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3. Vorabbericht: Amiga-Emulator-Paket »AmigaOS XL« (von Michael Christoph)

The next generation

Haage & Partner überraschte uns, in der sonst recht ruhigen Sommerzeit, mit AmigaXL, nachdem kurze Zeit vorher der x86 Emulator Amithlon angekündigt wurde. Beide werden aber jetzt in einem Paket vertrieben, so daß jeder selber entscheiden kann, welchen Emulator er verwendet möchte.

Wer Probleme mit seiner überalterten Amiga-Hardware hat oder des Wartens auf einen AmigaOne überdrüssig ist, hat jetzt die Möglichkeit, das Original- Amiga-Betriebssystem auf einem Standard-PC einzusetzen. Was sich genau hinter AmigaOS XL verbirgt, steht im folgenden Bericht.

Vorbereitung

AmigaOS XL wird in einer DVD-Hülle mit zwei CDs und Installationsanleitung geliefert. Als Hardware wird ein Standard-PC mit Pentium bzw. AMD Prozessor benötigt. 64 MByte Ram, eine Festplatte mit 600 MByte freiem Platz und ein CD-ROM-Laufwerk sollten bereits vorhanden sein. Für Amithlon wird nicht zwingend eine Festplatte vorgeschrieben, da dieser direkt von CD-ROM gestartet werden kann.

Bei der Hardware kann es sich auch um einen Laptop handeln - wer schon immer einen Amiga-Laptop haben wollte, hat jetzt die Möglichkeit hierzu. Und dabei kann die Leistungsfähigkeit der Hardware noch frei ausgesucht werden (je nach Geldbeutel)! Soll AmigaXL verwendet werden, muß dabei allerdings beachtet werden, daß für die Hardware bereits Treiber für das QNX Betriebssystem vorhanden sein müssen. Auf Standard-Komponenten trifft das größtenteils zu, ganz neue Hardware, aber leider auch Laptops mit ihren "Spezialchips" sind noch nicht so gut versorgt. Hier ist vor einer Neuanschaffung ein Blick auf http://www.qnx.de anzuraten.

Installation

Unter Windows 95/98 kann QNX als "Datei" innerhalb von Windows installiert werden, ansonsten ist eine separate Partition zu erzeugen. Die weitere Installation von QNX ist weitgehendst automatisch. Sind noch andere Betriebssysteme vorhanden, so kann wahlweise der QNX-Bootloader oder aber auch lilo (von Linux) zum Einsatz kommen.

Screenshot

Nach der Installation ist QNX zu booten und als Benutzer "root" einzuloggen. Dann kann mittels des Paket-Managers die zweite CD mit AmigaXL installiert werden.

Das ganze ist auch recht ausführlich in einer AmigaGuide-Datei auf der CD vorhanden, welche normal auf dem Amiga angezeigt werden kann (MultiView). Wer den "neuen Amiga" nicht aus der Console starten will, kann ihn mittels Shelf auch in die Task-Bar von QNX integrieren oder direkt in den Boot- Prozess von QNX einbinden (ebenfalls beides beschrieben).

Screenshot

AmigaXL

AmigaXL basiert auf einem stark erweiterten und fehlerbereinigten UAE- JIT (Unix Amiga Emulator mit Just in time compiler). Emuliert wird ein 68040 inkl. FPU. Die Arbeitsgeschwindigkeit hingegen ist mit einem Amiga 68060 mit 250 bis 350 MHz zu vergleichen (unter Verwendung eines aktuellen 1 GHz-Prozessors)! AmigaXL übertrifft also bei weitem die aktuellen Amiga-Modelle, auch wenn diese über einen eingebauten PowerPC-Prozessor verfügen.

Screenshot

Rechenintensive Programme wie PageStream oder Raytracer profitieren hier sichtbar von den Gigahertz-Takten der PC-CPUs. Als Grafiksystem kommt Picasso96 (bis 24 bit) und als Soundsystem AHI zum Einsatz. Beide verfügen über spezielle Treiber, die direkt auf QNX aufsetzen und nichts mehr mit einer simplen Denise oder Paula-Emulation gemeinsam haben. Dadurch ist natürlich auch der Bildschirmaufbau in hohen Frameraten und die lückenlose Musikwiedergabe möglich. MPEG-Videos abspielen macht damit richtig Spaß. Weitere von QNX bereitgestellte Komponenten sind Netzwerk (auch für Internetzugang) und Joystick. Der Internetzugang kann sogar über T-DSL erfolgen, da ausgereifte Treiber für QNX vorhanden sind. Als AmigaOS kommt die unveränderte aktuelle Version 3.9, allerdings mit zusätzlichen Programmen, zum Einsatz. Alle systemkonformen Programme sollten daher tadellos funktionieren.

Amithlon

Erfreulicherweise bekommt man mit AmigaOS XL auch noch den zweiten neuen Emulator, genannt Amithlon geliefert! Dieser verwendet einen selbstgebauten Linuxkernel und kann direkt von CD-ROM gestartet werden. Eine Festplatte zum Installieren wird also nicht unbedingt benötigt. Technisch wird auch ein UAE-JIT verwendet, allerdings ohne ECS/AGA-Emulation. Als Grafiksystem kommt wieder Picasso96 zum Einsatz, diesmal mit bekanntem uaegfx Treiber. Es wird jede Grafikkarte unterstützt, die per Linux-Framebuffer-Device ansprechbar ist. Als Workbench kommt auch hier AmigaOS 3.9 zum Einsatz. Die Geschwindigkeit dürfte im Bereich von AmigaXL liegen. Auch hier besteht noch Steigerungspotential, wenn Treiber nicht mehr emuliert werden, sondern direkt auf die PC-Hardware zugreifen. Wird ECS/AGA-Ausgabe benötigt besteht die Möglichkeit, einen Amiga-UAE zu starten und innerhalb dessen Umgebung das Programm oder das Spiel auszuführen.

Fazit

Auch wenn QNX ein unbekanntes System ist und nur einen Nischenmarkt aufweist, ist die Verbindung von AmigaOS Betriebssystem und QNX "Hardwarelayer" eine unschlagbare Kombinationen. Beide Systeme sind schlank, schnell und durchschaubar (im Vergleich zu einem anderen, aufgeblasenen, überlasteten und dadurch langsamen Betriebssystem). Vor allem in Verbindung mit einem Laptop ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Haage & Partner wird allerdings in Zukunft AmigaXL noch weiter ausbauen und mehr Komponenten von QNX auch der Amiga-Seite zugänglich machen (z.B. USB und DVD). Bereits jetzt kann der virtuelle Speicher von QNX im AmigaOS- XL verwendet werden (konfigurierbar). Damit können sich speicherintensive Programme wie ArtEffect oder Apache richtig "vollsaugen".

Wer nicht extra QNX installieren will oder bei wem aufgrund fehlender Hardwarekompatibilität QNX nicht läuft, kann auch Amithlon verwenden. Beide Emulatoren müssen nicht als Konkurrenz betrachtet werden, sondern können, je nach Situation, der eine oder der andere eingesetzt werden.

Erfreulicherweise unterstützen beide Emulatoren direkt das Amiga Filesystem. Es kann also auch direkt die Amiga-Festplatte angeschlossen werden, welche automatisch erkannt und eingebunden wird. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn mit angesteckter Amiga-Platte Windows gestartet wird. Dieses System macht sich wieder alle "Ehre", indem es einfach auf eine Festplatte mit ihm unbekanntem Filesystem schreibt. Amithlon erkennt beim Booten automatisch diese Situation und korrigiert den RDB wieder. Technisch soll in Verbindung mit einer Catweasel-Erweiterng sogar der Betrieb eines Original-Amiga-Floppylaufwerks am PC möglich sein.

Einen Vorteil bringt allerdings nur AmigaXL mit: Die kompletten Sourcen, inkl. der Änderungen für QNX sind auf der CD vorhanden. Es besteht also für jedermann die Möglichkeit, diese weiter zu verbessern.

Zum Preis von 299 DM (rund 152 Euro) erhält man in einer DVD-Hülle zwei CDs. Die erste enthält QNX in der aktuellen Version 6.1, die zweite enthält beide Amiga-Emulatoren, Kickstart und die Workbench 3.9. Wie es aussieht, lege Haage & Partner auch noch Programme aus der eigenen Palette bei. Rechnet man Kickstart (AmigaForever 119 DM) und Workbench 3.9 (89 DM) heraus, schlagen beide Emulatoren "lediglich" mit 91 DM zu buche.

Wer will sich unter diesen Voraussetzungen noch einen teuren AmigaOne PowerPC-Rechner kaufen, auf dem nur ein spezielles AmigaOS läuft, wenn er ein schnelleres System bereits heute für weniger Geld haben kann?

Weitere Informationen:

http://amigaxl.haage-partner.com, http://www.amithlon.com

Haage & Partner, Schloßborner Weg 7, 61479 Glashütten http://www.haage-partner.com

QNX Software Systems GmbH, Am Listholze 76, 30177 Hannover http://www.qnx.com, http://www.qnxstart.com

Mehr über QNX und dessen Installation:
Amiga Magazin 12/2000, Seite 28, QNX zum Probieren von Jörn-Erik Burkert
Amiga Magazin 12/2001, Seite 28, QNX zum Zweiten von Jörn-Erik Burkert

Michael Christoph <michael@meicky-soft.de>

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