vs. MorphOS bewegt zurzeit ja viele User. Um 
beurteilen zu können, welches System uns nun wirklich in eine bessere 
Amiga-Zukunft bringen könnte, muss man zunächst die Ausgangssituation klar 
beschreiben und dann eben das gewünschte Ziel festlegen.

Die aktuelle Situation ist klar. Der Amiga-Markt ist zusammengebrochen, die 
Infrastruktur für einen kleinen Nischenmarkt nur noch in Ansätzen 
vorhanden, und es sind zu wenige User vorhanden, die zu wenig Hard- und 
Software kaufen. Daraus resultiert wiederum keine signifikante neue 
Produktion von Hard- und Software. Das ganze ist also ein Teufelskreis. Der 
Amiga-Markt stirbt mit jedem Monat, der ins Land zieht.

Das Ziel aller drei Systeme ist nun die Wiederbelebung eines Marktes. Dazu
gehören mindestens 10.000-15.000 aktive User in einem Land wie Deutschland.
Außerdem zähle ich dazu Händler, die untereinander Konkurrenz ausüben,
mindestens drei Zeitschriften, die den Markt bedienen und eben diverse
kleine Hard- und Software-Produzenten, die den Markt mit neuester Software 
von *guter* Qualität beliefern.

Welches der Systeme kann nun dieses Ziel erreichen?

Ehrlich gesagt glaube ich persönlich nicht mehr daran, dass eines der 
System es schaffen kann. Fangen wir mal an mit AmigaDE.

AmigaDE, seinerzeit gedacht als plattformunabhängiges Betriebssystem, ist
aktuell nur eine Spielebox, in der man eben kleine Spielchen laufen lassen 
kann. Man mag mich gern eines besseren belehren, aber die aktuelle 
Vermarktungsstrategie von AMIGA, Inc. ist IMHO gleichzeitig eine 
Offenbarung der Tatsache, dass man ein komplettes Betriebssystem wohl nie 
erreichen wird.
Ich habe es vor Jahren behauptet und behaupte es wieder: Wenn Firmen wie
Microsoft es nicht schaffen, mit WindowsCE eine Dominanz am PDA-Markt zu
erreichen, wie soll es dann AMIGA, Inc. mit seinen sehr knappen Ressourcen
gelingen? Insofern kann man AmigaDE auch nicht mit Betriebssystemen wie
AmigaOS 4 oder MorphOS vergleichen. AmigaDE ist eine Spielebox, mehr nicht.
Für ein komplettes modernes Betriebssystem gehört noch so viel mehr dazu,
dass der Platz in AMIGA aktuell dazu nicht ausreicht, um alle Komponenten
zu listen, die hier noch fehlen. Punkt. AMIGA, Inc. kreide ich an, dass man
wieder zwei Jahre verplempert hat, ohne wirklich etwas zu erreichen.

MorphOS kenne ich leider nur in Form der letzten öffentlichen Betaversion. 
Ich gehe mal davon aus, dass es seitdem erheblich weiterentwickelt wurde 
und es sich nun durchaus 'Betriebssystem' schimpfen darf. Tatsache ist 
jedenfalls, dass es sehr mit AmigaOS verwandt ist und durchaus eine 
Alternative für den Amiga-Anwender wäre. Ein Problem jedoch sehe ich im 
Vermarktungskonzept und in der Zuverlässigkeit der Hersteller. MorphOS soll 
nur auf Pegasos-Rechnern oder eben auf alten Phase-5-Karten laufen. Damit 
wird der potenzielle Markt schon von allein auf maximal 5.000 User 
eingeschränkt. Denn leider sind gerade die aktuellen Ex-Phase-5-Kunden 
genau die User, die sich ein solches System als erstes zulegen würden. Und 
ohne die Unterstützung neuer Software-Produzenten wird sich an dieser 
Sachlage auch nicht viel ändern. Wenn bplan gleichzeitig das Board an 
Linux-User verkauft, hilft das dem Amiga-Markt herzlich wenig, es hilft 
lediglich einigen Händlern und eben bplan. Die Situation der Software auf 
einem MorphOS-System wäre also die gleiche, wie die eines aktuellen PPC-
Systems.

Lustigerweise wären MorphOS-User dann trotzdem auf Spiele z.B. von Hyperion 
angewiesen (über die WarpUp-Emulation), weil sie sonst ein System benutzen, 
auf dem noch weniger Spiele laufen.

Sieht man sich nun in Gedanken einen Pegasos-Rechner an, so sehe ich 
trotzdem keine rosige Zukunft. Man hat zwar einen recht modernen Rechner 
vor sich stehen, kann aber damit kaum etwas modernes machen. Insofern wäre 
diese Lösung für Neueinsteiger eh uninteressant. Java? Flash? Browser? 3D-
Raytracer? Moderne Tabellenkalkulation? Modernes Datenbanksystem? Anbindung 
an den Rest der Welt in Punkto Datenkompatibilität?
Alles Dinge, die fehlen! Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich schätze
die Leistung der Firma bplan und ihrer Mitarbeiter, aber als Weg in die
richtige Amiga-Zukunft ist auch dieser Rechner einfach nicht genug.

Nun zu AmigaOS. Wir alle kennen es seit langem und haben es über die Jahre
lieben gelernt. Leider ist es mittlerweile veraltet und Mörtel bröckelt an
vielen Stellen im System. AmigaOS 4 von Hyperion ist sicherlich, ebenso wie
MorphOS, eine sinnvolle Sache.
Endlich will man bestimmte Dinge ppc-nativ nachreichen und somit den
Weg ebenen für einen sanften Übergang zu einem reinen PPC-Rechner. Aber
auch hier treffen wir wieder auf die gleiche Problematik wie unter MorphOS.
Da wird eine (nach PC-Maßstäben) kleine englische Firma beauftragt, ein 
neues Motherboard zu entwickeln. Nachdem man dies über zwei Jahre nicht 
hinbekommt, nimmt man sich dann ein PPC-Mainboard aus Fernost, klebt einmal 
Amiga darauf und will dieses Board dann mit Linux unter den Amiga-Usern
verkaufen! Ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedanken schlecht. Ich betrachte
mich nun mal auch als potenziellen Endkunden und muss wirklich sagen: 
Sorry, aber so was will ich nicht kaufen.

AmigaOS 4 soll nun irgendwann auf diesem Mainboard laufen. Gehen wir mal 
davon aus, dass es am Tag X wirklich gelingt und das ganze vorgeführt wird,
dann stehen wir trotzdem vor demselben Problem. Wer kauft dieses Board?
Da es keine weitere zusätzliche Softwareentwicklung gibt, wird der Amiga-
Markt nicht größer werden und auch die Kundenzahl wird somit nicht 
ansteigen. Ich schätze natürlich auch die Arbeit von Hyperion und weiß, 
dass die Entwickler dort absolut überzeugt sind von Ihrem Weg.
PPC ist das einzig Wahre und die einzige Chance für unsere Markt, sagt man.
Leider stimme ich dem nicht zu, denn wenn dem automatisch so wäre, wenn 
also wirklich die Kunden uns die Türe einrennen würden, nur weil wir
PPC-Mainboards verkaufen, warum ist dann eine Firma namens Phase 5 
überhaupt pleite gegangen?

Heute ist es weiß Gott nicht mehr damit getan, einen besseren Benoit auf
seinem Rechner zu haben. Es ist auch nicht damit getan, ein Quake zu
besitzen, das eventuell für fünf Monate (bis dahin haben die PCs den
technischen Vorsprung eh wett gemacht) schneller läuft als auf dem
schnellsten PC.

Die Frage ist also: 

Was leisten diese Systeme? Die Antwort: Zu wenig, um den Massenmarkt zu
erreichen.
Was kosten diese Systeme? Die Antwort: Zu viel, um den Massenmarkt zu
erreichen.

Wir leben in einer Zeit, in der hochmoderne Spielekonsolen, wie die X-Box 
oder die Playstation 2, miteinander konkurrieren, in der Betriebssysteme 
wie Windows XP durchaus gut aussehen und auch funktionieren, in der MacOS X
bereits jeden Alternativ-Anspruch vollständig abdeckt. Wo ist hier noch
Platz für ein AmigaOS?

Die Antwort ist simpel. So simpel, dass sie keiner hören möchte. ES GIBT
KEINEN PLATZ FÜR DAS DERZEITIGE AMIGAOS. Amiga bietet keine sinnvolle
Alternative mehr!

Um nun trotzdem wieder Marktpräsenz zu erreichen und unseren geliebten
Rechner wenigstens ein Nischendasein zu sichern, wären meiner Meinung nach
folgende Dinge notwendig:


* Alle Amiga-OS Versionen dürfen frei miteinander konkurrieren

Es ist egal, wie das AmigaOS aussieht. Ob es MorphOS ist oder Amithlon. Ob 
es AmigaOS 4 oder AmigaXL ist. Selbst WinUAE bietet eine Amiga-Oberfläche 
und könnte, bei entsprechender Software, Amiga-User zurückholen. Das 
traurige ist, dass, wenn es niemanden gäbe, der die Rechte am Source von 
AmigaOS hätte, es dem Markt wahrscheinlich besser gehen würde.
Da aber der Zug für ein 'eigenständiges Überleben' eines der obigen System 
eh abgefahren ist, besteht kein Grund mehr auf Exklusivität. Die aktuellen 
Debatten zwischen den Firmen ergeben sich IMHO nur aus den bestehenden 
Verträgen und der Angst, eventuell die Felle davon schwimmen zu sehen. Dass 
man damit dem Amiga-Markt in zweiter Instanz mehr schadet als hilft, ist 
anscheinend nicht mehr wichtig, und so schadet man in Wirklichkeit der 
eigenen Firma. Traurig aber wahr.

Die Pflicht von AMIGA, Inc. wäre es, hier die Legislative zu spielen und 
dafür zu sorgen, dass sich alle Systeme in die richtige Richtung 
entwickeln. Ja, ich fordere AMIGA, Inc. sogar auf, die verschiedenen 
AmigaOS-Versionen offiziell für den Verkauf freizugeben und sich lediglich 
um die Rahmenbedingungen eines jeden Systems zu kümmern. Die Aufgabe von 
Amiga, Inc. sollte vielmehr darin bestehen, die *globale* Richtung für 
AmigaOS vorzugeben und bei bestimmten fehlenden Dingen punktuell 
nachzubessern. Im übrigen braucht man dazu nicht viel Geld, nur viel Fleiß.


* Die Entwickler am Amiga-Markt müssen endlich zusammenfinden

Nur durch die *Zusammenarbeit* der verschiedenen Hersteller könnte man
Synergieeffekte erzielen, die wiederum die Kosten für die verschiedenen 
Systeme reduzieren würden. Ein Beispiel sind aktuell die USB-Stacks. 
Jahrelang wurde nichts entwickelt, und derzeit sitzen auf einmal drei oder
mehr Entwickler daran. Wieso?

Ein weiteres Beispiel sind die Grafikkarten-  und Soundkartentreiber für
PCI-Boards. Ich möchte mal wetten, dass es weder Elbox noch DCE genutzt 
haben kann, hier auf Exklusivität zu setzen. Wer gewinnt durch solch eine
Vorgehensweise?
Niemand. Der Markt wird gespalten, die User kloppen sich auf amiga-news.de, 
und die Firmen bringen kein Geld nach Hause, um weiterhin für Amiga 
Hardware zu entwickeln. Und wenn es denn so ist, dass man tatsächlich nur 
teurere Hardware als ein Konkurrent herstellen kann, sollte man es 
vielleicht einfach lassen und das Geld in andere Dinge stecken.

Ich fordere AMIGA, Inc. auf, hier punktuell nachzubessern! Angeblich soll 
ja jetzt ausreichend Geld vorhanden sein. Dann bitte... Man schaue im
Linux-Markt nach, hole sich die entsprechenden Quellcodes für Software, 
suche bestimmte Entwickler, die als Freizeitprogrammierer für die 
Fertigstellung dieser Software einen Shareware-Mindestsatz von 1000 Euro 
bekommen, und schon hat man mit wenig Geld einen Software-Markt belebt.
Natürlich sprießt nicht überall direkt ein Pflänzchen, nur weil man Samen
aussäht. Aber hier und da wird es funktionieren, und die Situation wird 
sich verbessern.


* Solange auf Emulationsbasis arbeiten, wie der Markt zu klein ist

Jedes der obigen Systeme hat allein leider keine Existenzmöglichkeit. Alle 
Systeme zusammen genommen könnten jedoch durchaus genug User erreichen,
damit es sich in Zukunft wieder lohnt, Software für den Amiga zu erstellen.
Wie gesagt, 10.000-15.000 User wären das Minimum, um zu überleben. Als 
Folge bedeutet das natürlich, dass man Software entwickeln muss, die auf 
allen Systemen einwandfrei funktioniert. Fakt ist genauso, dass alle 
Systeme mehr oder weniger auf Emulationen basieren. WinUAE mehr, AmigaOS 4 
weniger, usw... Somit heißt die derzeitig einzige Alternative 68k-Programm 
mit WarpUp-Routinen. Ich verlange ja nicht, dass die Entwickler nun keine 
MorphOS-spezifischen Routinen mehr verwenden sollen, um noch mehr Leistung
herauszukitzeln, sondern ich sage nur, dass die Bandbreite der Amiga-
Systeme trotzdem genutzt werden sollte. Wer nicht viel Leistung benötigt, 
kann weiterhin in 68k programmieren. Wer Leistung benötigt, programmiert in 
C neben der 68k-Version eben eine eigene schnellere Routine, vorzugsweise 
WarpUp, da diese noch von den meisten System unterstützt wird. Ein Programm 
wie MakeCD benötigt keine schnelleren Unterroutinen, es sei denn für
mp3-Onthefly. Wenn diese Routine gleichzeitig in WarpUp vorliegt, 
profitieren alle System davon, bis auf reine 68k-Systeme, die aber im
Falle einer Emulation eh wieder schnell genug sind. Hier kreide ich es 
AMIGA, Inc. an, nicht klare Ziele definiert zu haben und dem interessierten
Shareware-Entwickler keine Hilfe zu geben.

Ich fordere AMIGA, Inc. also auf, klar zu definieren wie die Zukunft für
einen Entwickler aussieht. Welchen Compiler sollte man benutzen? Wie
kompiliere ich x86-nativ, wie kompiliere ich für MorphOS nativ, wie für
AmigaOS 4? Und ich fordere AMIGA, Inc. auf, zur Emulation zu stehen, 
solange es anders nicht machbar ist. Die heutigen Prozessoren sind schnell 
genug, da interessiert es mich nicht die Bohne, ob meine Mails in zehn 
Sekunden oder zwölf Sekunden gelesen werden. Wichtig ist viel eher, dass 
ich die Software zur Hand bekomme.


* AMIGA, Inc. müsste die Betreuung des Marktes übernehmen

Manchen mögen meine Vorstellungen etwas radikal erscheinen, aber
aussichtslose Situationen erfordern radikale Einschnitte, wenn man noch
etwas retten will. Die heutigen User wissen doch gar nicht mehr, dass es
Amiga noch gibt. Wenn sich tatsächlich mal jemand über Amiga informieren
will, bekommt er eventuell von Google www.amiga.com und www.amiga-news.de 
zu sehen. Auf www.amiga.com steht praktisch nichts Brauchbares für 
interessierte Neueinsteiger, und auf www.amiga-news.de erfährt man derzeit 
nur von Streitigkeiten unter den Amiga-Usern. Der potenzielle Kunde wird 
allein durch diese Dinge schon abgeschreckt. Spätestens wenn er dann einen 
der Händler anruft und sich über den Preis informiert, fällt er aus allen 
Wolken, denn das Preis/Leistungs-Verhältnis stimmt einfach nicht. Das 
Resultat ist natürlich, dass der Kunde dann doch lieber bei seinem alten 
System bleibt.

Ich fordere AMIGA, Inc. also auf, dem interessierten Neueinsteiger im 
Internet eine Informationsplattform zu bieten, die darüber Auskunft gibt, 
was wo von welchem Hersteller existiert, bestimmte Dinge ausführlich mit 
Bild zu beschreiben und die zukünftigen Entwicklungen, auch der 
Dritthersteller, zu benennen, so dass der potenzielle Kunde sich für ein 
System entscheiden kann und somit zum Amiga-User wird.

Es gibt immer noch Punkte beim Amiga, die auf anderen Systemen so nicht 
existieren und deshalb dafür prädestiniert sind, auf einer solchen Seite 
genannt zu werden. Dazu zähle ich z.B. Rexx und die Fähigkeit des Amiga, 
fast alle Programme miteinander kommunizieren zu lassen.

Der potenzielle User muss einen Einblick darüber bekommen, WAS er mit einem 
Amiga machen kann, und was nicht.  


* Die Amiga-User müssen wieder liberaler (auch untereinander) werden

Ich weiß, dass dies weh tut. Vor zwei Jahren habe ich ein Umdenken von euch 
gefordert, und nun tue ich es wieder. Die alten Amiga-Tage sind vorbei. 
Hört auf, euren Amiga-Nachbar für verrückt zu erklären, nur weil er eine 
andere Amiga-Emulation benutzt oder tatsächlich noch mit einem 030er-
Prozessor arbeitet. Das ist Unsinn! Viel wichtiger wäre es, die Entwickler
darauf hinzuweisen, dass dieses oder jenes auf dem eigenen Lieblingssystem
nicht funktioniert und ihnen somit zu zeigen, dass es tatsächlich Amithlon-
Kunden (Beispiel!) für Frogger oder MakeCD gibt. Gebt den Entwicklern auch 
Feedback, lobt sie für teilweise unbezahlte Arbeit.
Kritisiert aber auch unnötige Abzocke und warnt andere User vor derselben 
Falle. Wir sitzen nun mal alle in einem Boot. Amen. :-)

So, mir fallen zwar noch diverse andere Punkte zu diesem Streitthema um das 
richtige OS ein, aber ich belasse es erst mal bei den genannten Punkten, 
sonst werde ich wieder nicht fertig mit ToT. :-)

Martin Wolf <Eternity@Pride.de>