Folgender Artikel erschien in der Erstausgabe des Jugendmagazins `Spunk', und darf nicht ohne die Genehmigung der Autoren, die das Copyright an dem Text haben, anderweitig verbreitet werden.   Auf den Spuren von Holzbach und Nehberg oder: Kreis Rotenburg in 6 Stunden von Rebecca Radde und Sebastian Jung  spaßigen Volksfeste fuhren. Dann jedoch blitzte am Horizont ein gläzen- "Schafft man es in 6 Stunden, den gan- der Stern auf, der immer näher kam. zen Kreis Rotenburg abzuklappern, ohne War es der Stern Bethlehems? Aber eine müde Mark auszugeben?" Auf solche nein, es war ein weiterer Mercedes. oder ähnliche Gedanken kommt man Diesmal keine C-, S- oder sonstige natürlich nur, wenn kein Geld in der Klasse. Nein. Ein schöner, alter, Tasche zu finden ist, der Tank des dreckig-grauer /8er. Vehikels sich wieder mal dem Ende neigt oder das Wetter es nicht zuläßt, Wer an einer Straße stehend ein solch den Drahtesel zu benutzen. Auf uns uriges Gefährt sieht, kann mit einer trafen alle diese Komponenten zu und an Sicherheit grenzenden Wahrschein- wurden sogar durch eine weitere lich damit rechnen, gleich gemütlich ergänzt: die der Trägheit.  in einem alten, rostigen Mercedes zu sitzen. Mitnahmewahrscheinlichkeit In diesem phlegmatischen Zustand pack- beträgt bei /8ern exakt 90 Prozent. ten wir unseren Rucksack mit einigen Und siehe da: Die Statistik war uns trockenen Brotscheiben, einer großen hold und ließ den Mercedes genau neben Kanne Kaffee, einer Schachtel Luckies, uns halten. einem gefüllten Tintenfaß und stellten uns an die Straße Richtung Sittensen. Zwanzig vor zwei Ankunft Rotenburg. Die ersten Müdigkeitserscheinungen Auf dem Weg dorthin wurde schnell noch traten auf, verschwanden alsbald die Route festgelegt: Erstes Ziel Sit- schleunigst, als ein kräftiger Hagel- tensen, dann sollten Scheeßel, Roten- schauer auf uns darnieder fiel. Die burg, Zeven und letztendlich Bremer- Hoffnung, sich durch zusätzliche Mit- vörde folgen. An der Straße angelangt, leidsbonuspunkte in ein warmes, trok- wurde auch gleich der Daumen hochge- kenes Auto retten zu können, wurde halten, und siehe da: Das vierte Auto enttäuscht. Erst als der Schauer vor- hielt nach genau 10 Minuten an. Der bei war und Sonnenstrahlen uns langsam Mercedes-Fahrer, ein Halbstarker in auftauten, hielt ein rostiger Japaner. Lederkluft und Westernstiefeln, gab Diesmal zwei Studentinnen aus Halle. uns jedoch zu verstehen, uns bis nach Wildlederjacke, Lederhose, Dreadlocks, Kuhmühlen mitnehmen zu können. In dem Piercing, Becksdose. Grunge total. Moment, als diese Worte aus seinem Total locker auch das Gespräch: Wal- Munde erklungen, fuhren wir aber schon dorfschule, Haute Couture, Rechtsex- mit 140 km/h über die Landstraße. tremismus, Niederlande. Alles, was zu Widerstand war zwecklos. Der Dialog einem total grungigen Gespräch gehört. mit dem Fahrer beschränkte sich in Nachdem die aus Sottrum stammende Fah- Kuhmühlen angekommen auf eine Bedan- rerin der Beifahrerin, und folglich kung meinerseits und einem knappen auch uns, jedes ihr bekannte Haus mit "Ist schon okay, Alter" seinerseits. Bewohner und deren Beruf vorstellte ("Da wohnt ein Arzt, dort drüben ein Sollte es doch so leicht sein, von A Waldorfschüler, hier oben ein Lehrer, nach B zu kommen? Würde es keine bla, bla"), uns örtlich historische Schwierigkeiten geben? Keine bösen, Begebenheiten erläuterte ("Wir hatten unfreundlichen LKW-Fahrer? Resignation mal drei Tankstellen im Ort" - "Inte- machte sich in unseren Reihen breit. ressant, interessant") und dann hatten Was war nur mit unseren Vorurteilen? wir die wahre Mörderstrecke Rotenburg- Sollten sie alle über den Haufen Ottersberg hinter uns gebracht. geschmissen werden? Ottersberg? Liegt Ottersberg nicht im Müde hoben wir wieder unsere Daumen Landkreis Verden? Verdammt, wo waren und ich war wieder dem Heulen nahe, wir? Ach ja, in Ottersberg. Was hatten als zum zweiten Mal ein Mercedes wir aber hier verloren? Und just in rechts ranfuhr und uns zu verstehen diesem Moment völliger Orientierungs- gab, uns bis nach Sittensen mitzuneh- losigkeit stoppte ein weiteres Automo- men. Bei näherem Betrachten des Fah- bil mit Ziel Vorwerk/Rotenburg. Fast rers stellte sich zu allem abenteuer- reibungslos erreichten wir über den lichen Übel noch zusätzlich heraus, Umweg Wilstedt Tarmstedt. Zwar war der daß wir den Fahrer kannten, und wider- Besuch in der Stadt der Birkenstock- licher Weise lud er uns in seiner schuhträger im Tarmiland nicht einge- Freundlichkeit noch zu einem zweiten plant, in diesem Moment völliger Ver- Frühstück ein. Was tun? Flüchten? wirrtheit aber unumgänglich und bei näherer Betrachtung gar notwendig. Wieder zu spät. Schon saßen wir gemüt- Notwendig da Tarmstedt zum Kreis lich in einer sittensener Küche und Rotenburg gehört, wie die Zahnpasta schlugen uns die Bäuche voll. Um zur Zahnbürste (und diese zum oralen, 13 Uhr dreißig konnten wir uns dann menschlichen Eingang). mühselig aus den Klauen sittensener Gastfreundschaft befreien und stürzten Angekommen, zum Ortsausgang Richtung uns mit Leberwurstbrot, Marmeladeweiß- Zeven gelatscht, Daumen raus. Schon brötchen, Kaffee etc. gefüllten Mägen verging die Zeit nicht mehr so rasend auf die Straße Richtung Scheeßel, in wie die Geschwindigkeit der voran der Hoffnung, nun richtige Abenteuer gegangenen "No-budget-Fahrer", sondern zu erleben. eher zähflüssiger. Schließlich blieb die Zeit in Ostertimke gänzlich zum Am sittensener Ortsausgang angekommen, Erliegen. Kein A....utofahrer hielt wurden wir auch gleich von fröhlichen mehr. LKW-Fahrern mit ohrenbetäubendem Hup- konzert begrüßt. Waren sie wirklich Wie die Zeit erlag uns auch wenig spä- nur freundlich, fanden sie unsere Dau- ter der Kaffee sowie sämtliche ver- men so erotisch, hatten sie einfach trocknete Brotscheiben, die wir, wie- nur Mitleid, oder war es ein verächt- der einmal gefrustet, in uns hinein- liches, böses, unfreundliches LKW-Fah- schlangen. Zum Zeitvertreib beobachte- rerhupen (siehe oben)? Fragen, die ten wir die ortsansässigen Einwohner. wohl nie beantwortet werden. Zum Beispiel der GTI-Fahrer mit dem Jedenfalls hielt genau um viertel vor aerodynamischen Kenwoodaufkleber: zwei ein weißer Ford Orion, um uns bis Innerhalb von einer dreiviertel Stunde nach Scheeßel mitzunehmen. Bei dem schaffte er es achtmal unseren Weg zu Fahrzeugführer handelte es sich dies- kreuzen. Dabei machte er so wichtige mal um eine Fahrzeugführerin. War Besorgungen wie Zigaretten holen, diese Tat, uns bis nach Scheeßel mit- Freundin besuchen, Sprit verpulvern et zunehmen, nicht sehr leichtsinnig? Wir cetera, et cetera. Doch auch dieser hätten doch auch ein perverses Pärchen Zeitvertreib befriedigte nur gering. sein können? Kannte sie nicht Bonnie Wir wollten nur nach Hause ins warme and Clyde? Mickey and Maulerie? Woher Bett, was nach sechs Stunden wohl ver- kam nur diese verdammte, naive Freund- ständlich war. Also griff ich zu einer lichkeit? Und das noch im tiefsten fiesen Methode, um endlich den kalten Norddeutschland, wo man seine Bewohner Asphalt gegen ein wonniges Bett einzu- schon mit einem Eispickel bearbeiten tauschen. Rebecca, übrigens blond, muß, um ihr Eis zu brechen. Aber das stellte sich so aufreizend wie irgend- schien auch nur ein Gerücht zu sein. wie möglich an die Straße und meine Der Verdacht verhärtete sich langsam, Wenigkeit machte sich im Schutze des daß die Preußenhasser Nummer eins - Bushäuschens unkenntlich. die Bayern - hinter diesen ganzen Ver- leumdungen und Vorurteilen standen. Die Falle schnappte zu. 5 Minuten spä- Man erinnere sich nur an Franz Josef ter hielt prompt ein roter Polo und Strauß, der ... aber wir schweifen ab. gab prompt wieder Gas, als ich meine Tarnung aufgab. Der Zweite jedoch Nun, unsere Gönnerin und Mitfahrgele- konnte nicht schnell genug reagieren genheit entpuppte sich als John Lee und mußte auch mich zähneknirschend Hooker Fan und Raserin. Diesmal mit aufnehmen. Der Schock war ihm auch 150 km/h. Zwanzig Minuten später fan- noch in good-old Zeven anzusehen, wo den wir uns dann an der scheeßeler er uns absetzte. Bremervörde wurde Tankstelle wieder. Um den Konsumhunger kurzerhand als letztes Ziel abgesetzt etwas zu stillen, liefen wir noch und "god save the queen" fand sich einige Zeit sabbernd durch die Regal- schnell eine wehrlose ältere Dame, die reihen des Tankstellenshops und bewun- uns zum Ausgangspunkt Elsdorf brachte. derten die lustig bunten Tütchen mit noch bunterem leckerem Inhalt. Die Sechs Stunden und dreißig Minuten Berge von Chipstüten, deren Geschmack waren wir jetzt unterwegs, und die wir nur erahnen konnten - oh, was für Ruhe war uns vergönnt. eine Qual. Also nichts wie raus und trampen. Trampen Richtung Rotenburg. Nur eine kleine Tramper-Nebenwirkung machte sich beim Schlafen bemerkbar: Wieder fuhren fröhlich hupende LKW- Schreckte einer von uns schweißtrie- Fahrer an uns vorbei, und streiften fend hoch und schrie laut: "AUTO!!!", uns einige Personkraftwagen, prall streckte der andere reflexartig den gefüllt mit grün bekleideten Eingebo- Daumen raus.   renen, die wahrscheinlich zu einem