Abschließend ------------ Amiga 2001: Beurteilung der PowerPC-Ankündigungen (von Carsten Schröder) Vor kurzem fand die diesjährige Kölner Amiga-Messe statt, auf der es sowohl positive als auch - wie nicht anders gewohnt - negative Überraschungen gab. In die letztgenannte Kategorie gehört zweifellos das Fernbleiben sämtlicher Angestellten von AMIGA, Inc., und auch Mitarbeiter des in Deutschland beheimateten Entwicklers des AmigaOne, Escena, traten - zumindest öffentlich - nicht in Erscheinung. Traurig, traurig, kann man dazu wohl nur sagen. So wird das Vertrauen der Anwender in diese Unternehmen und deren Produkte mit Sicherheit nicht steigen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Hyperion Entertainment kürzlich angekündigt hat, dass das maßgeblich von der Firma entwickelte AmigaOS 4.0 nun doch nicht nur auf dem AmigaOne, sondern auf möglichst vielen PowerPC-Systemen lauffähig sein soll. Der Hauptgrund für diese Kurskorrektur, verglichen mit der OS4-Politik von AMIGA, Inc., ist jedoch ein anderer: Zwar scheint es Hyperion nach wie vor für möglich zu halten, dass ein PowerPC-weiterentwickeltes AmigaOS Sinn macht - denn sonst hätten sie die Leitung dieses Projekts wohl kaum übernommen -, aber selbst ihnen ist (mittlerweile?) offenbar klar, dass die Unterstützung von lediglich wenigen PowerPC-Rechnersystemen - oder gar nur einem einzigen - nicht zum Erfolg führen kann (erst recht nicht, wenn diese Produkte gar nicht erscheinen...). So ist in der Zwischenzeit auch die Unterstützung des von bplan angekündigten PowerPC-Mainboards Pegasos als wahrscheinlich anzusehen. Von diesem wurden auf der Messe lauffähige Prototypen präsentiert, wobei die Auslieferung der Endanwendersysteme nun im 1. Quartal des kommenden Jahres starten soll. Apropos: Formal wird das Unternehmen seine Ankündigung, ein PowerPC- Komplettsystem für weniger als 2000 Mark auf den Markt zu bringen, erfüllen können, sofern die in Köln genannten Rechnerdaten Wirklichkeit werden. Nicht verschwiegen werden sollte allerdings, dass dieses Gerät bezüglich seiner Leistung ein reiner Witz ist - verzeiht mir bitte diese etwas saloppe Formulierung, aber ich muss es so drastisch ausdrücken. Ein G3 mit 350 MHz Takt kann heute so gut wie niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken, und auch die übrigen Komponenten (8-MByte-AGP-Grafikkarte, 128 MByte RAM, 20-GByte-Festplatte, etc.) hinken deutlich hinter denen aktueller Komplett-PCs der 1500-Mark-Klasse zurück. Will man einen Pegasos- Rechner mit etwa deren Leistung erwerben, dürfte ein weiterer Tausender fällig werden. Fazit: Der Käufer erhält dann in etwa dieselbe Leistung, aber zum doppelten Preis. Noch deutlicher wird die Preis/Leistungs-Diskrepanz, wenn man PC- Auslaufmodelle und Billig-Rechner als Vergleichsgrundlage nimmt, die in etwa die Leistung des 2000-Mark-Pegasos-Computers besitzen. Folgendes Komplettsystem wird beispielsweise momentan im Internet unter http://shop.rammodul.de angeboten: * AMD-Duron-Prozessor 800 MHz * 128 MByte SDRAM PC 133, Infineon * 20-GByte-Festplatte * 52xCD-ROM-Laufwerk * 3D-AGP-Grafik mit max. 64 MByte shared * DirectSound-AC97-Codec onboard * 10/100Mbps-Fast-Ethernet-LAN onboard. * Internes 56K-V.90-Modem * 3,5"-Diskettenlaufwerk * PS/2-Tastatur und -Maus * Anschlüsse: 2 x USB, 1 x seriell, 1 x parallel, 1 x PS/2-Maus, 1 x PS/2- Tastatur Dieser Rechner kostet sage und schreibe 749(!) Mark. Es sei fairerweise angemerkt, dass es sich dabei um extrem billige und daher vermutlich zum Teil minderwertige Hardwarekomponenten handelt, aber dies rechtfertigt meines Erachtens nicht den drastischen Preisunterschied zu einem ansonsten annähernd vergleichbaren PowerPC-Rechner. Zweifellos werden an dieser Stelle einige PowerPC-Fans argumentieren, dass sie gern bereit seien, etwas(?) mehr Geld für ihren Wunschrechner auszugeben. Gegen diese Sichtweise ist absolut nichts einzuwenden, nur sollte sich jeder darüber im Klaren sein, dass nur eine sehr kleine Minderheit der Computerbenutzer so denkt. Aber auch das wäre nicht so schlimm, würde ein bereits etabliertes Betriebssystem zum Einsatz kommen. Dies jedoch trifft weder auf MorphOS noch auf ein AmigaOS 4 zu, bei denen es sich (irgendwann einmal) um PowerPC-native Betriebssysteme mit integrierter 68k-Emulation handeln soll, wobei letztere auf den »Otto- Normal-Anwender« kaum einen Anreiz ausübt, da die heute verfügbaren 68k- Amiga-Programme in den allermeisten Fällen nicht mit entsprechender Windows-Software mithalten können. Und Amiga-Spiele-Freaks können (und werden) auf UAE zurückgreifen. Somit wird also den angesprochenen Betriebssystemprojekten auch von der Softwareseite her so gut wie keine Schützenhilfe geleistet - nicht nur bezogen auf die Qualität, sondern auch was die Anzahl der aktuell verfügbaren Programme betrifft. Damit besteht für AmigaOS 4 und MorphOS nur noch eine einzige Möglichkeit, um für breite Anwenderschichten eine gewisse Attraktivität zu besitzen (und dieses ist absolut notwendig, um mittelfristig die Softwareentwicklung anzukurbeln): Sie müssen in allen anderen wesentlichen Punkten besser sein als das aktuelle Produkt des Marktführers Microsoft - und zwar nicht ein wenig, sondern um Längen, da (wenn überhaupt) nur dies ein Gegengewicht zu der oben angesprochenen Software-Problematik bilden kann. Wie realistisch dies in einer Zeit ist, wo selbst wichtige Konkurrenten des Unternehmens durch Windows XP unter Druck geraten, kann sich jeder von euch ausrechnen. Kurzum: Den beiden PowerPC-Projekten fehlt schlichtweg ein Markt, oder, ganz gehässig ausgedrückt: Sie sind überflüssig für nahezu sämtliche Computeranwender und damit eine große Ressourcenverschwendung. Kein Nutzer eines x86-PCs wird auch nur auf die Idee kommen, sich ein überteuertes und kaum von Herstellern unterstütztes PowerPC-Gerät zuzulegen, um AmigaOS 4 oder MorphOS darauf laufen zu lassen, selbst dann nicht, wenn sie mit Windows nicht zufrieden sind. In dem Fall werden sie eher zu Linux-x86 oder (weniger wahrscheinlich) zu einem anderen OS greifen, das auf ihrer Hardware lauffähig ist. Mac-User fallen gleichfalls als Zielgruppe aus, stehen diese doch treu zu ihrem Betriebssystem (wie träge dieses auch sein mag...). Fazit: Ich bin nach wie vor, vielleicht sogar mehr denn je, davon überzeugt, dass eine Betriebssystemneuentwicklung nur dann Marktchancen hat, wenn sie a) auf PC-Standard-Hardware lauffähig ist und b) dem Anwender in wesentlichen Punkten deutliche Vorteile gegenüber dem heutigen Standard Windows bietet. Daher halte ich es für ausgeschlossen, dass MorphOS oder ein PowerPC-AmigaOS 4 einen spürbaren Markterfolg haben. Diese werden (bestenfalls) in derselben Nische existieren wie heute das 68k-AmigaOS - so traurig das auch ist. Das soll es für diese Ausgabe gewesen sein. Abschließend möchte ich euch im Namen des gesamten AMIGA-aktuell-Teams nun schon einmal ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Übergang ins neue Jahr wünschen. Und denkt daran: Diesmal müsst ihr eure Geschenke sehr früh umtauschen, denn nach dem 31. Dezember bekommt ihr keine müde Mark mehr für sie... Damit bis zur ersten Ausgabe nach Einführung des EURO-Bargelds, euer Carsten Schröder |