Folgender Artikel erschien in der Erstausgabe des Jugendmagazins `Spunk', und darf nicht ohne die Genehmigung des Autors, der das Copyright an dem Text hat, anderweitig verbreitet werden.   Gorleben - eine Region stellt sich quer Von Ute Meyer  wegen "Hausfriedensbruch" in der Festung Gorleben. Seit nunmehr 17 Jahren gibt es im Wendland Widerstand gegen die Einlage- Niedersachens Umweltministerin Monika rung abgebrannter Brennelemente aus Griefhahn verfolgte unterdessen eine bundesdeutschen Atomkraftwerken in das andere Strategie. Sie leitete nämlich "Zwischenlager" Gorleben. Und das auch eine Klage Niedersachsens gegen den mit Erfolg: Das Brennelementelager Bund in die Wege. Danach hat das Land steht seit 1983 betriebsbereit da, und vor dem Bundesverfassungsgericht gegen noch ist kein Atommüll eingelagert. das sogenannte Energieartikelgesetz Nach dem Willen der Atomwirtschaft und geklagt, das im Juli `93 vom Bundestag des "Umwelt"-Ministers Töpfer soll am Bundesrat vorbei durchgesetzt sich das nun ändern. Im badischen wurde. Das Gesetz ermöglicht den Kern- Phillippsburg stehen "Castor"-Trans- agenbetreibern einen größeren Spiel- port- und Lagerbehälter zur Abfahrt raum, vor allem im Umgang mit Nuklear- bereit, um am "Tag X" ihre gefährliche müll. Fracht (die Menge an radioaktivem Material entspricht der Sprengkraft Griefhahn hatte trotzdem ihre Zustim- von 40 Hiroshima-Bomben) in Gorleben mung zu dem geplanten Transport nach "zwischenzulagern". Die nach wie vor Bonn geschickt, und darin auf die ungeklärte Frage, was mit den Abfällen "allgemeine Verantwortung" des Bundes- dieser Energieform geschehen soll, umweltministers für die Genehmigung ohne sich tickende Zeitbomben unter verwiesen. Die schon zuvor von den die Füße zu legen, rief in den vergan- Bürgerinitiativen und den Grünen als genen 17 Jahren einen breitgefächerten "lächerlich" bezeichneten "Bedingun- Widerstand im Wendland und anderswo gen", von denen Griefhahn ihre Geneh- hervor. Dieser jahrelange Widerstand migung ursprünglich abhängig machen und die jüngsten Demonstrationen im wollte, fanden sich in ihrer Antwort vergangenen halben Jahr wurden nicht für Bonn nur noch in entschärfter Form nur für die Schülerzeitung "Die Wühl- wieder. maus" des St.-Viti Gymnasiums, die unterschwellig abwertend zu diesem Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg Thema berichtete, von "Autonomen und stimmte der eingereichten Klage zu, so Umweltschützern" mit "allen zerstöre- daß der Castor-Transport, der im rischen Mitteln" getragen, sondern von November vorgesehen war, zunächst der "Bäuerlichen Notgemeinschaft", wegen Sicherheitsbedenken gestoppt "Initiative 60", SchülerInnengruppen wurde. Während die Lüneburger Richter und einzelnen AKW-GegnerInnen, beson- der Meinung waren, die Vorgänge um das ders aber der im Wendland lebenden Beladen des Castor-Transportes seien Bevölkerung. So werden die Straßen "gravierend" und stellten das Gebot nicht nur, wie "Die Wühlmaus" berich- der Schadensvorsorge in Frage, tete, mit Bäumen, sondern vor allem erklärte die Atomlobby im Bonner Mini- mit Traktoren bei den Demonstrationen sterium diese Interpretation für mehr blockiert, denn die Landwirte der oder weniger bescheuert. Die Trans- Umgebung bilden eine besonders enga- portgenehmigung sei bereits zweimal gierte Gruppe, weil mal abgesehen von gerichtlich überprüft worden, und auch den naheliegensten Gefahren, die Atom- alle am Beladevorgang des Castors müll so mit sich bringt, sie Angst beteiligten Gutachter hätten bestä- haben, ihre Produkte in Zukunft tigt, daß keine sicherheitstechnischen schlechter verkaufen zu können. Probleme bestünden. So lehnte denn auch Anfang diesen Jahres das Bundes- Die AKW-GegnerInnen haben durch viel- verfassungsgericht die Klage ab, so fältige Aktionen dafür gesorgt, daß daß jederzeit der Transport wieder in der politische Kreis für eine Einlage- die Wege geleitet werden könnte. rung des Atommülls für die, die diese Trotzdem steht fest, daß dank des Sackgassen-Energiepolitik zu verant- Widerstandes der AKW-GegnerInnen der worten haben, ziemlich hoch geworden Castor-Transport nach wie vor von ist. Mitte Juli 1990, rot-grün in Han- politischer Brisanz ist. nover: mit Ausstiegsplänen aus der Atomenergie als SiegerInnen aus der Die deutschen Stromerzeuger erwägen, Landtagswahl hervorgegangen, schienen einem Bericht des Nachrichtenmagazins die PolitikerInnen für mancheN jetzt "Der Spiegel" zu Folge, auf das konkret zur Sache zu gehen. So stand geplante Atommüllendlager in Gorleben in den Koalitionsvereinbarungen klar zu verzichten. Techniker und Stabsmit- und deutlich zu lesen: arbeiter des Verbandes der Energiever- sorgungsunternehmen (EVU) hätten für · daß "die Erkundungsergebnisse am die Konzernchefs ein Strategiepapier Standort des geplanten Endlagers erarbeitet, nach dem möglichst sämt- Gorleben, dessen mangelnde Eignungs- liche Atomabfälle im Schacht Konrad höfigkeit hinreichend belegen" bei Salzgitter deponiert werden sol- len. "Bei geringen Kosten" sei das · daß das Endlager Gorleben abgelehnt stillgelegte Erzbergwerk auch "geeig- wird net für hochaktiven Abfall", zitierte das Magazin. Gorleben dagegen "steht · und daß im Rahmen des geltenden politisch im Feuer". Rechts alle Möglichkeiten auszu- schöpfen seien, um die Baumaßnahmen In Deutschland gibt es zur Zeit drei zu beenden mögliche Standorte für die Endlagerung von Atommüll: den Salzstock Gorleben, Zur Durchsetzung dieses Verfahrens die Erzgrube Schacht Konrad sowie den forderte Monika Griefhahn "Druck von Salzstock Morsleben in Sachsen-Anhalt. der Straße". Da die Halbwertzeit von PolitikerInnenworten erfahrungsgemäß Um nochmal zum Castor zurückzukommen, kurz ist, und Wahlversprechen eine "Die Bahn machts möglich": In einem weitverbreitete Unart sind, wurden die Gutachten, das die Gewerkschaft der Baumaßnahmen an den Gorlebener Schäch- Eisenbahner Deutschlands (GdED) in ten von AktivistInnen pünktlich zum Auftrag gegeben hat, heißt es: "...daß Tag der Inthroniesierung Schröders und die Bahnbeschäftigten einem höheren Co. beendet, zum Beispiel durch die (Strahlen-)Risiko ausgesetzt sind, als Besetzung der Endlager-Fördertürme. die Beschäftigten in der Nuklearindu- Wie eigentlich nicht anders zu erwar- strie, wobei diese gegenüber anderen ten, nahm die Sache dann den üblichen Berufssparten bereits benachteiligt Lauf: Die Staatsanwaltschaft verklagte sind." (S.16 f. des Gutachtens).