7. Oldies but Goldies

Dungeon Master

Es war im Jahre 1988: Rollenspiele waren ein ganz, ganz großer Trend im 
Spielesektor. Die Ultima- und Bard's Tale-Reihen feierten riesige Erfolge 
und wurden technisch immer ausgefeilter. Nach Meinung vieler Kenner war die 
Spitze der Evolution der Rollenspiele erreicht, als eine kleine 
Softwareschmiede mit dem Namen FTL für Furore sorgte. Grund für die 
Aufregung war die Ankündigung eines Rollenspiels mit Echtzeit-Aspekten: 
Dungeon Master. 

Screenshot:
Screenshot

Die ersten Screenshots zeigten wenig Aufregendes, erste Informationen zur 
Bedienung und den Echtzeit-Features hingegen klangen geradezu revolutionär: 
Die Bedienung sollte vollständig intuitiv sein und die Gegner sollten sich 
in Echtzeit bewegen, was für diesen Spielesektor eine echte Neuheit 
darstellte.

Nach dem Erscheinen der ersten Version für den Atari ST wurde schnell klar, 
daß FTL nicht zu viel versprochen hatte. Dungeon Master war tatsächlich 
eine Revolution! Es fand im Laufe der Zeit immer mehr Fans, es erschienen 
mehr und mehr Umsetzungen für die verschiedenen Computersysteme und sogar 
Spielkonsolen.

Auch heute noch hat Dungeon Master eine große Fangemeinde, wie ein Blick in 
die Ergebnisse diverser Suchmaschinen zum Stichwort 'Dungeon Master' zeigt.

Nach der technischen Seite betrachten wir nun die spielerische Seite dieses
Meilensteins der Computerspiele. 

Natürlich hat auch Dungeon Master eine Hintergrund-Story, die dem Spieler 
erklärt, wie das Spiel eigentlich funktioniert und auf einige 
Besonderheiten aufmerksam macht, die im Verlauf des Spiels von besonderer
Bedeutung sind.

Alles beginnt im Labyrinth des Grauen Lords, einem mächtigen Zauberer, der 
sich seit Jahren darauf vorbereitet, den sagenhaften 'Power Gem' aus dem 
Inneren des Berges zu befreien, in dem er vom Schöpfer des Universums
versteckt wurde.

Der Graue Lord hatte einen Gehilfen mit Namen Theron, der, wie sein Herr, 
dem Tag entgegenfieberte, an dem der Power Gem befreit werden und zum Wohle 
aller Geschöpfe seine Kraft spenden sollte. Es war dem Grauen Lord 
allerdings bewußt, daß dieses Unternehmen extrem gefährlich war. Daher 
sorgte er dafür, daß sein Gehilfe eine Reise zu unternehmen hatte, bevor 
das Unternehmen in die wirklich gefährliche Phase trat. 

Es zeigte sich, wie weise dieser Plan war, denn genau zu dem Zeitpunkt, als 
Theron sich schon auf dem Weg befand und der Graue Lord den 'Fire Staff' 
nahm und einen Zauberspruch aufsagte, der den Power Gem zum Vorschein 
bringen sollte, passierte es: Der Spruch war nicht der richtige und der 
Power Gem zeigte daher einen kleinen Vorgeschmack auf seine Macht. Das 
Universum spaltete sich, und der Graue Lord mit ihm. Die unbegreiflichen 
Kräfte des Power Gem teilten den Grauen Lord in die zwei Seiten seiner 
Persönlichkeit. Die gute, verdammt dazu, als Geist zu existieren und nicht 
fähig, den begangenen Fehler zu korrigieren und die böse, nur darauf 
erpicht, Chaos und Verderben über das Universum zu bringen. Der Power Gem 
verblieb in dem Berg und der 'Fire Staff' befand sich nun auch dort.

Das war die Situation, die Theron bei seiner Rückkehr vorfand. Die gute 
Hälfte des Grauen Lords hatte noch dafür sorgen können, daß wenigstens 
Theron die vorübergehende Teilung des Universums überstand und bat Theron 
nun darum, stellvertretend den begangenen Fehler rückgängig zu machen. 
Theron sollte sich zu dem Berg begeben, in dessen Inneren sich der Power 
Gem befand. Sein Meister benötigte den 'Fire Staff', um den Power Gem zu 
bergen und die alte Ordnung wiederherzustellen. 

Es gab da allerdings ein klitzekleines Problem: Die böse Hälfte des Grauen 
Lords, die sich Lord Chaos nannte, hatte den Power Gem bereits gefunden und 
in dem Labyrinth im Inneren des Berges versteckt. Es blieb nicht mehr viel 
Zeit, denn Lord Chaos war dabei, sich die Kräfte des Power Gem zunutze zu 
machen, und es war nur eine Frage der Zeit, ob er den Power Gem voll unter 
Kontrolle bringen konnte.

Doch der Graue Lord hatte auch für dieses Problem schon vorgesorgt: Er 
schaffte es, die Seelen vor langer Zeit gestorbener Abenteurer, Krieger, 
Zwerge, Diebe und sogar ein Monster, vor dem dunklen Nichts zu retten. Er 
steckte diese Seelen in Spiegel, die er im obersten Stockwerk des 
Labyrinths, der 'Hall of Champions', verteilt hatte, und so warteten diese 
Seelen darauf, von Theron wieder zum Leben erweckt zu werden.

Therons Aufgabe war es somit, mit Hilfe der wiedererweckten 'Champions' in 
das Labyrinth einzudringen und den 'Fire Staff' zu finden, um ihn seinem
Meister zu übergeben.

Nach dieser spannenden Geschichte kommen wir nun zum eigentlichen Spiel.

Nach dem Vorspann sieht man vor sich das Eingangstor zum Labyrinth. Mit 
einem Klick auf den grünen Knopf öffnet es sich und man kann eintreten. In 
diesem Stockwerk des Labyrinths trifft man noch nicht auf Gegner, hier 
befinden sich die Spiegel der Seelen. Man kann frei umher wandern und sich 
die Bilder in aller Ruhe betrachten. Klickt man mit der Maus auf eines der 
Bilder, bekommt man Informationen über den Krieger, dessen Seele im 
jeweiligen Spiegel steckt.

Screenshot:
Screenshot

Screenshot:
Screenshot

Es gibt zwei Möglichkeiten, einen der Champions wiederzuerwecken: 
'Resurrection' und 'Reincarnation'. Bei 'Resurrection' werden die Champions 
so wiedererweckt, wie sie vor Ihrem Tod waren, mit allen Fähigkeiten und 
Gegenständen. Bei 'Reincarnation' sind alle Fähigkeiten und Gegenstände 
nicht mehr vorhanden, und die Champions müssen sozusagen neu ausgebildet 
und ausgestattet werden. Allerdings werden bei der Reinkarnation die vorher 
vorhandenen Fähigkeiten in stärkere physische Attribute umgewandelt, und 
man kann dem Champion einen Namen eigener Wahl geben.

Insgesamt kann man vier Champions seiner Gruppe hinzufügen. Zu jedem 
Champion gibt es am oberen Bildschirmrand ein paar Icons, über die der 
jeweilige Champion gesteuert werden kann und die seine momentane Ausrüstung
zeigen.

Die Steuerung ist wirklich sehr intuitiv, denn wenn man möchte, daß einer 
seiner Champions z.B. eine Waffe in die Hand nehmen soll, klickt man 
einfach auf die 'rechte Hand' des jeweiligen Champions und wählt die 
gewünschte Waffe aus. Schon hat der Champion die gewählte Waffe in der Hand 
und kann sie einsetzen.

Screenshot:
Screenshot

Nachdem man sich ein wenig mit den Möglichkeiten der Charaktersteuerung 
auseinandergesetzt hat, ist es an der Zeit, in die Tiefen des Labyrinths 
hinabzusteigen. Kurz bevor man die erste hinabführende Treppe erreicht, 
findet man eine Schriftrolle. Diese kann man aufnehmen und mit dem 'Auge' 
in der Charaktersteuerung lesen. Sie enthält die Anweisung für einen 
Zauberspruch, der ein magisches Licht erzeugt. Im weiteren Verlauf des 
Spieles findet man noch einen ganzen Haufen Schriftrollen, die dem Spieler 
Zaubersprüche erklären und ein paar Hilfen für die überall vorhandenen 
Geheimnisse des Labyrinths geben.

Man steigt nun also die erste Treppe hinab, und kurz darauf hört man auch 
schon die ersten Geräusche. Es ist ein dumpfes Tappen, recht unheimlich 
klingend. Kein Wunder, denn wenn man ein klein wenig herumläuft, trifft man 
auch schon auf die ersten Monster: Mumien. Hier kann man auch das erste Mal 
den Echtzeit-Aspekt des Spiels kennenlernen. Weicht man vor den Mumien 
zurück, verfolgen sie die Gruppe, und zwar auch dann, wenn sich die Gruppe 
selbst nicht bewegt.

Diese Monster, die in beinahe jedem Stockwerk zu finden sind, sind für den 
Anfänger schon recht harte Brocken. Man kann sie mit den vorhandenen Waffen 
bekämpfen, was am Anfang noch ziemlich schwer ist. Es kann durchaus 
passieren, daß man das erste Mal an diesen Gegnern scheitert. Findige 
Spieler werden allerdings bemerken, daß an einer Wandöffnung, die 
verdächtig nach Falltor aussieht, ein Schalter zu sehen ist. Betätigt man 
diesen, fällt ein Tor herab, betätigt man ihn noch einmal, wird das Tor 
wieder hinaufgezogen. Was spricht also dagegen, die Mumien unter dieses Tor 
zu locken und auszuprobieren, wie diese auf das herabfallende Tor 
reagieren?

Der Spieler wird feststellen, daß die Level des Spiels recht klug angelegt 
sind. Monster und Rätsel sind so aufgestellt, daß man die Bedienung und die 
Geheimnisse des Spiels quasi spielerisch erlernt. Für das weitere Spiel 
wichtige Kenntnisse und Fertigkeiten (dazu gehört auch das Spielchen mit 
der Falltür ;) ) werden dem Spieler im ersten und auch in späteren Leveln 
nahegebracht. Das gilt auch für  die Zaubersprüche, die man in Form von 
Schriftrollen in beinahe jedem Level findet. Diese sind so im Spiel 
verteilt, daß die für den jeweiligen Level brauchbaren Zaubersprüche zum 
richtigen Zeitpunkt gefunden werden können.

Im Übrigen bietet Dungeon Master alles, was man von einem Computer-
Rollenspiel erwartet. Jede Menge Monster, geheime Türen und Durchgänge in 
den Mauern, Rätsel aller Art und in jedem Schwierigkeitsgrad. Man tritt hin 
und wieder auf Platten, die eine Aktion auslösen, Falltüren im Boden, es 
gibt Drehfelder und Teleporter. Auf dem Weg in die Tiefen des Labyrinths 
kann man also reichlich Abenteuer erleben, und das auf eine Art und Weise, 
die Dungeon Master zu einem wahren Klassiker der Spielegeschichte gemacht 
hat.

Wolfgang Hosemann <whose@web.de>