Dyskalkulie

Dyskalkulie ist die Bezeichnung für die Unfähigkeit, einfachste mathematische Zusammenhänge zu begreifen. Sie ist für Mathematik das selbe, wie Legasthenie für Lesen und Schreiben. Die Bezeichnung Dyskalkulie ist insofern problematisch, dass man annehmen könnte, es handle sich hierbei um eine Krankheit, deren Beseitigung mit standardisierten Methoden (Medikamentöser, didaktischer oder psychologischer Art) möglich ist. Dies ist jedoch NICHT der Fall. Dennoch ist die Dyskalkulie als Krankheitsbild in den International Catalogue Of Diseases ICD aufgenommen worden, um so eine rechtliche Grundlage zu schaffen, dass ihre Behandlung grundsätzlich auch von Krankenkassen bezahlt werden kann. In Deutschland werden die Kosten von den Jugendämtern einiger Städte und Gemeinden übernommen.

Andere Bezeichnungen für Dyskalkulie sind Rechenschwäche und Arithmasthenie.


Ursachen

Es gibt zwei Arten von Dyskalkulie. Mit der durch Hirnschädigung entstandenen Form, wo bereits vorhandene mathematische Fähigkeiten verlorengegangen sind, will ich mich hier nicht befassen. Von Interesse sei hier der Fall, daß mathematische Fertigkeiten bzw. mathematisches Verständnis erst gar nicht entstanden sind bzw. ist.
Die Ursachen für das Nicht-Erlernen von Rechnen können vielfältig sein:

  • Wahrnehmungsschwierigkeiten wie schlechtes Augenlicht oder Schwerhörigkeit, unterentwickelter Tastsinn oder mangelnde motorische Fähigkeiten.
  • Wenn das Kind eine dominante rechte Gehirnhälfte hat, die Entfaltung der damit verbundenen Linkshändigkeit aber unterdrückt wurde
  • Fehlerhafte sensorische Integration (z.B.: Sich vorstellen, wie ein gefühlter Gegenstand aussieht)
  • Wenn das Kind in seiner Entwicklung nicht oder mit ungeeigneten Reizen konfrontiert war
  • Wenn das Kind die vorhandenen Reize nicht verarbeiten konnte, weil es stark emotional beansprucht wurde, z.B. durch Ehestreit oder Todesfälle in der Familie
  • Durch Leistungsdruck aus dem familiären Umfeld oder in der Schule.


Auswirkungen auf das Kind

Betroffene Kinder haben verschiedene Arten, mit dem Problem umzugehen. Viele Kinder entwickeln ausgefeilte Strategien, um ihre Probleme zu verstecken. Sie reagieren auf leichteste emotionale Regungen, die ihnen verraten, wann ihr Gegenüber mit der präsentierten Antwort zufrieden ist. Sie korrigieren falsche Aussagen geschickt (notfalls mehrmals innerhalb weniger Sekunden) nach, wenn die Signale des Gesprächspartners die Richtigkeit der Aussage nicht bestätigen.

Gravierender sind die oft auftretenden psychischen Probleme, die sich mehr oder weniger direkt äußern. Um einige Beispiele zu nennen: Migräne, Durchfälle, Magenprobleme, zunehmende Probleme in den anderen Fächern in der Schule, Todeswunsch. Diese diesbezüglichen Äusserungen der Kinder sind durch das Lehrpersonal sehr ernst zu nehmen.


Wie erkenne ich, ob mein Kind betroffen ist?

Es gibt hier keine sicheren Zeichen, aber eine Häufung von den oben aufgelisteten und nachfolgend beschriebenen Symptomen sollte Sie veranlassen, sich an Die Klassenlehrerin zu wenden, an Eltern mit ebenfalls betroffenen Kindern (eventuell diagnostiziert, d.h. mit bewiesener Dyskalkulie), oder andere Fachkundige, z.B. speziell ausgebildeten Psychologen (Schulpsychologischer Dienst). Auch ich stehe gerne zu Nachfragen zur Verfügung, weise aber darauf hin, dass eine Ferndiagnose nicht zuverlässig ist, sondern lediglich Orientierungshilfe bieten kann.

Weitere Symptome von Dyskalkulie:
Die Eltern brauchen recht lange, um dem Kind bei seinen Mathe-Aufgaben zu helfen, und beim nächsten Mal ist alles wieder vergessen; Es kommt schnell zum Streit, wenn man mit dem Kind mathematisch arbeitet; Es lehnt Bauklötze und andere Konstruktionsspielzeuge ab; Es zeigt wenig Antrieb, selbst daraus Gegenstände zu bauen, will sagen: solche, die nicht in der Bauanleitung gezeigt werden; Es gibt erhebliche Schwierigkeiten beim Rückwärtszählen, der Rückwärts-Zehnerübergang gelingt nicht; Zahlen werden vertauscht (32 statt 23); Schriftliche Rechnungen der Art 36-31=05; und viele weitere Beispiele.


Die Wahrnehmung der Mathematik durch das Kind

Der Grundstein der Mathematik ist das spontane Erfassen der Anzahl von Gegenständen, das durch darauf spezialisierte Neuronen erfolgt. Anzahlen von ein bis drei Objekten können auch spontan wahrgenommen werden, während, wenn man des Zählens nicht fähig ist, 4 Dinge auch wie 3, 5 oder 6 wirken können. Man denke nur daran, wie unmöglich es ist, zu erkennen, ob da 4 oder 5 Fliegen um die Lampe fliegen. Anzahlen werden nur grob wahrgenommen.

Zählen ist für rechenschwache Kinder bloß das zeitgleiche Durchführen eines Abzählreims mit einer Zeigehandlung und dann gelungen, wenn der Lehrer das Ergebnis als richtig bezeichnet. Warum es wichtig sein soll, ob ein Abzählreim bei 23 oder 24 endet, ist völlig unklar, zumal beide Mengen doch gleich aussehen. Addition wird als Weiterzählen "gelernt". Erfolgreiche Rechnungen sind lediglich feste Algorithmen, die ohne auch nur ein oberflächliches Verständnis für die Funktionszusammenhänge durchgeführt wurden. Die Interpretation der Ergebnisse von Rechnungen erfolgt nur in formelhafter Rezitation von formal gelernten Antwortsätzen der Art "Zusammen sind es also 18 Bonbons". Kinder bringen es in der formalen Befolgung von auswendig Gelerntem zu solcher Meisterschaft, dass Dyskalkulie lange unerkannt bleiben kann.


Dies ist ein Auszug aus einem Vortrag des Herrn Hendrik Simon für Lehrer/Lehrerinnen der Grundschule.

Autor:  
Wolf Zimmer
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