2. Softwaretest: Amiga-Emulator »Amithlon« (von Michael Ulbrich) Vor gut einem Monat war Verkaufsstart eines neuen Amiga-Emulator-Paketes: AmigaOS XL genannt, besteht es aus einem Emulator, der unter QNX läuft, und Amithlon, basierend auf einem Linux-Kernel. Beide Emulatoren beruhen auf dem JIT-Compiler von Bernd Meyer. Ich befasse mich hier ausschließlich mit Amithlon. Lieferumfang Geliefert wird das Paket in einem ansprechendem Karton. Öffnet man diesen, findet man 2 CDs in Papierhüllen, einmal die QNX-System-CD in der Version 6.1 und einmal die Emulator-CD Amiga XL Amithlon. Weiterhin befindet sich ein A4-Blatt im Karton, dieses enthält in englischer Sprache die Lizenzbestimmungen für AmigaOS XL und AmigaOS. Eine Registrierkarte findet sich noch und dann...die Handbücher für AmigaWriter und ArtEffekt. Für mich etwas verwunderlich, denn ich hatte vorher keinerlei Hinweise gefunden, dass diese Programme Bestandteile des Emulator-Paketes sind. Nun ja, mitbezahlt habe ich sie vermutlich schon, ob ich nun wollte oder nicht... Erste Bekanntschaft Einen lauffähigen Rechner sollte man schon zur Hand haben, wenn man erst mal die CD erkunden möchte. Mich interessierte vorrangig Amithlon, also gleich einen Blick in dieses Verzeichnis geworfen: Ein liesmich.txt, ein readme.txt, Anleitung.pdf, Manual.pdf. Ein Klick auf Anleitung.pdf beschert einen englischen Text (???), außerdem reagiert Apdf mit Meckerei darüber, dass es PDF Version 1.4 sei, er aber im Moment nur V1.3 könne. Ein paar Errors über Bad colorspace runden zumindest bei mir den ersten Eindruck ab. Ein Klick auf Manual.pdf zeigt dann den deutschen Text; wenigstens etwas. Aber dann: eine 25 Seiten lange Anleitung im Amithlon-Ordner, die sich auf den ersten 23 (!!) Seiten mit der Installation von AmigaOS XL für QNX befasst und auf knapp 2 Seiten noch erwähnt, dass man Amithlon auch starten kann. Wie man eine Amiga-HD unter Amithlon einrichtet, wird noch erwähnt, dass man u.U. mit 2 Mausklicks in der HDToolBox seine komplette PC- Installation zerlegen kann, findet dagegen schon keine Erwähnung mehr... Zur Sicherheit gibt es diesen eigentlich nichtssagenden Text noch mal als liesmich.txt. Nähere Bekanntschaft Amithlon bootet direkt von der CD, ein springender Boingball überdeckt das Booten des Linux-Kernel, danach startet sofort der Amiga und endet auf der Workbench. Das klappte dann hier auf einem passend ausgestatteten PC ohne Probleme. Das Einrichten einer Amiga-HD mit HDToolBox, die Installation von OS3.9 und der Internet-Tools von der AmigaXL-CD, der Zugang in mein bestehendes Netzwerk, alles das machte keine Probleme, weil ich aus den bereits vorher bei H&P nachzulesenden FAQs die wichtigsten Sachen zusammengesucht hatte und somit über geeignete Hardware-Voraussetzungen verfüge. Rechnerausstattung Athlon 1,3 GHz, 256MB DDR-RAM, Matrox G450DH, SB128 PCI, Comdex RL2000 PCI, Asus-DVD, 40-GByte-HD Diese Kombination läuft hier seit gut 2 Wochen fast problemlos unter Amithlon. Hardware-Kompatibilität Leider sind die auf der Verpackung angegebenen Systemvoraussetzungen "Athlon-, Duron-, Pentium-, Celeron-CPU ab 500MHz, min. 128 MByte RAM. Alle gängigen Grafik- Sound-, Modem- und Netzwerkkarten werden unterstützt" sehr schwammig. Wieder beziehe ich mich ausschließlich auf Amithlon (ein Hinweis, welche Voraussetzungen für Amithlon und welche für QNX gegeben sind, sucht man vergebens). Grafikkarten müssen Vesa v2.0 unterstützen (die guten alten S3- Karten können z.B. nur Vesa v1 und gehen nicht). Das ist durchaus nicht mehr so selbstverständlich in Zeiten von Windows und dessen eigenen Treibern. Direkt unterstützt werden von Amithlon die Karten von Matrox (Millenium, Mystique, G400, G450, die neue G550 geht nicht!), die GForce2- Karten (GForce3 scheint Probleme zu haben) und wohl auch Riva-TNT. Nur mit den Karten, die direkt unterstützt werden, kann Amithlon alle Auflösungen der jeweiligen Karte in allen Farbtiefen auch nutzen. Die Auflösung kann direkt aus der Prefs im AmigaOS eingestellt werden. Karten, die nur den Vesa-Treiber verwenden, können nur in einer Auflösung genutzt werden. Diese muss per Kernel-Option vorher festgelegt werden. Hinweise dazu sucht man (inzwischen natürlich???) auch vergebens. Bei Soundkarten sieht es eigentlich noch spartanischer aus: Nur die SB128 und der VIAAC97-onBoard-Sound werden bisher unterstützt. Die AHI-Treiber können bisher auch nur wiedergeben - Eingänge oder irgendwelche Mixer- Funktionen sucht man bisher vergeblich. Netzwerkkarten sind dann die eigentliche Katastrophe. NUR NE2000-kompatible PCI-10MBit-Karten werden von Amithlon erkannt und genutzt. "NUR" heißt hier wirklich nur! ISA-Karten gehen ohnehin nicht (empfinde ich nicht als Verlust, allerdings sind wohl 90% aller NE2000-Karten eben ISA...). SCSI-Hostadapter wurden bisher mit Schweigen übergangen, es laufen offenbar alle Adaptec-Hostadapter und auch Dawi-Control. Tekran geht nicht, andere hatte ich nicht zur Hand, Hinweise sucht man vergeblich. Amiga-Kompatibilität Ein Satz vorne weg: Ich weiß, dass Amithlon keinerlei Emulation des Amiga- Chipsets enthält, damit sollte er sich etwa auf Draco-Niveau bewegen. Ich habe ohnehin keinerlei Interesse, herauszufinden, ob Programm xyz von 1991 nun auf Amithlon läuft oder nicht. Auf meinem A4000/060/PPC/Picasso4 war es ohnehin schon seit Jahren mein persönliches Verfahren: Was nicht auf Grafikkarte, 060er, AHI geht, geht eben nicht und fliegt. Somit hatte ich da eigentlich gar keine Probleme. PowerPC-Sachen natürlich wieder durch 040/060 ersetzt, AHI und Auflösungen von P96 an die neuen Gegebenheiten angepasst und fertig. Es läuft einfach. Es läuft meine komplette Software und meine komplette Hardware. Mit kompletter Hardware meine ich: Funkuhr der sure-GmbH von der IOBlix ab, an COM2 ran, neuen Treiber eingestellt, geht. DC260 an COM1, VHI-Studio auf das Device eingestellt, Kamera ist da. Scanner vom CSPPC-SCSI ab, an den Dawi-Control ran, Device bei Scanquix5 eingestellt und scannt. Ricoh 7060S-Brenner an den Dawi-Control, BurnIt eingestellt, brennt. SecondSpin liest Audio von meinem Asus-DVD und packt MP3, MiamiDX nutzt mit der RL2000 mein T-DSL wie auch sonst am Amiga, TurboPrint druckt auf dem HP930C wie immer. Software-Kompatibilität Da fällt es mir dann wieder viel leichter: Mein komplettes System läuft unter Amithlon. Bisher ist hier beim Testen nur MakeCD ausgefallen: Es bringt beim Zugriff auf den Controller (sowohl IDE als auch SCSI) schlicht den ganzen Rechner zum Stehen. Die Ursache ist mir noch unklar. Natürlich gibt es noch Ungereimtheiten, SamplitudeOpus ist stumm, es funktioniert nur über Paula (nicht da, der Paula-Patch geht zwar irgendwie, aber nicht richtig) oder direkt über ein paar Soundkarten. Erstes Fazit Amithlon ist für mich ein Amiga. Es ist die günstigste Turbokarte und PCI- Erweiterung, die ich zur Zeit für den Amiga kaufen kann. Selbst wenn ich berücksichtige, dass ich noch einen kompletten PC dazu brauche, erreiche ich noch nicht die Kosten einer Amiga-PowerPC-Karte incl. PCI-Board usw. Der Vorteil liegt für mich darin, dass ich zwar immer noch die Hardware auswählen muss, diese dann aber normalerweise im PC-Shop um die Ecke zu recht humanen Preisen kaufen kann. Möglichkeiten Amithlon lässt die direkte Einbindung von x86-Programmteilen zur Geschwindigkeitserhöhung zu. Das geht sowohl über FatBinary (68k und x86- Code in einem File) als auch über ELF-Files (x86 wird bei Bedarf nachgeladen). Er ermöglicht den direkten Zugriff auf die vorhandene Hardware, die Programmierunterlagen zur powerpci.library sollten eigentlich laut Harald Frank schon vor der Messe veröffentlicht werden. Ich hoffe, sie lassen nicht zu lange auf sich warten... Wünsche und Notwendigkeiten Wünsche zu Amithlon hätte ich vermutlich endlos viele, im Augenblick also nur die wohl wichtigsten: Netzwerkkarten-Unterstützung wirklich für gängige Karten. Die NE2000-PCI sind in einigen Teilen der Welt wohl schon ausgestorben, wenn man der Mailingliste glauben kann. Dazu kommt, dass wohl die meisten User, die bereits einen PC nutzen, eine 10/100-Karte in diesem stecken haben dürften. AHI-Treiber für ein paar mehr Soundkarten, vor allem für solche, die Nutzen aus den Audio-Eingängen zum Samplen ziehen können. Außerdem: * Ausführliche Dokumentationen zur Programmierung und zur tatsächlich getesteten nutzbaren Hardware. * Für die Spiele-Freaks: Eine Version von Warp3D für Amithlon. Ist wohl nur die Frage, wer die Lizenz bezahlt... Zweites Fazit Positives Amithlon ist ein Amiga. Ein schneller Amiga... Vom darunter liegenden Linux habe bisher nichts bemerkt und musste mich damit auch nicht herumschlagen. Notwendige Änderungen werden einfach mit setconfig aus der Amiga-Startup-Sequence ausgeführt. Die Programmierer haben mittlerweile bereits ein paar Probleme mit Patches aus der Welt geschafft (PC-Floppy-Unterstützung, Mounten von FAT- Partitionen, Tastaturdefinitionen und Wheelmaus-Unterstützung gehen hier jetzt). - bustest sagt zum RAM 360 MByte/s, zur Grafikkarte 180 MByte/s - Quake von der Clickboom-CD macht mit timerefresh in 640x480 55fps - SecondSpin ist doppelt so schnell beim MP3-Encoden als auf dem PPC/233MHz - FinalWriter scrollt auch Seiten mit viel Grafik ohne Denkpausen - Photoalbum lädt und skaliert auch große Bilder ohne störende Verzögerung - MultiView ist plötzlich wieder ein schneller Bildanzeiger - MystiCube dreht seinen Würfel in 640x480 mit 58fps Negatives - äußerst unzureichende Dokumentation zu Amithlon - äußerst unvollständige Information zur benötigten Hardware von Amithlon - noch fehlende Programmierunterlagen zu den Libs und Devices von Amithlon - keine Informationen, welche Dateien zum Betrieb von Amithlon zwingend notwendig sind, und wo diese zu finden sind - teilweise Versions-Chaos auf der CD, die Dateien in amithlon_hd entsprechen nicht immer denen, die bei der Installation von OS3.9 von der CD installiert werden Es müssen unbedingt die Informationen, die inzwischen unter http://www.amithlon.com bei Haage & Partner und wohl auch bei http://www.amithlon.net von Bernd Meyer zu finden sind, gelesen werden! Letztes Fazit Amithlon ist es unbedingt wert, Unterstützung zu finden. Auch das Erscheinen von OS4 und Pegasos sollte da kein Hindernis sein. Amithlon hat das Zeug dazu, Leuten den Amiga nahezubringen, die ihn sonst schon aufgegeben haben. Wer sowieso einen PC hat und nur noch einen "kleinen" Amiga als Erinnerung benutzt, bekommt die Chance, für relativ wenig Geld einen leistungsstarken Amiga zu kaufen. Ich denke, diesen Interessentenkreis sollte man nicht unterschätzen. Dazu muss Amithlon aber noch dringend an Kompatibilität zu wirklich gängiger Hardware gewinnen. Ich denke, die wenigsten PC-User werden gewillt sein, ihren halben PC umzubauen, nur damit Amithlon startet... Ich habe unter http://www.shopnfun.de/amithlon eine inoffizielle Amithlon- Seite eingerichtet. Dort sind weitere Informationen, Benchmarks, gute und schlechte Erfahrungen und ein kleines Forum zu finden. P.S.: Bilder gab es deshalb keine, weil es ja doch nur Screenshots eines AmigaOS geworden wären. Die gibt es bereits ausreichend... Michael Ulbrich <m.ulbrich@shopnfun.de> |