HousePool® Ausgabe 09 - Oktober/November 1996

Plädoyer für die Ehrlichkeit


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Plädoyer für die Ehrlichkeit

Wer kennt sie nicht: uns aller Marusha Superstar (laut N3-Reporter der erste planmäßig aufgebaute weibliche Superstar der Techno-Szene), den Techno-Intellektuellen Westbam, Mark´Oh, Sven Väth, Mark Spoon, RMB, u.v.m.. Nichts gegen die genannten Persönlichkeiten, deren Labels, und so weiter - nur stört mich, daß viele Leute von ihrem oder ähnlichem Bekanntheitsgrad, einfach nicht offen zugeben wollen, daß sie mit ihrer Musik viel Geld verdienen wollen und damit natürlich kommerzieller werden. Das ist doch nichts schlimmes, was man nicht offen zugeben könnte.

Es gibt viele Leute die jedesmal, wenn sie denn Mund aufmachen, beteuern wieviel ihnen der Zusammenhalt, die "Unity" usw. der Szene bedeuten und das sie gerade dies an dieser Szene schätzen. Jetzt fragt Ihr Euch wahrscheinlich, was ich mit diesem Artikel sagen will. Es scheint, daß auch in der Techno-Szene planmäßig Stars aufgebaut werden. Low Spirit - deren professionelle Einstellung ich nur bewundern kann - entwickelt sich langsam zur größten Techno-Star-Ansammlung. Daran ist nichts verwerfliches. Eigentlich bewundernswert. Es ist auch weder etwas Neues, noch sind sie das einzige Techno-Label, das Stars unter Vertrag hat. Nur sind sie wohl das bekannteste Techno-Label und deshalb habe ich sie hier als Beispiel genannt.

Wie erreiche ich als Act nun, daß ich bekannt werde ? Nun unter anderem dadurch, daß ich als noch unbekannter Act eines Labels andere Acts meines Labels remixe, die sich in den Charts befinden. Umgekehrt kann man dieses System natürlich auch durchführen, d.h. das bekanntere Acts des Labels meine Platten remixen. Das bewirkt, daß noch nicht ganz so etablierten Acts immer im Gespräch gehalten werden und auch ich dadurch immer bekannter werde. Das ist ein völlig normaler Vorgang im professionellen Plattenbuisiness. Das Problem ist ja schließlich nicht der Erfolg oder der - wenn man es denn so nennen möchte - "planmäßige Aufbau" von Stars, sondern das viele Leute der Techno-Szene anscheinend bis auf Teufel komm´ raus betonen, daß die Techno-Szene immer noch strictly underground und unkommerzell ist. Natürlich ist ökonomischer Erfolg nicht schlimm, aber das Mindeste, was der Raver erwarten darf, ist doch wohl, daß DJs, Acts und Labels der Szene, d.h. den Ravern gegenüber ehrlich sagen, was sie wollen. Dazu ist zwar niemand verpflichtet, aber wenn man sich auf die Szene und deren Ideale beruft, gehört dies nunmal dazu. Eigentlich verfahren alle großen Label so wie ich es oben beschrieben habe. Es ist doch wohl keine Schande es offen und ehrlich zuzugeben, wenn man mit dem was man macht Geld verdienen will. Eine mögliche "Schande" könnte darin bestehen es wie wild zu verleugnen. Solch ein Verhalten könnte eher die Szene zerstören als all die von vielen Leuten genannten (Pseudo-)Begründungen. Viele Label beschweren sich, immer angefeindet zu werden. Das trifft aber nicht immer zu. Denn große und erfolgreiche Label müssen nicht nur mit Kritik rechnen, sie müssen mit ihr leben werden und sie vor allen Dingen meistern. Außerdem: Alle Leute, die sich beschweren, können uns Raver ja vom Gegenteil überzeugen, nicht wahr !?! (cawi)


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