Abschließend
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AmigaXL und Amithlon - mehr als nur Emulatoren? (von Carsten Schröder)

Bei den in der Überschrift genannten Produkten, die vor wenigen Wochen
erschienen sind, handelt es sich bekanntlich um Amiga-Emulatoren für x86-
Rechner. So werden sie von den allermeisten Amiga-Anwendern auch bewertet -
aber ist das überhaupt gerechtfertigt?
Denn Theorie und Praxis sprechen selten eine gemeinsame Sprache, wie
folgendes Beispiel demonstriert: Relativ betrachtet ist das Amiga-
Betriebssystem ein sehr schnelles OS. Dadurch, dass andere Betriebssysteme,
wie etwa die Windows-Produkte, aber auf aktueller PC-Hardware lauffähig
sind, die eine drastisch höhere Leistungsfähigkeit bietet als die
veralteten 68k/PowerPC-Amigas, sieht die Wirklichkeit allerdings vollkommen
anders aus - trotz der Effizienz des AmigaOS genügt dessen Praxisleistung
schon lange kaum noch jemandem.

Die nach meiner Schätzung weltweit etwa 20.000 verbliebenen aktiven Amiga-
Besitzer - damit meine ich diejenigen, die ihre "Freundin" nicht nur
sporadisch als Zweitrechner benutzen, sondern sich auch für die Amiga-
Situation und eine mögliche -Zukunft interessieren - stellen quasi die
"Stamm-Amiganer" dar, also die treuesten und letzten Fans, die größtenteils
auch noch weitere fünf Jahre aushalten würden, wenn ihnen bis dahin immer
noch eine glorreiche Classic-Amiga-Zukunft auf PowerPC-Basis versprochen
wird. Wie realistisch solche Zusagen sind, darüber will ich an dieser
Stelle nicht allzu viele Worte verlieren - ich habe es in der jüngeren
Vergangenheit, konkret: seit AMIGA, Inc. im Frühjahr das AmigaOS 4.0
angekündigt hat, oft genug getan.

Nur soviel: Vor wenigen Tagen hat Eyetech bekanntgegeben, dass sich für den
AmigaOne 1200 auch der wenige Wochen zuvor angekündigte Erscheinungstermin
November nicht einhalten lässt. Meiner Ansicht nach sind die Aussagen
dieser Firma mittlerweile so glaubwürdig wie die eines Mick Tinker, dessen
Rechnerentwicklung BoXeR täglich erscheinen sollte - und das schon seit
Jahren. Aber das ist Geschichte, der gute Mann hat vor wenigen Wochen
seinen Rückzug aus dem Amiga-Markt angekündigt. Ob das ein Verlust ist,
lasse ich an dieser Stelle einfach mal offen.
Etwas Gutes hatte die jüngste Eyetech-Presseerklärung allerdings doch: Nun
ist endlich bekannt, wer die Entwicklung des AmigaOS 4.0 leitet - Hyperion
Entertainment. Das ist durchaus konsequent, denn der Spiele-Portierer ist
der einzige bekanntere Amiga-Softwarehersteller, der dieses Projekt
vehement unterstützt. Nun hat es das Unternehmen also selbst in der Hand,
OS 4.0 auf den Markt zu bringen. Ich bin gespannt, ob - und wenn ja in
welcher Form - es gelingt.

Noch mal zurück zur Hardware: Scheinbar besser als bei Eyetech sieht es bei
bplan und dessen PowerPC-Mainboard Pegasos aus, von dem bereits lauffähige
Prototypen existieren - doch das hat nicht viel zu bedeuten. Entscheidend
ist allein die Serienproduktion, und deren Start kann selbst in letzter
Minute noch durch verschiedenste Ereignisse bzw. Gründe verhindert werden.
Auf der anderen Seite sagt jedoch ein Produktionsstart noch nichts über den
Erfolg des Produkts aus. Hier sind vielmehr Preis und Leistung
entscheidend, und ich bin wirklich sehr neugierig darauf zu erfahren, wie
bplan es schaffen will, in diesen Kriterien zumindest annähernd
konkurrenzfähig zu den aktuellen x86-Mainboards zu sein. Meiner Ansicht
nach ist das kaum realisierbar, aber ich lasse mich gern vom Gegenteil
überzeugen - allerdings nur in Form von Taten, nicht jedoch mit bloßen
Worten.

Nach diesem Streifzug durch die Welt der übrigen potenziellen Amiga-
Weiterentwicklungen bzw. -Nachfolger möchte ich mich nun endlich den
Projekten zuwenden, denen ich als einzige Chancen einräume, die Classic-
Amiga-Anwenderbasis mittelfristig wieder zu vergrößern: Amithlon und
AmigaXL.
Denn diese verwenden vernünftigerweise preisgünstige und leistungsfähige
x86-Standardhardware, die nahezu jeder Computer-Anwender besitzt, anstatt
aus größtenteils ideologischen Motiven auf eine Prozessorreihe zu setzen,
die es von Jahr zu Jahr schwerer am Markt hat (und das hat seine Gründe).

Wie präsentieren sich die beiden x86-Emulatoren denn nun in der Praxis?
Während AmigaXL eindeutig Emulationscharakter besitzt, da es das
Betriebssystem QNX als Basis verwendet, erweckt Amithlon beinahe den
Eindruck eines x86-nativen AmigaOS. Denn Host-Grundlage ist hier ein
minimales Linux-System, von dem der Anwender lediglich beim Booten des
Rechners Notiz nimmt.
Was also spricht dagegen, Amithlon als erste x86-Version des AmigaOS
anzusehen? Möglicherweise dessen Geschwindigkeit. Zwar ist die Emulation
vergleichsweise schnell, und die heutige, sehr leistungsfähige x86-Hardware
tut ihr Übriges, um den allermeisten Amiga-Programmen zu nie dagewesener
Geschwindigkeit zu verhelfen - dies allerdings im Vergleich zu Original-
Amigas. Denn echte x86-Software eines beliebigen Betriebssystems,
beispielsweise QNX, ist - da hierbei keine Emulation zum Einsatz kommt -
nochmals deutlich schneller, so dass mit Amithlon (und genauso AmigaXL) der
Performance-Abstand zur heutigen Computerwelt zwar verringert, aber noch
längst nicht wettgemacht wird.

Doch die Kunst besteht bekanntlich darin, aus der Not eine Tugend zu
machen. Und genau dazu scheinen Amithlon und AmigaXL in der Lage: Sie
können nämlich auch x86-native Programme nutzen, die ohne Emulation und
damit in voller x86-Geschwindigkeit verarbeitet werden. Und dies bezieht
sich nicht zwangsläufig nur auf Applikationen und Spiele, sondern schließt
die Betriebssystemkomponenten des AmigaOS mit ein.
Kurzum: Es wäre durchaus möglich, das 68k-AmigaOS (zumindest aber besonders
Geschwindigkeits-kritische Bestandteile) nach und nach in echten x86-Code
umzuschreiben. Dies hätte nicht nur eine erhebliche Beschleunigung der
jeweiligen Komponente zur Folge, sondern mit der Zeit würde auf diese Weise
sogar eine echte x86-Version des AmigaOS geschaffen werden. Parallel dazu
müssten jedoch umfassende Verbesserungen und Erweiterungen am AmigaOS
vorgenommen werden, um auch den technologischen Rückstand zu anderen
Betriebssystemen aufzuholen - denn Geschwindigkeit ist nun mal nicht alles.

Wenn dies beides tatsächlich erfolgt, dann sehe ich mittelfristig durchaus
eine Chance, das Classic-AmigaOS vor dem Untergang zu bewahren (auch wenn
ich nach wie vor eine völlige OS-Neuentwicklung eindeutig vorziehe). Zwar
ist von Seiten Haage & Partners bzw. der AmigaOS-XL-Programmierer bislang
noch keine Rede von einem solchen Unterfangen, aber es sollte mich wundern,
wenn man sich dort nicht der Chance bewusst ist, die sich dadurch bietet.
Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, dass im Hintergrund bereits
entsprechende Verhandlungen mit AMIGA, Inc. aufgenommen wurden und die
Unternehmen auf einen passenden Zeitpunkt warten, um der Amiga-Welt die
Neuigkeit von einer x86-Version des AmigaOS mitzuteilen. Die in zwei Wochen
stattfindende Kölner Messe Amiga 2001 würde sich hierfür besonders anbieten
- lassen wir uns also überraschen...


Damit bis zur nächsten Ausgabe,

euer

Carsten Schröder