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Meine persönlichen Gedanken zu den letzten Ankündigungen
von Oliver Tacke
Jetzt sind sie also raus, die neuen Pläne von Amiga, Inc. Und was haben sie nicht für Wellen geschlagen! Die einen befürworten sie, die anderen lehnen sie ab, und alle diskutieren mehr oder weniger sachlich darüber.
Langjährige Amiga Fans, enttäuscht, weil es nicht das ist, was sie erwartet haben, entsagen nun dem Amiga - oder zumindest den neuen Eignern und ihren Plänen. Verschlimmert wurde die Situation noch dadurch, dass Amiga, Inc. es anscheinend immer noch nicht verstanden hat, vernünftige Informationspolitik zu betreiben. Die Neuigkeiten musste man sich aus Newsgroups und von diversen Internetseiten zusammensuchen, und dabei blieben vielfach Fakten auf der Strecke. Fleecy Moss ist zwar bemüht durch das Richtigstellen in einer Mailingliste die Gerüchte und falschverstandene Meldungen den Schaden zu begrenzen, aber Erfolg auf ganzer Linie hat er damit nicht gehabt.
Ich habe in den letzten Tagen hunderte von emails zum Thema gelesen und hunderte von Postings durchforstet, um mir ein Bild von der Situation zu machen. Zu welchen Schlussfolgerungen ich gekommen bin, möchte ich an dieser Stelle der Amiga Gemeinde (und natürlich auch allen anderen, die es interessiert), mitteilen.
Gehen wir doch zuerst auf die Frage ein, warum es jetzt doch ein OS 4.0 geben soll, obwohl Amiga, Inc. noch während der letzten Kölner Messe gesagt hat, dass OS 3.9 die letzte Version des AmigaOS sein solle, sofern nicht mindestens 50.000 Exemplare davon verkauft würden.
Damals bestanden noch die Bestrebungen, das AmigaDE unmittelbar in ein eigenständiges Betriebssystem zu wandeln. Das AmigaOS 4.0 wäre dann ein zweites Desktopbetriebssystem gewesen, das man hätte parallel entwickeln müssen, d.h. man hätte Entwickler für zwei eigenständige Betriebssysteme abstellen müssen. Da das AmigaDE nun aber nicht zu einem eigenständigen Betriebssystem weiterentwickelt wird, ist das AmigaOS 4.x als Host ein vitaler Bestandteil von Amiga, Inc.s Strategie geworden, denn langfristig soll das AmigaOS 4.x durch die Integration des AmigaDE zum AmigaOS 5 werden, das auch für andere Prozessoren als den PowerPC zur Verfügung stehen wird, ohne Zweifel auch für die x86 Familie. AmigaOS 5 ist dann das, was Amiga, Inc. angekündigt hat: ein im Wesentlichen Hardware unabhängiges Betriebssystem.
Viele Diskussionen drehten sich auch darum, dass das AmigaOS 4 nicht mehr auf den jetzigen PowerPC Boards der jetzigen Amigas laufen wird. Das ist ein Punkt, bei dem ich zwar Amiga, Inc.s Seite verstehen kann, aber dennoch nicht 100 prozentig damit zufrieden bin. Die jetzigen Amigas mit all ihren Erweiterungen sind, nüchtern betrachtet, Flickenschusterei. Das beginnt bei den vielen total unterschiedlichen Hardware Komponenten, in letzter Zeit noch bereichert durch mehrere PCI-Bus-Boards basierend auf unterschiedlichen Ansätzen, und hört beim Betriebssystem mit zahllosen Patches und Erweiterungen noch nicht auf.
Mit dem AmigaOne bzw. der zico Spezifikation und dem AmigaOS 4 soll es eine saubere neue Basis geben frei von Hacks und Patches geben. Es ist sicherlich um ein Vielfaches einfacher, für diese einheitliche Basis Produkte zu entwickeln als eine Vielzahl von verschiedenen Konfigurationen zu berücksichtigen. Von einem größeren Programm, das momentan auf jeder Konfiguration einwandfrei läuft, habe ich in der letzten Zeit nichts gehört. Außerdem kommt irgendwann im Leben einer Hardware der Zeitpunkt, an dem sie wirklich nicht mehr zeitgemäß ist. Unsere jetzigen Amigas sind 8 Jahre alt und laufen immer noch prima, was bewundernswert ist, wenn man sich einmal die Austauschzyklen aus dem PC Bereich ansieht. Irgendwann einmal werden aber auch sie ihr Leben aushauchen. Ein nagelneuer Amiga ist also gar nicht so verkehrt, wenn er auch noch oben genannte Vorteile besitzt.
Ich bin mir übrigens sicher, dass ein neuer Amiga immer noch günstiger sein wird, als seinen jetzigen noch mit USB, G3/G4, etc. auszurüsten, um die zico Spezifikation zu erfüllen.
Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist es sicherlich sinnvoll, einen Schnitt zu machen.
Andererseits werden natürlich die User im Regen stehen gelassen, die ihre jetzigen Amigas hochgezüchtet haben und darauf neue Programme nicht laufen lassen können. Dass die PPC Boards von phase5 kamen und nicht von Amiga, Inc. spielt da keine Rolle. Ich hoffe mal, dass da noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde.
Im Übrigen finde ich es wäre besser, wenn sich anstatt nur zu meckern ein paar fähige Programmierer zusammentäten und Amiga, Inc. anböten, einen zico Layer für die jetzigen Amigas zu programmieren, so dass OS 4.x auch darauf lauffähig wäre. Laut Fleecy Moss ist Amiga, Inc. für solche Angebote jederzeit offen.
Im Falle eines Flops des AmigaDE (und damit auch ein wahrscheinlicher Flop des AmigaOS 4 und ein Aus für AmigaOS 5) ist ein AmigaOne aber nutzlos, da man ihn dann nur noch für AmigaOS 4 oder vielleicht noch LinuxPPC (oder MorphOS, falls es darauf läuft) benutzen kann. Die Situation wäre dann nicht besser als jetzt, nur wäre man um einige Mark ärmer.
Das ist wohl korrekt. All diejenigen, die dieses Risiko nicht eingehen wollen, können sich aber auch einen PC zulegen (falls sie noch keinen haben) und das AmigaDE gehosted auf Windows oder Linux laufen lassen. Es besteht laut Fleecy Moss die Möglichkeit dies sogar so zu machen, dass man vom Host gar nichts mitbekommt. Floppt das AmigaDE, kann man immer noch Windows oder Linux benutzen. Floppt das AmigaDE nicht, dann wird es wohl auch AmigaOS 5 geben, das später auch nativ auf dem PC laufen wird; dann kann man immer noch umsteigen.
Ein AmigaOne ist also wirklich ein finanzielles Risiko. Für die Hardcore Amiganer, die aber bis jetzt noch immer keinen PC als Zweitrechner haben (so einer bin ich übrigens auch und es soll noch einige mehr geben) und sich auch fragen wie lange ihr Rechner es wohl noch macht, wird ein solcher Rechner aber wie gerufen kommen. Allen anderen steht obige Alternative offen.
Warum also nicht gleich das AmigaOS 4 auf x86 portieren anstatt auf PowerPC? Viele Amiga User würden einen PowerPC sicherlich der x86 Familie vorziehen, die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Abgesehen davon dürfte der PPC vielen Amiga Programmierern aber vertrauter sein und Haage&Partner haben vermutlich schon Vorarbeit geleistet.
Einige Leute haben bemängelt, dass man das AmigaOS 4 nicht testen kann, wenn man keinen AmigaOne hat. Das ist korrekt. Andererseits kann man die neuesten Versionen von Windows oder MacOS auch nicht vorher testen (es sei denn, man zahlt noch dafür und spielt Betatester). Man muss sich wohl auch auf Testberichte verlassen, sich Vorführungen auf Messen ansehen oder jemanden finden, der sich bereits einen AmigaOne zugelegt hat. Ich bin mir aber sicher, dass es auf einer Messe Demonstrationen geben wird. Sicherlich ist das nicht zufriedenstellend. Dem muss ich zustimmen. Ich kann nur wieder an fähige Programmierer appellieren, Amiga, Inc. anzubieten, einen zico Layer für jetzige Amigas zu schreiben.
Beschuldigt wurde Amiga, Inc. SDK Programmierer an der Nase herumgeführt zu haben. Durch die angekündigten Partnerschaften mit Sharp und Psion sah es so aus, als wolle man sich nur noch auf den PDA- oder den Settopbox-Markt beschränken. Die Leute, die sich in der Hoffnung auf ein neues Amiga- Desktop-OS das SDK zugelegt haben, seien betrogen worden.
Dem ist aber nicht so. Mit dem AmigaDE ist es nach wie vor möglich, Applikationen auch für Desktops zu schreiben, denn es läuft gehosted auf Windows und Linux und im AmigaOS 5 auch nativ. Die Grenze zwischen PDA- und Desktop-Software verschwimmt bloß. Das AmigaDE ist weder für PDAs allein bestimmt, noch für den Desktop. Es ist eine Content Umgebung. In dieser Umgebung läuft alles, wenn die darunter liegende Maschine die Anforderungen dafür erfüllt. Schreibt man z.B. einen 3D-Shooter für das AmigaDE, ist es dann eine Desktop Anwendung oder eine für einen PDA? Wenn der PDA genug Leistung hat, läuft das Spiel auch darauf. Ich setze jetzt einmal bewusst Häkchen um das "Desktop", um diese starre Definition zu markieren: es ist also nach wie vor möglich, auch für den "Desktop" Anwendungen zu programmieren.
Sollte man jetzt Software für das AmigaOS 4 oder für das AmigaDE entwickeln? Da das AmigaDE auf AmigaOS 4.2 laufen wird (und auf anderen Plattformen), ist der Absatzmarkt dafür natürlich größer und für Hersteller vielversprechender.
Wie soll AmigaOS 4.0 eigentlich im Sommer schon fertig sein, fragt man sich. Die Entwicklung der Viererreihe des OS wird schrittweise erfolgen, d.h. neue Features werden nach und nach eingebaut. Es bleibt abzuwarten, welche neuen Features es ins OS 4.0 schaffen und wie groß der Unterschied zum OS 3.9 sein wird. Ich spekuliere im Übrigen darauf, dass Haage&Partner bereits Vorarbeit bezüglich der PowerPC Portierung geleistet haben, d.h. dort wurde schon Zeit gespart.
Vielfach wurden auch Vorwürfe laut, aus AmigaOS 4.0 könnte nichts Vernünftiges werden, wenn Haage&Partner dies übernähmen. Ralph Schmidt sei mit MorphOS die bessere Wahl gewesen, aber das hätten Haage&Partner wohl verhindert.
Was die Softwarequalität von Haage&Partner Produkten angeht, lässt sich sicherlich streiten. Ich habe z.B. MorphOS bei mir auch nicht zum Laufen bewegen können.Aber wie gesagt, über Softwarequalität lässt sich streiten. Außerdem wird Haage&Partner AmigaOS 4.x nicht selbst schreiben, sondern nur ihren Teil dazu beisteuern. Das AmigaOS 4.x kommt von Amiga, Inc. und muss auch dort durch die Qualitätskontrolle.
Was die Sache mit der Partnerwahl betrifft: Amiga, Inc. hat vielen Parteien angeboten, an der Entwicklung des neuen AmigaOS teilzuhaben. Amiga, Inc. hat aber auch die Bedingungen gestellt. Ralph Schmidt hat abgelehnt, weil ihm die Konditionen nicht zugesagt haben. Das ist sicherlich kaum Haage&Partner anzulasten. Alles andere sind für mich nur unhaltbare Unterstellungen immer noch zurückzuführen auf den Kernel Krieg.
Viele Leute bemängeln, dass das AmigaOS 5 als Hardware unabhängiges Betriebssystem zu spät komme (sicherlich nicht vor 2003). Als ernste Konkurrenz wird immer Microsofts .net genannt.
Diese Kritik ist begründet. Microsoft ist sicherlich ein harter Konkurrent. Das AmigaDE wird aber voraussichtlich früher erscheinen, wenn auch nicht als eigenständiges OS. Es wird vermutlich auf mehr Plattformen lauffähig sein als .net (Microsoft beschränkt sich vorerst auf Windows Derivate) und .net ist auch nur ein Aufsatz bzw. eine Produktstrategie. Das AmigaDE sollte also sowohl einen Zeitvorteil haben und auch sonst noch ein paar Vorteile bieten.
Man sollte aber auch bedenken, dass Amiga, Inc. ein neues Betriebssystem nicht aus dem Hut zaubern kann.
Und warum geht man den Umweg über AmigaOS 4.0 zum AmigaOS 5.0 anstatt das AmigaDE zum eigenständigen Betriebssystem zu entwickeln? Amiga, Inc. ist Eigentümer des Quellcodes des AmigaOS. Die Rechte am Quellcode von Elate liegen bei der Tao Group. Letztere ist sicherlich nicht bereit, diesen einfach so bereitzustellen. Man würde sich diesen sicherlich teuer bezahlen lassen - und Geld dafür dürfte Amiga nicht übrig haben. Außerdem hat man mit dem AmigaOS als DesktopOS bereits Erfahrung, die man sich bei Elate erst aneignen müsste.
Aber wie z.B. soll man Speicherschutz nachträglich ins AmigaOS einbauen? Das "Bodyguard" Projekt ist ja damals auch gescheitert.
Da sollte man unterscheiden zwischen aufgesetzt/gepatcht (Bodyguard) und neu geschrieben (AmigaOS 4). Sicherlich ist das beim Neuschreiben immer noch nicht einfach, aber das scheint Amiga, Inc. auch begriffen zu haben, denn OS 4.5 (die Version mit Speicherschutz), soll nicht vor Sommer 2002 erscheinen.
Im Übrigen wird es, wenn ich es richtig verstanden habe, auch keinen Speicherschutz für 68k Programme geben. Diese sollen in einer Emulationsumgebung laufen und können sich nach wie vor gegenseitig abschießen. Nur wird das auf das AmigaOS 4 bzw. Programme dafür keinen Einfluss haben. Diese sollen weiterlaufen und sind natürlich auch untereinander geschützt.
Amiga, Inc.s Informationspolitik ist grausam, hört man oft.
Dem habe ich wirklich nichts entgegen zu setzen, wie ich eingangs ja auch erwähnt habe. Es ist ja verständlich, wenn Bill McEwen die Neuigkeiten zuerst auf der Messe verkünden will, aber man sollte doch soviel Weitsicht aufbringen, dass diese Ankündigungen für Verwirrung sorgen und zu Gerüchten führen. Das das alles auf den 1. April fiel, hat es sicherlich nicht besser gemacht.
Warum z.B. hat man nicht kurz darauf eine offizielle Pressemitteilung auf die Homepage von Amiga, Inc. gestellt? Warum gab es nicht gleich eine Roadmap mit den wichtigsten Details? All das sind Fragen, auf die ich auch keine Antwort weiß. Bleibt zu hoffen, dass sich da bald etwas tut.
Komme ich mal zum Schluss: Amiga, Inc. scheint eingesehen zu haben, wenn vielleicht auch etwas zu spät, dass das Ziel eines Hardware unabhängigen Betriebssystems in so kurzer Zeit zu hoch gesteckt war.
Es wäre heutzutage ja auch wenig sinnvoll, ohne ein entsprechendes Softwareangebot ein neues Betriebssystem herauszubringen. Wenn das AmigaDE kein Flop wird, dann sollte mit der Auslieferung des AmigaOS 5 auch genug Software zur Verfügung stehen.
Sicherlich wird auch das liebe Geld eine Rolle gespielt haben. Mit AmigaOS 4 soll sicherlich auch erst einmal ein wenig Geld in die Kasse gebracht werden, denn keine Firma kann längerfristig ohne ein Produkt überleben. Ich würde lieber ein wenig länger auf AmigaOS 5 warten, als dass es gar nicht erscheint.
Sicherlich fußt alles, was ich hier geschrieben habe, bis zu einem gewissen Grade auf Spekulationen und Hoffnung. Das will ich gar nicht leugnen. Es schmeckt mir eigentlich gar nicht, in dem Maße über ungelegte Eier zu diskutieren, aber das Thema ist mir zu wichtig, als dass ich einige Sachen unkommentiert stehen lassen möchte.
Oliver Tacke <oliver@aakt.de>