Was nun?
Hochschulstandort Deutschland
Fundstelle: www.schulbank.de

Spätestens seit der PISA-Studie steht der Schulstandort Deutschland in der Kritik. Wie steht es um die deutschen Hochschulen? Ist es für junge Menschen attraktiv, in Deutschland zu studieren? Und bilden die Universitäten die Arbeitskräfte aus, die Wirtschaft und Gesellschaft brauchen?

Als das "Volk der Dichter und Denker" mag Deutschland noch immer vielen gelten, und andere werden betonen, dass es die deutsche Ingenieurskunst war, der dieses Land seinen Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg verdankt. Doch geht es nach den Hiobsbotschaften über den Bildungsstandort Deutschland, dann stehen beide Traditionen - die geistesebenso wie die naturwissenschaftliche - in krassem Gegensatz zur heutigen Verfassung des Bildungssystems.

Dem Zulauf zu den 170 Universitäten und 188 Fachhochschulen in Deutschland tut dies jedoch keinen Abbruch. Erwarb 1970 nur jeder zehnte Schulabgänger die Hochschulreife, so waren es 2000 mit 37,2 Prozent fast vier Mal so viele. Dies er Anteil ist seit Mitte der neunziger Jahre konstant. Und jeder dritte junge Mensch beginnt in Deutschland ein Hochschulstudium - innerhalb von drei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Studienanfänger verdreifacht. Insgesamt zieht es unverändert viele Menschen in eine Hochschulausbildung in Deutschland.

Das gilt auch für Studierende aus dem Ausland. Seit 25 Jahren wächst der Anteil ausländischer Studienanfänger an deutschen Hochschulen kontinuierlich. Von knapp 7 Prozent 1975 stieg er auf 17 Prozent im Studienjahr 2000/2001. Dabei ist der Studienstandort Deutschland vor allem beliebt bei Studenten aus den westeuropäischen Nachbarstaaten, Osteuropa und Teilen Asiens. Weniger attraktiv ist Deutschland hingegen für Studenten aus den Tigerstaaten Asiens und den USA.

Über mangelnden Zulauf können sich die deutschen Hochschulen somit nicht beklagen. Auf einem anderen Blatt steht, wie gut sie den Personalbedarf der Wirtschaft abdecken. Dabei ist es zunächst ein grundlegender Nachteil, dass in Deutschland zu lange studiert wird und die Absolventen zu spät in den Beruf einsteigen. Wer ein Studium beginnt, ist im Durchschnitt 21,6 Jahre alt, und erst mit 29,0 Jahren hat er es abgeschlossen. Noch gravierender sind die Nachteile, die entstehen, wenn die Akademiker, die die Hochschulen verlassen, anders qualifiziert sind als die Arbeitskräfte, die die Wirtschaft nachfragt. In Deutschland hat der Anteil der Studierenden in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in den neunziger Jahren durchgängig zugenommen, ebenso der Anteil angehender Sprach- und Kulturwissenschaftler. Demgegenüber stagniert der Anteil der Studierenden in Mathematik, und in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern geht er deutlich zurück.

Prekär ist auch, dass sich die Zahl der Studienanfänger in den Lehr-amtsstudiengängen in den letzten 25 Jahren nahezu halbiert hat. So ist ein Mangel ausgerechnet an der Stelle absehbar, an der die Weichen für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland gestellt werden: in der Schule. Zwar zeichnet sich eine Trendwende ab, doch der Nachwuchsmangel an Ausbildern in naturwissenschaftlichen Fächern und an berufsbildenden Schulen wird anhalten. In den Naturwissenschaften ist die Lage insgesamt ungünstig. Anlass zur Sorge gibt hier auch der Rückgang der Absolventen in den Studiengängen mit den Abschlüssen Diplom, Magister und Promotion.Vor allem bei der Zahl angehender Physiker und Chemiker sehen die Statistiker erst den Anfang des Abwärtstrends.

Durch die Diskussion über die "Green Card" hat die Situation im Fach Informatik große öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Die Zahl der Studienanfänger in Informatik ging in der ersten Hälfte der neunziger Jahre kontinuierlich zurück, aber seither hat sich die Zahl der Erstsemester mehr als verdreifacht. Dem Verlauf der Studienanfängerzahlen entsprechend, setzte der Rückgang der Absolventenzahlen 1998 ein. Dieser Trend wird sich voraussichtlich in diesem Jahr erstmals umkehren.

Fazit: Eine akademische Ausbildung in Deutschland halten viele junge Menschen aus dem In- und Ausland nach wie vor für lohnend. Das Vorurteil, der Hochschul-standort Deutschland sei für Ausländer nicht mehr attraktiv, bestätigt sich nicht, wenn man von regionalen Unterschieden absieht. Das eigentliche Problem ist der Nachwuchsmangel in ingenieurwissen-schaftlichen Fächern und der mangelnde Gleichklang zwischen der Konjunktur der Arbeitskräftenachfrage und dem Output des Bildungssystems. Das zeigt sich in aller Schärfe an der Situation im Fach Informatik und in der Lehrerausbildung. Eine Herausforderung für die Bildungspolitik liegt darin, hier zu einer nachhaltigeren Entwicklung beizutragen.

Autor:   Wolf Zimmer E-Mail: wolf@wozim.de Homepage: http://www.wozim.de