2. Softwaretest: Boingbag 3.9.2 für AmigaOS 3.9 (von Christian Aichinger)
Was lange währt, wird endlich gut. Kurz vor Ostern machte Amiga, Inc. allen
Besitzern von OS 3.9 eine kleine Freude mit dem neuen und schon lange
erwarteten Systemupdate, das die Version des Amiga-Betriebssystem auf
nunmehr 3.9.2 anhebt. Die auf die drei LhA-Archive BB3.9-2, BB3.9-2-
Contribution und BB3.9-2-Locale verteilte Distribution läßt sich auf der
Homepage von Haage & Partner [1] herunterladen und hat entpackt einen
Umfang von ca. 4.5 MB.
Screenshot:
Was bringt's:
Die interessantesten Neuerungen sind vor allem eine gründlich überarbeitete
Shell - ViNCED liegt nun in der Version 3.91 (bzw. die AmigaShell in
Version 45) vor - und eine fehlerbereinigte und leicht beschleunigte
exec.library, die die Versionsnummer 45.20 trägt.
Die überarbeitete Amiga-Shell verfügt über drei neue und vier erweiterte
Befehle und bringt zudem neue, hauptsächlich aus der Unix-Welt bekannte
Funktionen mit sich. Shell-Programme können z.B. neuerdings anstatt mit dem
Befehl "run" auch mit einem "&" dazu bewegt werden, die weitere Kommando-
Eingabe über dieselbe Konsole zu ermöglichen. Das Kommando
"SYS:Utilities/MultiView &" macht also genau das gleiche wie "run
SYS:Utilities/MultiView". Auch die Ausgabe-Umleitung von Fehlermeldungen
von Shell-Programmen wird jetzt unterstützt, solange sich der Programmierer
an die Amiga-Programming-Styleguides gehalten hat.
Interaktive Shell-Programme (z.B. der Befehl "Ask", der innerhalb von
Shell-Skripten Abfragen beim Anwender vornimmt) können nun auch mit
externen Skripten automatisiert werden. Und auch das nicht wirklich neue
Protection-Bit "h" feiert seit OS 3.9.2 sein Revival und ergänzt damit den
Befehl "Resident". Befehle, die über dieses Bit verfügen, werden
automatisch beim ersten Aufruf resident im RAM-Speicher abgelegt. Das
"Backtick-Feature" der Shell - also die Möglichkeit, das Ergebnis eines
Befehls als Argument für einen anderen Befehl in derselben Kommandozeile zu
übernehmen - wurde erweitert. So können jetzt in einer Kommandozeile
mehrere in Backticks eingeschlossene Kommandos hintereinander verwendet
werden. Oder einfacher erklärt: Die Kommandozeile...
echo "Dateiname: `requestfile`*nVerzeichnisname: `requestfile drawersonly`"
...funktioniert erst mit OS 3.9.2. Leider liegt die Dokumentation der neuen
Shell-Features nur in englischer Sprache vor, und da diese Funktionen zum
Teil nun nicht gerade trivial sind, dürfte der ein oder andere Anwender,
der nicht der englischen Sprache mächtig ist, so seine Probleme bekommen.
Die neue Exec wurde ebenfalls aufgeräumt. Die Funktionen zur Verwaltung von
MemoryPools - einem System, mit dessen Hilfe die Fragmentierung des
Hauptspeichers des Amigas in erträglichen Maßen bleibt - wurde
generalüberholt.
Anwender von Mac-Emulationen können nun auf nervige PrepareEmul-, Rsrvcold-
oder Rsrvwarm-Aufrufe verzichten. Der Aufruf von Setpatch 3.9.2 (oder
besser gesagt 44.38) genügt, um die von der Mac-Emulation benötigten
Speicherbereiche für MacOS freizuhalten. Außerdem wurden einige Bugs
entfernt. Laut den Release-Notes aus dem NDK 3.9 ([2]) wurde unter anderem
auch die Funktion ColdReboot() etwas geändert, um auf 68040 und 68060 "die
richtigen Dinge" zutun. Genaueres kann aber dem genannten Dokument
entnommen werden. Besitzer von älteren Distributionen des RTG-Systems
CyberGraphics müssen unbedingt darauf achten, daß die aktuelle Version auf
dem Rechner installiert ist. Es kann sonst nach der Installation des
Boingbag 3.9.2 zu den merkwürdigsten Phänomenen oder gar kompletter
Fehlfunktion des Treibersystems kommen. Auf meiner Konfiguration (siehe
[3]) konnte ich nach Installation des Boingbag 3.9.2 z.B. den Bildschirm
meiner Workbench nicht mehr ändern, da nur noch Nicht-CGFX-Bildschirme
angezeigt wurden. Diverse Anwender berichteten auch, daß ihre Workbench
nach dem Neustart nur noch 15KHz-Modies verwenden konnte. Dies liegt
allerdings nicht an einem Fehler der neuen Exec sondern vielmehr an einem
nicht systemkonformen Verhalten dieser älteren Cybergraphics-Ausgaben.
Anwender des Treibersystems Picasso96 sind davon jedoch nicht betroffen.
Anwender die Probleme mit ihrer Grafikkarte bekommen, können entweder die
Datei "Devs:AmigaOS ROM Update" löschen oder mit etwas mehr Feingefühl den
Setpatch-Eintrag in der Startup-Sequence auf folgende Art abändern:
C:SetPatch QUIET SKIPROMUPDATES "exec.library"
Da Setpatch resetfest beim ersten Systemstart installiert wird, muß der
Rechner nach dieser Modifikation ausgeschaltet und danach neu gebootet
werden.
Grafikkartenbesitzer, die nicht über einen 15KHz-fähigen Monitor verfügen,
können sich ebenfalls über das Boingbag 3.9.2 freuen, denn das Early
Startup Menu kann erstmals in einem VGA-freundlichen 31KHz-Grafikmodi
dargestellt werden. Ein eventuelles Umstöpseln an den Fernseher oder den
alten 15KHz-Monitor im Notfall entfällt (sofern man sich die
Tastenkombination für das Umschalten gemerkt oder zumindest aufgeschrieben
hat ;-) ). Anwender, die nur einen 15KHz-Monitor verwenden, sollten aber
unter allen Umständen die Finger von dieser neuen Möglichkeit lassen. Der
Monitor kann dadurch zerstört werden (nein, kein Aprilscherz!!).
Ferner bekamen auch viele weitere Utilities und Systembestandteile ihr Fett
weg. Das XAD-System, das zum Entpacken diverser Archiv-Formate wie ZIP, LhA
und LZX Verwendung findet, wird in der aktuellen und bisher nur als
Shareware erhältlichen Version 10 mitgeliefert. Für Anwender von Amiga-
Emulationen ist dabei besonders die Unterstützung von ADF-Dateien
erwähnenswert. Das Tool Unarc behandelt ADF-Dateien (Amiga Disk File) nun
so, als wäre es ein ZIP- oder LhA-Archiv. Solche Dateien können ohne Umwege
über die Floppy oder FMS extrahiert werden.
Screenshot:
Einige Bestandteile des Datatype-Systems wurden ebenfalls überarbeitet. So
verfügt der picture.datatype über ein neues Voreinstellerprogramm mit
dessen Hilfe beliebige Programme vor Verwendung des picture.datatype
ausgeschlossen bzw. deren Umgang mit Grafiken, die über das Datatype-System
geladen werden, konfiguriert werden kann. Auch der für die Tonausgabe
zuständige sound.datatype kann nun Audiodaten via AHI über eine Soundkarte
ausgeben.
ASyncWB wurde ebenfalls optimiert. Der "Befehl ausführen"-Requester
unterstützt nun Drag&Drop. Der Anwender kann also einfach ein Piktogramm
auf dem Texteingabefeld ablegen, und der komplette Pfad wird dort sofort
übernommen. Auch eine Historyfunktion wurde integriert, damit mehrmals
benötigte Eingaben nicht ständig erneut eingetippt werden müssen. Wenn
mehrere Piktogramme umbenannt werden sollen, wird jetzt nicht mehr für jede
einzelne Datei ein Requester geöffnet, sondern jede Datei kann nacheinander
entsprechend geändert werden. Übrigens kann der Dateiname nun auch direkt
mit dem Informations-Requester umbenannt werden. Ganz generell wurde die
Interaktion mit dem Anwender verbessert. Falls zum Beispiel ein Verzeichnis
angelegt werden soll, das schon existiert, macht ASyncWB den Anwender
darauf auch aufmerksam.
Screenshot:
Ebenfalls erfreulich ist die Aufnahme des OpenURL-Systems als Standard ins
AmigaOS (siehe auch "Kleine Helfer" in AMIGA aktuell 01/2001). Der Anwender
kann mit diesem System den persönlich favorisierten Webbrowser und E-Mail-
Client festlegen. Es sollte damit ein für allemal unnötig werden,
irgendwelche veralteten Demoversionen von nicht mehr weiterentwickelten
Webbrowsern zu installieren, nur damit die Heft-CD korrekt funktioniert.
Schön ist auch, dass OpenURL nicht so stiefmütterlich wie so manch
bisheriger Standard im System integriert wurde. Zum Beispiel unterstützt
der "Befehl ausführen"-Requester auch das Aufrufen von URLs. Man tippt
einfach die URL ein, und der vorkonfigurierte Browser wird mit der
eingetippten URL gestartet.
Screenshot:
Kleinere Änderungen wurden an den Programmen MultiView, HDToolBox,
Calculator und Benchtrash vorgenommen. Multiview als auch HDToolbox
verfügen nun über neue Tooltypes. Calculator und Benchtrash wurden an die
seit OS3.5 verfügbare ReAction-GUI angepaßt. Der Audio-CD-Player PlayCD
unterstützt in der neuen Version die Internet-Datenbank CDDB.
Screenshot:
Wird eine Audio-CD eingelegt und ist der Rechner mit dem Internet
verbunden, wird die virtuelle CD-Klappe geöffnet und der Interpret sowie
der Name der CD angezeigt. Damit dies funktioniert, muß zusätzlich die
cddb-lib installiert werden...doch dazu später mehr.
Die Suchfunktion der Workbench erhielt gleichermaßen eine Auffrischung.
Eine Datei kann nun nicht nur nach dem Dateinamen sondern auch nach dem
Inhalt durchsucht werden. Durch einen Doppelklick auf eines der
Suchergebnisse kommt DefIcons ins Spiel, denn der wirkt sich wie der Start
des Piktogramms (sei es nun das wirklich vorhandene oder ein Default-
Piktogramm) von der Workbench aus, sprich: Sollte es sich um eine IFF- oder
PNG-Grafik handeln, wird der im Original- oder Default-Piktogramm
angegebene Viewer automatisch ausgeführt und die Grafik angezeigt. Schade
ist, daß man gefundene Dateien nicht direkt mit Find auf die
Workbenchoberfläche auslagern kann. Nun ja, man kann nicht alles haben.
Installation:
Bevor Boingbag 3.9.2 installiert wird, sollte als erstes die AmigaOS3.9-CD
oder die AmigaXL-CD eingelegt und unter AmigaOS angemeldet werden. Sollte
sich Boingbag 3.9.1 noch nicht auf dem System befinden, ist jetzt der beste
Augenblick gekommen, zunächst dieses Update zu installieren. Boingbag 3.9.2
benötigt ein korrekt eingerichtetes Boingbag 3.9.1. Unter WinUAE oder
Cloanto's Amiga Forever sollte ein entsprechendes Laufwerk konfiguriert
werden, das genau wie die AmigaOS3.9-CD heißt (also "AmigaOS3.9"). Bei mir
hat auch die "Add PC Drives at Startup"-Option funktioniert, bei einem
Amiga-Forever-Anwender allerdings nicht.
Nachdem alle Standard-Fragen beantwortet wurden, muß der Anwender noch
angeben, ob das AmigaOS-ROM-Update installiert werden soll. Hier sollte
unbedingt die Hilfe-Funktion zu Rate gezogen werden, da dort einige
wichtige Hinweise zu finden sind. Nachdem auch dies erledigt wurde, startet
der AmigaOS-Updater in Form einer kleinen Fortschrittsanzeige, der das
Update und je nach Wahl des Anwenders auch das neue XAD-System installiert.
Danach sollte gleich das aktualisierte Locale-Archiv installiert werden, da
so ein unnötiger Neustart entfällt. Als Abschluß muß der Rechner neu
gebootet werden, und wenn nach dem Neustart alles funktioniert, war's das
fürs Erste.
Denn leider scheint sich ein kleiner Fehler im OS3.9-Installskript
eingeschlichen zu haben. Die von PlayCD für den CDDB-Support benötigten
Dateien cdda.library und cdplay.library als auch ein Assign "CDDB:" werden
nicht automatisch vom OS3.9-Installer kopiert bzw. angelegt. Auch die im
BB3.9-2-Contributions-Archiv enthaltene cddb-lib-Distribution verfügt weder
über einen Installer noch eine Installationsanleitung. Auch das Skript zur
Installation des OpenURL-Systems meldet Fehler, da es die Datei
openurl.library nicht finden kann. Falls mittlerweile nicht schon ein
überarbeitetes Contributions-Archiv auf der Homepage von Haage & Partner
zum Download bereitgestellt wurde, können aber beide Programmarchive auch
kostenlos aus dem Aminet geladen werden.
Fazit:
Ganz allgemein kann man zum Boingbag 3.9.2 sagen, daß fast alle mit OS 3.9
bzw. Boingbag 3.9.1 eingeführten Neuerungen zum Teil stark verbessert oder
zumindest fehlerbereinigt und beschleunigt wurden. Ich persönlich kann das
Update jedem Besitzer von OS 3.9 wärmstens empfehlen, da viele nützliche
und langersehnte Neuerungen endlich ihren Platz im AmigaOS gefunden haben.
Bevor allerdings mit der Installation begonnen wird, sollten unbedingt die
als AmigaGuide-Datei vorliegende Dokumentation gelesen werden. Dabei sollte
auch jeder Link (sofern möglich) im Dokument einbezogen werden, da viele
wichtige Hinweise zur Problemvermeidung erst dort erwähnt werden. Zumindest
auf meinen Systemen und unter Beachtung aller in der Anleitung genannten
Hinweise verlief die Installation weitestgehend reibungslos.
Easteregg:
Ja und ein Easteregg (ein kleiner Witz der Programmierer des Updates) wurde
auch schon entdeckt. Wer die Systemuhr auf den 30. März stellt und das
Early Startup Menu aufruft (beide Maustasten beim Neustart drücken; vorher
muß aber das neue AmigaOS ROM Update und das System-Modul "BootMenu"
installiert worden sein) bekommt einen Mauspfeil in Form von Nessi zu
sehen. Nessi ist übrigens das Maskotchen von Angela Schmidt (Co-Autorin der
Brenner-Software "MakeCD") die am 30.03. Geburtstag hat. Da dieses Datum
erst kürzlich vorbei war, möchte ich auch an dieser Stelle nachträglich
gratulieren und alles Gute wünschen :-). Es ist jedenfalls schön zu sehen,
daß das OS3.9-Team trotz aller Nörgeleien und Unkenrufe aus der Amiga-Szene
ihren Humor nicht verloren haben.
[1] http://www.haage-partner.com
[2] http://www.amiga.com/3.9/download/NDK3.9.lha
Die Release-Notes sind im Verzeichnis "NDK_3.9/Documentation/Releasenotes/"
zu finden.
[3] Boingbag 3.9.2 wurde testweise auf einem A1200 im Towerumbau (RBM
Onboard, Picasso II, Blizzard 1240 + SCSI-Kit, MultifaceCard III,
Silversurfer, VLab, SCSI-HD, SCSI-CD-ROM-Laufwerk, 64 MByte Fast-RAM,
CGFX3, MMULib + diverse MuTools), in einem A1200 Desktop (Blizzard 1230-IV,
16 MByte Fast-RAM, AGA, 2.5"-HD, externes 4x-IDE-CD-ROM-Laufwerk, ansonsten
keine Hacks oder Patches) und unter WinUAE 0.8.17R3 (Win98, Picasso96,
68020+FPU-JIT-Emulation, 64 MByte Fast-RAM, 4 MByte Chip-RAM) installiert.
Christian Aichinger <christian@aakt.de>
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