Neues zum AmigaNG ----------------- 1. Die Zukunft des AmigaOS aus technischer Sicht (von Michael Christoph) Es scheint heutzutage Mode zu sein, sich auf alles und jede Ankündigung von Amiga, Inc. und Fremdfirmen zu stürzen und diese in der Luft zu zerreißen. Es wäre ja noch zu akzeptieren, wenn die Aussagen auch der Wahrheit entsprechen würden oder begründet wären. Aber so wird letztendlich nur der normale Anwender verunsichert! Daher möchte ich einmal von der technischen Seite (Programmierung) klarstellen, was wirklich möglich ist und was Phantasien sind. Zuerst einmal muss klargestellt werden, dass Amiga, Inc. nichts aus Freude an den Amiga-Anwendern macht, sondern nur, was sich "rechnet". Und der aus Geldmangel eingelegte Zwischenschritt mit AmigaOS 4.0 kann durchaus als "Selbstmord" seitens Amiga, Inc. enden! Der PowerPC-Prozessor Der PowerPC-Prozessor war "damals" bei Einführung ein guter Prozessor mit ausgezeichneten Leistungen. Allerdings hatten Motorola/IBM scheinbar nie Interesse daran, mit dieser Prozessorfamilie Geld zu verdienen. Daher wurden die Prozessoren immer nur in kleinen Stückzahlen produziert und meist die komplette Produktion an Apple verkauft. Wer sich an die Anfänge der Amiga-PowerPC-Karten erinnert, dem werden die Lieferschwierigkeiten wieder in den Sinn kommen. Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Waren "seinerzeit" die PowerPC-Prozessoren durchaus ein Quantensprung, so werden sie heutzutage von den Intel-Prozessoren weit hinter sich gelassen, trotz deren schlechterer Technik. Auch aktuelle Tests mit 2-GHz-PowerPC- Prozessoren werden daran nichts ändern, da diese noch nicht serienreif sind und keine Motherboards dafür existieren. Wer also heute noch auf einen PowerPC besteht, hat bereits verloren - und damit auch ein AmigaONE, sollte es ihn tatsächlich einmal zu kaufen geben (zur Zeit aktueller Erscheinungstermin ist Frühjahr 2002)! Intel- (oder auch AMD-) Prozessoren liegen in ausreichender Stückzahl, mit hohen Taktfrequenzen und zu mehr oder weniger günstigen Preisen vor. Ergänzt mit der heute üblichen Standard-PC-Hardware (USB, PCI-Steckplätze, Grafik- und Soundkarten, etc.) lässt sich preisgünstig eine Amiga-Hardware- Plattform zusammenstellen. Denn wer will schon 4000 DM zahlen, nur damit er eine (im Vergleich) veraltete PowerPC-Hardware bekommt? AmigaOS 4.0 PPC Damit wären wir dann auch gleich beim Grund, warum ein AmigaOS 4.0 PPC keinerlei Akzeptanz finden wird - zumal immer noch nicht geklärt ist, ob es nun doch auf den "veralteten" PowerPC-Karten laufen wird oder nur auf dem "neuen" AmigaONE. AmigaOS 4.0 PPC soll unter der Regie von Hyperion Entertainment entwickelt werden. In Wirklichkeit handelt es sich um ein OS 3.9, das teilweise auf PowerPC umgesetzt sein soll. Es braucht aber immer noch alle Amiga-Custom- Chips, um überhaupt zu funktionieren. Erst ein späteres AmigaOS 4.2 soll ohne Amiga-Hardware-Komponenten auskommen. Gravierender dabei ist aber, dass aufgrund des fehlenden Verkaufserfolges von AmigaOS 4.0 kein Geld für das eigentliche AmigaDE (AmigaOS 5.0) mehr zur Verfügung steht. Allein dieses hardwareunabhängige System hätte eine reelle Chance am Markt gehabt und sogar neue Benutzer anlocken können. Aber dank der PowerPC- schreienden Anwender, werden wir wohl keines der beiden Produkte je erhalten... Die Zukunft des AmigaOS Geht man nun von dem Szenario aus, dass kein AmigaOS mehr erscheinen wird und Amiga, Inc. sich dadurch nicht am Markt halten können wird, stellt sich unweigerlich die Frage nach der Zukunft des AmigaOS-Betriebssystems. Zwei mögliche Wege sind vorstellbar: AmigaOS wird OpenSource oder AROS wird das neue AmigaOS (z.B. in Kombination mit MorphOS). Es gab bereits Bemühungen, das AmigaOS als OpenSource jedem zugänglich zu machen. Das wurde bisher von Seiten Amiga, Inc. abgeschmettert, da immer noch etwas Geld herauszuholen war. Wird das AmigaOS hingegen nicht mehr weiterentwickelt und auch nicht als OpenSource bereitgestellt, so wird das nach einer sehr kurzen Zeit das Ende des klassischen AmigaOS sein. Und AROS holt immer weiter auf, auch wenn es bisher nur die Workbench 3.1 bereitstellt. Auf der anderen Seite wäre es dank der (teil)bereinigten OS-Sourcen schon heute möglich, diese für eine x86-Hardwareplattform zu kompilieren. Problematisch ist in diesem Zusammenhang allerdings die starke Verschmelzung von AmigaOS-Software mit der Amiga-Hardware. Und alle diese Bereiche durch hardwareunabhängige oder x86-basierende Devices zu ersetzen, stellt einen enorm großen Arbeits- und Zeitaufwand dar. Ein fließender Übergang von AmigaOS 3.9 hin zu einem PowerPC- oder hardwareunabhängigen AmigaDE in einem Jahr kann somit wiederum als Wunschdenken klargestellt werden, zumal Amiga, Inc. nicht die Geldmittel für ausreichend Programmierer hat. Und auch wenn diese Arbeit bis zum Ende erledigt würde, wäre weiterhin nicht mehr möglich als mit dem jetzigen AmigaOS - nur eben schneller. Aber das können AmigaXL und Amithlon bereits heute ohne eine Zeile Codeänderung am Betriebssystem! Und dass nach abgeschlossener Codeumstellung Änderungen und Erweiterungen leicht zu implementieren sind, ist wiederum ein Wunschgedanke. Jeder Programmierer, der sich seine ein Jahr alten Sourcen ansieht, wird dies bestätigen können. Manche Erweiterungen, die sich heute im AmigaOS befinden, sind schon erstaunlich, bedenkt man, aus welcher Zeit es stammt. Jedoch wurde manche Erweiterung nicht "ins" Betriebssystem integriert, sondern nur "daraufgesetzt" oder "hinzugeflickt" (z.B. CyberGfx, AHI). So funktionieren z.B. Datei-Links auch heute noch nicht in allen Situationen einwandfrei. Und andere Erweiterungen sind aus diesem Grund gar nicht möglich, ohne die alten Sourceteile komplett zu ersetzen. Wirklich sinnvoll ist daher nur eine völlige Neuprogrammierung des AmigaOS. Problematisch ist zum einen die Beschaffung von fähigen Programmierern. Betrachtet man die Anzahl der zig hundert Programmierer bei Microsoft und die "abschreckenden" Ergebnisse, wird dies sicher jedem deutlich werden. Zum anderen können auch diese nicht im Handumdrehen ein neues OS aus dem Boden stampfen. Dadurch entstehen bereits immense Vorkosten, die keiner bereit ist, zu finanzieren - auch Amiga, Inc. nicht. Und so wird lediglich an den bestehenden Sourcen herumgedoktert, anstatt diese zukunftstauglich neu zu gestalten. Randerscheinungen Nicht direkt mit dem AmigaOS zu tun, aber trotzdem mit dem Amiga mehr oder weniger verwoben, sind die folgenden Systeme. Sie werden der Vollständigkeit halber erwähnt, auch wenn sie keinen Einfluss auf das AmigaOS direkt haben. AROS - wirklich ein Ersatz? Unter diesen Gesichtspunkten stellt das von Grund auf neu programmierte AROS durchaus eine mögliche und hardwareunabhängigere Alternative dar. Für den Anwender fehlen aber immer noch große Teile und auch all die Neuerungen seit AmigaOS 3.5 und 3.9 (z.B. das Reaction-GUI-System) vermisst man noch völlig. AROS könnte sich aber trotzdem in Zukunft noch weiter positiv hervorheben. Trotzdem ergibt sich auch hier das Dilemma. Bleibt AROS weiterhin AmigaOS- kompatibel, damit dessen Programme laufen (so wie es vorgesehen ist), fehlen die von den Anwendern verlangten Erweiterungen. Werden hingegen diese Erweiterungen vorgenommen, bedeutet das den Wegfall aller bisherigen Amiga-Programme. Diese könnten zwar einfach durch Neukompilierung wieder zum Laufen gebracht werden, aber sehr viele Programme werden nicht mehr aktiv gepflegt, die Sourcen sind nicht mehr auffindbar oder die Programmierer sind verschollen. AmigaXL und Amithlon AmigaXL und Amithlon haben beide eine reelle Chance am Markt. Allerdings nur im Amiga-User-Segment. Neue Anwender hingegen werden sich damit nicht finden lassen. Dafür sind sie für einen Außenstehenden zu teuer zum "Spielen". Beide Emulatoren erreichen durch eine mehr oder weniger starke Emulationsschicht, dass das AmigaOS auf "fremder" Hardware läuft. Beide stellen somit keine Grundlage für ein neues AmigaOS dar. Und auch wenn die Emulationsschicht in das Betriebssystem verlagert wird und Hardwaretreiber zum Booten erstellt werden (so wie dies bei Amithlon der Fall ist), erkauft man sich diese Vorteile mit dem Nachteil an zunehmender Inkompatibilität zum jetzigen AmigaOS. Und ohne die Lauffähigkeit der heutigen Programme kann kein OS bestehen. Somit sind beide leider nur dazu geeignet, die altersschwache Amiga- Hardware durch aktuelle und damit schnelle (Intel/AMD-) Systeme zu ersetzen. Pegasos - PowerPC-Hardware-Plattform Das sogenannte Pegasos-Board von bPlan stellt einen Rechner auf Basis eines PowerPC-Prozessors dar. Darauf lauffähig ist z.B. LinuxPPC. Auch MorphOS und das kommende Amiga OS 4.2/5.0 sollen damit funktionieren. Der Preis wird zeigen, ob es "erschwinglich" ist. Trotzdem wird aber ein AmigaOS (oder ein anderes Betriebssystem) benötigt, um das Board zum Leben zu erwecken. MorphOS - PowerPC Hardware Abstraktion Layer MorphOS stellt einen sogenannten Hardware Abstraction Layer dar. Das heißt, es schirmt die untenliegende Hardware vom obenliegenden Betriebssystem ab. Die untenliegende Hardware ist dabei eine PowerPC-Hardware, während obenauf das normale AmigaOS verwendet wird. Die Aufgabe von MorphOS ist somit in etwa mit UAE zu vergleichen. Es bildet die Amiga-Hardware-Chips (noch unvollständig) nach. Das komplette AmigaOS muss im Emulationsmodus betrieben werden, da es in 68k-Code vorliegt. Um wirklich einen Vorteil davon zu haben, muss sowohl das Betriebssystem in PowerPC-Code vorliegen (wozu OS 4.0 ein erster Schritt sein soll) als auch die einzelnen Programme umgesetzt werden. MorphOS ist damit mit Elate (von der Tao Group) zu vergleichen, das beim AmigaOS 5.0 als "Hardwarelayer" zum Einsatz kommen soll. Zum Schluss... Abschließend möchte ich nochmals klarstellen, dass ich mir auch eine positivere Zukunft des AmigaOS wünschen würde. Allerdings sehe ich die Dinge sehr realistisch und habe mich schon lange vom Wunschdenken und den "Scheuklappen" verabschiedet. Ich lasse mich auch gerne Überraschen, was Amiga, Inc. noch leistet (oder genauer gesagt, von anderen leisten lässt) - aber erst wenn ich es auch tatsächlich kaufen und benutzen kann. Und daran scheitert es bereits seit langem... Michael Christoph <michael@meicky-soft.de> |