2. Leserbrief zur allgemeinen Kritik an AMIGA, Inc. (von Marco Miljak)
Nichts für ungut, aber mittlerweile geht mir das Geheule rund um Amiga,
Inc. und deren ach so furchtbares Management bzw. ihre angeblich so
miserablen Leistungen gehörig auf den Keks. Ja, zugegeben, die
Informationspolitik ist nicht gerade berauschend, die ExUp's von McEwen
strotzen vor gezwungener Euphorie während Fakten Mangelware und die
Formulierungen zu Mißverständnissen prädestiniert sind. Ich habe in letzter
Zeit einen Haufen Kommentare von Usern zu diesem Thema gelesen, und fast
durch die Bank hindurch wird Amiga, Inc. vorgeworfen, sie würden nichts,
aber auch gar nichts hinbekommen. Das ist schlicht und einfach falsch! Da
sei zunächst mal das AmigaDE/SDK inklusive des aktuellen Updates 1.1
genannt, welches ich (als Programmierer) für ein geniales Stück Software
halte. Ferner die Ankündigung und Herstellung des AmigaOne (zwar durch eine
Partnerfirma, aber das ist doch letzten Endes egal), die Kooperation mit
SHARP und die Herstellung von Software für den Zaurus, eine ganze handvoll
anderer Partnerschaften, u.a. mit H&P, die Entwicklung von SHEEP, die
Entwicklung von OS 4.0 und, und, und. Für eine Firma, die noch vor etwa 19
Monaten im totalen Nirvana schwebte und Gefahr lief, für immer in der
Versenkung zu verschwinden (die Home Electronics World anno 1999 in Köln
war echt toll, stimmt's?) ist das eine beträchtliche Leistung.
Was manche User zu vergessen scheinen, ist, daß Amiga, Inc. eine winzige,
kleine, fast unbedeutende Firma ist und bei weitem nicht über die
Ressourcen (sowohl finanzielle als auch personelle) verfügt, um mal "gerade
eben" in zwei oder drei Monaten ein brandneues Computersystem inklusive
Hardware, OS und Softwarebundle (nach Möglichkeit 3D-Ballerspiele der
neuesten Generation und ein Office-Paket a la M$) herzustellen. Von diesem
Standpunkt aus gesehen halte ich die Aktivitäten von McEwen und Co. für
sinnvoll und produktiv. Sie beschränken sich nicht (ausschließlich) auf ein
Desktop-System, wie es wohl die meisten gerne hätten, sondern strecken die
Fühler in alle interessanten Richtungen aus. Die Kooperation mit SHARP
beispielsweise ist für viele "Ich will einen Desktop-Amiga"-User eine
langweilige, unbedeutende Angelegenheit, Amiga, Inc. hat dadurch aber einen
Kunden, der Geld in die Kassen spült, und eine Publicity, die im Endeffekt
auch andere Firmen auf die Leute in Snoqualmie aufmerksam macht. Amiga ist
wieder in den Schlagzeilen, und nach langen Jahren endlich mal mit echten
Produkten und nicht nur mit Seifenblasen und Luftschlössern.
In letzter Konsequenz, erdreiste ich mich jetzt einfach mal zu behaupten,
leidet die Amiga-Gemeinde nicht zentral an der schlechten
Informationspolitik oder Unfähigkeit seitens Amiga, Inc., sondern an zwei
ganz anderen Krankheiten. Erstens mal: Egal, was aus Snoqualmie für
Ankündigungen kommen, sie werden grundsätzlich von Heerscharen von Usern in
"Unendlichkeits-Threads" in der Luft zerrissen und als totaler Quatsch
abgestempelt. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde gezetert und geflucht,
man möge doch bitte einen PPC-Amiga mit PPC-nativem AmigaOS rausbringen.
Nun passiert genau das und plötzlich heißt es, daß PPC völliger Unsinn sei
und man sich doch besser auf x86 konzentrieren sollte. Vor nicht allzu
langer Zeit wurde gefordert, Amiga, Inc. solle endlich mit der Tradition
der 68x-Rechner ("Classic"-Amigas) brechen und eine völlig neue Technologie
auf den Markt bringen. Nun passiert genau das, und wieder geht das Geschrei
los, daß man doch bitteschön die Abwärtskompatibilität wahren solle, und
überhaupt, die aktuellen PPC-Boards von anno dunnemals müßten auch
unterstützt werden. Ich glaube, selbst wenn McEwen in einem ExUp behaupten
würde, die Erde sei rund, gäbe es noch ausreichend Leute, die das als
Unsinn verschreien würden. Jeder meint, er habe viel bessere und
produktivere Ideen als Amiga, Inc., jeder denkt, er wüßte den ultimativen
Weg zur Rettung des Amigas. Und damit kommen wir dann auch zur zweiten
Krankheit im Amiga-Lager: Es gibt überhaupt keine Einheit mehr! Jeder kocht
sein eigenes Süppchen, jeder bastelt seinen eigenen Zukunfts-Amiga, jeder
programmiert sein eigenes Next-Generation-AmigaOS. Und um das Theater
vollständig zu machen, wird gleichzeitig auch noch lauthals geschrien und
protestiert, daß es zu viele Einzelprojekte im Amiga-Sektor gibt. Ja, es
wird sogar Amiga, Inc. selbst vorgeworfen, sie würden zu viel auf einmal
machen wollen.
Fakt ist und bleibt aber: Amiga, Inc. braucht Geld. Und Geld verdient man
mit Produkten. Diese sind in Arbeit oder schon auf dem Markt. Wer nun
meint, er müsse es "denen da" in Snoqualmie "zeigen" und den AmigaOne oder
sonst was boykottieren, der soll es eben tun und sich glücklich fühlen. Wer
mit den Plänen von Amiga, Inc. nicht zufrieden ist, der hat genügend
Alternativen im EDV-Bereich. Den Next-Generation-Amiga wird es geben,
soviel ist schon mal sicher. Und es mag zwar schnippisch klingen, aber bei
einer potentiellen Abnehmerschaft für den AmigaOne (d.h. bei einem
potentiellen Kundenstamm) wie der momentanen Amiga-Community tut Amiga,
Inc. wirklich mehr als gut daran, ihre Existenz und finanzielle Sicherheit
nicht allein an diese zu hängen. Ich habe schon mehr als ein halbes Dutzend
mal den Satz gelesen: "Amiga, Inc. soll sich mehr um uns kümmern, wir sind
schließlich die Käufer des AmigaOne". Tatsache ist aber: Egal, was Amiga,
Inc. machen würde, ob PPC- oder x86-OS, ob nativ oder
plattformübergreifend, ob AmigaOS4/5+DE oder DE-only, die Amiga-Userschaft
würde sich weiterhin in unzählige Lager teilen und jeweils die Hard- und
Software fordern, die konträr zu den Plänen aus Snoqualmie stehen würde.
Letzten Endes finde ich es irgendwie lächerlich, daß in der Amiga-Gemeinde
mittlerweile eine ganze Reihe von Leuten zu denken scheint, in ihnen
schlummere ein kleiner Betriebswirtschaftler und Firmenmanager und sie
würden ja so viel besser wissen, wie man den Amiga an die Weltspitze der
EDV-Welt bringen könnte (ob er jemals dorthin kommen wird, sei mal
dahingestellt). Sicher ist aber folgendes: Weder Fleecy noch McEwen noch
sonst wer bei Amiga, Inc. machen ihre Arbeit aus purer
Menschenfreundlichkeit oder aus einer fanatisch-religiös anmutenden
Begeisterung für den Amiga, sie wollen Geld damit verdienen. Auch opfern
sie nicht hin und wieder mal ein paar Stunden ihrer Freizeit, um am DE oder
an sonstigen Plänen herumzufeilen, sie machen es hauptberuflich. Damit ist
schon mal gesichert, daß sie ein echtes Interesse an der Weiterentwicklung
und Vermarktung dieser Maschine haben (ganz im Gegensatz zu Gateway & Co.,
die ein festes Standbein im PC-Markt hatten und daher in keinster Weise auf
den Erfolg von Amiga angewiesen waren!), ebenso auch an einer Vergrößerung
des Kundenstammes. Manch einer nennt das "Community" oder "Amiga-Family",
aber meiner persönlichen Meinung nach gehören diese Begriffe langsam in die
Mottenkiste. Denn "Amiga-Spirit" hin oder her, Amiga, Inc. braucht keine
"Community" sondern Kunden. Ein Herr X oder eine Frau Y, die irgendwo mit
ihrem Zaurus PDA herumsitzen und die von Amiga, Inc. hergestellte Software
benutzen, werden sich ganz bestimmt nicht als "Amiga-Freaks" oder
Mitglieder der "Community" bezeichnen, aber es sind Kunden, die Amiga, Inc.
Geld bringen.
Damit will ich dieses Statement auch abschließen. Ich bin mir sicher, daß
so manch einer mit meinen Aussagen nicht einverstanden sein wird. In diesem
Zusammenhang will ich klarstellen, daß ich hier nicht noch eine von diesen
unsäglichen Endlos-Diskussionen vom Zaun brechen will. Es war mir ein
Bedürfnis, einfach mal einen Kommentar zu den mittlerweile überhand zu
nehmen scheinenden Unkenrufen im Bezug auf Amiga, Inc. zu verfassen. Ich
persönlich bin der Meinung, daß jeder, der ein echtes Interesse an Amiga
hat, einfach mal abwarten und der Dinge harren sollte, die da noch kommen
werden. Mit Boykottierungen und Protestwellen gegen jede noch so kleine
Idee aus Snoqualmie wird Amiga auf jeden Fall und ganz bestimmt nicht sehr
weit kommen. Einmal abgesehen davon, daß sich die restliche EDV-Welt über
uns schlapp lacht.....
In diesem Sinne,
Marco Miljak <marco.miljak@it-m.de>
[Anm. d. leit. Red.: Vielen Dank, Marco, für deinen ausführlichen
Leserbrief! Ich möchte kurz etwas anmerken: AMIGAs Zukunftskonzept(?) ist
die eine Sache - darüber lässt sich, wie du selbst schreibst, heftig
diskutieren. Ich selbst habe den vor einigen Monaten eingeschlagenen Weg
mehrfach kritisiert, und zwar nicht, weil ich nichts anderes zu tun hätte,
sondern weil ich ihn schlichtweg für falsch halte und die
Erfolgswahrscheinlichkeit dieses Konzepts als sehr niedrig erachte
(beispielsweise im Gegensatz zu der vorher verfolgten "reinen" AmigaDE-
Strategie). Jedoch maße ich mir auf der anderen Seite nicht an, zu
behaupten, dass ich mit dieser Einschätzung zu hundertprozentiger
Sicherheit richtig liegen werde - auch ich kann mich mal irren.
Das aber nur am Rande. Grund meiner Anmerkung ist es, eines deutlich zu
machen: Für mich persönlich hat es den Anschein, dass viele Anwender auch
deshalb - untertrieben formuliert - nicht gut auf AMIGA, Inc. zu sprechen
sind, weil sie den Eindruck haben, dass sie vom Management nicht ernst
genommen werden:
1. Wenn ein neu gegründetes Unternehmen anfangs Fehler auf diesem in der
Tat schwierigen Gebiet macht, ist das in den Medien kaum eine Erwähnung
wert.
2. Wenn die Firma nach mehr als einem Jahr immer noch dieselben
gravierenden Fehler macht, dann braucht sich deren Führung jedoch nicht
darüber zu wundern, wenn sie dafür in der Öffentlichkeit massiv kritisiert
wird.
3. Wenn das Unternehmen auf diese Kritik nicht nur nicht im positiven Sinne
reagiert, sondern die Öffentlichkeit sogar den Eindruck gewinnt, dass die
Kommunikationspolitik eher noch schlechter wird, dann erkennt die Führung
diese Kritik entweder nicht oder sie ist ihr egal. Beides jedoch zeugt von
extremer Unprofessionalität, ganz davon zu schweigen, dass sich AMIGA, Inc.
mit diesem Verhalten im Endeffekt selbst schadet.]
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