HousePool® Ausgabe 05 - Februar/März 1996

Leiden eines Produzenten


  Satire

  Die Leiden eines Nachwuchs-Produzenten

  Tja  Leute,  es  ist  wieder  mal  Freitagnachmittag  -  d.h.  ab  zum
  Plattendealer  und die neusten Platten eingesackt, sofern unser Dealer
  sie hat oder herausrückt. Auf dem Weg  zum  Record-Shop  begegnen  mir
  wieder  viele  unwissende  Gesichter,  die  jedesmal ganz verstört und
  verständnislos dreinschauen, wenn sie am Record-Shop vorbeikommen  und
  die  Bassdrum  ihnen genau in die Seite schallt. Zurückgeworfen von so
  viel Kulturlosigkeit machen sie  sofort  einen  großen  Bogen  um  das
  Geschäft, daß diese Teufelsmusik vekauft (Schon mal die Zeugen Jehovas
  mit einem Gettoblaster, aus dem Techno schallt, begrüßt  ???  Was  ein
  Spaß  !). Betritt mensch nun, nachdem mensch die üblichen Gefahren des
  Straßenverkehrs überstanden hat, den Record-Shop, blicken einen sofort
  die  musternden  Gesichter der im Laden versammelten Vinyl-Junkies an.
  Hat mensch die prüfenden Blicke nach dem Motto "Kenn´ ich den  ?  Muß´
  ich  den  überhaupt kennen ? Is´ der berühmt ? Muß´ ich mich jetzt bei
  dem einschleimen und den grüßen ? Sieht  ja  eigentlich  Scheiße  aus"
  überstanden,  kann  mensch  sich endlich seiner Vinyl-Sucht widmen und
  die Suche nach neuem Input  kann  beginnen.  Die  besten  Chancen  bei
  dieser  "Eingangsprozedur"  hat  derjenige,  der  schon von weitem vom
  Record-Dealer höchstpersönlich mit einem schallenden "Hallo !" bedacht
  wird. Die schlechtsten Karten hat der wirkliche UndergroundTechnohead.
  Sieht  mensch überhaupt nicht nach Techno aus und arbeitet tatsächlich
  ohne großes persönliches Aufsehen im  und  für  den  Underground,  hat
  mensch  verloren. Tatsächlich hat der Record-Dealer dann noch Panik in
  den Augen, daß mensch seine CD´s klaut,  wenn  mensch  nur  mal  einen
  flüchtigen  Blick  ´draufwirft.  Hat  unser  Nachwuchs-Produzent seine
  Vinyl-Sucht vollständig befriedigt und  sich  zu  Hause  seine  frisch
  erworbenen  Platten  angehört, kehrt es zu seinem Equipment zurück, um
  die gerade aufgenommenen Inputs in die  Tat  umzusetzen.  Schnell  den
  Computer  und  das  andere  gesamte  Equipment-Gesocks angeworfen, den
  Sequencer eingeladen und...Schock !!!...der PC hat sich zum  erstenmal
  aufgehangen  !  Also  wieder alles ausgeschaltet und neu gestartet und
  diesmal hält der PC auch,  was  M****soft  verspricht  und  hat  alles
  eingeladen.  Nun an den Synthesizer gesetzt...der nächste Schock...der
  Synthesizer  hat  nen´  Wackelkontakt...einmal  mit  der  Faust  davor
  geschlagen...das   Kick-Start-Prinzip   hilft  immer  !  Nach  einigem
  ´Rumschrauben an meinen Geräten habe ich, wie ich  meine,  dann  einen
  Track  halbwegs  fertig -denkste !!! Denn das, was ich fabriziert habe
  klingt keineswegs so wie beabsichtigt !  Schon  gar  nicht  wie  meine
  Vorbilder  !  Schluck !!! Was nun ? - Zur Sicherheit ´mal abspeichern,
  vielleicht ist es ja  irgendwann  ´mal  brauchbar.  Naja,  fangen  wir
  wieder von vorn´ an. Dann will ich den Speicher des Computers löschen-
  Mist, schon wieder !!! Mein kleiner  Computer-Freund  hat  sich  schon
  wieder den Strick genommen !! Wieder alle Geräte ausgeschaltet und die
  gesamte Prozedur beginnt von vorne.  Einschalten,  Computer  hochladen
  lassen,  Software  laden.  Ein  Blick  auf das Zeiteisen sagt mir, daß
  mittlerweile  vier  Stunden  vergangen  sind...und  draußen   ist   es
  mittlerweile auch dunkel geworden. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir
  die  Hölle  meiner  Jugend-Kleinstadt  bei  Nacht...Pah  !  Naja,  vom
  Produzieren  naß  geschwitzt,  schnell  geduscht,  ab ins Auto und die
  Freundin abgeholt, die schon  ungeduldig  wartet.  Mensch,  sieht  sie
  heute  wieder  scharf  aus. Bevor ich auf andere Gedanken komme, zerrt
  sie mich in Richtung Auto. Schade drum. Ab zum Club... mensch muß sich
  schließlich   Kontakte   schaffen.   In   den  Club  werd´  ich  nicht
  eingelassen, weil ich weder ein Mädel in knapper Reizwäsche  noch  mit
  dem Türsteher verwandt bin oder ihm ein üppiges Bestechungsgeld bieten
  kann. Tja, soll in den besten Clubs vorkommen....  Also  die  Freundin
  wieder  ins  Auto gepackt. Mittlerweile ist es nach 1 Uhr und die Lust
  aufs Tanzen ist mir vergangen. Auf dem Heimweg versuch´ ich mir selbst
  meinen Techno-Haß auszureden. Als ich meine Freundin zu Hause absetze,
  bietet sie mir an noch mit ´reinzukommen - doch auch  darauf  ist  mir
  die Lust vergangen. Sauer knallt sie meine Autotür zu und verschwindet
  schnell im Haus. Zu Hause angekommen trete  ich  aus  Frust  vor  mein
  Materkeyboard,  das  daraufhin zu Boden fällt und das Modulations- und
  Pitchbendrad herausspringen. Na bravo !!! Die Reperatur wird mich auch
  wieder ein paar hundert Mark kosten !!! Neues Mischpult adé...(Toshie)


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