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Qualitätssteigerung bei Digitalaufnahmen
Seit Einzug der Digitaltechnik in unsere Studios haben sich zwei
Abtastfrequenzen etabliert: 44,1 kHz (Audio-CD, Profi-DAT) und 48 kHz
(Consumer-DAT, aber auch interne Frequenz vieler Digital-Effektgeräte).
Nun soll mit 96 kHz alles noch besser werden. Hört man das
überhaupt ?
Grundlagen:
Bei der Digitalisierung wird ein analoges Signal in bestimmten
Zeitabständen abgetastet. Zu jedem dieser Zeitpunkte wird der Pegel des
Signales gemessen und als Zahlenwert dargestellt. Je häufiger diese
Abtastung erfolgt, desto schneller können Änderungen der Amplitude
registriert werden - was nichts anderes bedeutet, als daß höhere
Frequenzen dargestellt werden können. Die höchste darstellbare
Audio-Frequenz ergibt sich nach dem Shannon'schen Abtasttheorem als
die Hälfte der Abtastfrequenz. Bei 44,1 kHz könnte das Audiosignal
theoretisch bis 22,05 kHz reichen. Sofern höhere Frequenzen als die
halbe Sampling-Frequenz (auch Nyquist-Frequenz genannt) im
Audiosignal vorkommen, entstehen unangenehme, nichtlineare Verzerrungen, die
als Aliasing (von "alias", lat., der andere) bezeichnet
werden. Daher ist sicherzustellen, daß vor der A/D-Wandlung
tatsächlich keine solchen Frequenzen mehr im Spektrum vorhanden sind.
Zu jedem A/D-Wandler gehört daher ein Anti-Aliasing-Filter, das
aufgrund seiner endlichen Flankensteilheit aber schon weit vor dem Wert von
22,05 kHz mit der Absenkung beginnt. Bei der Konstruktion solcher Filter ist
daher ein Kompromiß zu schließen: Entweder legt man das Filter
sehr steilflankig aus, so daß die Absenkung erst oberhalb von 20 kHz
beginnt, oder aber man wählt eine flachere Flanke und beginnt schon
deutlich unterhalb von 20 kHz mit der Absenkung. Im ersten Fall wird das
Filter durch eine hohe Welligkeit im hörbaren Bereich eine
Verfälschung erzeugen, im zweiten Fall ergibt sich die Verfälschung
durch die Filterflanke selbst.
96 kHz gegen Nyquist:
Bei einer Erhöhung der Samplingfrequenz auf 96 kHz steigt die
Nyquist-Frequenz auf satte 48 kHz. Dadurch kann die Eckfrequenz des Filters
beispielsweise auf 24 kHz eingestellt werden, wodurch einerseits der
Audio-Frequenzgang erweitert wird und andererseits eine volle Oktave
für die Filterflanke zur Verfügung steht. Hier wird die
Problematik der etwas "engen" Auslegung der bisheringen
Samplingfrequenzen also deutlich entschärft. Andererseits muß man
zugeben, daß heutige Digitalfilter so hervorragend klingen, daß
der erweiterte Frequenzbereich nicht der wichtigste Grund für eine
Umstellung des Formates ist.
96 kHz und Equalizer:
Digitale Equalizer arbeiten mit Algorithmen, die zur Berechnung eines
einzelnen Sample-Wertes auch die benachbarten mit einbeziehen. In einem
96-kHz-Signal stehen in einem gleich breiten Zeitfenster aber viel mehr
benachbarte Werte zur Verfügung, wodurch der Algorithmus präziser
wird. Darüber hinaus ergibt sich durch die Bandbegrenzung zur
Nyquist-Frequenz eine Asymmetrie der Glockenkurven parametrischer Equalizer,
die besonders in den hohen Bändern störend wirkt. Aus diesem Grund
arbeiten schon heute einige Geräte intern mit einer höheren
Samplingfrequenz, auch wenn das Signal am Digitalausgang nur mit 44,1 oder
48 kHz ausgegeben wird.
96 kHz und der Haas-Effekt:
Beim Richtungsempfinden einer Stereo-Aufnahme unterscheiden wir zwischen der
Intensitäts-Stereofonie und der Laufzeit-Stereofonie. Erstere beruht
auf unterschiedlichen Pegeln eines Signals in beiden Kanälen und wird
im Studio mit den Panorama-Reglern des Mischpults erzeugt. Bei
natürlichen Stereoaufnahmen, insbesondere bei Nutzung der klassischen
Zwei-Mikrofon-Technik, ergibt sich das Richtungsempfinden jedoch aus den
Laufzeitunterschieden. Nach dem Gesetz der ersten Wellenfront, auch
Hass-Effekt genannt, orten wir ein Signal aus der Richtung, aus der
der Schall zuerst unser Gehör erreicht - und zwar auch dann, wenn die
Lautstärke an beiden Ohren gleich ist.
Nur wenig aus der Stereomitte verschobene Signale erzeugen
Laufzeitunterschiede von nur wenigen Mirosekunden. Der Abstand zweier
Samples eines 44,1-kHz-Signales beträgt jedoch eine 44.100stel Sekunde,
also ca. 23 Mikrosekunden ! Hierdurch ist das Phänomen begründet,
daß manche Analogaufnahmen einfach "luftiger" klingen als
das digitale Pendant. Eine Erhöhung auf 96 kHz bringt hier folglich
eine Steigerung, wobei zur kompromißlosen Annäherung an die
menschliche Wahrnehmungsgrenze auch eine Verdopplung auf 192 kHz noch nicht
zu viel wäre...
Fazit:
Aus Sicht der Aliasing-Problematik sind wir mit den heute üblichen
Abtastfrequenzen bereits gut bedient. Die Erhöhung auf 96 kHz bringt
allenfalls leichte Verbesserungen, profitiert allerdings gleichzeitig auch
von besseren Equalizern und anderen Effekten zur Nachbearbeitung.
Stereoaufnahmen nach dem Laufzeitprinzip verbessern sich allerdings
drastisch, so daß die audiophile HiFi-Gemeinde sich schonmal auf den
neuen Standard freuen sollte. Besonders Klassik-Aufnahmen in
Zwei-Mikrofon-Technik versprechen eine bessere, rämliche Abbildung. Wer
hingegen sein Panaorama ausschließlich am Mischpult erzeugt und statt
subtiler Equalizer eher brachiale Klangverbiegungen mag, kann auch ohne das
neue Format leben.
Autor: Dipl.-Ing. Thomas Sandmann

(ths)
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