Zeitgedanke

Emulation - Anfang, Übergang oder das Ende?
Was man nicht emulieren kann....

Da haben wir´s nun. Ein AmigaOS in einem Affenzahn. Es läuft auf der aktuellsten Hardware, ohne den Anschluss an moderne Peripherie zu verlieren. Es ist zwangsläufig relativ kompatibel zu systemkonform programmierter Amigasoftware und wie immer spaltet alles die kleine Amigagemeinde in zwei Lager.

Was unterscheidet diese Emulation noch von einem echten neuen Amiga? Wer glaubt denn schon daran, dass neue Hardware extra entwickelt wird? Und wenn sie es würde, - warum soll man dafür dann zwangsläufig viel mehr Geld hinlegen bei ähnlicher Leistungsfähigkeit? Prinzipiell haben wir somit schon beinahe einen neuen Amiga.

Die Emulation des Amigasystems auf billigster x86-Technik ist zwar nichts neues, aber Dank immer leistungsfähigerer Intelkompatibler Prozessoren, Grafikkarten etc. und dafür immer weiter optimierterer Emulatoren. Die Folge ist ein AmigaOS, welches emuliert jede zur Zeit verfügbare echte Amigasystemkonfiguration weit hinter sich lässt.

Vielen Amigausern genügt das und es gibt für diese Menschen kaum noch einen plausiblen Grund, länger auf einen echten neuen Amiga zu warten, bei dem nicht jeder seine Hand ins Feuer legen würde, dass er kommt und was dann eigentlich genau kommt - von dem "wann" mal ganz abgesehen.

Da bringen auch zweifellos völlig geniale Zukunftspläne von den Amigaentwicklern nicht mehr viel - die Amiganer wollen endlich ein neues und zeitgemäßes System haben und nicht mit alter zum Teil flott gemachter Technik herumdümpeln, wie es auf dem Atarimarkt beispielsweise der Fall ist.

Der Wunsch ist groß und so lockt immer mehr die Versuchung, zum nächsten Discounter zu laufen und das eigentlich für den neuen Amiga gesparte Geld in aktuelle PC-Technik zu investieren. Schnell noch eine Amigaemulation installiert, - geht ja kinderleicht mittlerweile und schon hat man einen flotten Windows-Rechner mit mittlerweile wenigstens halbwegs stabilem WindowsXP und sein gewohntes AmigaOS in einer noch nie gesehenen Geschwindigkeit.

Und dann?

Schön, dass ich mein heißgeliebtes FinalWriter auf dem neuen System am laufen habe. Dem Windows lag aber bereits Word bei und damit kann ich doch noch viel mehr machen. Auch mit PPaint war ich immer sehr zufrieden, aber GIMP gibts nicht nur für Linux, sondern genauso kostenlos für Windows und auch da ist die Entwicklung einfach weiter. Und so geht es immer weiter....

Irgendwann kommt man dann langsam zur Einsicht, dass nicht nur die Entwicklung der Amigahardware stehen geblieben ist. Auch bei der Software klafft mittlerweile eine Lücke. Ob mir davon nun bisher was fehlte, habe ich schon wieder vergessen. Was man hat, hat man erstmal - was ich davon brauche, darum kann ich mich auch später kümmern.

Ja sicherlich stimmt das alles irgendwo, aber muss man diesen ganzen Wahnsinn eigentlich überhaupt mitmachen? Brauche ich einen wenn auch billigen, neuen PC für nichtsdestotrotz ja immer noch über tausend Mark? Muss ich denn einen Amiga darauf emulieren und nochmals Geld dafür ausgeben? Es ging doch bisher auch so. Den Brief an Oma kann ich nach wie vor immer noch ruckzuck mit FinalWriter tippen, EMails mit YAM oder Microdot beantworten und der gebrannten CD merkt man hinterher auch nicht an, ob sie nun mit MakeCD, oder Nero gebrannt wurde. Die Tabellenkalkulation läuft immer noch auf TurboCalc, denn ein Jahr2000Problem hat es ja nie gegeben. Und um Fotos etwas aufzuhellen, eine kleine GIF-Animation zu erstellen oder mal ein bißchen herumzupixeln, - dafür brauche ich doch weder GIMP mit zigtausend Funktionen, noch für viel Geld teure Windowsprogramme. Das alles lief doch bisher völlig problemlos und nun will mir meine Welt einreden, dass ich alles rundum neu brauche....

So steht wohl jeder selbst vor der schweren Entscheidung, ob die Werbewelt nun Recht hat, oder die Zeit doch nicht ganz so kurzlebig ist, wie sie uns allen gerne präsentiert wird.

Ich sitze hier an meinem uralten Amiga vor meinem uralten PolyEd und freue mich, wie herrlich stabil das System arbeitet, egal wieviel ich damit arbeite und wie lange. Rechts daneben wird auf dem PC Windows installiert, - ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich den Installationsbildschirm in meinem Leben schon gesehen habe. Müsste ich meinen Amiga neu installieren, so wäre ich mittlerweile wohl aufgeschmissen. Im tiefsten Archiv müsste ich nach Installationsdisketten suchen und überlegen - "wie ging das nochmal?". Das System habe ich irgendwann 1994 mal eingerichtet und seither läuft es und das tagtäglich. Es hat viele Umzüge hinter sich, -wurde ständig auf neuere und größere Festplatten übertragen. Ab und zu kam eine neue Startpartition dazu, um beispielsweise mal in OS3.9 hinein zu schnuppern. Manchmal ging der Amiga auch gar nicht nach meinen Hardwarebastelorgien, aber dafür konnte nie das System selbst etwas.

Ein Amigasystem zu emulieren weckt zwar meine Neugierde und vielleicht überwinde ich sogar mal den Kaufpreis für AmigaXL und Co. Aber das emulierte System gegen meinen Amiga einzutauschen, der tagtäglich extrem stabil und zuverlässig seinen Dienst erledigt und der sich meinen Bedürfnissen, Ideen und Vorstellungen im Laufe der Jahre angepasst hat? Für mich ist das auch heute noch völlig unvorstellbar.

Ich bin etwas traurig, wenn ich mit ansehen muss, wie der Amigamarkt und seine kleine Familie ständig kleiner wird, - wie sich immer mehr gute alte Bekannte vor Windows tümmeln. Nicht mehr gemeinsam, um wie früher über ihr System und ihre Erfahrungen fachzusimpeln, sondern jeder allein mit sich und seiner Windowswelt beschäftigt. Ich trauere gern alten Zeiten nach, wo der Computer noch Thema und Hobby einer Gemeinschaft war und nicht eine überall gleich aussehende Maschine, die eigentlich nur zu funktionieren hat, - dieses aber fast nie komplett tut. Diese Zeit lässt sich nicht emulieren.... leider - oder lieber "glücklicherweise"!

Ich wünsche Euch eine schöne Zeit, ein zufriedenes Weihnachtsfest, - ob nun mit altem Amiga oder neuem PC. Kommt gut ins neue Jahr und lasst Euch nicht von Eurer Umwelt verrückt machen. Zufriedenheit lässt sich nicht kaufen, - die kann nur aus dem Handeln und denken eines Menschen entstehen, - dafür aber auch völlig kostenlos.

Euer
HIGGINS
Cord Hagen