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Abschließend

Wer mit den Wölfen heult... (von Christian Aichinger)

So kurz der vergangene Monat auch war, so viele und in der Tat umwerfende Neuigkeiten gab es schon lange nicht mehr. Neben der Präsentation des ersten lauffähigen Prototypen des AmigaONE auf der alt-WOA in Huddersfield [1], der Lüftung des Geheimnisses um den sagenumwobenen "Milliarden- Dollar"-Partner AMIGAs - nämlich der hauptsächlich unter Handybesitzern bekannten Firma Nokia -, dürfte vor allem eine Meldung für viele Amiga-User ein Grund für kalte Schweißausbrüche, Atemnot, Angstattacken und natürlich die obligatorischen Gerüchte und Spekulationen gewesen sein: Gary Peake (bei AMIGA, Inc. als Direktor für Entwickler-Support angestellt) bestätigte in der öffentlich zugänglichen Mailingliste "AMIGEN", daß der weltgrößte und auf Grund seiner Geschäftspraktiken stark in der Kritik stehende Softwarehersteller Microsoft, AMIGA Inc. gebeten hat, AmigaDE während der Embedded System Conference (ESC; [2]) auf ihrem Stand zu präsentieren.

Nachdem zumindest ich den ersten Schreck mental verdaut hatte, stellt sich mir nur eine Frage, die ich mir bis dato noch nicht befriedigend beantworten konnte: Was will Microsoft mit AmigaDE?

Erklärungsversuche

Da sich AMIGA, Inc. selbst als Content Provider für PDA und Handheld- Computer bezeichnet, wäre es nur logisch, daß Microsoft versucht, den "Content", also das Softwareangebot, für ihr eigenes PDA-Betriebssystem (genannt "PocketPC 2002" - der Nachfolger von WinCE), mit Produkten aus der Software-Schmiede AMIGAs aufzubessern - zumal AMIGA Inc. selbst von Anfang an auch WinCE als mögliches Hostsystem für AmigaDE betrachtet hat. Schaut man sich aber die aktuelle Softwarepalette AMIGAs an, kann dieses Argument noch nicht so richtig überzeugen. Denn für Desktop-Spiele á la Series Zero kann Microsoft immer noch selbst mit Softwarepaketen aus dem eigenen Sortiment sorgen. Falls es sich also um ein Produkt handelt, das Microsoft interessiert und sogar dazu bewogen hat, AmigaDE auf dem eigenen Messestand zu präsentieren, könnte es sich dabei um ein bisher unveröffentlichtes oder allgemein völlig unterschätztes Projekt handeln. Denn das Produkt eines Fremdherstellers müßte schon wesentliche Vorteile mit sich bringen, um überhaupt das Interesse Microsofts daran zu wecken - für Amiga-User ein Grund zur Freude.

Paranoid?

Betrachtet man sich allerdings Microsofts Ambitionen, mit .NET eine eigene hardwareunabhängige Laufzeitumgebung zu etablieren, sollte jeder informierte Amiga-Fan sofort mißtrauisch werden. Zur Erklärung: Microsofts .NET stellt eine Art virtuelle CPU dar, die mittels der Intermediate Language (kurz IL; eine Art Assembler für diese virtuelle CPU) betrieben wird. Microsoft stellt mehrere Compiler zur Verfügung (das gesamte .NET-SDK läßt sich sogar kostenlos von der Homepage Microsofts downloaden), die den Quellcode eines jetzt schon existenten Programms in den neuen Binärcode (also IL) kompilieren können. Ältere Programme, die z.B. in C++ oder VisualBasic verfaßt wurden, können nach Anpassung an die neue Laufzeitumgebung und mit dem entsprechenden Compiler auf .NET portiert und damit theoretisch auf sämtlichen Plattformen - sei es PC, PDA, Mikrowelle oder Internet - lauffähig werden. Die Parallelen zu AmigaDE sind offensichtlich, stellt doch Elate/AmigaDE ein vergleichbares Projekt dar. Ergo stehen Microsoft und AMIGA in direkter Konkurrenz zueinander, und wer der Anwärter mit den besseren Chancen für die Etablierung eines neuen Standards darstellt, muß nicht explizit erwähnt werden. Interessant wird aber vor allem der Gesichtspunkt, daß auch Sun mit einem weiteren vergleichbaren Projekt um den zukünftigen plattformunabhängigen Standard einer Laufzeitumgebung feilscht. SunONE (Sun Open Net Environment) ähnelt den beiden bereits genannten Lösungen, außer, daß anstatt eines neuen Zwischencodes das altbewährte Java zum Einsatz kommen soll.

Da auch Sun schon in diversen Executive Updates von Bill McEwen Erwähnung gefunden hat, könnte man meinen, daß AMIGA mit den Wölfen heult. Ob allerdings genug Platz für einen Goldfisch im Haifischbecken ist, wird sich erst in den kommenden Monaten (wenn nicht sogar erst Jahren) beantworten lassen.

Der Glanz der Großen

Daß es zumindest im Moment kein Fehler von AMIGA sein kann, sich mit Microsoft einzulassen, sollte andererseits auch klar sein. Sollte es tatsächlich gelingen, einen gewinnbringenden Vertrag mit Microsoft oder einem ihrer Partner einzugehen, wären AMIGAs Visionen wieder ein Stück mehr der Realität näher gekommen. Denn die Aussichten auf neue Verträge und allein schon die Referenz Microsofts könnte AmigaDE so manche Tür im hartumkämpften Markt eröffnen und damit den Finanzen AMIGAs nur zu Gute kommen. Dass sogar AmigaOS 4 und seine Nachfolger von einer finanziell gesunden Firma ausschließlich profitieren können, scheinen viele Amiga-User aber zu vergessen (was auch kein Wunder nach diesen Schock sein dürfte ;-)) und schreien schon jetzt "Boykott", drohen mit dem Wechsel des Systems oder denunzieren AMIGA in aller Öffentlichkeit. Sicher, einen bitteren Beigeschmack hat diese Meldung, doch sollten vor allem die Vorteile einer Zusammenarbeit gesehen werden: AMIGA könnte neue Geschäftspartner gewinnen, neue Verträge abschließen, dadurch ihre Finanzen restaurieren und einer Verbreitung des AmigaDE würde dies letztendlich nur nützen. Ich finde, das hört sich alles gar nicht so schlecht an und sollte Baldrian für die Hitzköpfe unter den Amiga-Usern sein.

Gerüchteküche

Im den Disziplinen "Gerüchte streuen" und "Computerphilosophie" sind Amiga-User die Größten. Eine gute Portion Fanatismus, Dickköpfigkeit und Tratsch-Tante steckt wohl in fast jedem Amiga-Fan (ich schließe mich hierbei nicht aus ;-)). Dass eine alleinige Erwähnung der Firma Microsoft von einem Mitarbeiter AMIGAs dieselben Folgen in der Community hat, wie ein Fuchs im Hühnerstall, müßte sogar AMIGA, Inc. inzwischen zu Ohren gekommen sein. Womit ich mal wieder beim Feingefühl der Informationsweitergabe AMIGAs wäre: Es kann einfach nicht sein, daß eine solche Information von einem Mitarbeiter des Unternehmens, der zudem nichts mit der Öffentlichkeitsarbeit zu tun hat, kommentarlos in einem Internet-Forum verbreitet wird. Dass die Pressearbeit bisher ein immenser Spagat für AMIGA, Inc. war, weiß jeder, der sich schon einmal über den Sinngehalt einiger Executive Updates gewundert hat. Zwischen Einhaltung der Verschwiegenheit über firmeninterne Verhandlungen mit etwaigen Vertragspartnern und der Befriedigung der Neugier der Amiga-Community gab es bisher immer schwere Defizite, die - und das zum Teil mit Recht - mit heftiger Kritik am Pressemanagement AMIGAs beantwortet wurden.

Dass aufgrund solch unqualifizierten Verhaltens Gerüchte und Halbwahrheiten die Runde machen und sich auch nicht besonders gut auf das Image AMIGAs auswirken, sollte den Herrschaften in Snoqualmie allmählich auffallen. So wurden sogar schon völlig unbegründete Gerüchte laut, daß AMIGA von Microsoft übernommen werden soll. Mit der höchst interessanten Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen AMIGA und Microsoft aussehen könnte bzw. ob es überhaupt eine Zusammenarbeit gibt, läßt AMIGA die Community mal wieder im Regen stehen und schadet sich damit selbst. Dass das Unternehmen unbedingt an der eigenen Öffentlichkeitsarbeit feilen muß, wird an dieser Stelle mit Sicherheit nicht zum letzten Mal erwähnt sein, obwohl ich die Hoffnung nicht aufgebe ;-).

Summa summarum

Die nächsten Monate werden spannend. Spätestens am 16. März - denn das ist der letzte Tag der diesjährigen ESC - dürfte sich das Geheimnis um die Beziehung (inwieweit man überhaupt davon sprechen kann, wird sich zeigen) zwischen AMIGA, Inc. und Microsoft lüften. Auch die neuen Amiga-Modelle und das generalüberholte AmigaOS stehen laut Aussage ihrer Hersteller kurz vor der Veröffentlichung. Dieser Frühling wird heiß - für Amiga-User auf jeden Fall.

[1] http://www.alt-woa.org
[2] http://www.esconline.com

Bis zum nächsten Mal,

Euer

Christian Aichinger <christian@aakt.de>

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