Adrenalin
Teil 6
by
» Silvio «
Verdammte Scheiße, dachte Block, als er vor seinem Teller und dem Bier saß.
Er war wie auf Watte zu seinem Tisch gewandert. Das mit Tony, das hätte nicht
passieren dürfen, das war sein Job, er hatte Mist gebaut.
Okay, war aber auch ein Scheißpack, das! Hocken an ihrer Scheißtankstelle und
gehen den Leuten, die vorbeikommen, auf die Eier. Block nippte an seinem Bier.
Aber das hätte man doch noch hingekriegt, ein Klacks war das, Auto zurückholen,
da hatte man schon ganz andere Sachen gemacht, was? Aber jetzt schickt der einen
in die Berge, was soll ich da, Urlaub machen? O Frank, zwangzig Jahre hab ich
für dich die Scheiße weggeräumt, und jetzt, was ist jetzt?
Läßt deinen alten Block einfach fallen, serviert ihn ab. Machst einen großen Fehler,
Frank! Block sto
cherte lustlos in dem Teller mit den Eiern herum.
Wie willst du es machen, machst du es selber? Nee, du machst dir die Hände
nicht dreckig, holst einen guten Mann dafür. Mich mußtest du holen, du
brauchst den besten, ich müßte mich selber umlegen.
Aber das wird nicht einfach, Frank, das kann ich dir jetzt schon verklickern!
Frag mal Sam oder den Schweden, oder frag ruhig auch Sartino - wird nicht
leicht, den alten Block zu begraben.
Der Scheißt euch vor die Tür, werdet ihr schon sehen. Wen nimmst du?
Sam? Den pust ich weg, da hat er noch nicht mal gemerkt, daß ich hinter ihm bin.
Den Schweden? Der ist doch froh, wenn er seinen Schwanz findet, wenn er mal danach
sucht. Sartino? Okay, der ist ihn Ordnung, der war dabei, als wir den Blöd-
mann das Bein abgesägt haben. Der hat noch gelacht, da hast du schon beinahe in
die Ecke gekotzt, Frankie!
Nimm Sartino, Frank, dann hab ich auch noch ein bißchen Spaß, bevor ich abtrete.
Aber
jetzt find mich erst mal, Arschloch. Such mich, schick sie los, die
Anfänger. Dein alter Block erholt sich jetzt erst mal, macht ein bißchen Urlaub,
macht immer noch genau, was du ihm sagst, Frank!
Block trank die Dose aus und stellte sie auf den Tisch.
***
Als Ruiz in sein Büro zurückgekehrt war, hatte er sich als erstes von der
Zulassungsstelle den Halter des japanischen Wagens durchgeben lassen, in dem er
diese »Carm« aus Franks Einfahrt fahren sah.
Carmen Riolla war der Namen des Halters.
Ich (» Silvio «), der die ganze Nacht im Labor verbracht hatte, kümmerte mich
inzwischen darum, daß alle Anrufe für die Tankstelle, an der man die drei Leichen
gefunden hatte, an ein Telefon auf Ruiz' Schreibtisch weitergeleitet wurden.
Die Fangschaltung hatte gerade gestanden, als der erste Anruf kam. Es war zwar
gleich wieder aufgelegt worden, aber der zweite kam kurz danach, vermutlich
hatt
e zweimal der selbe Mann angerufen.
Ruiz sprang auf und lief zur Tür.
"Hey, » Silvio «, ruf das Telefonamt an, da war gerade ein Gespräch für die
Tankstelle", sagte er.
Ich sah ihn mit riesigen Augen hinter dicken Brillengläsern an. Ruiz war aus
dem Glaskasten, der sein Büro war, getreten und hatte mir über einige Tische
hinweg zugerufen.
Ruiz setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und sah aus dem Fenster, er
versuchte sich den Anrufer vorzustellen. Die Gespräche für die Tankstelle an
ihn weiterleiten zu lassen, war eine gute Idee gewesen. Er war noch nicht
sicher, ob es ihn wirklich weiterbringen konnte, aber man würde ja sehen.
Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß der oder die Mörder versuchten, mit Leuten
zu telefonieren, die sie selbst eben umgebracht hatten. Als ihm die Idee mit
der Rufübermittlung kam, hatte er eher an Verwandte oder Freunde gedacht,
die ihm etwas über die Frau und den Marokkaner sagen konnten
.
Sie hatten absolut nichts über die beiden, das einzige, was sie wußten, war,
daß der Frau die Tankstelle gehört hatte. Vermutlich hatte der Marokkaner
bei ihr gewohnt, sein Ausweis hatte in einer Schublade in einem der Schlafzimmer
gelegen.
Wer war der Anrufer? fragte sich Ruiz. Er wär' »so was ähnliches« wie ein
Verwandter, hatte der Mann gesagt und dann einfach wieder aufgelegt. Wenn er es
ernst meinte, dann war etwas ähnliches wie ein Verwandter ein Freund. War-
um legt ein Freund einfach auf? Gedankenverloren blätterte Ruiz mit der Hand in
einem Fernschreiben über Rashid Habbas, das ihm die Kollegen aus der Hauptstadt
geschickt hatten.
Er hatte dem Unbekannten gegenüber behauptet, eine Nachricht für ihn zu ha-
ben, entweder dieser hatte es nicht verstanden, oder er glaubte nicht daran,
weil er von dem Tod der beiden wußte. Wenn er davon wußte, warum rief er
dann wieder an? Es führte zu nichts, sie mußten ihn finden, wenn sie
konnten.
So kam man nicht weiter.
Ich steckte den Kopf zur Tür herein.
"Ist ein Hotel, Ruiz, eine ganze Ecke von hier."
"Im Süden?"
"Ja, in den Bergen."
"Hm", machte Ruiz
"Wie meinst'n das, Ruiz?"
"Das Cabrio, die Motorradfahrer und der andere Wagen, den Gonschalk gesehen
hat, sind nach Süden gefahren."
"Das muß nichts heißen." Ich sah ihn zweifelnd an.
"Ruf die zuständige Dienststelle aus der Gegend an", sagte Ruiz. "Die sollen
eine Streife bei dem Hotel vorbeischicken. Sollen nach dem Wagen von Barrault
suchen und sich die Hotelgäste anschauen. Aber unauffällig. Das Cabrio
stehenlassen, wenn sie es finden, und keinen von den Gästen verhören.
Sag ihnen, es geht um drei Morde, nicht um den Wagen. Wenn es der Wagen von Barrault ist,
nimmst du ihn sofort aus der Fahndung raus. Sie sollen schnell machen und sofort
Nachricht geben. Ich fahr jetzt los, ich muß jemanden treffen, du erreichst mich
im Wagen."
"Ruiz?"
"Ja, »
Silvio «?"
"Ach, nichts."
***
Sal jagte durch die Halle und stellte sich in die Telefonbox. Er hatte das
Gefühl, auf einer glühenden Herdplatte zu stehen, er konnte die Füße nicht
ruhighalten, er steckte einen Finger in das dicke, zerfledderte Telefonbuch
und suchte herum, seine Augen rasten die Kolonnen hinauf und hinunter. Als er es
endlich hatte, war es der richtige Laden, aber die falsche Stadt, gleich
würde er platzen, und seine Fetzen würden durch die ganze Hotelhalle fliegen.
Konzentrier dich, verdammt noch mal! Er wühlte sich durch das Buch wie je-
mand, der in tiefen Schnee gefallen ist. Endlich wars die richtige Stadt, wo war das
»H«, er wollte sich wieder aufrichten, in diesem Zustand in gebückter Haltung,
das war unerträglich. »Harris«, zweitausend davon, die ganze Welt hieß plötzlich
so, die Buchstaben verschwammen und tanzten herum wie Wildesel, endlich hatte er
die Nummer gefunden. E
r fuhr mit der Hand in die Hosentasche, 86 45 23, merk dir
die Nummer, nochmal findest du die nicht mehr, ein paar Münzen klingelten
auf den Boden, 86 45 23, er ließ sie liegen, nahm die anderen und stopfte so viel in
den Schlitz, daß er China hätte anrufen können. Ein Zug kam in seinem Kopf
kreischend zum Stehen, Funken stoben unter den Rädern hervor, er mußte Ruhe
in seine Gedanken bringen, 86 45 23, das war die Sache seines Lebens jetzt,
entweder - oder, machs cool, er darf nicht merken, daß er mit einem vollkom-
menen Anfänger spricht, ha, und wie macht man das? 86 45 23, er setzte den Finger
auf wie Watte, was gehen muß, das geht auch, leg den Gang ein und gib alles.
"Hier Empfang »Hilton«, kann ich Ihnen helfen?"
"Ein gewisser Habbas wohnt bei Ihnen?" fragte Sal.
"Bleiben Sie dran, ich werde nachschauen."
Der am anderen Ende raschelte herum, Sal hörte ihn in den Hörer atmen.
In der Hotelhalle war niemand zu sehen, das hätte jet
zt noch gefehlt, vielleicht
ein älterer Herr mit einer Baseballmätze und einem Eis lutschenden kleinen
Mädchen an der Hand, der geduldig neben der Telefonbox stehen und warten
würde...
"Sie meinen Rashid Habbas?" fragte der andere.
"Haben Sie noch mehr?"
"Nein, ich bedaure."
"Verbinden Sie mich."
"Gern, bleiben Sie dran."
Es dauerte einen Moment. Die ganze Wand vor Sals Augen war mit Werbetafeln
zugekleistert: PHANTASTISCHE AUSSICHT VOM BELLEVUE PLATEAU, NUR EINE STUNDE
VON DA, WO SIE GERADE STEHEN!
Sal konnte fühlen, wie der Strom durch jedes Nervenende jagte, BEI WIND
UND WETTER - CLARA, DAS SPRAY VON ZETTLER! Huh, MANOLA LIGHTS, sollte
man sich das wirklich vorstellen, den BESONDEREN GESCHMACK einer
Leichtzigarette mit NUR 0,1 MG NIKOTIN UND 0,5 MG TEER?
Es klickte in der Leitung, das war der Gong, Ring frei.
"Ja, bitte?"
Geh aus deiner Ecke, du hast drei Sätze, dann mußt du ihn haben. Sal
schloß die
Augen und machte einen Schritt in den Ring hinein.
"Spreche ich mit Rashid Habbas?"
"Mit wem hätte er das Vergnügen?"
Eine überaus höfliche Stimme mit gutturalem, fremden Akzent war das,
der Ministerpräsident eines Wüstenstaates würde nicht anders klingen,
der Araber war Profi.
"Mit jemand, der einen Wagen verkaufen möchte."
"Ich habe bereits einen Wagen gekauft", sagte der andere.
Laß die Deckung sinken, ganz wenig, der andere steht noch immer in der Ecke
und rührt sich nicht, durchatmen, lock ihn raus.
"Wurde er schon geliefert?"
Durchatmen, kein Wort mehr, beeil dich nicht, mach es langsam, nimm die
Fäuste ganz langsam nach oben.
"Welche Vorzüge hat ihr Wagen?" fragte der Araber, nicht ein Hauch von Inter-
esse lag in seiner Stimme.
"Er hat alle Extras."
"Zu welchem Preis?"
Aha, da kam er, ganz langsam, aber er kam aus der Ecke. Antäuschen, steck
keine Kraft in diesen Schlag, laß ihn nur d
ie Faust sehen.
"Der Preis ist der gleiche geblieben."
"Der Preis war zu hoch, ich habe dem Eigentümer schon gesagt, daß mir
die Farbe nicht gefällt."
Der Araber war immer noch höflich, aber er hatte den ersten Schlag getan,
er stand ihm jetzt gegenüber im Ring.
"Die Farbe, ja ..."
"Sie ist ein wenig aufdringlich, finden Sie nicht?"
Der Araber täuschte jetzt ebenfalls an, Sal hatte seine Faust gesehen, jetzt
mußte man rangehen, deck ihn ein!
"Es tut mir leid, daß ich Sie gestört habe", sagte Sal, "ich wünsche
Ihnen noch einen schönen Tag."
"Warten Sie."
"Ja?"
Sal hatte ihn erwischt, er war nicht richtig getroffen, nur ein bißchen gezuckt
hatte er, aber der Ringrichter trennte sie und hob kurz den Finger, sie standen
sich gegenüber. >Fight<, sagte der Unparteiische und trat zurück.
"Wo könnte man den Wagen besichtigen?" fragte der Araber, jetzt eine Spur
von Interesse in seiner Stimme, höflich, perfektes T
iming.
Herrgott, `Wo' hatte der gesagt, Sal ließ einen Moment die Fäuste sinken,
er hatte nicht alle Regeln beachtet, dann fing er sich wieder.
"Hmm, kennen Sie das Bellevue Plateau?"
"Kennen Sie das »Hilton«?
Der Araber hatte Sals Blöße entdeckt und blitzschnell zugeschlagen, jetzt
entweder ein harter Konter, oder der andere schickte ihn auf die Bretter und
ging nach Hause.
"Hören Sie", sagte Sal und holte aus, "ich bin ein bißchen empfindlich, ich
liebe diesen Wagen, er ist mir ans Herz gewachsen, und wenn Ihnen die Farbe
nicht gefällt ..."
"Hat man eine schöne Aussicht von diesem Plateau?"
"Die schönste, die Sie sich vorstellen können."
"Schöner als aus einem Hubschrauber?"
"Vergleichen Sie selbst."
Sal war durchgekommen mit seinem Konter, der andere ließ ihm wieder Platz.
"Wann wären Sie dort?"
"Sagen wir um zwölf?"
"Ich werde darüber nachdenken, während ich einen Mokka zu mir neh-
me", sagte der Ara
ber.
Ein letzter kleiner Schlag, aber es war eine Finte, niemand würde das Hand-
tuch werfen, bevor nicht die nächste Runde eingeläutet wurde.
"Tun Sie das", sagte Sal und legte auf.
Er rannte durch die Halle und die Treppen hinauf, gleich würde ihm der Kopf
wegfliegen, seine Zeit in der Ecke war kurz, er mußte bereit sein, wenn sie
wieder in den Ring traten.
Als er ins Zimmer stürzte, hielt Moses Tamie im Arm, sie schluckte noch, aber
sie schien sich wieder unter Kontrolle zu haben. Ein paar Sachen lagen auf dem
Boden herum, sie mußten damit um sich geworfen haben.
"Was für eine Schuhgröße hast du, Tamie?" schnaufte Sal.
"Was?" Sie sah ihn mit trotzigen Augen an. Er hätte sie jetzt gern in den Arm
genommen und ihr alles erklärt, aber eine Frau am Ring ist der Tod eines
Boxers.
"Die haben unten einen Jagdmodeshop oder so was", erklärte Sal, "wir brau-
chen ein paar Sachen, wir fahren weiter in die Berge, dort ist es ganz
schön
kalt!"
"Sechzunddreißig", sagte Tamie.
Sal machte kehrt und rannte die Treppe wieder hinunter.
***
Ruiz klingelte an der Tür eines heruntergekommenen Apartmenthauses. Der
Schließer summte, und er trat in einen Flur, in dem es nach Essen roch. Die
Farbe blätterte von den Wänden, und aus dem Treppengeländer waren die
meisten Stäbe herausgebrochen.
Als er im dritten Stock ankam, stand Carmen Riolla am Ende des Flurs und sah ihm
entgegen. Sie sah müde aus.
"Sie kennen mich noch?" fragte er im Gehen.
"Kommissar Ruiz, Sie waren bei Frank." Ihre Stimme war ausdruckslos.
"Hören Sie, ich habe keine Vorladung, ich halte Sie nicht für eine Tatverdächtige,
und ich werde jederzeit wieder gehen, wenn Sie es wünschen. Ich möchte nur verschiedene
Dinge besser verstehen. Darf ich hereinkommen?"
"Bitte, Kommissar." Sie trat zur Seite.
Ruiz sah sich um, es war ein trostloses kleines Ap
partment, karg möbliert, von
den Fensterrahmen blätterte die Farbe, und von die Decke hatte Sprünge. Aber es
war sauber und aufgeräumt.
In der Mitte des Raumes stand ein großes Bett mit sauberen Laken. Ein Stapel
frisch gespültes Geschirr war auf einem Tisch aufgetürmt, neben dem Bett sah
Ruiz einen Staubsauger, auf einem Fensterbrett war ein Eimer mit dampfenden
Wasser. Er hatte sie offentsichtlich beim Hausputz gestört.
Ruiz entdeckte keine persönlichen Dinge; immer auf dem Sprung, die Lady,
dachte er.
"Hab' Sie beim Saubermachen gestört?"
Ruiz stellte sich ans Fenster und sah in einen grauen Hinterhof, in dem Kinder
Verstecken spielten.
"War gerade fertig, Kommissar", sagte sie und verschränkte die Arme.
"Lassen Sie den Kommissar, sagen Sie einfach Ruiz."
Er sah, wie sich ein Kind hinter einer Mülltonne versteckte, während ein ande-
res mit dem Kopf zur Wand stand und zählte.
"Wie Sie wollen."
"Sagen Si
e, Carmen, wie heißt Franks Nichte?" fragte Ruiz und drehte sich
wieder rum.
"Ich weiß nicht, ob Frank eine Nichte hat, ich glaube nicht", sagte sie und
öffnete einen Hängeschrank über dem Spülbecken.
"Hat Frank Sie geschlagen?"
"Ich bin gegen eine Wand gelaufen."
"Das Mädchen, das dabei war, als Frank zusammengeschlagen wurde, wie heißt die?"
"Tamie?" Sie drehte sich nach ihm um, die Schranktür in der Hand.
"Wo, glauben Sie, kann ich sie finden, diese Tamie?"
"Ich weiß nicht, ich hab sie seit dem Abend nicht mehr gesehen."
"Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich setze, ich habs ein bißchen am
Bein, man hat mich mal angeschossen. Haben Sie auch was? Sie hinken ein bißchen",
sagte Ruiz und zog einen Klappstuhl hervor, der halb unter dem Tisch mit dem Geschirr
stand.
"Entschuldigen Sie", murmelte Carmen, "setzen Sie sich, macht es Ihnen was aus,
wenn ich mir einen einschenke?" fragte sie.
"Fühlen Sie sich wie zu Hause", sagte Ruiz, "
auch wenn Sie glauben, Sie
wären es nicht, ich hab auch so eine Bude. Vielleicht machen Sie mir dassel-
be?"
Er setzte sich.
Sie nahm zwei Gläser und zwei Flaschen aus dem Schrank und öffnete
den Kühlschrank, um Eiswürfel hervorzuholen.
"Sie haben gedacht, ich bin im Dienst", sagte er und schaute ins Leere.
Sie gab ihm einen langen Blick, dann setze sie sich zu ihm an den Tisch.
"Sind Sie's nicht?"
"Ich hab vergessen, was der Unterschied ist. Rauchen Sie?" fragte er und kramte
ein Päckchen Camel hervor.
"Leidenschaftlich", sagte sie und nahm eine Zigarette.
"Wissen Sie, Carmen, da draußen an der Tankstelle haben wir drei Leichen
aufgefunden", er hielt ihr Feuer hin, "ich möchte Ihnen gerne die Fotos zeigen,
die wir gemacht haben, aber trinken Sie erst was, ich mach dasselbe, es sind
keine sehr schönen Fotos."
Ruiz nickte ihr zu und nahm einen großen Schluck. Sie sah ihm zu, dann nippte
sie, überlegte es sich und l
eerte ihr Glas bis zur Hälfte.
"Wie mixen Sie den? Da, wo ich den immer trinke, schmeckt er nach Seife", sagte
Ruiz.
Sie erklärte es ihm, und er hörte aufmerksam zu.
"Ein Freund von mir sucht einen Barkeeper, wenn Sie mal einen Job suchen ..."
"Im Moment nicht, aber vielen Dank", sagte sie und gab ihm ein schwaches
Lächeln.
Er zog einen braunen Umschlag aus seinem Jackett und entnahm Fotos, die aus
verschiedenen Perspektiven einen Marokkaner zeigten, der
bluüberströmt auf dem Boden lag. Sein halbes Gesicht war ein dunkler, unförmiger Klumpen Fleisch.
Ein anderes zeigte den leblosen Körper einer Frau vor einem Klavier. In einer
Großaufnahme sah man ihr Gesicht. Nase und Wangenknochen waren eingedrückt,
ihre Gesichtszüge waren nicht mehr zu erkennen. Andere Fotos zeigten einen
Mann in Motorradstiefeln, der auf dem Bauch lag. Sein Hinterkopf war unförmig
verbreitert und klaffte auf. Auf einer Nahaufnahme konnte man sein Gehirn
erkennen. Auf einer anderen sah man ihn von vorn.
Carmen schluckte und setzte ihr Glas an den Mund. Sie trank es leer und griff
hinter sich nach der Flasche, die neben der Spüle stand. Sie sparte sich die
Mühe, Tomatensaft in den Wodka zu kippen, sie trank pur.
"Carmen, ich werde Sie nicht fragen, ob Sie einen der Toten hier kennen. Es ist
für mich nicht wichtig", er blies Rauch über die Fotos. "Ebensowenig
interessiere ich mich für gestohlene Autos. Ich suche keine Autos, ich suche
die Tiere, die so etwas tun."
Sie sah ihn an. Sie mochte seine Art, auch wenn sie nicht auf seiner Seite
stand. Er stellte Fragen und bekam Antworten, ganz leicht. Er versuchte kein
Spiel, großer böser Polizist.
"Ich sage Ihnen, was ich denke", fuhr er fort, "eines dieser Tiere haben Sie
gerade schon gesehen. Ein anderes läuft noch herum und sucht etwas. Ich su-
che dasselbe. Die Frage ist nur, wer wird schneller sein diesmal?"
Er sah sie an,
sie fühlte sich flau, sie dachte an Tamie, Sal, seinen Freund
Moses und an Block. Aber sie hatte nur diese einzige Chance.
Sie starrte ihn an. Er hatte jetzt einen traurigen Zug um den Mund und Augen,
die sahen.
Einen kurzen Moment dachte sie daran, ihm alles zu sagen, vielleicht würde er
Block finden, und die drei hätten eine Atempause, aber das war Quatsch, er
würde alles kaputtmachen.
Was du anfängst, ziehst du durch und Ende, dachte sie.
"Kennen Sie einen Habbas?" fragte er.
"Flüchtig."
"Er macht Geschäfte mit Frank?"
"Ich glaube, ja."
"Hören Sie, Carmen, ich geb Ihnen eine Nummer, unter der Sie mich Tag und
Nacht erreichen können, ich würde gerne wieder von Ihnen hören - bald, Carmen!"
"Hmmh", machte sie.
"Noch eine Frage, fährt Tony Sacchi Motorrad?"
"Ich habe ihn nie auf einen gesehen, Ruiz."
(to be continued ...)