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AMIGA nimmt einmal mehr einen Kurswechsel vor - Teil 2 (von Carsten Schröder)
Seit der überraschenden Kurskorrektur, die AMIGA auf der Messe in St. Louis bekannt gegeben hat, ist nun ein Monat vergangen, in dem jeder Amiga- Anwender die Möglichkeit hatte, sich die Entscheidungen begreiflich zu machen. Erleichtert wurde dies durch das technische Update, welches das Unternehmen Mitte April heraus gegeben hat. Dieses verdeutlicht, dass sich zwar an dem Ziel, ein hardwareunabhängiges und skalierbares Betriebssystem zu schaffen, offenbar nichts geändert hat, der Weg dahin sowie der Zeitplan wurden jedoch, wie bereits in der letzten Ausgabe berichtet, grundlegend modifiziert, leider jedoch nicht zum Besseren, wie zumindest einige User, darunter auch ich, befinden.
Aber nicht nur manch Anwender hat Schwierigkeiten mit AMIGAs neuem Kurs - in einer wahren Zwickmühle stecken die Entwickler. Sollen sie nun für das AmigaOS oder das AmigaDE Programme schreiben? Denn es ist ja zu berücksichtigen, dass letzteres erst im AmigaOS 4.2, welches für das Ende dieses Jahres angekündigt ist, enthalten sein soll, dafür aber auch in Versionen für andere Plattformen, insbesondere x86-Rechner, auf den Markt kommen wird und somit Chancen haben dürfte, eine genügend große Nutzerbasis zu gewinnen, um sich zu etablieren.
Das AmigaOS 4.0 dagegen soll zwar bereits im Sommer erscheinen, aber ausschließlich für PowerPC-Rechner, wobei es noch nicht einmal sicher ist, dass auch die PowerUp-Boards von Phase 5 / DCE berücksichtigt werden. Dementsprechend gering wird die Zahl der potenziellen und tatsächlichen Käufer von AmigaOS4.0-Programmen sein, und somit ist die Gefahr groß, dass die kommerziellen Softwarehersteller ein Verlustgeschäft machen und ihre ersten AmigaOS4.0-Produkte gleichzeitig ihre letzten sein werden. Daraus ergibt sich nur eine logische Konsequenz: Auch wenn das AmigaDE später erscheint als das AmigaOS 4.0, so macht es unter Marktgesichtspunkten nur Sinn, für ersteres zu entwickeln.
Augenblicklich können die Programmierer im Übrigen für das AmigaOS 4.0 mangels Entwicklertools noch gar nicht, und für das AmigaDE aufgrund fehlender AmigaSDK-Bestandteile, wie etwa dem immer noch ausstehenden GUI- Entwicklungssystem, nur eingeschränkt Software schreiben. So kann es nicht verwundern, dass die bereits seit Monaten kaum noch vorhandene kommerzielle Amiga-Softwareentwicklung nun vollends droht, zusammenzubrechen. Wichtige Projekte, wie etwa der Wildfire-Nachfolger Taifun oder die Spiele von X- Cellence, liegen auf Eis, und kommerzielle Firmen wie Titan Computer und Epic Interactive haben sogar Software für AMIGAs heimlichen Hauptkontrahenten, dem - wohlgemerkt nichtgewerblichen - MorphOS-Projekt, angekündigt. Spätestens zu dem Zeitpunkt hätten bei AMIGA sämtliche Warnlampen aufleuchten müssen, aber der fehlenden Reaktion nach zu urteilen scheint dies nicht der Fall gewesen zu sein - es sei denn, das Unternehmen bereitet hinter den Kulissen eine erneute Strategieänderung vor.
Es ist mir wichtig, deutlich zu machen, dass es mir nicht darum geht, aus ideologischen Gründen ein PowerPC-AmigaOS zu verhindern. AMIGA kann den AmigaOS-Sourcecode von mir aus gern Haage & Partner oder dem MorphOS-Team überlassen, damit diese auf eigene Faust eine PowerPC-Weiterentwicklung des AmigaOS vornehmen können, jedoch ohne darüber hinaus finanzielle oder andere Ressourcen beziehungsweise Support zu leisten. In AMIGAs jetziger Strategie jedoch sehe ich nicht nur eine Gefahr für das Ziel, ein skalierbares und hardwareunabhängiges Betriebssystem zu schaffen, sondern auch für die Existenz des Unternehmens selbst.
Damit bis zum nächsten Monat,
euer
Carsten Schröder