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Ist der PowerPC am Ende? (von Carsten Schröder)
Ich weiß, gerade in den Ohren ausgesprochener Fans dieser Prozessorreihe, die es ja unter den Amiga-Anwendern durchaus gibt, muss diese Frage sehr provokant klingen, doch meiner Ansicht nach ist es durchaus legitim, sie zu stellen - und zwar sowohl bezogen auf die Zukunft des PowerPC im Amiga- Bereich als auch auf die augenblickliche Situation dieser CPU für Desktop- Rechner allgemein.
Auf der Amiga-Messe in St. Louis, USA, im Frühjahr dieses Jahres hatte AMIGA, Inc. die Entwicklung einer PowerPC-Version des AmigaOS angekündigt. Das Ganze sollte unter der Bezeichnung AmigaOS 4.0 im gerade zu Ende gegangenen Sommer auf den Markt kommen. Dies ist bekanntlich nicht geschehen, was jedoch im Amiga-Bereich, wo ja kaum ein Produkt zum zunächst angesetzten Termin erscheint, nicht verwundern sollte.
Viel erstaunlicher ist es dagegen, dass in den letzten Wochen praktisch nichts mehr vom AmigaOS 4.0 zu hören war. AMIGA scheint sich mittlerweile vielmehr voll und ganz auf die Entwicklung des AmigaDE zu konzentrieren, und jüngsten Äußerungen von Haage & Partner nach zu urteilen, scheint das Unternehmen kaum etwas mit der PowerPC-Portierung des AmigaOS zu tun zu haben.
Das einzige Unternehmen, das in den letzten Tagen etwas zum AmigaOS 4.0 verlauten ließ, ist Eyetech. Wichtiges hatte man allerdings nicht zu sagen, es ging im Wesentlichen um den Bootprozess des OS auf der AmigaOne- Hardware. Offenbar wollte Eyetech der Öffentlichkeit auf diese Weise mitteilen: "Wir sind auch noch da!". Wenig später versuchte man schließlich, das verspätete Erscheinen des PowerPC-AmigaOS zu begründen. Nur am Rande: Sollte dieses Projekt scheitern, kann Eyetech mit seinem AmigaOne, der ja auf das AmigaOS 4.0 ausgerichtet ist, im wahrsten Sinne des Wortes einpacken. Daher ist es nicht erstaunlich, dass dieses Unternehmen mehr Interesse an dem PowerPC-AmigaOS hat als jedes andere.
Dass dieses Projekt überhaupt noch existiert, könnte der eine oder andere Anwender mittlerweile tatsächlich vergessen haben. Denn in den Medien spielen seit geraumer Zeit, wenn es um die Nutzung des AmigaOS auf einem schnelleren Prozessor geht, nur noch die Amiga-Emulatoren Amithlon und AmigaXL eine Rolle, die beide ausschließlich für x86-Hardware, aber nicht für PowerPC-CPUs, angekündigt sind.
Aber nicht nur die Amiga-bezogene PowerPC-Situation, auch die fundamentale
Lage dieser Prozessorreihe stellt sich derzeit ungünstiger als je zuvor
dar:
In der Frage der Taktfrequenzen öffnet sich die bereits seit Jahren
existierende Schere zwischen den PowerPC-CPUs und der x86-Konkurrenz immer
mehr. Während ein aktueller G4 mit etwa 800 MHz "herumkrebst", ist AMDs
Kraftpaket Athlon bereits mit nahezu doppeltem Takt erhältlich. Und dessen
direkter Konkurrent Intel hat erst vor wenigen Tagen die 2GHz(!)-Variante
seines Pentium4-Prozessors vorgestellt.
Von Seiten der PowerPC-Fans wird zwar immer damit argumentiert, dass "ihr" Prozessor bei gleichem Takt aber viel schneller als ein x86-Chip sei. Dies jedoch ist, zumindest seit es den Athlon gibt, durchaus strittig. Aber selbst wenn der G4 bei gleicher Taktfrequenz noch die Nase vorn haben sollte: Spätestens bei Berücksichtigung des Preis-Leistungs-Verhältnis sieht der PowerPC-Prozessor im wahrsten Sinne des Wortes alt aus.
Und wo liegen die Gründe dafür? Entweder haben Motorola und IBM der x86-
Konkurrenz technologisch nichts entgegenzusetzen, oder sie versuchen es -
aus welchen Gründen auch immer - gar nicht erst. Eventuell trifft beides
zu.
Auf der technischen Seite hatte Motorola bei Einführung des G4 gravierende
Probleme in Zusammenhang mit dessen Fertigung - der Ausschuss war extrem
hoch. Man mag darüber spekulieren oder nicht, aber möglicherweise ist dies,
neben der offensichtlichen Schwierigkeit, die Taktraten angemessen zu
erhöhen, ein weiteres Indiz dafür, dass das Hardwaredesign des G4 deutliche
Schwächen aufweist.
Doch auch die Beziehung der PowerPC-Produzenten Motorola und IBM
unterscheidet sich gravierend von der der x86-Hersteller AMD und Intel:
Letztere bekämpfen sich mit allen erlaubten Mitteln - gerade im Augenblick
tobt ein regelrechter Preiskrieg -, während man bei Motorola und IBM den
Eindruck bekommen kann, es handele sich um ein Kartell, in dem wichtige
Details, zum Beispiel die Verkaufspreise, gemeinsam beschlossen werden.
Solche Absprachen sind nicht nur unzulässig, sondern führen in der Regel zu
höheren Verkaufspreisen und geringerem Fortschritt - also exakt dem, was
wir derzeit im PowerPC-Markt beobachten können.
Um jegliches Missverständnis zu verhindern: Ich will den beiden Unternehmen
auf keinen Fall unterstellen, dass sie tatsächlich rechtswidrig handeln, es
geht mir vielmehr darum, mögliche Gründe für die schlechte Marktlage der
PowerPC-Reihe zu erörtern.
Aber sei es, wie es ist: Es muss etwas passieren - ansonsten ist der PowerPC bald gar keine Alternative mehr zu den x86-Chips. Bereits jetzt bleibt Apple keine andere Wahl, als den professionellen Mac-Usern Multiprozessor-Rechner anzubieten, bei denen jedoch zwangsläufig ein Teil der CPU-Leistung auf der Strecke bleibt. Denn die Gesamtperformance ist bei einer solchen Lösung geringer als die addierte Leistung der Einzelprozessoren, so dass beispielsweise ein Rechner mit einem (theoretischen) 1,6GHz-G4 schneller wäre als einer mit zwei 800MHz-CPUs desselben Typs.
Vor einigen Wochen hat eine Online-Publikation gemeldet, dass bald der "G5", also ein Nachfolger der aktuellen PowerPC-G4-Reihe erhältlich sei. Dabei handelt es sich zwar nur um eine Spekulation, aber wenn diese der Wahrheit entspräche, dürfte sich die PowerPC-Situation in absehbarer Zeit kaum verbessern: Demnach seien Prozessoren mit 800 MHz bis 1,6 GHz Takt geplant - was hieße das konkret? Zunächst würde die 800MHz-Version erscheinen, nach und nach dann die höher getakteten Varianten, und irgendwann schließlich der 1,6GHz-Chip. Zu der Zeit jedoch dürften AMD und Intel mit ihren CPUs bereits in den oberen 2GHz-, wenn nicht sogar schon in den 3GHz-Bereich vorgestoßen sein...
Fazit: Der PowerPC-AmigaOS-Zug scheint spätestens mit der Ankündigung der beiden x86-Emulatoren endgültig abgefahren zu sein. Und ob die Prozessorreihe für Desktop-Rechner insgesamt noch eine Zukunft hat, hängt ausschließlich davon ab, ob IBM und vor allem Motorola sowohl den Preis- als auch den Leistungsrückstand zu den x86-CPUs bald aufholen können. Ich bin jedoch skeptisch, ob dies überhaupt möglich ist, und falls ja, ob die beiden Hersteller auch wirklich die Kraft haben, dies in die Tat umzusetzen.
Wenn nicht, dann gibt es insbesondere für die Firma Apple, die durch
Microsofts neues, offenbar nahezu makelloses, Betriebssystem Windows XP
zusätzlich unter Druck geraten dürfte, mittelfristig nur zwei Alternativen:
Entweder man erwirbt Motorolas oder IBMs PowerPC-Sparte und kümmert sich
selbst um die Weiterentwicklung und Fertigung der Chips, wie bereits vor
einiger Zeit öffentlich spekuliert wurde, oder man sucht sich für das MacOS
einen neuen Prozessor - und es ist nicht schwer zu erraten, welche Wahl das
Unternehmen in diesem Fall wohl treffen würde.
Eines nämlich weiß auch Apples CEO Steve Jobs: So wie jetzt kann es nicht
mehr lange weitergehen.
Damit bis zur nächsten Ausgabe,
euer
Carsten Schröder