Abschließend ------------ Verhärtete PowerPC-Fronten - und mögliche Folgen (von Carsten Schröder) In den letzten Wochen hat sich mein Eindruck verstärkt, dass eine Kooperation zwischen der "PowerPC-Koalition A" (AMIGA/Eyetech/Hyperion) und der "PowerPC-Koalition B" (bplan/Thendic/MorphOS-Team) nicht nur eine Illusion ist, sondern wohl auf absehbare Zeit auch eine bleiben wird. Hauptgrund ist - wieder einmal -, dass jeder der Kontrahenten auf seinen Standpunkten beharrt und keinen Millimeter nachzugeben bereit ist. Auf den ersten Blick ist das sogar verständlich, denn allen Seiten geht es natürlich primär nicht um den Amiga oder die User, sondern um das liebe Geld. Wahrscheinlich denkt sich jeder: Die anderen haben gegen uns sowieso keine Chance - weshalb sollten wir sie mit ins Boot nehmen und den Gewinn teilen? Es soll User gegeben haben und vielleicht sogar noch geben, die dieses Verhalten "Microsoft-Mentalität" nennen, ich dagegen würde es eher als "Amiga-Syndrom" bezeichnen, oder auch als "die bekannte Amiga- Kooperationsunfähigkeit", die spätestens nach der Commodore-Pleite, wie eine Krankheit, immer mehr um sich gegriffen hat. Auf anderen Märkten hat sich längst herumgesprochen, dass Kooperationen in aller Regel mittelfristig zu einem höheren Gewinn führen - und zwar für alle Beteiligten. In einem so winzigen Markt wie unserem kommt noch hinzu, dass dort oftmals sogar das Überleben der betreffenden Firmen davon abhängt, ob es zu einer Zusammenarbeit kommt oder nicht. Konkret auf den Amiga-Bereich bezogen heißt das: Die Gefahr ist sehr groß, dass am Ende beide Seiten (und mit ihnen die Anwender) verlieren, weil sich sowohl AmigaOS als auch MorphOS nicht einmal oft genug absetzen lassen, um zumindest die Softwareentwicklungskosten zu decken. Aber ich mache mir wie gesagt keine Illusionen. Zu einer Kooperation der Kontrahenten wird es allenfalls zu einem Zeitpunkt kommen, wenn beide Seiten endgültig am Abgrund stehen - und dann ist es zu spät. Vorher wird niemand die Stärke aufbringen, über seinen eigenen Schatten zu springen, zumal in unserem Fall nicht einmal nur unternehmerische Dickköpfigkeit eine Rolle spielt, sondern - und dies dürfte sogar ausschlaggebend sein - auch persönliche Animositäten. Die beiden Lager beziehungsweise einige wichtige Entwickler sind sich sprichwörtlich spinnefeind, und daran trägt der jahrelange Konflikt PowerUp versus WarpOS beziehungsweise Phase 5 digital products versus Haage & Partner eine nicht geringe Schuld. Was mich aber besonders nachdenklich stimmt: Seit Monaten muss ich zur Kenntnis nehmen, dass sich diese Zerstrittenheit nicht mehr nur auf Manager, Entwickler und ihre Wortführer beschränkt, sondern allmählich auch auf die Anwender übergreift. Zwar ist die überwiegende Mehrheit momentan noch so vernünftig, sich nicht vorab für das AmigaOS 4.0 oder MorphOS zu entscheiden, und das ist auch die einzig sinnvolle Verhaltensweise, denn bis jetzt ist es ja noch völlig offen, wann die Betriebssysteme in Endanwenderversionen erhältlich sein werden und welches von ihnen qualitativ und quantitativ besser abschneiden wird - von den rechtlichen Fragen einmal ganz abgesehen. Nichtsdestotrotz steigt die Zahl derjenigen User stetig, die sich bereits vorab festlegen und in den Amiga-Foren kräftig die Werbetrommel für "ihr" OS rühren. Ich sehe darin ein er(n)stes Anzeichen einer echten Spaltung der Amiga-Anwenderschaft, hin zu zwei auf PowerPC-Ebene nicht kompatiblen Betriebssystemen. Und dieser Konflikt wird sich weiter verschärfen - zumindest dann, wenn tatsächlich beide Entwicklungen, AmigaOS und MorphOS, etwa zur selben Zeit erscheinen und das Erstgenannte nicht der eindeutige Favorit der User ist. In dem Fall rechne ich fest damit, dass AMIGA, Inc. juristisch gegen MorphOS vorgehen wird. Sollte es Bill McEwen und Co. gelingen, die Vermarktung der Konkurrenzentwicklung rasch zu stoppen, dann würde auf diese Weise eine Spaltung des Amiga-PowerPC-Bereichs quasi in letzter Minute verhindert. Käme AMIGA, Inc. aber vor Gericht nicht durch und gäbe das Unternehmen im Anschluss daran auch nicht klein bei, wäre das Projekt "PowerPC-Amiga" gescheitert - aus einem simplen Grund: Um auch zukünftig sämtliche Amiga- User (inklusive den immer zahlreicher werdenden Nutzern von x86- Emulationen) ansprechen zu können, würden die allermeisten Softwareentwickler weiterhin auf die Schiene AmigaOS 3.x/68k setzen und von der jeweiligen PowerPC-Funktionalität der beiden Betriebssysteme entweder gar keinen Gebrauch machen oder diese nur optional unterstützen. Denn von der Geschwindigkeit her werden die im AmigaOS 4.0 und MorphOS enthaltenen 68k-Emulationen bei Nutzung aktueller PowerPC-Hardware einen 68060 mit Sicherheit deutlich überflügeln (und die 68k-Performance nimmt natürlich mit jedem neuen PowerPC-Prozessor weiter zu), so dass es nur wenige Anwendungsbereiche geben wird, in denen unbedingt native PowerPC-Leistung vonnöten ist. Die Veröffentlichung der PowerPC-only-Betriebssysteme AmigaOS 4.0 und MorphOS könnte also paradoxerweise zu einer Stärkung der Amiga-68k- Plattform auf Kosten der Amiga-PowerPC-Plattform führen. Damit bis zur nächsten Ausgabe, euer Carsten Schröder |