Lange mußtet ihr darauf warten, doch das warten hat ein Ende, denn hier ist
er nun der neueste Teil meiner Story:
Adrenalin
However, here we go...
Adrenalin (Thriller)
Teil 5
by
» Silvio «
"Hier Ruiz."
"Hi, Ruiz, ich habe die Ergebnisse vom Labor."
"Hast was gut, » Silvio «, warst die ganze Nacht auf, was?"
"Mann tut, was man kann. Also, an dem Fleischerbeil sind nur die Abdrücke von
der Frau und dem Jungen. Die Kugeln stammen alle aus derselben Waffe. Auf dem
Feuerzeug war nichts, was wir verwerten konnten. Und jetzt paß auf, ich hab
einen Freund, der arbeitet in einer Reifenfirma, hab denen den Abdruck gefaxt,
265er, ganz seltenes Profil, asymmetrisch, war eine Sonderserie, wird nicht
mehr hergestellt. Wurden hauptsächlich für ein M
odell verwendet, von dem nur
1000 Stück gebaut wurden. Und jetzt halt dich fest, von dem Wagen gibt's in
der Stadt nur fünf Stück. Einer steht bei einem Sammler, ist nie zugelassen
worden. Warte, ich geb dir Namen und Adresse der Halter."
Ruiz nahm sich einen Block und fing mitzunotieren.
"Barrault?"
"Ja, Ruiz, Frank Barrault, so heißt der, kennst du den?"
"Allerdings, du hast gerade bai uns angefangen, da hatten wir ihn mal hier, zu
einem Verhör, kam aber nichts raus dabei."
"Ich komm jetzt rüber, bin in zwanzig Minuten im Büro."
"Leg dich aufs Ohr, » Silvio «, du mußt todmüde sein."
"Ach was, ich bin in Ordnung."
Ruiz ging ins Archiv und suchte sich zusammen, was sie über Frank Barrault
hatten. Er ging mit einem Armvoll Akten zurück in sein Büro und machte sich an
die Arbeit. Um diese Zeit war er außer den Leuten, die Nachtdienst hatten, der
einzige im ganzen Haus.
Ruiz machte sich ein paar Notizen. Barrault besaß mehrere P
uffs, einige
Nachtlokale, in denen illegal gespielt wurde, und er kontrollierte einen Teil
des Straßenstrichs der Stadt. Sowohl das Drogendezernat als auch der Ausschuß
für organisierte Kriminalität und Ruiz' eigene Abteilung hatten sich schon
unabhängig voneinander für ihn interessiert.
Allein in vier verschiedenen Mordfällen war er bereits als dringend
Tatverdächtigter verhört worden. Ruiz war bei einem Verhör dabeigewesen, als
er gerade als Kommissar in der Stadt anfing.
Mehrere Leute, die für Barrault gearbeitet hatten, saßen wegen Mordes,
Totschlags und Betrugs ein.
In den meisten Fällen galt Barrault als Drahtzieher, dennoch waren sie noch an
ihn herangekommen.
Ein V-Mann, der erfolgreich in Barraults Organisation eingeschleust werden
konnte, verschwand eines Tages und wurde Monate später bei brückenbauarbeiten
mit abgeschnittenen Genitalien gefunden.
Einem Zeugen, der gesehen hatte, wie Barrault einen Barbesitzer nach
einem
Streit in den Hinterkopf geschossen hatte, wurde mit einer Motorsäge ein Bein
abgetrennt. Der Zeuge befand sich noch immer in einer psychiatischen Anstalt
und war nicht vernehmungsfähig.
Ruiz sah auf den Berg von Akten vor sich. Er stand mal wieder da, wo er schon
oft gestanden hatte. Selbst wenn er die Mörder schnappen würde und es
tatsächlich Franks Leute waren, würden sie dichthalten, sie wußten, wenn sie
rauskamen, bekamen sie eine satte Prämie. Ihren Familien, falls sie welche
hatten, würde es in der Zwischenzeit an nichts fehlen. Frank würde an ein paar
Fäden ziehen, der Prozeß würde sich hinschleppen, vielleicht würde es nicht
mal für eine Verurteilung reichen. Machten sie den Mund auf und sagten gegen
Frank aus, bekamen sie im Gefängnishof oder unter der Dusche ein Messer
zwischen die Rippen. Man konnte denen, die auf der richtigen Seite standen,
nicht viel bieten.
***
"Carmen?
"
"Hmmh, wer ist dran?" Ihre Stimme klang verschlafen.
Sal blickte auf die Uhr in der Hotelhalle, es war kurz nach halb sechs Uhr
morgens.
Nachdem Tamie eingeschlafen war, hatte er sich behutsam aus ihren Armen
gewunden und war aus der Suite geschlichen. Ohne Licht zu machen, war er
durchs Hotel gewandert und hatte gegenüber der Lobby einen Münzfernsprecher
entdeckt.
"Ich bin es, Sal, ist Frank bei dir?"
"Frank kommt nie hierher", murmelte sie.
"Hör zu, Carmen, ich hab nicht viel Zeit, jeden Moment wird das ganze Hotel
wach. Es hat geklappt, ich hab den Wagen."
"Ich weiß, Frank hat geschäumt wie ein Hund."
"Hast du die Telefonnummer von dem Araber?"
"Er heißt Habbas, wohnt im »Hilton«, welches Zimmer weiß ich nicht."
"Weißt du, was in dem Wagen ist?"
"Nein, keine Ahnung, aber es muß wertvoll sein, ich habs dir gesagt."
"Was können wir verlangen, was wollte der Araber Frank zahlen?"
"Sal, woher soll ich das wissen, Frank spr
icht nicht mit mir über seine
Geschäfte."
"Du hast den Rest ja auch herausgefunden, es ist wichtig!"
"Sal, das war reiner Zufall!"
"Carmen, ich kann nicht den Araber anrufen und wie ein Idiot auftreten, sonst
können wir es gleich vergessen."
"Sal, ich bin nicht bescheuert, aber ich muß vorsichtig sein. Das ist die
einzige Chance, die ich habe. Entweder es klappt, oder sie finden mich im
Fluß."
"Carmen, hör zu, wir haben nur diesen einen Trumpf in der Hand, tu was!"
"Sal, okay, ich brauch ein bißchen Zeit, gestern war Habbas in Franks Büro,
ich stand die ganze Zeit an der Tür, aber sie haben nicht über Geld
gesprochen, der Araber hat nur dauernd von Wang erzählt, den er kennt."
"Was für ein Wang?"
"Ein Chinese, mit dem Frank mal einen Haufen Ärger hatte, aber das war vor
meiner Zeit, ich weiß so gut wie nichts darüber."
"Ein Chinese, huh?"
"Ich bin später bei Frank, ich tu, was ich kann, Sal, aber bleib cool. Und paß
auf, daß Franks
Leute dich nicht finden. Die machen Hackfleisch aus dir."
"Weißt du, wer hinter uns her ist?"
"Keine Ahnung, aber es wird dieser Block sein, und wahrscheinlich hat er Tony
dabei. Tamie kennt die auch, frag sie."
"Ich soll Tamie alles erzählen?"
"Ich bin zwar nicht begeistert, daß sie bei euch ist. Aber was hätt ich tun
sollen? Ihr vielleicht erzählen, hey, Tamie, du bleibst besser hier, ich
versuch nämlich grad Frank zu verarschen, der eine war Sal. Was, du kennst
die? Ja, Tamie-schatz!"
"Was sind das für Typen, Carmen?"
"Ich hab ein paar Geschichten über Block gehört, huh, mir läufts jedesmal kalt
übern Rücken, wenn ich den seh. Sieht aus wie dein eigener Onkel, aber Frank
hält ihn für seinen besten Mann, und du kannst die vorstellen, was das heißt!"
"Ich muß Schluß machen, Carmen, da taucht gerade ein Typ vom Hotel auf, ich
ruf dich an."
"Sal, warte!"
Er hatte schon den Hörer vom Ohr genommen, aber er hörte sie rufen und nahm
ihn w
ieder auf.
"Was?"
"Mein Gott, Sal, hör zu, ich habs beinahe vergessen. Ich hab nicht alles
mitbekommen, was der Araber gesagt hat, aber was immer es ist, es muß in einer
der Türen sein."
"Paß auf dich auf, Carmen."
"Paß du auf dich auf, Sal!"
Als Sal zurück in die Suite kam, stand Moses am Fenster und sah auf die Berge,
eine riesige Mauer, über deren Sims gerade Streifen Licht kroch. Das Hotel
stand in einem Einschnitt dieser Felssperre, die die Wüste vom Bergland
trennte. Sal wunderte sich, Moses schon auf den Beinen zu sehen.
"Hey, Moses, was ist los, schon auf?" Er legte ihm die Hand auf die Schulter.
"Hm, ja, sind die nicht schön", sagte Moses, ohne sich umzudrehen. "Ich denke
gerade daran, wie wir damals auf dieser Hütte hoch oben gehaust haben. Mann,
war das kalt da, was, Sallie?"
"Moses, ich muß mit dir reden."
"Quatsch, ich weiß alles."
"Du weißt alles?"
"Sal, ich bin doch nicht blind, es macht mir nicht das gerings
te aus."
"Ist dir vollkommen egal?"
"Na, klar, sie ist nett, aber ich find sie ein bißchen dünn, weißt du."
"Moses, ich will dir aber..."
"Nun hör schon auf, ist okay für mich, hab ich dir schon mal Scheiß erzählt,
hm?"
"Nein, Moses, aber..."
"Hey, ihr seid schon alles auf", sagte Tamie, als sie zur Tür reinkam und sich
die Augen rieb, "Bande von Frühaufstehern hier, was?"
"Ich hab Hunger, die sollen uns ein Frühstück reinrollen", sagte Moses und
ging zum Telefon hinüber.
***
"Guten Tag, Carl", sagte Ruiz in den Hörer.
"Ruiz, lange nicht gehört, wie gehts deinen Kindern?"
"Sie wachsen, Carl. Jedesmal, wenn ich sie sehe, sind sie ein Stück größer."
"Und Emma?"
"Spricht kein Wort mit mir."
"Scheiße, Ruiz, wie lang ist das jetzt schon her?"
"Das sie mit mir gesprochen hat?"
"Nein, ich meine die Scheidung."
"Zweihundert Jahre, Carl."
"Ruiz? Komm doch mal wieder vorbei, Martha fragt
immer nach dir, sie macht uns
einen riesigen Braten, und dann quatschen wir wieder mal. Warst verdammt lang
nicht hier."
"Gern, Carl. Aber ich ruf wegen was anderem an, euer Kommission war doch mal
an Barrault dran, wegen krimineller Vereinigung oder wie ihr das nennt."
"Sind wir immer noch."
"Ich hab drei Morde, Tankstelle draußen in der Wüste. Reifenspuren von einem
Wagen, der vielleicht Barrault gehört, und ein Feuerzeug mit einem
Monogramm: »F.B.«."
"Nicht viel gegen einen wie Barrault."
"Ich hab gerade erst angefangen, Carl."
"Okay, Ruiz, wie kann ich dir helfen?"
"Sag mir alles, was du über ihn weißt."
"Gut, bevor ich anfange, kennst du einen Wang Chu?"
"Wie lange bin ich hier, Carl, seit gestern?"
"Ruiz, du mußt uns wirklich mal wieder besuchen kommen, ewig allein in deiner
Bude, das tut keinem gut auf Dauer."
"Du hast recht, aber was ist mit dem Chinesen, Carl?"
"Also gut, entspann dich und hör zu. Barrault kontrolliert hi
er eine ganze
Menge, muß ich dir nicht erzählen, aber der ist mehr ein Einzelkämpfer. War
aber schon hier, da gabs überhaupt noch keine Gelben in der Stadt. Wang ist
die chinesische Familie. Kennst die Bande, wiegen ihr Geld auf Paletten, wenn
sie einen Deal machen, Verbindungen, weiß der Teufel wie weit. Also, Wang
taucht auf mit seinem Clan, schon gehts los. Zersägen einen von Barraults
Dealern in Stücke und werfen sie in den Fluß. Appetithappen oder Warnung, bei
den Schlitzaugen blickst du nicht durch. Barrault nimmt es persönlich, holt
sich den Schwager von Wang, betoniert ihm die Schuhe und schickt ihn
schwimmen. Wir finden ihn in einer Schiffsschraube. Gibt einen blutigen Krieg,
Wang verliert eine Menge Leute, Frank noch mehr. Die Sache beginnt teuer zu
werden. Wir haben hier so einen Finanzfreak, der hat mal nachgerechnet.
Schätzt, daß Frank zwei Jahre sämtliche Einnahmen und einige seiner Reserven
für Leute, Waffen, Logistik, Überwachung
und seinen persönlichen Schutz
ausgegeben hat. Für Wang ist es auch nicht gerade ein Spaziergang, kann sich
aber schon mal was erlauben, mit dem Geld des Clans hinter sich. Dann aber
können sie beide ihre Kunden nicht mehr richtig versorgen, die Dealer trauen
sich nicht mehr aus den Löchern, und die Konkurrenz wird schon neugierig. Dann
machen sie die Sache klar. Sollen sich sogar getroffen und Tee getrunken haben
zusammen. Frank und Tee, kannst du dir das vorstellen, Ruiz? Frank muß ein
paar Dinge aufgeben und sich strikt an gewisse Grenzen halten. Mit dem Stoff
macht er Schluß. Da, wo am meisten Geld war, hätten die Schlitzaugen niemals
nachgegeben, auch wenn sie die ganze Stadt in die Luft hätten sprengen müssen,
um den letzten seiner Dealer zu kriegen. Seit fünf Jahren ist jetzt Ruhe. Erst
seit letzten Sommer siehst du Frank wieder ohne eine Horde Leibwächter aus dem
Haus gehen. Scheint sich sicher zu fühlen. Du weißt ja, Ruiz, wie die das
se
hen. Solange es allen gutgeht, scheißt keiner dem anderen vor die Tür. Frank
hat sowiesio nur die Krümel, den Kuchen teilen sich die Chinesen."
"Und ihr?"
"Wir haben erst letzte Woche wieder einen V-Mann verloren, kannte ihn gut."
"Wie?"
"Italienisch, Ruiz, hatte seine Eier im Mund. Seidem die den »Paten« im Kino
gesehen haben, versuchen sie auch noch witzig zu sein. Laufen plötzlich in
Maßanzügen rum und denken sich Rituale aus."
"Was haben wir für einen Job, Carl?"
"Den beschissensten von allen, würd ich sagen."
"Haben wir eine Chance?"
"Gegen die? Freu dich, wenn du mal jemanden einen Mord anhängen kannst, der zu
dir ins Büro kommt und schwört, er wars. Viel mehr ist es nicht."
"Vielleicht hast du recht, Carl, ich sollte euch mal wieder besuchen, dich und
Martha."
"Wir würden uns freuen, Ruiz."
"Grüß sie von mir."
"Mach ich, Ruiz."
Ruiz legte auf und blickte aus dem Fenster seines Büros. Das übliche mußte
jetzt getan werden,
hinfahren zu denen, rauf auf die Hügel am Rande der Stadt,
großes Geld, große Häuser. Er würde seinen klapprigen Dienstwagen in einer
schattigen Allee parken und schnaufend ihre Einfahrften, lang und breit wie
ein Fußballfeld, hinaufkeuchen. Während er vor der Tür wartete, würde er sich
erinnern, daß er seit Monaten neue Schuhe hatte kaufen und den Knopf an seinen
Trench hatte annähen wollen. Über eine dichte Hecke, der japanische Gärtner
gerade mit einer Nagelschere den letzten Schliff gaben, würde man das leise
»Plopp«, »Plopp« vom Privattennisplatz des Nachbarn hören. Herrgott noch mal!
Und dann würde man seine dämlichen Fragen stellen, und wenn man einen
Spitzentag hatte, bekam man noch ganze drei dämlichere Antworten, bevor der
Kerl in seinem Seidenpyjama sagen würde, ach , Kommissar, haben sie Dr.
Soundso schon kennengelernt, wir wollten geade zusammen frühstücken. Warten
Sie, ich hol ihn schnell, oder wollen Sie einen Happen mitessen? Nein? A
lso,
zufällig ist er mein Anwalt, vielleicht rufen Sie ihn nächste Woche mal an und
fragen ihn. Er weiß viel besser, wo ich zu der und der Zeit immer so bin.
So war das, und er konnte diesen Abschaum nicht einfach packen, ihn Arsch
voraus auf den Marmorboden beförden, ihm mit einer Bronzeskulptur, die aussah
wie ein kackender Büffel, das Knie zertrümmern und dann sagen, Frankie, du
Dreckskerl! Sag, was du weißt, oder ich stopf dir diesen Vier-Polizisten-
Jahresgehälter-Seidenteppich in den Hintern!
Nein, statt dessen sah er sich jetzt tatsächlich seine Schuhe an und wartete,
bis jemand diese original fünf Tonnen indisches Palasttor vor seiner Nase
öffnen würde.
***
"Frank?"
Carmen steckte vorsichtig den Kopf ins Badezimmer, Frank hatte sie spät in der
Nacht noch in ihrem Appartment angerufen, sie solle ihren Arsch bewegen und
herkommen. Er schickte sie zwar nicht mehr auf den Strich
seit ein paar Jahren,
aber sie hielt es auch nicht für einen Fortschritt, Franks Privatspielzeug zu
sein.
"Was ist jetzt schon wieder, Carm?"
"Da ist ein Kommissar, der dich sprechen will."
"Nicht schon wieder dieser Scheiß-Rusi oder wie der heißt."
"Er sagt, er heißt Ruiz."
"Ja, ja, zeig ihm das Wohnzimmer, ich komme."
Ruiz stand in einem sechs Meter hohen Raum und blickte durch getönte
Glasscheiben hinunter auf das Häusermeer der Stadt, das heißt auf soviel davon,
wie sich jenseits eines Pools von der Größe des städtischen Schwimmbads erkennen
ließ.
"Aaaah, Kommissar Rusi, was für eine Ehre!"
"Guten Tag, ich komme doch nicht ungelegen?" sagte Ruiz und drehte sich nach
Frank um, der in Shorts und einem Poloshirt mit ausgebreiteten Armen ins
Wohnzimmer stolzierte.
"Sie sind mir immer wollkommen, Kommissar. Sie wissen, ich helfe euch Jungs, wo
ich kann!"
Der Kerl hatte das Grinsen eines Schmierenkomödianten im Ge
sicht, der sich für
einen verkannten Oscar-Anwärter hält.
"Einen schönen Garten haben Sie, ich hätte mich beinahe verlaufen", sagte Ruiz
und blickte wieder durchs Fenster.
"Was kann ich für Sie tun, Kommissar?"
Frank ließ sich in einen orangenfarbenen Kalbsledersessel fallen. Anscheinend
war Orange im Moment die Farbe. An der Wand hingen Gemälde mit orangenen
Strichen und Punkten, einige zeigten regelmäßig Quader in derselben Farbe.
"Ich habe gehört, Sie fahren einen wunderbaren Wagen, was Offenes, soll nicht
mehr viele davon geben", sagte Ruiz und drehte sich um.
"Kann sein, wollen Sie ihn kaufen, Kommissar?"
"Ich hab schon einen Wagen."
"Wär leider auch nicht möglich gewesen, ich wollte gerade Ihren Kollegen
anrufen, man hat ihn mir gestohlen."
"Bedauerlich so was", sagte Ruiz.
"Ja, sehr. Stellen Sie sich vor, ich sitze mit Carmen, die Sie gerade gesehen
haben, und meiner Nichte ..."
Man konnte es beinahe nicht glaub
en, der Kerl übte anscheinend vor dem Spiegel.
Er brachte so etwas wie den Ärger eines aufrechten Kleingärtners über die
Schlechtigkeit der Menschen in sein Gesicht.
"Sie haben Geschwister?"
"Was, wieso? Also ich sitze im Restaurant, will pissen gehen, da schlagen mich
zwei zusammen, sehen Sie sich meine Nase an, rauben mich aus und stehlen mir den
Wagen, was sagen Sie dazu?"
Den Kleingärtner ließ er jetzt wieder weg, es kam wieder der Frank zum
Vorschein, der immer noch selbst bei einem Mädchen und Klubs das Geld abholte
und einem Restaurantbesitzer, mit dem er über die Rechnung stritt, eine halbe
Stunde später in einer Seitengasse in den Kopf schoß.
"Machen Sie eine Anzeige", sagte Ruiz.
"Ich sagte doch, wollte Sie gerade anrufen."
"Kennen Sie einen Tony Sacchi?" Ruiz besah sich die Sammlung orangener
Tierskulpturen auf einer Mahagonianrichte.
"Skakki? Kollege von Ihnen, nimmt der meine Anzeige auf?"
"Ich glaube nicht", sag
te Ruiz.
"Hm, ich kenn eine Menge Leute, aber der Name sagt mir im Moment nichts."
"Wann war das mit Ihrer Nase?"
"Vorgestern abend, fragen Sie Carm?"
"Und wann hat man den Wagen gestohlen?"
"Na, gleich danach."
"Wenn der Wagen wieder auftauchte, sagen Sie mir dann Bescheid? Ich mag Autos."
"Ich mag Sie, Kommissar, wenn ich Ihnen irgendwie mal helfen kann, lassen Sie es
mich wissen!"
Wie lange stand man vor einem Spiegel, um das Gesicht so verziehen zu können?
"Ich komme auf Sie zu", sagte Ruiz.
"Tun Sie das." Frank stand auf und breitete wieder die Arme aus, das größte
Bedauern, den Jungs von der Polizei nicht besser helfen zu können, im Gesicht.
Ruiz dachte an die schauspielerischen Qualitäten von Pornodarstellern.
"Ach, ich habe Ihr Feuerzeug gefunden", sagte Ruiz und zog etwas aus der Tasche.
"Zeigen Sie her, woher haben Sie's?" fragte Frank und kam einen Schritt näher.
Seine Augen verrieten Ärger, aber keinerlei Sorg
e, so als ob Ruiz ein Gärtner
wäre, der Frank gerade erzählt, ein Tennisball hätte in die Gartenhecke
eingeschlagen und das Werk eines ganzen Tages Nagelscherenarbeit zerstört.
"Tony Sacchi hat es mir gegeben"
Frank zuckte nicht mal, nur sein Ärger über diese lästige Störungen schien sich
zu steigern, mehrere Tennisbälle hatten in die Hecke eingeschlagen, und drei
Tage Arbeit war im Eimer.
"Frank?"
Die Frau, die Frank »Carm« nannte, kam zögernd herein, sie war nicht mehr ganz
jung, aber sie hatte klare Gesichtzüge, und ihr Körper war jugendlich. Als sie
Ruiz die Tür geöffnet hatte, war ihm eine merkwürdige Entschlossenheit in ihren
Augen aufgefallen. An ihrer Wange hatte er eine kleine Schramme registriert.
Jetzt wo sie Frank ansprach, wirkte sie zögerlich, aber dennoch hatte sie diesen
Blick in ihren Augen. Ruiz dachte an sich selbst, wie er mit Carl telefoniert
hatte, dieses Gefühl, einen Weg zu gehen, auf dem nicht viel zu g
ewinnen war,
und es dennoch immer wieder zu versuchen.
"Carm, was ist denn, du siehst doch, daß gerade mit dem Kommissar spreche, mach
die Tür wieder zu und verschwinde."
Frank sprach wie zu sich selbst, mit einem Ton gereizter Langeweile, er sah sie
nicht einmal an. Ruiz stellte sich vor, wie Frank sie schlagen würde, wenn ihm
danach war.
"Es ist nur, Habbas ruft gerade an und ..."
Es schien ihr wichtig zu sein, daß Frank den Anruf entgegennahm, es war nicht,
als ob Franks Bankier anrufen würde, um ihm eine neue phantastische Anleihe
aufzuschwätzen, für die die Bank die Platzierung übernommen hatte.
"Ich wollte sowieso gerade gehen", sagte Ruiz.
"Aber nein, Kommissar, bleiben Sie doch noch!"
"Ein andermal."
Ruiz beeilte sich. Er lief die Einfahrt von Frank Anwesen hinunter, erinnerte
sich an die Telefonzelle, die ihm aufgefallen war, als er den Wagen an der
Straße geparkt hatte. Er hatte Glück, die Zelle war frei
, er riß die Tür auf,
schon im Laufen hatte er Münzen hervorgeholt. Er war ein wenig außer Atem, als
sich die altvertraute Stimme seines Freundes meldete.
"Carl, ich brauch deine Hilfe, aber mach schnell! Ihr kennt euch doch mit dem
Kram aus. Ich steh hier in einer Telefonzelle vor Barraults Haus. Ruf die vom
Amt an, sie sollen dir sagen, von wo Frank gerade angerufen wird!"
"Ruiz, weißt du, was du verlangst, es gibt da ein paar Vorschriften ..."
"Carl, tu mir den gefallen und verschon mich mit dem Blödsinn! Daß ihr für
solche Fälle nicht schon eine Standleitung eingerichtet habt, ist doch alles."
"Ruiz, du bist von der Mordkommission, und ich bin ..."
"Du tust es für mich, Carl, und nicht für die beschissene Mordkommission, okay?"
"Bleib dran!"
Ruiz schnappte nach Luft, verdammt, er sollte nicht soviel rauchen, dachte er.
"Ruiz?" meldete sich Carl wieder.
"Ja."
"Es war hier in der Stadt, das »Hilton«, willst du auch die Zimmern
ummer?"
"Nein, ich hab zum Spaß angerufen", sagte Ruiz, "kennst du einen Habbas?"
"Die Zimmernummer ist 904. Meinst du Rashid Habbas?"
"Keine Ahnung, er sitzt im »Hilton«, Zimmer 904."
"Habbas spricht mit Frank?"
"Sieht so aus, Carl."
"Weißt du, das ist merkwürdig. Habbas ist groß im Geschäft mit Papier. Er ist
ein Händler, nicht die Sorte, die ich mit Frank in denselben Topf werfen würde."
"Papier, Carl?"
"Pläne für Waffen, militärische Anlagen, Geheimdokumente und so weiter."
"Was meinst du, wie macht er das?"
"Du meinst, die Sachen rausschaffen?"
"Hm."
"Er ist verdammt gerissen, dein Habbas. Ich kenn ein paar Geschichten. Kein
Mensch weiß, ob sie stimmen, man hat noch nie etwas gefunden bei ihm. Einmal
hatte er ein Schiff gechartert, er selber ist aber zum Flughafen gefahren. An
der Paßkontrolle haben sie ihn auseinandergenommen, sie haben ihm einen Finger
in den Hintern gesteckt und ihn sogar geröntgt. Nichts. Riesenaufregung. Wo
ist
das Boot? Küstenwache, Hubschrauber und so weiter. Bringen das Boot auf, ein
paar schläfrige Typen an Bord. Schleppen es zurück in den Hafen, holen es aus
dem Wasser und zerlegen die Jacht bis zur letzten Schraube. Ein ganz Pfiffiger
hat sogar Vollholzplanken zersägen lassen. Nichts. Den Rest kannst du dir
vorstellen. Der verantwortliche Beamte fährt jetzt Streife in einem
Fünfhundert-Seelen-Dorf, oben im Norden. Das Boot war zwölf Millionen wert -
bevor sie es zerlegt haben, mein ich."
"Das ist also Habbas, hm ..."
"Ja, Ruiz. Rashid Habbas."
"Und du glaubst, Frank ist eine Nummer zu klein für den?"
"Drei Nummern, Ruiz."
"Was will er dann von ihm?"
"Vielleicht kauft er was anderes oder will sich amüsieren, Frank hat mehr im
Angebot."
"Einen Wagen ..."
"Wie kommst du auf einen Wagen, Ruiz?"
"Nur so, Carl."
Ruiz ging wieder zurück zu seinem Wagen. Er setzte sich ans Steuer und blickte
auf die Löwen an Franks Einfahrt. Wo w
ar der Zusammenhang? überlegte er. Habbas
telefoniert mit Frank, einer von Franks Männern liegt mit gespaltenem Schädel an
einer Tankstelle, Frank behauptet, sein Wagen wäre geklaut, und seine Nase ist
gebrochen. Der Wagen fährt durch die Wüste, mitsamt einem Dutzend Motorradfahrer.
Franks Mann, Tony, trägt Motorradstiefel, und Franks Feuerzeug liegt neben einer
toten Frau.
Gab es überhaupt einen Zusammenhang?
Um dieser Carmen noch ein bißchen auf den Zahn zu fühlen, war es zu spät
gewesen. Das mit dem Telefonat herauszukriegen, war im Moment wichtiger.
Außerdem würde es besser sein, sie allein zu erwischen, wenn Frank nicht dabei
war.
Wo mußte man ansetzen? Wo war der Schlüssel zu dieser Geschichte?
Der Wagen fährt durch die Wüste, mitsamt einem Dutzend Motorradfahrer. Franks
Mann, Tony, trägt Motorradstiefel, und Franks Feuerzeug liegt neben einer toten Frau.
Der Wagen fährt durch die Wüste. Er mußte den Wagen finden!
Die Löwen an Franks Einfahrt sahen kitschig aus, aber es war eine Wohltat fürs
Auge, daß sie wenigstens nicht orange waren.
Ein kleiner Zuhälter, der sich nach oben gekäpft hatte, überlegte Ruiz; er
schnappte sich das Funkgerät.
"Charlie vier sieben an Zentrale, bitte kommen."
Ruiz schaltete auf Empfang und mußte einen Moment warten. Es rauschte, und dann
knackte es, als sich eine weibliche Stimme meldete.
"Hier Zentrale, was kann ich für dich tun, einsamer Jäger?"
"Du könntest mal wieder mit mir Essen gehen", sagte Ruiz.
"Springst du dann wieder in meine Suppe und hälst dem Mann am Nachbartisch deine
Kanone unter die Nase, wie letztes Mal?"
"Nein, wir könnten bei mir essen."
"Ravioli oder Dosenbier?"
Es klang nicht spöttisch, ihre Stimme war ganz sanft.
"Hör zu, ich hab was für dich, gib eine Fahndung raus, ich geb dir die Daten."
"Ich höre."
Nachdem er ihr den Wagen beschrieben hatte, sagte er, ich ruf d
ich an die
Tage, und sie meinte noch, daß sie auch bei ihr essen könnten, dann hängten sie
auf.
Ruiz steckte sich eine an und blies den Rauch gegen die Scheibe. In diesem
Moment rollte aus Franks Einfahrt ein Wagen, ein japanisches Modell, das
ziemlich klapprig aussah. Hinter dem Steuer erkannte Ruiz die Frau, die ihm
geöffnet und die Frank »Carm« genannt hatte.
***
Sal kam aus dem Badezimmer und blieb einen Moment vor dem großen Fenster stehen,
das eine ganze Wand des Wohnzimmers ihrer Suite einnahm. Seine Haut war wieder
sauber, aber es kam ihm vor, als würde darunter eine schwarze, klebrige Masse
durch seine Adern fließen.
Die Bergkette gegenüber dem Hotel war erst umrißhaft zu erkennen, die Grate und
Gipfel hoben sich scharf vor dem dunstigen Blau des Himmels ab, aber die Flanken
der Steinriesen lagen noch immer in lichtlosem Schatten. Die Sonne hing als
helle Scheibe in einer Schart
e fest und tastete mit ein paar Lichtstrahlen ins
Zimmer.
Sal wandte sich wieder vom Fenster ab, er hatte eine schnelle Dusche genommen,
seine Haare waren noch naß, er schlurfte zu den beiden anderen, die schon beim
Frühstück saßen. Die Hotelmannschaft mußte inzwischen wieder eine ganze
Servierwagenkolonne ins Zimmer gerollt haben.
Auf dem Tisch standen riesige Teller mit gebratenen Eiern und Speck, zwei Kannen
Kaffee, frisch gepreßter Orangensaft, Müsli mit kleingeschnittenen Früchten,
Brötchen, ein Korb Schwarzbrot, eine Käse- und zwei Wurstplatten, eine Kanne
heißer Schokolade, ein paar Salate, gegrillte Würstchen, ein Krug kalter Milch,
Apfelpfannkuchen, Trauben, Bananen, Kiwis, weichgekochte Eier, drei Gläser
Tomatensaft, ein paar Schalen Joghurt, eingelegte Pfirsische und eine Schale
Nüsse.
Es war Moses gewesen, der sich um die Bestellung gekümmert hatte.
Die anderen langten ordentlich zu, aber Sal hatte keinen Appetit. E
r aß ein
bißchen von den Eiern, um das flaue Gefühl im Magen zu vertreiben, und er hatte
noch nicht zuende gekaut, da steckte er sich schon eine Zigarette in den Mund.
Er machte einen tiefen Zug und dachte an das Telefonat mit Carmen.
"Hey, Sallie-Boy", sagte Moses, "was machen wir mit dem Wagen, wir könnten ihn
zu Geld machen, was meinst du?"
"Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Ich hab da ein paar Ideen", sagte Sal.
Er starrte mit leeren Blick einen Punkt an der Wand an.
"Gut, welche?"
"Laß mich nur machen, Moses."
Sal fiel Asche auf den Teller, und er verbrannte sich die Finger. Tamie sah ihn
mit großen Augen an und spitzte den Mund, er fabrizierte ein schwaches Lächeln
auf sein Gesicht. Sie strahlte ihn an. Sie waren auf Wolken durch die Nacht
gedriftet, tief unten hatte Frank gestanden, dann waren sie höher und höher
hewirbelt, und Frank war weit unten verschwunden. Sie kamen weiter und weiter
hinauf, und einen kurzen Moment
hatte er das Licht gesehen. Er konnte sich nicht
erinnern, ihm schon einmal näher gewesen zu sein, als in dieser Nacht. Am
liebsten wäre er jetzt aufgesprungen, hätte Tamie gepackt und sie im Zimmer
herumgewirbelt, aber er fühlte sich wie ein umgefallener Käfer, der mit den
Beinen in der Luft herumruderte, um wieder auf die Füße zu kommen. Die Welt
stand kopf, und er strampelte und keuchte, und mit dem Kopf am Boden sah er eine
Planierraupe auf sich zurollen.
Es war so viel, was er ihr sagen wollte, aber er wußte nicht mal, wo er hätte
anfangen sollen. Was er nicht sagen wollte, aber unbedingt mußte, war: Lauf weg,
Tamie, jetzt sofort und so schnell du kannst, stell dich an die Straße in deinem
Sommerkleid, halt den Nächstbesten an und steig erst Lichtjahre wieder aus!
Herrgott noch mal, bist du blind? Wir sind vielleicht losgezogen, um das Licht
zu suchen, aber viel eher reiten wir direkt in die Hölle. Allein kannst du's
schaffen, mach dich
aus dem Staub, bevor es zu spät ist!
Und dann Moses, der einzige Freund, den er hatte, der ritt einfach mit, und er
hatte ihm nicht mal gesagt, wohin. Moses wäre auch so von Anfang an
dabeigewesen, aber nicht, weil der auch nicht anders konnte wie er, sondern weil
er jeden Dreck mitmachte. Moses hatte noch nie an die Folgen von irgend etwas
gedacht, aber der hätte dennoch nicht eine Kiste wie die vorgeschlagen. Wenn man
Moses Chips in die Hand gab, dann spielte er auch, aber er lief nicht herum und
suchte nach dem Casino. Deswegen ging es auch nicht darum, ob er Moses alles
gesagt hette oder nicht, er hatte Moses gar nichts gesagt. Der Punkt war, er
hätte es alleine, ganz alleine mit Carmen tun müssen, die wußte, was sie da tat,
verdammt, so sah das Spiel jetzt aus, keine Zeit mehr, die Karten neu zu
mischen, es lag jetzt an ihm, entweder - oder, was du anfängst, ziehst du durch
und Ende, so war das eben.
***
Block hielt an und kramte eine Karte hervor. Es hatte keinen Sinn, geradeaus
führte die Straße durch die Wüste, dann war er in der nächsten Stadt. Auf dem
Abzweig nach Osten stieg die Straße an, und man fuhr über den Paß durch die
Berge, von dem ein paar Seitenstraßen abzweigten.
Er würde umkehren und zurück zu diesem Rastplatz fahren, den er gerade gesehen
hatte. Dann sollte er wohl besser Frank anrufen, überlegte er, villeicht hatte
der eine Idee. Und vor allem würde er etwas essen und sich ein Bier genehmigen.
Es hing ihm zum Hals heraus. Er war jetzt schon mehr als dreißig Stunden am
Stück unterwegs und hatte nur drei, vier Stunden geschlafen, als Tony gefahren
war, und das konnte man auch nicht gerade als Schlaf bezeichnen.
Er wendete den Wagen und fuhr ein paar Kilometer zurück. In der Raststätte
bestellte er sich erst einen Teller mit Kartoffeln und ein Bier, dann machte er
sich auf den Weg zum Telefon.
"Frank,
hier ist Block", sagte er, als es in der Leitung klickte.
"Hast du den Wagen?"
"Noch nicht, Frank. Das ist nicht so einfach."
Er erklärte ihm die Situation und konnte hören, wie Frank schnaufte.
"Block, du schaffst das nicht, ich schick dir ein paar Leute nach."
Block erstarrte, Frank hatte ihn immer alleine arbeiten lassen. Nur Tony hatte
er meistens dabeigehabt. Das bedeutete nichts Gutes. Ein flaues Gefühl stieg in
ihm hoch.
"Frank, das ist ein Klacks, wenn ich die erst mal habe, dann gehören die mir."
"Block, wir haben keine Zeit, dieser Rusi war bei mir, der hat gesehen, was ihr
für eine Scheiße an der Tankstelle gebaut habt, ich mußte sogar den Wagen als
gestohlen melden."
"Die fahnden nach dem Wagen?" In Block arbeitete es, er mußte das alleine
hinkriegen, sonst war er geliefert.
"Was werden die wohl tun, Block? Eine Annonce aufgeben, Wagen entlaufen, seine
Mama vermißt ihn sehr?"
"Frank, kennst du niemanden von d
en Bullen? Wenn die den gefunden haben, dann
sollen sie es dir sagen, und ich fahr hin und hol ihn."
"Block, das ist doch gequirlte Scheiße, wenn die Bullen den finden, dann haben
die ihn schon. Ich kann nicht den ganzen Laden schmieren."
"Frank, ich schaff das schon irgendwie."
"Scheiße, Block, du erzählst Scheiße, ich sag dir, was du tust. Du fährst in die
Berge, wenn du meinst, okay, fahr in die Berge, soll mir recht sein. Und ich
schick ein paar Leute los, die fahren in diese Scheißstadt da. Die finden die
da schon!"
Frank hatte einfach aufgelegt. Block wischte sich über die Stirn. Niemand, der
einen Wagen klaute, fährt in die Berge, die fahren in eine Stadt, und dann
verkloppen die den und hauen ab. Wenn Frank ihn in die Berge schickte, dann
brauchte er gar nicht mehr zurückzufahren. Frank hatte Witze gemacht, er hatte
ihn verarscht, Frank machte nie Witze, wenn es um einen Job ging, es sei denn,
Herrgott - er war draußen!
»Die
finden die dann schon«, hatte Frank gesagt, es war nicht mehr sein Job,
fahr hin, wohin du willst, das hatte er gemeint, Frank kümmerte sich jetzt
selbst darum - auf einmal -, der kümmerte sich nie um was selbst, dafür war er
da, aber er hatte versagt; wenn er zurückfuhr, brachte er besser gleich einen
Sarg für sich mit. Scheiße.
***
Sal zog an einer neuen Zigarette und schaute aus dem Fenster, als ob dort etwas
Wichtiges passieren würde.
"Ich finde, wir sollten den Wagen schnell loswerden, Frank sucht ihn bestimmt",
sagte Tamie; sie wirkte munter, sie begriff nichts, sie war einfach abgehauen,
in den Wagen eingestiegen und mitgefahren.
"Er schickt Leute hinter uns her", sagte Sal abwesend.
"Woher willst du das wissen?" fragte Moses und sah ihn an.
"Davon gehe ich aus." Sal starrte noch immer aus dem Fenster.
"Wir könnten die zwei von der Tankstelle anrufen", schlug Tamie vor, "vielleicht<
BR>haben sie was gesehen."
Sie redete, als ob es sich lediglich um ein technisches Problem handelte, daß
Frank ihnen ein paar Killer hinterhetzte. Man rief mal irgendwo an, um es
genauer zu wissen, und das wars auch schon.
"Am Ende haben die bösen Buben sogar dort getankt", grinste Moses.
"Böse Buben?" Sal sah ihn an, er schien etwas runterzuschlucken.
"Du hast recht", sagte er dann, "wir können es probieren. Ich habe Streichhölzer
von dort mitgenommen, vielleicht steht die Telefonnummer drauf."
Sal kramte in seinen Taschen.
Wie auch immer, sie hatten alle Karten in der Hand, die Einsätze lagen auf dem
Tisch, wer jetzt ausstieg, verlor alles, und es wurde langsam Zeit, dem Gegner
ins Auge zu sehen und zu spielen.
"Ja, da steht die Nummer", sagte Sal, "ich geh mal runter in die Halle und ruf
an."
"Sallie-Baby", krähte Moses, "ist nicht mehr wie früher bei uns, wir haben
Telefoohoon auf dem Ziihiimmer!"
"Hmmh, ist nicht meh
r wie früher, huh!" sagte Sal und ging zum Telefon.
Er wählte, es klickerte ungewöhnlich lang, dann kam der Ruf durch.
"Polizeidienststelle II, Ruiz, kann ich Ihnen helfen?"
Sal legte auf. "Ich habe mich verwählt", sagte er und sah die anderen an. Er
hielt den Telefonhörer und das Streichholzbriefchen in einer Hand und wählte
Nummer für Nummer noch mal.
"Polizeidienststelle II, Ruiz, kann ich Ihnen helfen?"
Sal wollte gerade wieder auflegen, da sagte die Stimme am anderen Ende:
"Hören Sie, legen Sie nicht auf, ich habe eine Nachricht für Sie!"
Sal sagte nichts, aber preßte den Hörer ans Ohr. Hatten die anderen sich neue
Karten geben lassen? Hatten sie die Regeln geändert?
"Sie wollten eine Tankstelle anrufen, richtig?" sagte die Stimme.
"Ja."
"Haben Sie eine Panne?"
"Nein, nicht direkt."
"Sind Sie ein Verwandter?"
"Hmmh, ja, so was Ähnliches."
Sal tippte auf sein Handgelenk und winkte Moses, er soll
te rüberkommen. Moses
verstand und kam zu ihm. Sal packte seinen Arm und sah auf die Uhr, er hatte
irgendwo gelesen, es dauert dreißig Sekunden, bis die Polizei den Ausgangspunkt
eines Telefongespräches orten konnte, und seine eigene Uhr hatte keinen
Sekundenzeiger.
"Hören Sie, mein Name ist Ruiz, Paolo Ruiz, ich bin Kommissar der
Mordkommission, und ich muß Ihnen ..."
Der andere sprach langsam, fast stolpernd, Sal legte auf.
Er wollte nicht glauben, was er gehört hatte, die Wände des Zimmers kamen auf
ihn zu, der Raum wurde enger und enger, er bekam keine Luft, einer zog am Boden
unter ihm, noch ein Ruck, und er würde ins Leere taumeln und fallen und fallen
...
"Was ist los?" fragte Moses. Tamie war inzwischen auch aufgestanden und um den
Tisch herumgekommen.
"Da war einer dran", krächzte Sal, "ein Ruhiz oder so, sagt, er wär von der
Mordkommission."
Seine Kehle fühlte sich an wie mit Sandpapier ausgelegt.
"Mo
rdkommission? Du hast dich verwählt", sagte Moses.
"Nein, er wußte, daß ich die Tankstelle wollte."
Tamie setzte sich. "Die haben sie umgebracht", sagte sie leise.
"Quatsch", sagte Moses, "da kann sonst was passiert sein, vielleicht hast du
dich doch verwählt."
"Der hat gefragt, ob ich ein Verwandter bin." Sal fühlte sich schwindelig,
kleine blaue Flämmchen tanzten vor seinen Augen.
"DIE HABEN SIE UMGEBRACHT!" schrie Tamie und sprang auf.
Ihre Augen waren riesengroß, ihr Mund eine aufgerissene Straße, sie machte
Bewegungen, als wäre sie unter Wasser und würde ertrinken.
"Seid ihr alle BESCHEUERT?" Moses lief durch den Raum und ruderte mit den Armen
duch die Luft. "Ihr spinnt doch, Sal verwählt sich ein bißchen und schon flippen
alle aus!"
Tamie faßte sich an den Hals, die Adern traten aus ihrer Stirn, sie zitterte,
Sal dachte, gleich würde etwas in ihr zerspringen.
Dann stürzte sie los und lief wie wild um den Tisch heru
m und schrie in einem
fort: "DIE HABEN SIE UMGEBRACHT - NEIN, O GOTT, NEIN - DIE HABEN SIE
UMGEBRACHT!"
Sal packte Moses am Arm. ES WURDE JETZT WIRKLICH ZEIT!
"Hör zu", sagte er, "versuch du, Tamie zu beruhigen, und dann such unseren Kram
zusammen, wir ziehen wieder los."
"Was für einen Kram, Sal, hast du hier Koffer gesehen? Kann mir einer erklären,
was hier los ist?"
"Später Moses, ich muß telefonieren."
"Du mußt was?"
Aber Sal war schon draußen und lief die Treppen in die Halle hinunter.
(to be continued)